Maria Offenberg

Schuldirektorin und katholische Frauenrechtlerin (1888-1972)

Manfred Berger (Dillingen an der Donau)

Maria Offenberg Porträtfoto, undatiert. (Ida-Seele-Archiv)

Ma­ria Of­fen­berg war zu ih­rer Zeit ei­ne der be­deu­tends­ten Per­sön­lich­kei­ten der ka­tho­li­schen Frau­en­be­we­gung und der Wohl­fahrts­pfle­ge (heu­te So­zia­le Ar­beit) in Deutsch­land. Von 1921 bis 1957, mit Un­ter­bre­chung wäh­rend des „Drit­ten Rei­ches“, lei­te­te sie die Aa­che­ner So­zia­le Frau­en­schu­le des „Ka­tho­li­schen Deut­schen Frau­en­bun­des“ (KDF). Sie setz­te in­ner­halb von drei po­li­ti­schen Sys­te­men weg­wei­sen­de Im­pul­se für die Aus­bil­dung jun­ger Frau­en zur Wohl­fahrts­pfle­ge­rin, Volks­pfle­ge­rin und So­zi­al­ar­bei­te­rin.

 

Ma­ria Eli­sa­beth Of­fen­berg er­blick­te am 4.8.1888 als ers­tes von drei Kin­dern des Re­gie­rungs­as­ses­sors und spä­te­ren Ge­hei­men Re­gie­rungs­ra­tes Lud­wig Of­fen­berg und des­sen Ehe­frau Eli­sa­beth, geb. Bri­xi­us, in Ko­nitz (heu­te Cho­j­nice/Po­len) das Licht der Welt. Ei­ne Er­zie­hung ih­rer Kin­der zum christ­li­chen Glau­ben ka­tho­li­scher Prä­gung so­wie zu so­zia­ler Ver­ant­wor­tung war den El­tern aus­ge­spro­chen wich­tig. 1895 über­sie­del­te die Fa­mi­lie nach Düs­sel­dorf, wo­hin der Va­ter an das Lan­des­kul­tur­amt be­ru­fen wor­den war. Die Fa­mi­lie nahm re­gen An­teil am kul­tu­rel­len Le­ben der pros­pe­rie­ren­den Stadt am Rhein. Der Fa­mi­li­en­all­tag war ge­prägt von Schau­spiel, Oper und Abend­ge­sell­schaf­ten. Von 1895 bis 1905 be­such­te die Erst­ge­bo­re­ne die 1880 ge­grün­de­te „Ma­ri­en­schu­le“.

