Otto Müller

NS-Widerstandskämpfer (1870-1944)

René Schulz (Bonn)

Otto Müller, Porträtfoto. (Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Berlin)

Der ka­tho­li­sche Pries­ter, Ver­bands­prä­ses der Ka­tho­li­schen Ar­bei­ter­ver­ei­ne West­deutsch­lands und Be­grün­der des Köl­ner „Ket­te­ler­hau­ses" Ot­to Mül­ler ge­hört zu den her­aus­ra­gen­den Per­sön­lich­kei­ten des deut­schen und rhei­ni­schen Ver­bands­ka­tho­li­zis­mus. Sein Le­bens­werk galt der po­li­ti­schen, kul­tu­rel­len und kirch­li­chen Eman­zi­pa­ti­on der Ar­bei­ter­schaft. Un­ter sei­ner Ägi­de stie­gen die ka­tho­li­schen Ar­bei­ter­ver­ei­ne zu ei­ner Mas­sen­or­ga­ni­sa­ti­on auf, die auf dem Hö­he­punkt ih­res Ein­flus­ses so gut wie je­den drit­ten ka­tho­li­schen Ar­bei­ter in Deutsch­land er­fass­te. Als Mit­glied des „Köl­ner Krei­ses“ be­tei­lig­te er sich an Pla­nun­gen für ein Deutsch­land nach Hit­ler und un­ter­hielt Kon­takt zu den Ver­schwö­rern des 20. Ju­li 1944. Nach dem Schei­tern des von ihm her­bei­ge­sehn­ten Um­sturz­ver­suchs ver­haf­tet, ver­starb der schwer kran­ke Mül­ler noch ehe die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten ihm den Pro­zess ma­chen konnt

Ot­to Mül­ler kam am 9.12.1870 im ober­ber­gi­schen Ecken­ha­gen (heu­te Ge­mein­de Reichs­hof) als Sohn des Leh­rers Gus­tav Mül­ler (1843-1916) und sei­ner Frau Hen­ri­et­te ge­bo­re­ne Va­lent­horn (ge­bo­ren 1848) zur Welt. Nach­dem der Va­ter als Haupt­leh­rer nach Hei­ßen (heu­te Stadt Mül­heim an der Ruhr) ver­setzt wur­de, wo­hin ihm die Fa­mi­lie folg­te, leg­te der sehr gu­te Schü­ler am Gym­na­si­um in Mül­heim an der Ruhr das Ab­itur ab. Von 1889-1894 stu­dier­te Mül­ler an der Rhei­ni­schen Fried­rich-Wil­helms-Uni­ver­si­tät Bonn Theo­lo­gie. Er schloss sich der Ka­tho­li­schen Deut­schen Stu­den­ten­ver­bin­dung No­ve­sia im Car­tell­ver­band (CV) an, wo er die Be­kannt­schaft sei­nes Bun­des­bru­ders und spä­te­ren Erz­bi­schofs von Köln, Karl Jo­seph Kar­di­nal Schul­te, mach­te. 1894 zum Pries­ter ge­weiht, fühl­te sich der be­gab­te und ar­beits­wü­ti­ge Mül­ler bald in sei­ner Ka­plans­stel­le in Mors­bach un­aus­ge­las­tet und bat da­her um Ver­set­zung in ei­ne grö­ße­re Pfar­rei. Phil­ipp Kar­di­nal Kre­mentz gab der Bit­te statt und sand­te ihn an die Haupt­pfar­re Mön­chen­glad­bach, wo sich der jun­ge Pries­ter kaum über Ar­beits­man­gel be­kla­gen konn­te.en im Ber­li­ner „Staats­kran­ken­haus der Po­li­zei“.

