Liselott Diem

Sportpädagogin und Frauenrechtlerin (1906-1992)

Björn Thomann (Sankt Augustin)

Liselott Diem, Porträtfoto. (Carl und Liselott Diem-Archiv)

Li­se­lott Diem war in der Mit­te der 1920er Jah­re ei­ne der ers­ten Sport­stu­den­tin­nen im Deut­schen Reich. Von 1927 bis 1933 lehr­te sie an der Deut­schen Hoch­schu­le für Lei­bes­übun­gen in Ber­lin und zwi­schen 1947 und 1974 an der Sport­hoch­schu­le in Köln. Sie setz­te sich auf na­tio­na­ler wie in­ter­na­tio­na­ler Ebe­ne für die Gleich­be­rech­ti­gung des Frau­en­sports ein und zählt mit über 1.000 Pu­bli­ka­tio­nen zu den prä­gen­den Per­sön­lich­kei­ten der Sport­wis­sen­schaft im 20. Jahr­hun­dert.

Li­se­lott Diem wur­de am 18.9.1906 als Toch­ter des Re­gie­rungs­as­ses­sors und spä­te­ren Mi­nis­te­ri­al­di­rek­tors Ernst Bail und des­sen Ehe­frau Mi­na Go­er­lach in Wies­ba­den ge­bo­ren. Nach­dem sie bis 1922 Schü­le­rin am Bis­marck-Ly­ze­um in Ber­lin ge­we­sen war, be­such­te sie bis 1923 die Frau­en­schu­le in Sta­no­witz (Schle­si­en) und im An­schluss bis 1924 die Hö­he­re Han­dels­schu­le in Ber­lin-Ste­glitz. 1924 im­ma­tri­ku­lier­te sich die be­geis­ter­te Leicht­ath­le­tin an der Deut­schen Hoch­schu­le für Lei­bes­übun­gen in Ber­lin zum Stu­di­um der Sport­wis­sen­schaf­ten. Im Jahr 1927 be­stand sie die Di­plom­prü­fung zur Sport­päd­ago­gin, als bes­ter Ab­sol­ven­tin ih­res Jahr­gan­ges wur­de ihr die Au­gust-Bier-Pla­ket­te ver­lie­hen.

Seit ih­rer Ju­gend setz­te sie sich be­wusst über ge­sell­schaft­li­che Nor­men hin­weg, wenn die­se ih­ren eman­zi­pa­to­ri­schen und ge­sell­schafts­re­for­me­ri­schen Vor­stel­lun­gen wi­der­spra­chen. Dies galt in be­son­de­rem Ma­ße auch für den Sport, der in der über­wie­gen­den Zahl sei­ner Dis­zi­pli­nen als Män­ner­do­mä­ne galt. Noch als Stu­den­tin wohn­te sie an der Spit­ze ei­ner Grup­pe von gleich­ge­sinn­ten Stu­den­tin­nen an der Ab­schluss­ver­an­stal­tung der Deut­schen Kampf­spie­le des Jah­res 1926 in Köln bei, ob­wohl Frau­en der Zu­gang zu die­sen of­fi­zi­ell un­ter­sagt war. In prak­ti­scher Hin­sicht er­wies sie sich un­ter an­de­rem als am­bi­tio­nier­te Ru­der- und Ski­sport­le­rin. Ih­re Viel­sei­tig­keit stell­te sie auch als be­geis­ter­te Mo­tor­rad­fah­re­rin un­ter Be­weis.

Seit ih­rer Ju­gend setz­te sie sich be­wusst über ge­sell­schaft­li­che Nor­men hin­weg, wenn die­se ih­ren eman­zi­pa­to­ri­schen und ge­sell­schafts­re­for­me­ri­schen Vor­stel­lun­gen wi­der­spra­chen. Dies galt in be­son­de­rem Ma­ße auch für den Sport, der in der über­wie­gen­den Zahl sei­ner Dis­zi­pli­nen als Män­ner­do­mä­ne galt. Noch als Stu­den­tin wohn­te sie an der Spit­ze ei­ner Grup­pe von gleich­ge­sinn­ten Stu­den­tin­nen an der Ab­schluss­ver­an­stal­tung der Deut­schen Kampf­spie­le des Jah­res 1926 in Köln bei, ob­wohl Frau­en der Zu­gang zu die­sen of­fi­zi­ell un­ter­sagt war. In prak­ti­scher Hin­sicht er­wies sie sich un­ter an­de­rem als am­bi­tio­nier­te Ru­der- und Ski­sport­le­rin. Ih­re Viel­sei­tig­keit stell­te sie auch als be­geis­ter­te Mo­tor­rad­fah­re­rin un­ter Be­weis.