Nach­fol­gend ging sie zur wei­te­ren Aus­bil­dung nach Wal­mer (Kent) in Eng­land, um sich im „Con­vent of the Vi­si­ta­ti­on 'Ro­se­lands'“ auf ein Uni­ver­si­täts­stu­di­um vor­zu­be­rei­ten. Ger­ne hät­ten die Non­nen in „Ro­se­land­s“ die jun­ge Frau in ih­re Ge­mein­schaft auf­ge­nom­men. Die­se ent­schied sich je­doch nach lan­gen in­ne­ren Kämp­fen für ein Le­ben au­ßer­halb der Klos­ter­mau­ern. Im Ju­li 1908 ab­sol­vier­te sie das Ex­amen ei­nes „Ju­ni­or und Se­ni­or Lo­cal“ an der Uni­ver­si­tät Ox­ford. Zur Fa­mi­lie zu­rück­ge­kehrt en­ga­gier­te sich Ma­ria Of­fen­berg un­ter an­de­rem als Ju­gend­bund­lei­te­rin (1910-1912) in­ner­halb des KDF (heu­te KDFB). Im Al­ter von 22 Jah­ren trat sie in die Un­ter­se­kun­da der re­al­gym­na­sia­len Stu­di­en­an­stalt in Düs­sel­dorf ein und leg­te im Jah­re 1914 die Rei­fe­prü­fung ab. Nach­fol­gend stu­dier­te sie un­ter an­de­rem Volks­wirt­schaft und Phi­lo­so­phie an den Uni­ver­si­tä­ten in Mün­chen (dort pfleg­te sie zu­sätz­lich für ein Jahr Kriegs­ver­letz­te), Müns­ter, Ber­lin und Frei­burg im Breis­gau, wo sie An­fang 1920 zum Dr. phil. pro­mo­viert wur­de. Ih­re Dis­ser­ta­ti­on, mit dem Ti­tel „Die Sci­en­ta bei Au­gus­ti­nus“ wur­de mit sum­ma cum lau­de be­wer­tet. Die frisch­ge­ba­cke­ne Dok­to­rin kehr­te nach Düs­sel­dorf zu­rück und über­nahm dort 1921 die Schrift­lei­tung der ka­tho­li­schen Zeit­schrift „Die Christ­li­che Frau“ (ab 1961 war sie Her­aus­ge­be­rin die­ser Frau­en­zeit­schrift). Be­reits nach zwei Jah­ren gab sie die Re­dak­ti­on an Ger­ta Krab­bel ab. He­le­ne We­ber, ne­ben Hed­wig Drans­feld (1871-1925), die tra­gen­de Kraft der Ka­tho­li­schen Frau­en­be­we­gung, bot Ma­ria Of­fen­berg eben­falls im Jahr 1921 die Lei­tung der So­zia­len Frau­en­schu­le des KDF in Aa­chen an. Die­se Aus­bil­dungs­stät­te war am 8.11.1916 zu­nächst in Köln er­öff­net und im Mai 1918 we­gen star­ker Span­nun­gen mit der Stadt Köln, die zwi­schen­zeit­lich ei­ne ei­ge­ne so­zia­le Bil­dungs­stät­te für das weib­li­che Ge­schlecht er­rich­tet hat­te, nach Aa­chen ver­legt wor­den. Ihr Ent­schluss, die Lei­tung der so­zia­len Aus­bil­dungs­stät­te zu die­sem Zeit­punkt zu über­neh­men, war äu­ßerst ge­wagt, zu­mal de­ren Zu­kunft kei­nes­wegs ge­si­chert war. Aa­chen hat­te sei­ner­zeit – wie die üb­ri­gen rhei­ni­schen Städ­te – mit gro­ßen po­li­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Schwie­rig­kei­ten zu kämp­fen. Die Haupt­grün­de wa­ren die Be­set­zung der links­rhei­ni­schen Ge­bie­te nach dem Ers­ter Welt­krieg so­wie die In­fla­ti­on. Die fi­nan­zi­el­le Si­tua­ti­on der Schu­le war ent­spre­chend an­ge­spannt und auf­grund der un­si­che­ren po­li­ti­schen La­ge wa­ren die An­mel­de­zah­len stark zu­rück­ge­gan­gen. Als Ma­ria Of­fen­berg am 1.4.1921 ihr Amt an­trat, wur­de sie von un­ge­fähr 60 Schü­le­rin­nen emp­fan­gen. „Fräu­lein Dok­tor“, wie die neue Di­rek­to­rin von den Se­mi­na­ris­tin­nen re­spekt- und ehr­furchts­voll ge­nannt wur­de, be­trach­te­te die Bil­dungs­in­sti­tu­ti­on auch als Er­zie­hungs­ein­rich­tung und Le­bens­ge­mein­schaft. Sie be­ein­fluss­te nicht nur die Bil­dungs- und Kul­tur­kennt­nis­se der Ab­sol­ven­tin­nen, son­dern auch ih­re Re­li­gio­si­tät und ihr so­zia­les Le­ben. Ihr Er­zie­hungs­kon­zept war ei­ner­seits be­stimmt vom Zu­sam­men­spiel von Schu­le und Woh­nen und an­de­rer­seits von der ge­mein­sam er­leb­ten Frei­zeit und dem of­fe­nen Aus­tausch. Da­bei wur­de zu­gleich dar­auf ge­ach­tet, dass die Schü­le­rin­nen sich bei Be­darf zu­rück­zie­hen konn­ten. Die „Of­fen­berg­sche Schu­le“, so ge­nannt von der Stadt­be­völ­ke­rung, er­freu­te sich schnell ei­nes re­gen Zu­spruchs. Ihr ho­her Be­kannt­heits­grad, weit über die Gren­zen der Stadt und der ka­tho­li­schen Welt hin­aus, war mit­be­dingt durch die un­er­müd­li­che Vor­trags­tä­tig­keit und die viel­fäl­ti­gen Ver­öf­fent­li­chun­gen Ma­ria Of­fen­bergs. Die stei­gen­den An­mel­de­zah­len er­for­der­ten bald ei­nen Um­zug des Se­mi­nars in grö­ße­re Räum­lich­kei­ten. Der Neu­bau im Bau­haus­stil wur­de am 15.7.1930 im Aa­che­ner Stadt­teil Burt­scheid auf der „Sie­gel­hö­he“ ein­ge­weiht. Ne­ben ih­rer or­ga­ni­sa­to­ri­schen Ver­ant­wor­tung als Schul­lei­te­rin über­nahm „Fräu­lein Dok­tor“ selbst vie­le Lehr­ver­an­stal­tun­gen in der Un­ter- und Ober­stu­fe un­ter an­de­rem Psy­cho­lo­gie und Päd­ago­gik. Sie ver­stand die so­zia­le Aus­bil­dung, ge­ra­de im Zeit­al­ter schwin­den­der ma­te­ri­el­ler Mit­tel, vor­der­grün­dig nicht nur als rei­ne „Be­rufs­aus­bil­dun­g“, son­dern um­fas­sen­der, als „Frau­en- und Men­schen­bil­dun­g“. Dies­be­züg­lich ver­merk­te sie in den 1930er Jah­ren:

Die Be­rufs­auf­ga­be der So­zi­al­ar­bei­te­rin wird heu­te viel­fach ver­neint und durch Ab­bau aus­ge­schal­tet. Nicht, weil sie über­flüs­sig ge­wor­den wä­re, son­dern weil die Not zu groß ist. Ih­re Hil­fe­leis­tung fängt an, an der Not zu er­sti­cken. Das ist ein bit­te­res Kreuz, das die Schu­len zu tra­gen ha­ben, ei­ne Aus­bil­dung mit al­ler Sorg­falt auf­zu­bau­en, oh­ne der Aus­ge­bil­de­ten den Weg in das schaf­fen­de Le­ben zu öff­nen. Das ist ei­ne Fra­ge der Le­bens­fä­hig­keit so­zia­ler Schu­len, die an den Kern geht. Aber dar­auf gibt es ei­ne Ant­wort. Mit der so­zia­len Aus­bil­dung voll­zie­hen wir nicht nur Be­rufs­aus­bil­dung, son­dern Men­schen­bil­dung, Frau­en­bil­dung. Die Fül­le des Lehr­gu­tes ei­ner so­zia­len Schu­le, vom Le­ben her­ge­nom­men, kann zu je­der Stun­de und je­der Ge­le­gen­heit den Men­schen dienst­bar, dem Le­ben frucht­bar wer­den. [...] Die Idee ei­ner so­zia­len Aus­bil­dung war in ih­ren An­fän­gen nicht ver­haf­tet mit Be­sol­dungs- und An­stel­lungs­fra­gen. Das ers­te Jahr­zehnt ih­res Da­seins ha­ben die so­zia­len Schu­len aus der Idee frei sich ver­schen­ken­der Frau­en­kraft ge­lebt. [...] Es ist ge­ra­de­zu Auf­ga­be der ka­tho­li­schen Schu­len, die all­zeit le­ben­di­ge, frei spen­den­de Ka­ri­tas in all de­nen er­ste­hen zu las­sen, die noch ei­nen be­schei­de­nen Le­bens­hin­ter­grund ha­ben, da­mit sie sich an­bie­ten, eh­ren­amt­li­che Ar­beit zu tun. Selbst­ver­ständ­lich dür­fen aber kei­ne amt­li­chen so­zia­len Be­rufs­ar­bei­te­rin­nen von ih­nen ver­drängt oder er­setzt wer­den. Auch ei­ne Pro­be der so­zia­len Aus­bil­dung, ob sie es ver­mag, so­zia­le Frau­en­kraft auch oh­ne Ver­sor­gungs­aus­sich­ten und oh­ne äu­ße­re Sen­dung le­ben­dig zu er­hal­ten! Das ist heu­te bei den ver­än­der­ten Le­bens­be­din­gun­gen und der völ­lig an­ders­ar­ti­gen Be­rufs­ein­stel­lung der Frau nicht leicht. Aber es muß ge­wagt wer­den.[1] 