En­de 1896 über­nahm Mül­ler, der sich schon seit sei­ner Stu­di­en­zeit für so­zia­le Fra­gen in­ter­es­sier­te, die Lei­tung des 1.200 Mit­glie­der zäh­len­den „Ka­tho­li­schen Ar­bei­ter­ver­ei­nes Mön­chen­glad­bach". Hat­te er früh den Wert der Ar­bei­ter­bil­dung im Zeit­al­ter der Hoch­in­dus­tria­li­sie­rung und des ra­san­ten Wan­dels von Ar­beits­welt und Ge­sell­schaft er­kannt, fiel es ihm den­noch schwer, die he­te­ro­ge­ne Mit­glie­der­schaft sei­nes Ver­eins an die so­zia­len und päd­ago­gi­schen Her­aus­for­de­run­gen her­an­zu­füh­ren. Da­her wand­te sich Mül­ler an den in So­zi­al- und Bil­dungs­ar­beit er­fah­re­nen Ge­ne­ral­se­kre­tär des „Volks­ver­eins für das ka­tho­li­sche Deutsch­land“, Au­gust Pie­per (1866-1942), zu dem er bald ei­nen so in­ten­si­ven Kon­takt pfleg­te, dass er 1899 als Re­fe­rent für Ar­bei­ter­fra­gen und so­zia­les Ver­eins­we­sen in die Zen­tra­le des Volks­ver­eins ein­trat und ge­mein­sam mit Pie­per die „West­deut­sche Ar­bei­ter­zei­tung" als zen­tra­les Sprach­rohr der ka­tho­li­schen Ar­bei­ter­ver­ei­ne be­grün­de­te.

In den Fol­ge­jah­ren war Ot­to Mül­ler über­re­gio­nal am Auf­bau der christ­li­chen Ge­werk­schafts­be­we­gung und der Wei­ter­ent­wick­lung der ka­tho­li­schen Ar­bei­ter­ver­ei­ne be­tei­ligt. Wäh­rend er die Ar­bei­ter­ver­ei­ne, wel­che auch wei­ter­hin Or­te ge­mein­schaft­li­cher Re­li­gio­si­tät und Ge­sel­lig­keit blie­ben, zu po­li­tisch-kul­tu­rel­len Bil­dungs­stät­ten um­ge­stal­te­te, soll­te die In­ter­ven­ti­on in die wirt­schaft­li­chen Aus­ein­an­der­set­zun­gen sei­ner Auf­fas­sung nach den Ge­werk­schaf­ten über­las­sen wer­den. Ih­re Ent­fal­tung wur­de je­doch durch den in­ner­ka­tho­li­schen Ge­werk­schafts­streit um die Stel­lung und Le­gi­ti­mi­tät der christ­li­chen Ge­werk­schafts­be­we­gung er­heb­lich ge­hemmt. Ge­gen die In­te­gra­lis­ten un­ter Füh­rung de­s Trie­rer Bi­schofs Mi­cha­el Fe­lix Ko­rum (Epis­ko­pat 1881-1921), die auf dem Pri­mat kirch­li­cher Au­to­ri­tät über die Ge­werk­schaf­ten, de­ren so­zia­l­eman­zi­pa­to­ri­sche Ten­den­zen sie ab­lehn­ten, be­harr­ten, trat der von ei­nem be­son­de­ren so­zia­len Rea­li­täts­sinn ge­lei­te­te Mül­ler für vom Kle­rus un­ab­hän­gi­ge und voll hand­lungs­fä­hi­ge In­ter­es­sen­ver­tre­tun­gen der Ar­bei­ter ein. Die Spal­tung der ge­sam­ten Ge­werk­schafts­be­we­gung be­dau­er­te er zu­tiefst, sah die Ur­sa­che hier­für al­ler­dings in der auf welt­an­schau­li­che so­wie par­tei­po­li­ti­sche Neu­tra­li­tät ver­zich­ten­de Hal­tung der so­zia­lis­ti­schen be­zie­hungs­wei­se „frei­en“ Ge­werk­schaf­ten.

