Paul Schallück

Schriftsteller und Publizist (1922-1976)

Andreas Burtscheidt (München)

Paul Schallück, undatiert. (Nachlass Paul Schallück / Privatbesitz)

Ob­wohl im west­fä­li­schen Wa­ren­dorf ge­bo­ren, ver­band den Schrift­stel­ler Paul Schal­lück zeit­le­bens ei­ne en­ge Be­zie­hung zu Köln, wo­hin er 1947 über­sie­del­te und sich dort ne­ben Hein­rich Böll (1917-1985) zu ei­nem der füh­ren­den Ver­tre­ter der "Trüm­mer­li­te­ra­tur", auch "Köl­ner Rea­lis­mus" ge­nannt, ent­wi­ckel­te, die für die 1950er Jah­re als Ant­wort auf die Kriegs­er­leb­nis­se und -nach­wir­kun­gen vor al­lem im völ­lig kriegs­zer­stör­ten Wes­ten Deutsch­lands so cha­rak­te­ris­tisch wer­den soll­te.

 

Paul Schal­lück wur­de am 17.6.1922 in Wa­ren­dorf als zwei­tes von drei Kin­dern des Buch­bin­ders und Wa­ren­dor­fer Hei­mat­dich­ters Hein­rich Schal­lück (1894-1972) und der aus Si­bi­ri­en stam­men­den Mut­ter Ol­ga Va­le­ria­no­wa No­wi­ko­wa (1901-1989), die als Bi­blio­the­ka­rin ar­bei­te­te, ge­bo­ren. Er hat­te ei­nen äl­te­ren Bru­der Va­le­ri­an und ei­ne jün­ge­re Schwes­ter Re­si. Der Va­ter hat­te die Mut­ter als Kriegs­ge­fan­ge­ner im Ers­ten Welt­krieg in Si­bi­ri­en ken­nen­ge­lernt. Die El­tern flo­hen 1920/1921 auf aben­teu­er­li­chen We­gen über Chi­na und In­di­en. Hein­rich Schal­lück war gleich 1914 an die Front ge­ru­fen, ein Jahr spä­ter an der rus­si­schen Front vor War­schau schwer ver­wun­det wor­den und in rus­si­sche Kriegs­ge­fan­gen­schaft ge­ra­ten. Den dar­über ver­fass­ten Er­leb­nis­be­richt ver­öf­fent­lich­te er un­ter dem Ti­tel "Die Skla­ven in Si­bi­ri­en. Er­in­ne­run­gen aus schwe­rer Zeit 1915-1921" nach sei­ner Rück­kehr.

Von 1928-1935 be­such­te Paul Schal­lück die ka­tho­li­sche Volks­schu­le in sei­ner Hei­mat­stadt Wa­ren­dorf, an­schlie­ßend fünf Jah­re lang Klos­ter­schu­len, um sich auf ein Le­ben als Mis­sio­nar vor­zu­be­rei­ten, so von 1935-1937 das Herz-Je­su-Mis­si­ons­haus in Bop­pard, 1937/1938 das Mis­si­ons­haus in Hil­trup und bis 1940 eben­so dort die Apos­to­li­sche Schu­le. 1940 wech­sel­te er auf die Ober­schu­le für Jun­gen in Wa­ren­dorf, das so­ge­nann­te Gym­na­si­um "Lau­ren­tia­num", das er vor­zei­tig An­fang Ok­to­ber 1941 we­gen sei­ner Ein­be­ru­fung zum Mi­li­tär ver­las­sen muss­te. Mit Da­tum vom 1.4.1942 wur­de ihm vor­zei­tig das Ab­itur zu­er­kannt.

Paul Schallück, undatiert. (Nachlass Paul Schallück / Privatbesitz)

 