Als An­fang 1933 die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten an die Macht ka­men und ih­re Herr­schaft über das ge­sam­te deut­sche Bil­dungs­we­sen aus­brei­te­ten, be­ant­wor­te­te Ma­ria Of­fen­berg, wie ih­re Bio­gra­fin Sas­kia Rei­chel be­schö­ni­gend bi­lan­zier­te, „die stän­di­ge ideo­lo­gi­sche Pro­pa­gan­da über Volk, Volks­tum, Ju­gend und Fa­mi­lie […] mit um­fang­rei­cher wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­beit am gro­ßen Her­der (1934), an der Ka­tho­li­schen En­zy­klo­pä­die für Ja­pan (1937-38) und an ei­ner En­zy­klo­pä­die für Chi­na (1943/44/45/46). Hier leg­te sie ih­re grund­sätz­li­chen Ge­dan­ken über Mäd­chen­er­zie­hung, Frau­en­bil­dung, Frau­en­be­ru­fe, Mut­ter­schaft, Kind­heit, Ju­gend und Bil­dung dar. Un­er­schro­cken sprach sie ge­nau das Ge­gen­teil von dem aus, was der Na­tio­nal­so­zia­lis­mus in die Ge­hir­ne der Men­schen hin­ein­pres­sen woll­te.“[2] Die zeit­ge­nös­si­schen Do­ku­men­te Of­fen­bergs spre­chen je­doch ei­ne an­de­re Spra­che. Schon vor 1933 ist Of­fen­bergs Nä­he zu na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ide­en er­kenn­bar, so un­ter an­de­rem in ih­rem Bei­trag aus dem Jahr 1929 über die „so­zi­al­päd­ago­gi­sche Be­deu­tun­g“ der Fa­mi­lie:

Die heu­ti­ge ras­sen­hy­gie­ni­sche For­schung er­weist die kraft­vol­le Wir­kung, die ei­ne nor­ma­le Fa­mi­lie auf die Ge­mein­schaft aus­übt, in­dem sie auf­zeigt, daß ein kör­per­li­ches geis­ti­ges hoch­wer­ti­ges Ge­schlecht nur aus dem Ge­hor­sam und der Treue ge­gen­über den Le­bens­ge­set­zen, in der von der Na­tur ge­woll­ten Ein­ehe em­por­blü­hen kann.[3]

Ma­ria Of­fen­berg, die nicht Mit­glied der NS­DAP war, trat am 1.7.1937 dem Na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Leh­rer­bund (NSLB) bei und er­hielt die Mit­glieds­num­mer 139 356.[4] Die nun die Fä­cher See­len­kun­de, Er­zie­hungs­leh­re und Volks­kun­de un­ter­rich­ten­de Schul­lei­te­rin for­der­te im Sprach­jar­gon der Na­zis:

Al­les im Lehr­plan ei­ner Schu­le für Volks­pfle­ge ist aus­ge­rich­tet auf den Grund­ton: Ge­mein­schaft, Volks­ge­sund­heit, Volks­wohl­fahrt, Volks­see­len­kun­de, Volks­bil­dung, die Stoff­ge­bie­te al­ler theo­re­ti­schen und prak­ti­schen Ar­beit. Ich­be­zo­gen­heit des Den­kens, le­bens­frem­des Wis­sen hat hier kei­nen Raum. Al­les ist be­zo­gen auf das Au­ßer­sich­sein, auf Dienst, auf Hilfs­be­reit­schaft, Ver­ant­wor­tung für das Gan­ze steigt auf. Aus der Fül­le der Sich­ten löst sich das Bild des an Leib und See­le ge­sun­den Vol­kes. Dies for­men und auf­bau­en zu hel­fen, ist Sinn der Er­zie­hungs­ar­beit die­ser Schu­le.[5] 