Trotz wach­sen­der Er­fah­rung und Er­folgs in der Ver­bands­ar­beit sah der jun­ge und en­ga­gier­te Geist­li­che für sich selbst die Not­wen­dig­keit theo­re­ti­scher Wei­ter­bil­dung und be­gann 1902 mit Ge­neh­mi­gung sei­nes Erz­bi­schofs an der Al­bert-Lud­wigs-Uni­ver­si­tät in Frei­burg im Breis­gau ein Zweit­stu­di­um der Na­tio­nal­öko­no­mie, das er 1904 mit der Pro­mo­ti­on über sein Le­bens­the­ma, „Die christ­li­chen Ge­werk­schaf­ten in Deutsch­land" bei dem Bren­ta­no-Schü­ler Ger­hart von Schul­ze-Grae­ver­nitz (1864-1943) ab­schloss. Im sel­ben Jahr stieg Mül­ler, durch des­sen An­re­gung sich die ka­tho­li­schen Ar­bei­ter­ver­ei­ne ver­schie­de­ner west­deut­scher Diö­ze­sen zum „Ver­band ka­tho­li­scher Ar­bei­ter­ver­ei­ne West­deutsch­lands" zu­sam­men­ge­schlos­sen hat­ten und der nach der Ein­glie­de­rung ei­ni­ger Knap­pen­ver­ei­ne im Raum Es­sen den end­gül­ti­gen Na­men „Ver­band west­deut­scher Ar­bei­ter- und Knap­pen­ver­ei­ne" er­hielt, zum ers­ten Ge­ne­ral­se­kre­tär der neu­en Dach­or­ga­ni­sa­ti­on auf. 1906 folg­te er Pie­per im Amt des Diö­ze­san­prä­ses der ka­tho­li­schen Ar­bei­ter­ver­ei­ne in der Erz­diö­ze­se Köln nach.

Die Eman­zi­pa­ti­on der Ar­bei­ter­schaft er­for­der­te für Mül­ler ein ak­ti­ves po­li­ti­sches En­ga­ge­ment zur Durch­set­zung ei­ner ar­bei­ter­freund­li­chen Re­form­po­li­tik. Ge­ra­de auf der kom­mu­nal­po­li­ti­schen Ebe­ne sah er ein zen­tra­les Wir­kungs- und Ent­schei­dungs­feld für die Ver­bes­se­rung der Le­bens­be­din­gun­gen der Ar­bei­ter. Da­bei ging er mit ei­ge­nem Bei­spiel vor­an und ver­trat als Stadt­ver­ord­ne­ter der Zen­trums­par­tei 1919-1929 in Mön­chen­glad­bach und an­schlie­ßend bis 1933 in Köln die In­ter­es­sen der Ar­bei­ter­be­we­gung. Die staats­bür­ger­kund­li­che Ar­beit in den Ver­ei­nen schuf die Grund­la­ge da­für, dass bin­nen we­ni­ger Jah­re meh­re­re Tau­send Mit­glie­der der Ka­tho­li­schen Ar­bei­ter­be­we­gung (KAB) es Mül­ler gleichta­ten und in Ge­mein­de- und Stadt­rä­te ein­zo­gen. Ein we­sent­li­ches Hin­der­nis für die po­li­ti­sche Gleich­be­rech­ti­gung der Ar­bei­ter­schaft wie brei­ter Be­völ­ke­rungs­schich­ten stell­te zu­nächst das preu­ßi­sche Drei­klas­sen­wahl­recht dar, des­sen Ab­schaf­fung Mül­ler nach der Re­for­men ver­hei­ßen­den Os­ter­bot­schaft Kai­ser Wil­helms II. (Re­gent­schaft 1888-1918) von 1917 öf­fent­lich for­der­te und ihn in of­fe­nen Ge­gen­satz zu Tei­len des Zen­trums und des Epis­ko­pats ge­ra­ten ließ. Ver­är­gert über das Vo­tum sei­nes po­li­tisch un­be­que­men Geist­li­chen setz­te Kölns Ober­hir­te Fe­lix Kar­di­nal von Hart­mann Mül­ler vom Pos­ten des Diö­ze­san­prä­ses ab und lös­te da­mit hef­ti­ge Ge­gen­re­ak­tio­nen der Ar­bei­ter­ver­ei­ne aus. Pie­per trat vom Amt des Ver­bands­vor­sit­zen­den der west­deut­schen Ar­bei­ter- und Knap­pen­ver­ei­ne zu­rück, wor­auf­hin Ot­to Mül­ler zu sei­nem Nach­fol­ger ge­wählt wur­de.