Als Ge­frei­ter der Luft­waf­fe war Schal­lück ab 1.11.1942 als Fun­ker ein­ge­setzt, ab Ok­to­ber 1943 als Ober­ge­frei­ter. Mit ei­ner schwe­ren Ver­wun­dung im Kampf mit fran­zö­si­schen Wi­der­stands­kämp­fern en­de­te sein Kriegs­ein­satz am 20.8.1944 in Pa­ris. Ein Schuss in den Ober­schen­kel am Pont Neuf ver­ur­sach­te ei­nen Ober­schen­kel­bruch, der zu ei­ner Bein­ver­kür­zung führ­te, die Schal­lück zeit­le­bens be­hin­der­te. Fran­zö­si­sche Me­di­zin­stu­den­ten des Ro­ten Kreu­zes ret­te­ten den ver­wun­de­ten Schal­lück. Vom 3.9.1944-13.6.1945 dau­er­te sein La­za­rett­auf­ent­halt im Hos­pi­tal Vil­le­min in Pa­ris. Am 31.12.1945 wur­de er aus der fran­zö­si­schen Kriegs­ge­fan­gen­schaft ent­las­sen. Sei­ne Er­leb­nis­se am Pont Neuf schil­der­te er spä­ter in der Er­zäh­lung "Am Ufer der Sei­ne".

Am 8.1.1946 mel­de­te sich Paul Schal­lück wie­der in Wa­ren­dorf an und be­gann zum Som­mer­se­mes­ter 1946 für drei Se­mes­ter an der Uni­ver­si­tät Müns­ter ein Stu­di­um der Ger­ma­nis­tik, Phi­lo­so­phie und Ge­schich­te. Zum Win­ter­se­mes­ter 1947/1948 wech­sel­te er schlie­ß­lich an die Uni­ver­si­tät des schwer kriegs­zer­stör­ten Köln, das fort­an sei­ne Hei­mat blieb. Der Blick auf die in Trüm­mern lie­gen­de Dom­stadt soll­te sei­nen wei­te­ren Le­bens­weg mehr be­ein­flus­sen als er da­mals viel­leicht den­ken moch­te. An der dor­ti­gen Uni­ver­si­tät be­leg­te er zu­nächst bis zum Win­ter­se­mes­ter 1949/1950 Thea­ter­wis­sen­schaf­ten vor al­lem bei Carl Nies­sen (1890-1969), Kunst­ge­schich­te, Phi­lo­so­phie und Ger­ma­nis­tik. Er spiel­te mit dem Ge­dan­ken über die Schau­spie­le­rin Loui­se Du­mont-Lin­de­mann ei­ne Dis­ser­ta­ti­on zu ver­fas­sen, wo­von ihn aber an­de­re Plä­ne ab­hiel­ten. Lie­ber ar­bei­te­te er als Thea­ter- und Kunst­kri­ti­ker, so für das "Neue Ta­ge­blatt" und die "Müns­ter­sche Zei­tung", und ver­folg­te ein ers­tes an­de­res Lang­zeit­pro­jekt – das Ver­fas­sen sei­nes ers­ten Ro­mans, der 1951 un­ter dem Ti­tel "Wenn man auf­hö­ren könn­te zu lü­gen" er­schien.

Paul Schal­lücks Ro­man­de­büt er­zählt die Ge­schich­te ei­ner Stu­den­ten­cli­que. Der Stu­dent Tho­mas, ein cha­ris­ma­ti­scher Typ und Frau­en­schwarm, ist mit Bär­bel li­iert und lebt in den Tag hin­ein. Die Er­fah­run­gen des Krie­ges ha­ben aus ihm ei­nen Ni­hi­lis­ten und Exis­ten­tia­lis­ten ge­macht. Über­all er­kennt er nur Mit­tel­maß und Ver­lo­gen­heit. Als er die at­trak­ti­ve Ma­ri­on ken­nen­lernt, ver­lässt er Bär­bel. Ma­ri­on um­weht et­was Un­nah­ba­res. Tho­mas ver­sucht, ihr Ge­heim­nis zu er­grün­den und be­zahlt dies fast mit sei­nem Le­ben. Schal­lücks Erst­lings­werk ist ein re­bel­li­scher Ro­man. Er bringt das Le­bens­ge­fühl ei­ner jun­gen Ge­ne­ra­ti­on zum Aus­druck, die mehr oder we­ni­ger ge­prägt war vom Zwei­ten Welt­krieg und sei­nen Fol­gen. Der 29-jäh­ri­ge Au­tor schrieb sich sei­ne ei­ge­nen Ge­wis­sens­kon­flik­te in ei­ner im­pul­si­ven und sug­ges­ti­ven Spra­che un­ge­schminkt von der See­le, auch die Nä­he zum fran­zö­si­schen Exis­ten­tia­lis­mus nach 1945 ist un­ver­kenn­bar.