Zeit­le­bens er­wies sie sich als ei­ne en­er­gi­sche und un­er­müd­li­che Vor­kämp­fe­rin für die Gleich­be­rech­ti­gung des Frau­en­sports. Öf­fent­li­che Be­kannt­heit er­lang­te sie da­bei un­ter an­de­rem als De­le­gier­te der deut­schen Reichs­re­gie­rung wäh­rend des In­ter­na­tio­na­len Frau­en­turn­fes­tes von 1929 in Hel­sin­ki, bei der sie ei­ne viel­be­ach­te­te Ver­tre­ter­re­de hielt. Wäh­rend sich ihr dies­be­züg­li­ches Be­tä­ti­gungs­feld zu­nächst auf das Deut­sche Reich und nach­fol­gend auf die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land und die eu­ro­päi­schen Län­der er­streck­te, wirk­te sie in der zwei­ten Hälf­te ih­res Le­bens auch in Asi­en und vor al­lem in den süd­ame­ri­ka­ni­schen Staa­ten Bra­si­li­en, Ar­gen­ti­ni­en und Ve­ne­zue­la.

Im An­schluss an das er­folg­reich ab­ge­schlos­se­ne Stu­di­um wur­de Li­se­lott Diem 1927 von ih­rer Hoch­schu­le als Leh­re­rin für „Frau­en­aus­bil­dun­g“ über­nom­men. Im Rah­men ih­rer nach­fol­gen­den sechs­jäh­ri­gen Tä­tig­keit zeich­ne­te sie da­bei nicht nur für die kon­zep­tio­nel­le Wei­ter­ent­wick­lung des Frau­en­stu­di­ums, son­dern un­ter an­de­rem für ei­ne me­tho­di­sche und di­dak­ti­sche Neu­aus­rich­tung der Turn­leh­rer­aus­bil­dung im Deut­schen Reich ver­ant­wort­lich.

An der Hoch­schu­le für Lei­bes­übun­gen lern­te sie den hoch­ran­gi­gen Sport­funk­tio­när und stell­ver­tre­ten­den Rek­tor ­Carl Die­m ken­nen, den sie am 12.2.1930 hei­ra­te­te. Aus der Ehe gin­gen vier Kin­der, die Töch­ter Gu­drun (ge­bo­ren 1931), Ir­min­hilt (ge­bo­ren 1932) und Ka­rin (ge­bo­ren 1941) so­wie der Sohn Carl-Jür­gen (ge­bo­ren 1935), her­vor. Bis zum To­de ih­res Ehe­manns agier­te sie zu­meist in des­sen Schat­ten, ge­wann aber auf sein Schaf­fen ei­nen ho­hen, von der Öf­fent­lich­keit mit­un­ter un­ter­schätz­ten Ein­fluss. An der Ge­ne­se und Eta­blie­rung der Sport­wis­sen­schaf­ten im 20. Jahr­hun­dert war das Ehe­paar Diem durch sein er­folg­rei­ches Zu­sam­men­wir­ken ma­ß­geb­lich be­tei­ligt. Die Macht­er­grei­fung der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten zog für die auf­grund ih­rer vä­ter­li­chen Stamm­li­nie als „jü­disch ver­sipp­t“ ein­ge­stuf­te Li­se­lott Diem und ih­ren Ehe­mann zu­nächst die Ent­las­sung aus ih­ren Äm­tern an der Ber­li­ner Hoch­schu­le am 1.5.1933 nach sich. Als Ehe­frau ei­nes in­ter­na­tio­nal hoch an­ge­se­he­nen Ver­tre­ters des deut­schen Sports, auf des­sen Ko­ope­ra­ti­on das Re­gime nicht ver­zich­ten woll­te, er­hielt sie je­doch die Ge­le­gen­heit zu ei­ner Wei­ter­bil­dung an der Gün­ther-Schu­le Ber­lin-Mün­chen und zum Er­werb der Lehr­be­fä­hi­gung für mu­sisch-rhyth­mi­sche Kör­per­bil­dung. Bis 1945 war sie an ver­schie­de­nen Lehrein­rich­tun­gen im Raum Ber­lin be­schäf­tigt und un­ter­stütz­te ih­ren Ehe­mann auch bei des­sen Vor­be­rei­tun­gen für die Olym­pi­schen Spie­le des Jah­res 1936. Mehr als drei Jahr­zehn­te spä­ter war sie als of­fi­zi­el­les Mit­glied des Or­ga­ni­sa­ti­ons­ko­mi­tees auch an der Pla­nung der Olym­pi­schen Som­mer­spie­le des Jah­res 1972 in Mün­chen be­tei­ligt.

