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Otto Springorum steht – wie sein Bruder Fritz – im Schatten seines berühmten Vaters Friedrich (1858-1938), der über Jahrzehnte als Generaldirektor erfolgreich die Eisen- und Stahlwerke Hoesch AG in Dortmund lenkte. Otto schlug anders als sein Vater eine Karriere im Bergbau ein. Er war langjähriger Direktor der Essener Zeche Zollverein und stieg in der Gelsenkirchener Bergwerks-AG (GBAG) bis zum Vorstandsvorsitzenden auf.
Otto Springorums Eltern waren der Stahl- und Bergbauindustrielle Friedrich Springorum und Luise Wenker (1859-1911), die aus einer lippischen Kaufmannsfamilie stammte. Die Familie war evangelischen Glaubens. Friedrich Springorum war eine der zentralen Unternehmerpersönlichkeiten im Ruhrgebiet, sowohl im Deutschen Kaiserreich, der Weimarer Republik als auch im NS-Regime. Seine Position als Generaldirektor der Hoesch AG in Kombination mit einer Ämterhäufung in der rheinisch-westfälischen Schwerindustrie und Verbandswesen verhalfen ihm zu großen wirtschaftlichen Einfluss, den er auch publizistisch zu nutzen wusste. Beide Söhne Springorums standen in seinem Schatten. Auch die moderne Forschung beschäftigt sich vor allem mit Friedrich Springorum, der als Mitglied der Ruhrlade, einer Vereinigung der einflussreichsten Unternehmer der Eisen- und Kohlenindustrie im Ruhrgebiet, über eine beträchtliche Macht verfügte.
Sein Sohn, Otto Fritz Ernst Springorum, wurde am 8.11.1890 in (Duisburg-) Laar geboren. Sein vier Jahre älterer Bruder Fritz (eigentlich Friedrich, 1886-1942) sollte als Manager im Hoesch-Konzern seines Vaters Fuß fassen. Otto besuchte die Lauenburgische Gelehrtenschule (ein Gymnasium) in Ratzeburg und schlug eine Karriere im Steinkohlenbergbau ein. Seine erste Schicht als Bergbaubeflissener hatte er 1909. Im Anschluss studierte er an der Universität Tübingen und der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen. 1913 legte er die Bergreferendarprüfung am Oberbergamt Dortmund ab. Alle weiteren beruflichen Ambitionen ließ er im August 1914 mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs ruhen. Er diente im Halberstädter Kürassier Regiment Nr. 7, welches 1914 zunächst in Belgien, dann – noch im gleichen Jahr – an der Ostfront (Russisch-Polen, Baltikum und Rumänien) und ab 1917 wieder an der Westfront (Belgien und Lothringen) zum Einsatz kam. Springorum nahm an allen Verlegungen seiner Einheit und den Gefechten teil. Am Kriegsende 1918 wurde er als Leutnant der Reserve hochdekoriert (1914: Eisernes Kreuz 2. Klasse und 1918: EK 1. Klasse) entlassen. Im gleichen Jahr heiratete er Ilse Bechstein (1897-1987). Sie stammte aus einer bekannten Familie von Klavierbauern in Berlin. Ihr Vater Carl Friedrich Bechstein (1860-1931) war Pianobauer. Aus der Ehe gingen drei Söhne (Jürgen, 1919-1978, Dieter, 1922-1945, Carl-Ulrich, 1926-1945) und eine Tochter (Marita, geb. 1928) hervor. Beruflich arbeitete Otto Springorum nach dem Kriegsende wieder im Bergbausektor. Nach seiner Ernennung zum Bergassessor am 16.11.1920 trat er im folgenden Jahr aus dem Staatsdienst aus und wandte sich der Privatwirtschaft zu.