Im Sep­tem­ber 1952 hei­ra­te­te Paul Schal­lück in der Pa­ri­ser Kir­che Saint-Ger­main-des-Prés die Buch­händ­le­rin Il­se Nel­sen (1926-1978) aus Köln. Die Ehe blieb kin­der­los. Ab 1952 ver­öf­fent­lich­te Schal­lück sei­ne ers­ten Wer­ke auch in Frank­reich. Noch im sel­ben Jahr er­hielt er den Preis der Zuck­may­er-Stif­tung und nahm zum ers­ten Mal an ei­nem Tref­fen der "Grup­pe 47" teil. In den Jah­ren 1952-1964 ge­hör­te Paul Schal­lück zum fes­ten Teil­neh­mer­kreis der be­deu­tends­ten Grup­pe bun­des­re­pu­bli­ka­ni­scher Nach­kriegs­li­te­ra­tur, erst ab Mit­te der 1960er Jah­re zog er sich mehr und mehr zu­rück.

1953 er­schien Schal­lücks nächs­ter Ro­man "An­kunft null Uhr zwölf". 1954 las er auf der Ta­gung der "Grup­pe 47" in Cap Ci­ce­ro in Ita­li­en den "Mo­no­log ei­nes Süch­ti­gen" aus sei­nem ein Jahr spä­ter fer­tig­ge­stell­ten Ro­man "Die un­sicht­ba­re Pfor­te". Im Ju­ni 1955 er­hielt er ge­mein­sam mit Wal­ter Voll­mer (1903-1965) den "An­net­te-von-Dros­te-Hüls­hoff-Preis".

Mit sei­nen Ar­bei­ten als frei­er Jour­na­list und Schrift­stel­ler hat­te sich Paul Schal­lück Mit­te der 1950er Jah­re ei­ner ganz be­stimm­ten Li­te­ra­tur­rich­tung in­ner­halb der neu­en Schrift­stell­er­ge­ne­ra­ti­on nach dem Zwei­ten Welt­krieg ver­schrie­ben – der so­ge­nann­ten "Trüm­mer­li­te­ra­tur", de­ren Ver­tre­ter ei­ne un­prä­ten­tiö­se Sicht auf ei­ne nüch­ter­ne, aber nicht hoff­nungs­lo­se Ge­gen­wart ei­ner zer­rüt­te­ten, lang­sam wie­der Fuß fas­sen­den Ge­sell­schaft ver­mit­teln woll­ten. Schon seit ei­ni­gen Jah­ren hat­te er ei­nen be­deu­ten­den Mit­strei­ter an sei­ner Sei­te, in des­sen Schat­ten er im Lau­fe sei­nes Schaf­fens al­ler­dings auch blei­ben soll­te: Hein­rich Böll. Pri­vat kann­ten sich Schal­lück und Böll spä­tes­tens seit 1950, als sie ge­mein­sam un­ter an­de­rem mit Hans Ben­der (1919-2015) ei­ne Rund­funk­sen­dung ge­stal­te­ten. Böll brach­te Schal­lück auch mit dem Ver­le­ger Fried­rich Mid­del­hauve aus Op­la­den (heu­te Stadt So­lin­gen) zu­sam­men, in des­sen Ver­lag 1951 Schal­lücks ers­ter Ro­man "Wenn man auf­hö­ren könn­te zu lü­gen" er­schien. Böll war ge­wiss der er­folg­rei­che­re von bei­den und blieb mit sei­nen frü­hen Nach­kriegs­ro­ma­nen und Er­zäh­lun­gen im li­te­ra­ri­schen Ge­dächt­nis bis heu­te nach­hal­ti­ger in Er­in­ne­rung als Schal­lück.

Ei­ne an­de­re Büh­ne für die bei­den Köl­ner Ver­tre­ter der "Trüm­mer­li­te­ra­tur" bo­ten die le­gen­dä­ren "Mitt­wochs­ge­sprä­che", die der Buch­händ­ler Ger­hard Lud­wig (1909-1994) un­ter re­gem Pu­bli­kums­in­ter­es­se im so­ge­nann­ten "Drit­ten War­te­saal" im Köl­ner Haupt­bahn­hof durch­führ­te und die über­re­gio­na­le Be­kannt­heit er­lang­ten. Die The­men die­ser öf­fent­li­chen und zu­nächst als Wer­bung ge­dach­ten Ge­sprächs­run­den fan­den gro­ße Re­so­nanz bei Pu­bli­kum und Me­di­en.