Für Ma­ria Of­fen­berg hat­te mit dem Jahr der Macht­über­nah­me ei­ne an­de­re ge­schicht­li­che Epo­che an­ge­fan­gen […] und an­de­re Wer­tun­gen an die Stel­le der ver­gan­ge­nen ge­setzt. Der Ge­dan­ke der Volks­ver­bun­den­heit, der Wert des ge­wach­se­nen Volks­tums bricht mit wuch­ti­ger Ein­satz­kraft durch und schafft neue Grund­la­gen der Er­kennt­nis und ei­nen an­ders ge­füg­ten Un­ter­bau für prak­ti­sches Han­deln. Wie der Ge­dan­ke an Volk und Volks­ge­mein­schaft das Ge­sicht der Zeit prägt und um­wan­delt, zeigt sich ganz be­son­ders in der Wohl­fahrts­pfle­ge: Für­sor­ge wird Volks­pfle­ge.[6]

Marienschule Düsseldorf, Alexanderstraße 1, undatiert. (Ida-Seele-Archiv)

 

In ih­ren Ver­öf­fent­li­chun­gen häuf­te sich zu­se­hends die sei­ner­zeit er­wünsch­te NS-Ter­mi­no­lo­gie. Ma­ria Of­fen­berg sprach bei­spiels­wei­se von deut­scher Geis­tes­art, deut­scher See­le, von völ­ki­schen Schick­sa­len oder von der har­ten deut­schen Hand. Im April 1941 er­zwang die Pro­vin­zi­al­re­gie­rung der Rhein­pro­vinz in Düs­sel­dorf vom KDF die end­gül­ti­ge Über­ga­be der So­zia­len Frau­en­schu­le. Die Schul­lei­te­rin so­wie der grö­ß­te Teil des Lehr­kör­pers muss­ten das Haus, in des­sen Räu­men die „Pro­vin­zi­al­schu­le für Volks­pfle­ge“ er­öff­net wur­de, so­fort ver­las­sen. Für Re­gi­na Il­le­mann ist das ein Be­leg da­für, dass die Zu­ge­ständ­nis­se Of­fen­bergs an das NS-Re­gime „nicht aus­ge­reicht hat­ten“. Neue Schul­lei­te­rin wur­de El­se Opp (1901-1969), die spä­ter im Land­schafts­ver­band Rhein­land (LVR) zur Lan­des­rä­tin für So­zi­al­hil­fe ge­wählt wur­de und da­mit die ers­te Frau in die­sem Amt war.

Nach dem Zu­sam­men­bruch der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Herr­schaft konn­te Ma­ria Of­fen­berg ih­re Ar­beit un­ge­bro­chen fort­set­zen. In dem von der bri­ti­schen Mi­li­tär­re­gie­rung ge­for­der­ten Ent­na­zi­fi­zie­rungs­ver­fah­ren wur­de sie, da sie nicht Mit­glied der NS­DAP war, in die Per­so­nen­grup­pe der „Mit­läu­fer“ ein­ge­stuft. In ih­rem Ge­such an die ver­ant­wort­li­che Ad­mi­nis­tra­ti­on gab sie an, dass die So­zia­le Frau­en­schu­le we­gen an­ti­na­tio­nal­so­zia­lis­ti­scher Grund­hal­tung ih­ren Be­trieb ein­stel­len muss­te und da­her ih­re Wie­der­auf­rich­tung im ‚Sin­ne der Wie­der­gut­ma­chung‘ be­ur­teilt wer­den dürf­te[7].