Bei der GBAG fing er 1921 als „technischer Hilfsarbeiter“ auf den Zechen Zollern und Germania an. Seine berufliche Karriere fand innerhalb der GBAG statt und er blieb dem Unternehmen bis zum Lebensende verbunden. 1929 wurde er zum Bergwerksdirektor ernannt und übernahm die Leitung der Zeche Zollverein, die mit ihrem 1931 errichteten Doppelbock-Fördergerüst auf Schacht XII im Essener Stadtteil Katernberg liegt. Der Manager baute sie in den folgenden Jahren weiter aus. Probleme bereiteten ihm der Kohleabsatz im Zuge der Weltwirtschaftskrise (ab 1929). Die Förderung auf Zollverein, Schacht XII konnte Springorum am 1.2.1932 in Betrieb nehmen.[1] Mit Förderbeginn wurden die anderen Tagesschächte des Bergwerks Zollverein eingestellt. Die Anlage war mit dem Ziel der industriellen Hochleistung mittels (weitgehender) automatisierter Arbeitsabläufe von der GBAG optimiert worden und galt zu diesem Zeitpunkt als modernste Schachtanlage des Ruhrgebiets.
Zeche Zollverein, Kohlenwäsche, Essen, 1932, Foto: Anton Meinholz. (Fotoarchiv Ruhr Museum)
In diesem Zeitraum muss der Manager die Entscheidung gefällt haben, sich von einem Maler portraitieren lassen. Vielleicht hing dieser Entschluss mit seiner Ernennung zum Direktor der Zeche Zollverein zusammen. Springorum beauftragte den bekannten Künstler Josef Urbach, der eine Professur für Malerei an der Folkwangschule für Gestaltung in Essen innehatte. Urbach gehörte 1919 zu den Mitbegründern der expressionistischen Künstlervereinigung „Das junge Rheinland“ und ein Jahr später zum „Weißen Reiter“, („Jungrheinischer Bund für kulturelle Erneuerung“). Ende der 1920er Jahre wandte er sich stilistisch der Neuen Sachlichkeit zu. In dieser Phase realisierte Urbach das Gemälde „Otto Springorum“. Er schuf ein Dreiviertelportrait, welches kühl und sachlich wirkt. Springorum ließ sich ohne Ehrenzeichen und Accessoires, wie es aufgrund seiner beruflichen Stellung möglich gewesen wäre, portraitieren. Allein sein markanter „Schmiss“ ist ungewöhnlich. Es handelt sich um ein Andenken an seine Studentenzeit in der schlagenden Verbindung im Corps Rhenania Tübingen. Den Betrachtenden fallen auf den ersten Blick auch Springorums Augen auf. Der feste Blick, so legt es die Bildinterpretation nahe, scheint für ein entschlossenes Handeln als Manager zu stehen.
Die GBAG fusionierte 1933 im Rahmen einer unternehmerischen Umstrukturierung mit der Vereinigten Stahlwerke AG. Im neuen Konzern wurde Springorum 1936 Vorstandsmitglied der für die Steinkohlenzechen zuständigen gleichnamigen Tochtergesellschaft GBAG. Ein Jahr später kam es zu einer Restrukturierung des gesamten Unternehmens. Die Bergwerke wurden im Ruhrgebiet zu sogenannten Gruppen zusammengefasst. Die Leitung der Gruppe Dortmund übernahm Springorum von Ernst Brandi (1875-1937). Er war nun für acht aktive Schachtanlagen verantwortlich. Parallel ließ er sich in zahlreiche Unternehmen und Gemeinschaftsunternehmen als Vorsitzender oder Mitglied hineinwählen. Eine seiner Verpflichtungen war die Emschergenossenschaft, in der er ab 1929 als Delegierter seines Unternehmens vertreten war. Schwer abzuschätzen ist, welche Macht er durch die zahlreichen Ämter und die daraus möglichen Wechselbeziehungen ausübte.
Otto Springorum trat zum 1.5.1937 (Tag der Arbeit) der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) und weiterer NS-Organisationen (Deutsche Arbeitsfront, Nationalsozialistische Volkswohlfahrt) bei. 1938 wurde er Mitglied der Deutschen Jägerschaft. Am 31.3.1942 berichtete die Kölnische Zeitung von Verwaltungsänderungen bei der Vereinigten Stahlwerk AG: Das Vorstandsmitglied und Leiter der Bergbaugruppe Dortmund der GBAG, Otto Springorum, sei nun zum Vorsitzenden des Vorstands des Unternehmens und gleichzeitig zum Mitglied des Vorstands der Vereinigten Stahlwerke AG befördert worden. Privat lebte der Manager in Dortmund.