Die Wir­ren und viel­fäl­ti­gen Ge­fah­ren der letz­ten Kriegs­wo­chen und der un­mit­tel­ba­ren Nach­kriegs­zeit er­leb­te die Fa­mi­lie Diem in Ber­lin. Li­se­lott Diem ar­bei­te­te als Sport­leh­re­rin an der Wal­d­o­ber­schu­le Ber­lin-Eich­kamp und ge­hör­te zwi­schen 1946 und 1947 der Lehr­plan­kom­mis­si­on „Lei­bes­er­zie­hun­g“ im Stadt­be­zirk Ber­lin an. Als ih­rem Ehe­mann der Auf­bau und die Lei­tung der Sport­hoch­schu­le Köln über­tra­gen wur­den, über­sie­del­te die Fa­mi­lie im April 1947 in das Rhein­land. Li­se­lot­te Diem wur­de Leh­re­rin für „Frau­en­aus­bil­dun­g“ an der Sport­hoch­schu­le und hat­te die­se Funk­ti­on bis 1965 in­ne, ehe sie am 19.2.1965 ha­bi­li­tiert und auf den Lehr­stuhl für „Di­dak­tik und Me­tho­dik der Lei­bes­er­zie­hun­g“ be­ru­fen wur­de. Zwi­schen 1967 und 1969 fun­gier­te sie dar­über hin­aus als Rek­to­rin und zwi­schen 1969 und 1971 als Pro­rek­to­rin der Sport­hoch­schu­le. Sie gilt welt­weit als ei­ne der ers­ten Frau­en, die ei­ne ver­gleich­ba­re Po­si­ti­on aus­füll­ten. Im Jahr 1967 wur­de ihr in den USA der Eh­ren­dok­tor des Spring­field-Col­le­ges im Staat Mas­sa­chu­setts ver­lie­hen.

Nach dem Tod ih­res Ehe­man­nes am 17.12.1962 grün­de­te sie im Jahr 1964 das Carl-Diem-In­sti­tut, ei­ne Ein­rich­tung zur For­schung über die Ge­schich­te der Sport­be­we­gung und der his­to­ri­sche Ent­wick­lung des olym­pi­schen Ge­dan­kens. Es zählt heu­te zu den füh­ren­den Sport­ar­chi­ven welt­weit. Die Lei­tung des In­sti­tuts hat­te sie selbst bis zum Jahr 1989 in­ne. Auch auf die wei­te­re Ent­wick­lung der Sport­hoch­schu­le Köln nahm sie im Sin­ne der Vor­stel­lun­gen Carl Diems star­ken Ein­fluss. Sie hat­te we­sent­li­chen An­teil dar­an, dass die Ein­rich­tung am 7.4.1970 durch das Land Nord­rhein-West­fa­len in den Rang ei­ner wis­sen­schaft­li­chen Hoch­schu­le er­ho­ben wur­de.

Nach ih­rer Eme­ri­tie­rung im Jahr 1974 en­ga­gier­te sie sich un­ter an­de­rem im Rah­men der Sport­ent­wick­lungs­hil­fe, wo­bei ihr be­son­de­res Au­gen­merk auch hier auf die För­de­rung und ge­sell­schaft­li­che An­er­ken­nung des Frau­en­sports ge­rich­tet war. Sie fun­gier­te auch als Prä­si­den­tin des Welt­ra­tes für Lei­bes­er­zie­hung für Frau­en und Mäd­chen. Bis 1978 ge­hör­te sie dem Di­rek­to­ri­um des Bun­des­in­sti­tuts für Sport­wis­sen­schaft an, an des­sen Grün­dung im Jahr 1970 sie eben­falls ma­ß­geb­lich be­tei­ligt war. Ihr Bei­trag zur Ent­wick­lung ei­ner ei­gen­stän­di­gen Sport­wis­sen­schaft lässt sich nicht zu­letzt an der Fül­le von über 1.000 ver­öf­fent­lich­ten Schrif­ten er­mes­sen, die in ins­ge­samt 15 Spra­chen über­setzt wur­den.