Ma­ria Of­fen­berg setz­te sich nach 1945 nicht (selbst-)kri­tisch mit der brau­nen Ver­gan­gen­heit aus­ein­an­der. Sie be­kun­de­te stets, dass die Aa­che­ner So­zi­al­schu­le wäh­rend der Jah­re 1933-1941 in schwe­rem Rin­gen des per­sön­li­chen Ge­wis­sen […] ver­such­te […] den christ­li­chen Geist des Un­ter­richts zu wah­ren[8].

Vom 1. bis 14.4.1946 or­ga­ni­sier­te die neue al­te Schul­di­rek­to­rin ei­nen För­der­kurs für Für­sor­ge­rin­nen aus Aa­chen, um den gro­ßen Man­gel an aus­ge­bil­de­ten, frei von na­tio­nal­so­zia­lis­ti­scher Ideo­lo­gie in­fil­trier­ten Fach­kräf­ten et­was zu ent­schär­fen. Im No­vem­ber des glei­chen Jah­res konn­te der of­fi­zi­el­le Un­ter­richt an der So­zia­len Frau­en­schu­le wie­der­auf­ge­nom­men wer­den. Der müh­sa­me Auf- und Aus­bau der So­zia­len Frau­en­schu­le „be­gann und er­for­der­te die tat­kräf­ti­ge Hil­fe der Schü­le­rin­nen. Schub­kar­re, Schau­fel und Spitz­ha­cke wur­den zu ver­trau­ten Ar­beits­werk­zeu­gen. Doch Ma­ria Of­fen­berg sorg­te gleich­zei­tig für den geis­ti­gen Aus­gleich bei ih­ren Schü­le­rin­nen. Be­geg­nun­gen mit Vor­tra­gen­den aus Eng­land, Hol­land, Bel­gi­en, Chi­le, USA und Frank­reich ver­tief­ten den Un­ter­richt und ver­mit­tel­ten das Ge­fühl, vom Aus­land wie­der an­er­kannt zu wer­den“. Die Schul­lei­te­rin setz­te sich für ei­ne grund­le­gen­de und tief­grei­fen­de in­halt­li­che Re­form der so­zia­len Aus­bil­dung hin zu ei­ner de­mo­kra­ti­schen Sicht­wei­se ein. Die­se be­inhal­te­te das neu ein­zu­füh­ren­de Fach Me­tho­den­leh­re, das aus dem aus den USA im­por­tier­ten me­tho­di­schen Drei­ge­stirn „so­ci­al ca­se­wor­k“ (so­zia­le Ein­zel(fall)hil­fe), „so­ci­al group work“ (so­zia­le Grup­pen­ar­beit) und „com­mu­ni­ty or­ga­niza­t­i­on“ (Ge­mein­we­sen­ar­beit) be­stand.

Ne­ben ih­rer be­ruf­li­chen Tä­tig­keit en­ga­gier­te sich Ma­ria Of­fen­berg im „Ver­ein ka­tho­li­scher So­zi­al­be­am­tin­nen Deutsch­land­s“, im „Ver­ein ka­tho­li­scher deut­scher Leh­re­rin­nen“ und war seit Grün­dung (1925) Vor­stands­mit­glied der „Uni­on Ca­tho­li­que In­ter­na­tio­na­le des Ser­vice So­cia­les“ UCISS) so­wie lang­jäh­ri­ges Vor­stand­mit­glied im KDF. 1957 gab sie die Ver­ant­wor­tung „ih­rer“ so­zia­len Aus­bil­dungs­stät­te in Aa­chen an Au­gus­ta Schro­eder (1899-1979) ab. Am 1.10.1971 wur­de die 1959 zur „Hö­he­ren Fach­schu­le für So­zi­al­ar­beit“ um­ge­wan­del­te Aa­che­ner So­zia­le Frau­en­schu­le zu ei­ner der vier Ab­tei­lun­gen der „Ka­tho­li­schen Fach­hoch­schu­le Nord­rhein-West­fa­len“ (KFH NW).

1955 wur­de Ma­ria Of­fen­berg für ih­re Ar­beit mit dem Bun­des­ver­dienst­kreuz ge­ehrt. Sie war au­ßer­dem Trä­ge­rin des Päpst­li­chen Or­dens „Pro eccle­sia et pon­ti­fice“. Ma­ria Of­fen­berg starb am 5.4.1972 in Aa­chen. Ihr Nach­lass be­fin­det sich im Bi­schöf­li­chen Diö­ze­san­ar­chiv Aa­chen.