Otto Springorum, Porträtgemälde von Josef Urbach, um 1930, Foto: Christoph Sebastian. (Ruhr Museum Essen)
Im Zweiten Weltkrieg war Springorum mitverantwortlich für die Beschäftigung von Ausländern und Zwangsarbeitern bei der GBAG. Besonders sowjetische Kriegsgefangene mussten unter menschenunwürdigen Bedingungen in seinen Bergwerken unter wie über Tage arbeiten. Während des Kriegs ließ sich Springorum für Propagandaveranstaltungen der Nationalsozialisten gewinnen. Er hielt im März 1944 eine Rede in seiner Geburtsstadt im Rahmen einer „Großkundgebung der Ortsgruppe Duisburg-Ruhrort-Laar der NSDAP“. Anders als weitere Teilnehmer scheint er weniger ideologische Statements und „Durchhalteparolen“ abgegeben zu haben. Stattdessen hob er die technischen Fortschritte im Bergbau hervor. Zum Thema „Zwangs- und Fremdarbeiter“ stellte er fest: […] daß unsere Knappen vor allem auch bei der Anlernung und Leitung der ausländischen Arbeitskräfte ihren Mann stehen.[2] Deutlich wird, dass er – trotz der mangelhaften Versorgung mit Lebensmitteln und Kleidung bedingt durch die Kriegssituation – die maximale Leistung seiner Belegschaft einforderte.
Die Alliierten verhafteten Otto Springorum kurz nach Kriegsende am 6.9.1945. Sie internierten ihn als „NS-belastet“ für zwei Jahre im Lager Staumühle bei Recklinghausen. Nach seiner Entlassung am 6.4.1947 kehrte er als Vorstandsvorsitzender zur GBAG zurück und verhinderte in den folgenden Jahren eine Zerschlagung seines Bergwerksunternehmens. Die alliierten Siegermächte hatten eine Entflechtung und Neuordnung der Montanindustrie angestrebt. Der Manager baute die Förderleistung an Kohlen aus, so dass die GBAG 1954/55 wieder den Stand aus der Vorkriegszeit (1936) erreichte. Parallel zu seiner Haftentlastung (1947) arbeitete er erfolgreich an seiner Rehabilitierung. Er führte 1949 vor dem „Berufungs-Entnazifizierungs-Untersuchungsausschuß Kohlenbergbau“ in Essen eine Reihe von Zeugen an, die bestätigten, er sei lediglich nominelles Parteimitglied gewesen. […] Trotz seiner formalen Parteizugehörigkeit hat er nie die nationalsozialistische Ideologie vertreten.[3]
Jubilarfeier der Gruppe Dortmund mit Otto Springorum (stehend) im Restaurant Kronenburg, Dortmund, 1938. (Montanhistorisches Dokumentationszentrum (montan.dok) beim Deutschen Bergbau-Museum Bochum/Bergbau-Archiv Bochum/ BBA 47/714)
Die Bergakademie Clausthal verlieh Springorum 1950 anlässlich seines 60. Geburtstages den Ehrendoktor für Ingenieurwesen. Seine ehemalige Universität, die RWTH Aachen, ernannte ihn im gleichen Jahr zum Ehrenbürger. Als prominenter Bergwerksmanager folgte er 1954 einer Einladung und zum Steinkohlentag, einem Treffen des Gesamtverbands der Steinkohleförderer. Er hielt in seiner Funktion als Vorstandsvorsitzender des Unternehmensverbands Ruhrbergbau den Vortrag „Vor welchen Aufgaben steht unser Steinkohlenbergbau?“ Seine Ausführungen fielen in die Phase der höchsten Förderkapazitäten im deutschen Steinkohlebergbau. Die kommende Kohlenkrise im Bergbau (1958) erlebte er allerdings nicht mehr.
In der Nachkriegszeit engagierte sich Springorum für die Kultur. 1949 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern der „Gesellschaft der Freunde von Bayreuth“. Die Gesellschaft konnte schnell größere Geldbeträge akquirieren, so dass die Bayreuther Festspiele von 1951 finanziell gesichert waren. Springorum gehörte zu den Förderern des Museum Folkwang in Essen. Belegt sind seine Kontakte zur Folkwangschule für Gestaltung in der Vorkriegszeit. Wie der Kontakt zum Bildhauer Jean Sprenger zustande kam ist unbekannt: Sprenger schuf Anfang der 1950er Jahre eine Bronzebüste von Springorum, die sich als Abbildung in der Publikation „‚Kraftwerk Springorum‘ der Gelsenkirchener Bergwerks-Aktien-Gesellschaft“ wiederfindet. Sprenger zeigt den Manager als eine ernste, sachliche Persönlichkeit.