Zeit­le­bens en­ga­gier­te sie sich für die In­ter­es­sen des Brei­ten- und Frei­zeit­sports, in dem sie die Grund­la­ge ei­ner ge­samt­ge­sell­schaft­li­chen Ge­sund­heits­för­de­rung sah. Ein in­halt­li­cher Schwer­punkt ih­res Wir­kens bil­de­te des­halb auch die kon­zep­tio­nel­le Ent­wick­lung des Sport­un­ter­richts für Kin­der im Vor­schul­al­ter, wo­bei sie un­ter an­de­rem die Idee des Ba­by­schwim­mens be­grün­de­te. Wich­ti­ge und nach­hal­ti­ge Im­pul­se setz­te sie auch im Be­reich des Be­hin­der­ten- und des Se­nio­ren­sports.

Am 30.10.1986 er­hielt sie, un­ter an­de­rem in Ge­gen­wart des Prä­si­den­ten des NO­K ­Wil­li Dau­me, aus den Hän­den des IOC-Prä­si­den­ten Juan An­to­ni­o ­Sa­maranch (1920-2010) den Olym­pi­schen Or­den ver­lie­hen. Un­ter den zahl­rei­chen wei­te­ren Eh­run­gen sind her­vor­zu­he­ben die Ver­lei­hung des Gro­ßen Ver­dienst­kreu­zes des Ver­dienst­or­dens der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land und der Gol­de­nen Me­dail­le der Sport­hoch­schu­le Köln. Sie war Trä­ge­rin des höchs­ten Sport­or­dens Ve­ne­zue­las und stand mit ih­rem Na­men Pa­te für den in Bra­si­li­en ge­stif­te­ten Li­se­lott-Diem-Preis.

Li­se­lott Diem starb am 25.4.1992 in Köln. Ihr Nach­lass wur­de in die Ver­ant­wor­tung des Carl Diem-In­sti­tuts über­ge­ben, wel­ches noch im glei­chen Jahr in die Deut­sche Sport­hoch­schu­le als „Carl und Li­se­lott Diem Ar­chiv – Olym­pi­sche For­schungs­stät­te der Deut­schen Sport­hoch­schu­le Köln“ in­te­griert wur­de. 

Werke

Die Be­deu­tung der Lei­bes­übun­gen für die be­rufs­tä­ti­ge Frau, Ber­lin 1927.

Aus­gleichs­gym­nas­tik und Schul­son­der­tur­nen, Frank­furt a.M. 1961.

Ver­nünf­ti­ge Lei­bes­er­zie­hung, Frank­furt a.M. 1962.

Frau und Sport. Ein Bei­trag zur Frau­en­be­we­gung, Frei­burg 1980.

Flie­hen oder blei­ben? Dra­ma­ti­sches Kriegs­en­de in Ber­lin, Frei­burg 1982.

Die Gym­nas­tik­be­we­gung. Ein Bei­trag zur Ent­wick­lung des Frau­en­sports, Sankt Au­gus­tin 1991.

Literatur

Lenn­artz, Karl, Le­ben als Her­aus­for­de­rung, 3 Bän­de, Sankt Au­gus­tin 1986.

Mes­ter, Joa­chim/Lenn­artz Karl (Hg.), Das Le­ben war für sie ei­ne Her­aus­for­de­rung. An­spra­chen ge­hal­ten an­lä­ß­lich der Trau­er­fei­er für Li­se­lott Diem am 05.05.1992 in der Deut­schen Sport­hoch­schu­le Köln, Köln 1992.

Online

Chro­nik der Deut­schen Sport­hoch­schu­le Köln, Home­page der Deut­schen Sport­hoch­schu­le Köln. [On­line

Karl und Li­se­lott Diem Ar­chiv, Home­page mit In­for­ma­ti­ons­an­ge­bot über Bio­gra­phie, Pu­bli­ka­tio­nen und Ar­chi­va­li­en. [On­line]

 
Zitationshinweis

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Thomann, Björn, Liselott Diem, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/liselott-diem-/DE-2086/lido/57c693c45fdb29.87268282 (12.11.2018)