Auch wenn die Nie­der­la­ge und die Re­vo­lu­ti­on von 1918 die Füh­rung der ka­tho­li­schen Ar­bei­ter­be­we­gung über­rasch­ten, er­kann­te Mül­ler schnell die po­li­ti­schen und ge­sell­schaft­li­chen Chan­cen, wel­che die Re­pu­blik von Wei­mar für die Eman­zi­pa­ti­on der Ar­bei­ter­schaft bot und such­te als ent­schie­de­ner Re­pu­bli­ka­ner die ka­tho­li­schen Ar­bei­ter für die jun­ge De­mo­kra­tie zu ge­win­nen. 1921 ent­stand mit dem „Würz­bur­ger Pro­gram­m“, das zum we­sent­li­chen Teil aus Mül­lers Fe­der stamm­te, die bis zum Zwei­ten Welt­krieg ver­bind­li­che Grund­la­gen­pro­gram­ma­tik der Ka­tho­li­schen Ar­bei­ter­be­we­gung, in de­ren Mit­tel­punkt ge­sell­schafts- und wirt­schafts­po­li­ti­sche Ord­nungs­vor­stel­lun­gen so­wie die ge­mein­sa­men Ori­en­tie­rungs­wer­te aus „Glau­be, Re­li­gi­on und Kir­che“ stan­den. Or­ga­ni­sa­to­risch stell­te der Ge­werk­schafts­füh­rer Mül­ler sei­nen west­deut­schen Ver­band neu auf und lös­te ihn vom Volks­ver­ein, der stark an Be­deu­tung und Ein­fluss ein­ge­bü­ßt hat­te. 1928 ver­leg­te Mül­ler die Ver­bands­zen­tra­le von Mön­chen­glad­bach nach Köln, wo mit Hil­fe von Ober­bür­ger­meis­ter Kon­rad Ade­nau­er das „Ket­te­ler­haus" als gro­ßer Haupt­sitz er­rich­tet wer­den konn­te. Mit Ni­ko­laus Groß als Re­dak­teur der „West­deut­schen Ar­bei­ter­zei­tung" un­d Bern­hard Let­ter­haus als tat­kräf­ti­gen Ver­bands­se­kre­tär zog er Mit­strei­ter zu sich in die Zen­tra­le, die ihm zu en­gen Freun­den wur­den. Seit Be­ginn der 1920er Jah­re be­müh­te sich Mül­ler zu­dem um die in­ter­na­tio­na­le Ver­net­zung mit Freun­den aus den ka­tho­li­schen So­zi­al­be­we­gun­gen der eu­ro­päi­schen Nach­bar­län­der, um die Grün­dung ei­ner „Ka­tho­li­schen Ar­bei­ter-In­ter­na­tio­na­len" (KAI) vor­an­zu­trei­ben. Trotz ei­ni­ger Er­fol­ge blieb die­ses Pro­jekt ei­ner über­na­tio­na­len und völ­ker­ver­söh­nen­den In­ter­es­sen­ver­tre­tung durch den Nie­der­gang der Wei­ma­rer De­mo­kra­tie un­voll­endet.

Galt Mül­lers Haupt­auf­merk­sam­keit zu­nächst den klas­sen­kämp­fe­ri­schen und athe­is­ti­schen Kom­mu­nis­ten, rück­ten früh die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten in sei­nen be­sorg­ten Blick. Mehr­mals äu­ßer­te er sich war­nend in der „West­deut­schen Ar­bei­ter­zei­tung" und be­trach­te­te es als die nun ers­te Auf­ga­be des Ver­ban­des, die Ar­bei­ter durch welt­an­schau­li­che und po­li­ti­sche Schu­lun­gen ge­gen den Na­tio­nal­so­zia­lis­mus zu im­mu­ni­sie­ren. Nach der Macht­über­nah­me Adolf Hit­lers (1889-1945) im Ja­nu­ar 1933 wag­te sich der eher für sei­ne ge­räusch­lo­se Hin­ter­grund­ar­beit be­kann­te Mül­ler in die po­li­ti­sche Of­fen­si­ve und griff in sei­ner letz­ten öf­fent­li­chen Re­de auf ei­ner Wahl­kampf­ver­an­stal­tung des Zen­trums in den Köl­ner Mes­se­hal­len die neu­en Macht­ha­ber an. Die Vor­ge­schich­te sei­ner Man­dats­nie­der­le­gung il­lus­triert die Geg­ner­schaft Mül­lers zum neu­en Re­gime: Im März 1933 lehn­te er es als Rats­mit­glied der Stadt Köln ab, sich für ei­ne To­ten­eh­rung der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen „Be­we­gung" zu er­he­ben. Dar­auf fol­gen­de mas­si­ve Dro­hun­gen sei­tens des Gau­lei­ters von Köln-Aa­chen Jo­sef Grohé zwan­gen Mül­ler zur Nie­der­le­gung sei­nes Man­dats.