Schriften (Auswahl)

Die Sci­en­tia bei Au­gus­ti­nus, Frei­burg im Breis­gau 1921.

Der Geist der ka­tho­li­schen Frau­en­be­we­gung, in: Die Christ­li­che Frau 19 (1921), Heft 3, S. 153-160.

We­ge zur Ge­mein­schaft, in: Die Christ­li­che Frau 19 (1921), Heft 4, S. 182-184.

Aus dem Le­ben ei­ner Wohl­fahrts­schu­le, in: Die Christ­li­che Frau 22 (1924), Heft 1, S. 53-56.

Die Wohl­fahrts­schu­le als Le­bens­ge­mein­schaft, in: Preu­ßi­sches Mi­nis­te­ri­um für Volks­wohl­fahrt (Hg.), Grund­sätz­li­che Fra­gen zur Aus­ge­stal­tung der staat­lich an­er­kann­ten Wohl­fahrts­schu­len. Ei­ne Samm­lung von Vor­trä­gen, Ber­lin 1926, S. 95-104.

Frau­en­schu­le, in: Sa­cher, Her­mann (Hg.), Staats­le­xi­kon, Band 2, Frei­burg im Breis­gau 1927, S. 177-180.

Die so­zi­al­päd­ago­gi­sche Be­deu­tung der Fa­mi­lie und die Fa­mi­li­en­für­sor­ge, in: Nohl, Her­mann/Pal­lat, Lud­wig (Hg.), Hand­buch der Päd­ago­gik, Band 5, So­zi­al­päd­ago­gik, Lan­gen­sal­za 1929, S. 29-38.

Wohl­fahrts­schu­le und deut­sches Volks­tum, in: Preu­ßi­sches Mi­nis­te­ri­um für Volks­wohl­fahrt (Hg.), Richt­li­ni­en für die Lehr­plä­ne der Wohl­fahrts­schu­len, Ber­lin 1930, S. 90-96.

So­cia­le Ar­beit - So­cia­le Bil­dung, in: Die Christ­li­che Frau 32 (1934), Heft 1,  S. 6-10.

So­zia­le Frau­en­ar­beit am Werk, in: Die Christ­li­che Frau 32 (1934), Heft 5, S. 234-238.

Schu­le in der Land­schaft, in: Die Christ­li­che Frau 33 (1935), Heft 5; S. 229-233.

Ge­stalt­wan­del der Für­sor­ge zur Volks­pfle­ge, in: Jahr­buch der Ca­ri­tas­wis­sen­schaft (1938), Frei­burg/Brsg. 1938, S. 70-78.

So­zia­le Frau­en­schu­len im Wel­len­schlag des Zeit­ge­sche­hens, in: Ehr­le, Ger­trud (Hg.): Licht über den Ab­grund. Auf­zeich­nun­gen und Er­leb­nis­se christ­li­cher Frau­en 1933-1945. Frei­burg/Brsg. 1951, S. 96-98.

Pro­ble­me der so­zia­len Aus­bil­dung, in: Bar­den­he­wer, Lui­se/Fran­ken, An­ne (Hg.), Die ka­tho­li­sche Frau in der Zeit, Düs­sel­dorf o. J., S. 104-111.

Quellen

Bi­schöf­li­ches Diö­ze­san­ar­chiv Aa­chen, Nach­lass Dr. Ma­ria Of­fen­berg.

Bun­des­ar­chiv (SLG. BDC) NSLB.

Ida-See­le-Ar­chiv, Dil­lin­gen/Do­nau, Ak­te: Ma­ria Of­fen­berg, Nr. 1/2/3.

Lan­des­ar­chiv NRW R, NW 107/SBE Haupt­aus­schuss Stadt­kreis Aa­chen NW 1079, Nr. 5241, Ent­na­zi­fi­zie­rung Ma­ria Of­fen­berg, geb. 04.08.1888 (Di­rek­to­rin).