Gruppenaufnahme mit Otto Springorum (2. von rechts), 1952. (Montanhistorisches Dokumentationszentrum (montan.dok) beim Deutschen Bergbau-Museum Bochum/Bergbau-Archiv Bochum/BBA 41/9329)
Springorum verstarb am 8.4.1955 in Venne bei Senden in Westfalen. Hochrangige Vertreter aus Politik und Wirtschaft würdigten seine Leistungen bei der Beerdigung. Der Essener Oberbürgermeister Hans Toussaint (1902-1977) hob seine Unterstützung des Museums Folkwang in seiner Trauerrede lobend hervorhob. Ihm zu Ehren wurde 1964 das sechs Jahre zuvor errichtete Kraftwerk Prinz-Regent-Nord in Bochum-Weitmar in „Kraftwerk Springorum“ umbenannt.
Quellen
Landesarchiv NRW, Abt. Rheinland, NW 1.037 B I-12.230, SZ, 14.4.1955 [Entnazifizierungsakte].
Neue Entlassungen beim Zollverein?, in: Essener Volkszeitung Nr. 176, 27.6.1930. Kohlehobel hilft dem Bergmann…/ Generaldirektor Springorum sprach über Bergmannsarbeit, in: General-Anzeiger für das rheinisch-westfälische Industriegebiet und das westliche Münsterland. Duisburger General-Anzeiger Nr. 80, 21.3.1944.
Springorum, Otto, Vor welchen Aufgaben steht unser Steinkohlenbergbau?, in: Glückauf 90 (1954), S. 1380–1386.
Springorum, Otto, Der Steinkohlenbergbau vor großen Aufgaben, Deutsche Industrieverlags-Gesellschaft, München 1954.
Vereinigte Stahlwerke AG. Verwaltungsänderungen bei Gelsenkirchen, in: Kölnische Zeitung Nr. 166, 31.3.1942.
Literatur
Busch, Wilhelm, F. Schupp, M. Kremmer. Bergbauarchitektur 1919-1974 (Landeskonservator Rheinland, Arbeitsheft 13), Köln 1980.
Ellerbrock, Karl-Peter, Friedrich Springorum, in: Neue Deutsche Biographie, Band 24 (2010), S. 763-764.
Ganzelewski, Michael und Rainer Slotta, Die Denkmal-Landschaft „Zeche Zollverein“. Eine Steinkohlenzeche als Weltkulturerbe?! Bochum 1999.
Heimsoth, Axel, Der Manager Otto Springorum und sein Maler Josef Urbach, in: Der Anschnitt 76 (2024), Heft 5-6, S. 261-263.
„Kraftwerk Springorum“ der Gelsenkirchener Bergwerks-Aktien-Gesellschaft, Essen 1955.
Otto Springorum, in: Der Spiegel Nr. 16, 13.4.1954.
Unverferth, Gabriele, Otto Springorum, in: Neue Deutsche Biographie, Band 24 (2010), S. 765.
Wimmelmann, Alfred, Otto Springorum, in: Glückauf 91 (1955), S. 615f.
Otto Springorum, Bronzebüste von Jean Sprenger, 1950-1955, aus: Kraftwerk Springorum‘ der Gelsenkirchener Bergwerks-Aktien-Gesellschaft, Gelsenkirchen 1961. (Privatbesitz)
- 1: Vereinigte Stahlwerke AG, in: Essener Volkszeitung Nr. 7, 7.1.1932.
- 2: Kohlehobel hilft dem Bergmann…/ Generaldirektor Springorum sprach über Bergmannsarbeit, in: General-Anzeiger für das rheinisch-westfälische Industriegebiet und das westliche Münsterland. Duisburger General-Anzeiger, Nr. 80, 21.3.1944.
- 3: Landesarchiv NRW, Abt. Rheinland, NW 1.037 B I-12.230, SZ, 14.4.1955 [Entnazifizierungsakte].
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Heimsoth, Axel, Otto Springorum, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/otto-springorum/DE-2086/lido/698b2aa7509e65.71016514 (abgerufen am 05.03.2026)
Veröffentlicht am 10.02.2026, zuletzt geändert am 23.02.2026