Moch­te die ra­sche Ab­wick­lung des de­mo­kra­ti­schen Rechts­staats durch Hit­lers Ge­walt­herr­schaft sei­ne Be­fürch­tun­gen be­stä­ti­gen, glaub­te der Pries­ter den­noch, dass das am 20.7.1933 un­ter­zeich­ne­te Reichs­kon­kor­dat der ka­tho­li­schen Kir­che und ih­rem Ver­bands­we­sen hin­rei­chen­den Schutz vor na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Über­grif­fen bie­ten könn­te. Die­se An­nah­me er­wies sich als fa­tal, denn die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten gin­gen bald ent­schie­den ge­gen die ka­tho­li­schen Ar­bei­ter­ver­ei­ne vor. Mit dem so­ge­nann­ten Dop­pel­mit­glied­schafts­ver­bot zwi­schen dem NS-Ein­heits­ver­band von Ar­beit­neh­mern und Ar­beit­ge­bern, der Deut­schen Ar­beits­front (DAF) und den Ar­bei­ter­ver­ei­nen wur­den die ka­tho­li­schen Ar­bei­ter prak­tisch ab 1934 vor die Wahl zwi­schen ih­rem Ar­beits­platz oder ih­rem Ver­ein ge­stellt. Die Ge­sta­po nahm den Ver­ei­nen zu­nächst die ca­ri­ta­ti­ven Rechts­aus­kunfts­stel­len, ehe sie im Herbst 1935 zur gänz­li­chen Auf­lö­sung der Ver­ei­ne im Re­gie­rungs­be­zirk Müns­ter schritt. 1938 folg­te das Ver­bot der in „Ket­te­ler-Wacht" um­be­nann­ten Ver­bands­zei­tung. Im Ver­ein mit Ni­ko­laus Groß und Bern­hard Let­ter­haus ver­such­te Mül­ler nach dem Dop­pel­mit­glied­schafts­ver­bot durch Wall­fahr­ten ei­ne de­mons­tra­ti­ve Ge­gen­öf­fent­lich­keit zum NS-Re­gime zu schaf­fen und die Ar­bei­ter zu ei­nem deut­li­chen Be­kennt­nis zum Chris­ten­tum auf­zu­ru­fen. Die Hal­tung des deut­schen Epis­ko­pats ge­gen­über der sich ver­schär­fen­den kir­chen- und chris­ten­tums­feind­li­chen Po­li­tik des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus be­klag­te der kom­pro­miss­lo­se Re­gime­geg­ner als viel zu schwäch­lich. Ei­ne vor­sich­ti­ge Ein­ga­ben­po­li­tik, die auf die un­ab­seh­ba­ren Fol­gen ei­ner Of­fen­sivstra­te­gie ver­zich­te­te, wie sie der Köl­ner Erz­bi­schof Jo­seph Kar­di­nal Schul­te ver­trat, pro­vo­zier­te Mül­ler zu schwe­ren Vor­hal­tun­gen ge­gen­über sei­nem Bun­des­bru­der aus Bon­ner Stu­di­en­ta­gen.