Lud­wig er­hielt im Ju­ni 1946 von der bri­ti­schen Mi­li­tär­ver­wal­tung die Li­zenz für den Pres­se­ver­kauf im Köl­ner Haupt­bahn­hof und er­öff­ne­te im De­zem­ber 1949 die ers­te Sor­ti­ments­buch­hand­lung auf dem Ge­biet der Deut­schen Bun­des­bahn. Da­mit ent­stand ei­ne der be­kann­tes­ten deut­schen Bahn­hofs­buch­hand­lun­gen, die mit den zur In­stanz ge­wor­de­nen po­li­tisch-kul­tu­rel­len "Mitt­woch­ge­sprä­chen" un­ter dem Mot­to "Frei­er Ein­tritt, Freie Fra­gen, Freie Ant­wor­ten" in den 1950er Jah­ren zum Schau­platz ei­ner ers­ten deut­schen Talk­show avan­cier­te. Pro­mi­nen­te Gäs­te aus der gan­zen Re­pu­blik hiel­ten Vor­trä­ge oder la­sen aus ih­ren neu­es­ten Ver­öf­fent­li­chun­gen. Ge­stal­ter und Be­trof­fe­ne aus der Po­li­tik, der bil­den­den Kunst, Mu­sik und Li­te­ra­tur lie­fer­ten sich in die­sen Tref­fen zum Teil hef­ti­ge Dis­kus­sio­nen, die spä­ter auch auf Ton­band auf­ge­zeich­net wur­den. Zu den Teil­neh­mern ge­hör­ten zum Bei­spiel Jo­seph Beuys, Lud­wig Er­hard (1897-1977), Theo­dor W. Ador­no (1903-1969), Ru­dolf Augstein (1923-2002) oder Gus­taf Gründ­gens (1899-1963). Es ging um bri­san­te The­men wie "Pres­se­frei­heit" (21.5.1952), die "Wie­der­be­waff­nung" (3.11.1954) oder "To­des­stra­fe ja oder nein?" (16.3.1955). Am 4.7.1956 wur­den die Mitt­wochs­ge­sprä­che nach 260 Fol­gen um­bau­be­dingt be­en­det.

An­läss­lich der vom 2.-16.12.1951 durch­ge­führ­ten Rei­he "Tag des Au­tors" las Paul Schal­lück im "56. Mitt­wochs­ge­spräch" am 10. De­zem­ber aus dem Ro­man "Wenn man auf­hö­ren könn­te zu lü­gen" und wur­de als "er­freu­li­che Ent­de­ckung" ge­fei­ert. Der eher kon­ser­va­ti­ve Kri­ti­ker Ru­dolf Krä­mer-Ba­do­ni (1913-1989) führ­te durch den Abend. Nur zwei Aben­de spä­ter stand Hein­rich Böll Re­de und Ant­wort. Bei­de ge­mein­sam ge­stal­te­ten dann am 23.7.1952 das "90. Mitt­wochs­ge­spräch" un­ter dem Ti­tel "War­um Trüm­mer­li­te­ra­tur?"

Köln ge­wann als auf­stei­gen­de Me­di­en­stadt in den 1950er Jah­ren als Pro­duk­ti­ons- und Wir­kungs­stät­te für vie­le Au­to­ren ei­ne zu­neh­men­de Be­deu­tung. Seit 1945 sand­te der "NW­DR" sein Pro­gramm, ab 1956 ent­stand aus dem Sen­der der ei­gen­stän­di­ge "WDR". 1953 ließ sich die "Deut­sche Wel­le" in Köln nie­der und 1960 folg­te der "Deutsch­land­funk". Das Me­di­um Ra­dio brauch­te Au­to­ren, die wie­der­um mit­hi­fe des Gen­res "Hör­spiel" neue We­ge be­schrei­ten konn­ten, die ih­nen zu­dem ei­ne wei­te­re ma­te­ri­el­le Ab­si­che­rung ge­währ­te. Da­zu ge­hör­te Paul Schal­lück als ei­ner der meist­be­schäf­tig­ten Schrift­stel­ler im NW­DR/WDR, der beim Hör­funk und seit Mit­te der 1960er Jah­re auch beim Fern­se­hen bis in die 1970er Jah­re hin­ein für den Sen­der ar­bei­te­te. Schal­lück er­wies sich als äu­ßerst po­li­tisch en­ga­gier­ter Rund­funk­pu­bli­zist und fer­tig­te für di­ver­se Res­sorts Bei­trä­ge an, auch für den Schul­funk, von de­nen ei­ne Rei­he an­schlie­ßend in Zeit­schrif­ten oder Buch­antho­lo­gi­en er­schie­nen. Min­des­tens 164 Rund­funk­ar­bei­ten un­ter­schied­lichs­ter Gen­res, da­von un­ge­fähr knapp die Hälf­te im NW­DR/WDR ge­sen­det, sind nach­weis­bar. Schal­lück ließ sich nicht da­von ab­brin­gen, be­son­ders The­men der NS-Ge­schich­te zu be­han­deln.