Literatur (Auswahl)

Ber­ger, Man­fred, Of­fen­berg, Ma­ria Eli­sa­beth, in: Bio­gra­phisch-Bi­blio­gra­phi­sches Kir­chen­le­xi­kon, Band 21, Nord­hau­sen 2003, Sp. 1074-1080.

Ber­ger, Man­fred, Zu den An­fän­gen der Pro­fes­sio­na­li­sie­rung der So­zia­len Ar­beit. Das Bei­spiel der So­zia­len Frau­en­schu­len in Trä­ger­schaft des Ka­tho­li­schen Deut­schen Frau­en­bun­des, in:  So­zia­le Ar­beit 72 (2023), Heft 4, S. 128-139.

Ber­ger, Man­fred, Ma­ria Of­fen­berg (1888-1972). Ein Le­ben in so­zi­al-ca­ri­ta­ti­ver Ver­ant­wor­tung, in: Blät­ter der Wohl­fahrts­pfle­ge 171, (2024), Heft 1, S. 33-35.

Ga­s­par, Paul/Zapp, Mir­jam, Die Ge­schich­te der so­zia­len Frau­en­schu­le in Aa­chen, in: Jers, Nor­bert (Hg.), So­zia­le Ar­beit ges­tern und mor­gen. Fest­schrift zum 75jäh­ri­gen Be­ste­hen der ka­tho­li­schen Aus­bil­dungs­stät­te für So­zi­al­ar­beit und So­zi­al­päd­ago­gik Aa­chen, Aa­chen 1991, S. 51-95.

Il­le­mann, Re­gi­na, Ka­tho­li­sche Frau­en­be­we­gung in Deutsch­land 1945-1962. Po­li­tik, Ge­schlecht und Re­li­gio­si­tät im Ka­tho­li­schen Deut­schen Frau­en­bund, Pa­der­born 2016.

Jers, Nor­bert, Fes­te und Fei­ern in der Ära Ma­ria Of­fen­berg, in: Ge­rards, Ma­ri­on/Lam­mel, Ute A./Frie­ters-Re­er­mann, Nor­bert/Krockau­er, Rai­ner (Hg.), Aa­chens Hoch­schu­le für So­zia­le Ar­beit. 100 Jah­re Tra­di­ti­on – Re­fle­xi­on − In­no­va­ti­on, Op­la­den 2018, S. 53-78.

Pré­gar­dier, Eli­sa­beth/Mohr, An­ne (Hg.), Po­li­tik als Auf­ga­be. En­ga­ge­ment christ­li­cher Frau­en in der Wei­ma­rer Re­pu­blik, Ann­wei­ler/Es­sen 1990, S. 316f.

Rei­chel, Sas­kia, Ma­ria Of­fen­berg 1888-1972, in: Fi­scher-Holtz, Eli­sa­beth (Hg.), An­ruf und Ant­wort. Be­deu­ten­de Frau­en aus dem Drei­län­der­eck, Aa­chen 1992, S. 91-110.

Rei­ni­cke, Pe­ter, Of­fen­berg Ma­ria – Lei­te­rin ei­ner Wohl­fahrts­schu­le, in: Mai­er, Hu­go (Hg.), Who is who der So­zia­len Ar­beit, Frei­burg im Breis­gau 1998, S. 444f.

We­ber, He­le­ne, Ma­ria Of­fen­berg. Bild ei­ner so­zia­len Er­zie­her­per­sön­lich­keit, in: Die Christ­li­che Frau 43 (1953), Heft 10, S. 437-439. 

Soziale Frauenschule Aachen des KFB, um 1930. (Ida-Seele-Archiv)

 
Zitationshinweis

Bitte geben Sie beim Zitieren dieses Beitrags die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Berger, Manfred, Maria Offenberg, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/maria-offenberg/DE-2086/lido/6878ef3bc11e42.60112286 (abgerufen am 16.12.2025)

Veröffentlichung

Veröffentlicht am 29.07.2025, zuletzt geändert am 05.08.2025