Seit Mit­te der 1930er Jah­re such­te Ot­to Mül­ler den Kon­takt zu op­po­si­tio­nel­len Mi­li­tärs und Ein­zel­per­so­nen, von de­nen er ei­ne Ver­hin­de­rung des von ihm durch­schau­ten Kriegs­kur­ses Hit­lers er­hoff­te. Un­ter dem Druck des Kriegs­ver­laufs ver­tief­ten sich die Kon­tak­te zu un­ter­schied­li­chen Wi­der­stands­krei­sen, die ihm un­ter an­de­rem durch Ja­kob Kai­ser (1888-1961) ver­mit­telt wor­den wa­ren. Mit den Freun­den Groß und Let­ter­haus ent­stand der so ge­nann­te „Köl­ner Kreis“, wel­cher sich aus christ­li­chen Ge­werk­schaf­tern und ehe­ma­li­gen Zen­trums­po­li­ti­kern zu­sam­men­setz­te und ein brei­tes wie über­re­gio­na­les Netz an Ver­bin­dun­gen zu an­de­ren Op­po­si­ti­ons­grup­pen ent­fal­te­te. Das von Mül­ler zur Ver­fü­gung ge­stell­te Ket­te­ler­haus wur­de zum Zen­trum kon­spi­ra­ti­ver Tref­fen mit Wi­der­ständ­lern wie dem Je­sui­ten­pa­ter Al­fred Delp (1907-1945), über den der ma­ß­geb­li­che Kon­takt zum Krei­sau­er Kreis zu­stan­de kam, oder Carl Fried­rich Go­er­de­ler (1884-1945), der so­gar in Mül­lers Pri­vat­woh­nung Un­ter­kunft fand. Auch wenn Ot­to Mül­ler an den ein­zel­nen Ge­sprä­chen zum Neu­auf­bau Deutsch­lands nach Hit­ler und den da­mit zu­sam­men­hän­gen­den Per­so­nal­fra­gen nicht teil­nahm, wur­de er doch über die Er­geb­nis­se un­ter­rich­tet. Früh hat­te er zu­dem kon­kre­te Zu­kunfts­plä­ne für die Ar­bei­ter­ver­ei­ne ent­wi­ckelt und zeig­te sich auf­grund der aus sei­ner Per­spek­ti­ve viel zu lang­sam vor­an­schrei­ten­den Um­sturz­pla­nun­gen äu­ßerst un­ge­dul­dig.

Nach dem Schei­tern des Staats­streichs vom 20. Ju­li 1944 stieß die Ge­sta­po rasch auf die Ver­bin­dun­gen um das Köl­ner Ket­te­ler­haus. Nach der Ver­haf­tung sei­ner Freun­de und Mit­ver­schwö­rer Ni­ko­laus Groß und Bern­hard Let­ter­haus im Ju­li und Au­gust ge­riet auch Prä­ses Mül­ler ins Vi­sier des auf Ra­che sin­nen­den Re­gimes. Aus der Ver­neh­mung von Groß er­gab sich sei­ne Fest­nah­me nach dem 18.9.1944 (das ge­naue Da­tum ist nicht zu eru­ie­ren) im sau­er­län­di­schen Ol­pe, wo­hin sich der schwer ma­gen­kran­ke und fast er­blin­de­te Geist­li­che zu­rück­ge­zo­gen hat­te. Nach fast 50-Jah­ren im Diens­te der Eman­zi­pa­ti­on der Ar­bei­ter­schaft und ei­nem ge­ra­den Weg in den Wi­der­stand ge­gen die NS-Dik­ta­tur hat­te Mül­ler schon vor der Haft mit sei­nem Le­ben ab­ge­schlos­sen. Ei­ne lan­ge, qual­vol­le Haft­zeit blieb ihm wie der Pro­zess vor dem Volks­ge­richts­hof er­spart. We­gen sei­nes pro­ble­ma­ti­schen Ge­sund­heits­zu­stands vom Ge­fäng­nis Ber­lin-Te­gel in das „Staats­kran­ken­haus der Po­li­zei“ ver­legt, ver­starb er dort am 12.10.1944. Sei­ne Grab­stät­te ist un­be­kannt.

1948 wur­de der Bed­bur­ger Platz in Köln zu Eh­ren des Ge­werk­schafts­füh­rers und Wi­der­stands­kämp­fers in Prä­lat-Ot­to-Mül­ler-Platz um­be­nannt, in Ol­pe er­in­nert ei­ne Stra­ße an ihn.

Werke

Ge­schich­te der christ­li­chen Ge­werk­schaf­ten Deutsch­lands, Mön­chen­glad­bach 1904.
Die Für­sor­ge für die in­dus­tri­el­len Ar­bei­ter auf dem Lan­de, Mön­chen­glad­bach 1911.
Ar­bei­te­rin­nen­für­sor­ge in weib­li­chen Ju­gend­ver­ei­nen, Mön­chen­glad­bach 1913. 

Literatur

Aretz, Jür­gen, Ka­tho­li­sche Ar­bei­ter­be­we­gung und Na­tio­nal­so­zia­lis­mus. Der Ver­band der kath. Ar­bei­ter- und Knap­pen­ver­ei­ne West­deutsch­lands 1923-1945, Mainz 1978.
Aretz, Jür­gen, Ot­to Mül­ler, in: Mor­sey, Ru­dolf/Aretz, Jür­gen/Rau­scher, An­ton (Hg.), Zeit­ge­schich­te in Le­bens­bil­dern, Band 3, Mainz 1979, S. 191-203.
Bü­cker, Ve­ra, Der Köl­ner Kreis und sei­ne Kon­zep­ti­on für ein Deutsch­land nach Hit­ler, in: His­to­risch-po­li­ti­sche Mit­tei­lun­gen 2 (1995), S. 49-82.
Kemp­ner, Be­ne­dic­ta Ma­ria, Pries­ter vor Hit­lers Tri­bu­na­len, Mün­chen 1966.
Ki­ße­ner, Mi­cha­el, „Nach au­ßen ru­hig, nach in­nen le­ben­di­g“. Wi­der­stand aus der ka­tho­li­schen Ar­bei­ter­schaft, in: Stein­bach, Pe­ter/Tu­chel, Jo­han­nes (Hg.), Wi­der­stand ge­gen den Na­tio­nal­so­zia­lis­mus, Ber­lin 1994, S. 153-163.
Moll, Hel­mut, Die ka­tho­li­schen Mär­ty­rer des 20. Jahr­hun­derts, Pa­der­born 1999.
Moll, Hel­mut, Zeu­gen für Chris­tus. Das deut­sche Mar­ty­ro­lo­gi­um des 20. Jahr­hun­derts, Pa­der­born 2000, S. 282-284.
Sau­ser, Ek­kart, Ar­ti­kel "Mül­ler, Ot­to", in: Bio­gra­phisch-Bi­blio­gra­phi­sches Kir­chen­le­xi­kon 17 (2000), Sp. 987-988.
Steh­käm­per, Hu­go, Pro­test, Op­po­si­ti­on und Wi­der­stand im Um­kreis der (un­ter­ge­gan­ge­nen) Zen­trums­par­tei, in: Steh­käm­per, Hu­go, Köln – und dar­über hin­aus. Aus­ge­wähl­te Ab­hand­lun­gen, Band 2, Köln 2004, S. 1523-1589. 

Online

Aretz, Jür­gen, "Mül­ler, Ot­to", in: Neue Deut­sche Bio­gra­phie 18 (1997), S. 464-465. [On­line]
Bü­cker, Ve­ra, Der Köl­ner Kreis und sei­ne Kon­zep­ti­on für ein Deutsch­land nach Hit­ler, in: His­to­risch-Po­li­ti­sche Mit­tei­lun­gen 2 (1995), S. 49-82. [On­line]  
Bü­cker, Ve­ra, Mit­glie­der des Köl­ner Krei­ses - Prä­lat Dr. Ot­to Mül­ler (In­for­mai­on auf der Web­site „Echt nah dran" – His­to­risch-wis­sen­schaft­li­che Diens­te und Stu­di­en­tou­ren im Ruhr­ge­biet). [On­line]
Ot­to Mül­ler (Bio­gra­phi­sche Kurz­in­for­ma­ti­on auf der Web­site der Ge­denk­stät­te Deut­scher Wi­der­stand). [On­line]

 
Zitationshinweis

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Schulz, René, Otto Müller, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/otto-mueller/DE-2086/lido/57c9510c5a6cd2.29787289 (abgerufen am 13.12.2019)