Ei­ne wei­te­re we­sent­li­che Be­tä­ti­gung Paul Schal­lücks war sein ge­sell­schaft­lich-po­li­ti­sches En­ga­ge­ment, so zum Bei­spiel in Köln in der Mit­be­grün­dung der "Köl­ni­schen Ge­sell­schaft für Christ­lich-Jü­di­sche Zu­sam­men­ar­beit" und der "Ger­ma­nia Ju­dai­ca – Köl­ner Bi­blio­thek zur Ge­schich­te des deut­schen Ju­den­tums". Schal­lücks viel­fäl­ti­ges Ein­tre­ten für die christ­lich-jü­di­sche, ins­be­son­de­re die deutsch-jü­di­sche Ver­stän­di­gung, re­sul­tier­te aus der Über­zeu­gung, dass ei­ne dau­er­haf­te fried­li­che Ko­exis­tenz der Men­schen, Völ­ker und Re­li­gio­nen nur durch ei­nen le­ben­di­gen Dia­log er­reicht wer­den könn­te – ei­ne Hal­tung, die auf den von ihm sehr ver­ehr­ten jü­di­schen Phi­lo­so­phen und Theo­lo­gen Mar­tin Bu­ber (1878-1965) zu­rück­ging. Schal­lück hat in viel­fa­chen Be­mü­hun­gen ei­nen be­mer­kens­wer­ten Bei­trag zur Auf­ar­bei­tung der Ju­den­ver­fol­gung in Deutsch­land ge­leis­tet. Da­bei ging es ihm nicht al­lein um Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung, er trat auch für ein zu­künf­ti­ges Zu­sam­men­le­ben von Chris­ten und Ju­den in Deutsch­land ein.

Die "Köl­ni­sche Ge­sell­schaft für Christ­lich-Jü­di­sche Zu­sam­men­ar­beit", heu­te die grö­ß­te Christ­lich-Jü­di­sche Ge­sell­schaft in Deutsch­land, wur­de am 30.3.1958 mit den Zie­len An­ti­se­mi­tis­mus und In­to­le­ranz zu be­kämp­fen, das wech­sel­sei­ti­ge Ver­ständ­nis der jü­di­schen und christ­li­chen Ge­mein­schaft zu för­dern und den christ­lich-jü­di­schen Dia­log zu ver­tie­fen, ge­grün­det. Die Ge­schich­te der christ­lich-jü­di­schen Zu­sam­men­ar­beit reicht bis in die 20er Jah­re des 20. Jahr­hun­derts zu­rück: Die 1928 in die USA ge­grün­de­te "Na­tio­nal Con­fe­rence of Chris­ti­ans an Je­ws" wur­de zum Vor­bild für die Christ­lich-Jü­di­schen Ge­sell­schaft, die nach 1945 in Deutsch­land, un­ter an­de­rem in Mün­chen, Stutt­gart, Ber­lin und Frank­furt ge­grün­det wur­den. Zu den zahl­rei­chen Ver­an­stal­tun­gen, die Schal­lück mit die­ser und für die­se Ge­sell­schaft durch­führ­te, ge­hör­te auch die Teil­nah­me an der im Früh­jahr 1968 ver­an­stal­te­ten Po­di­ums­dis­kus­si­on un­ter dem Ti­tel "Zi­vil­cou­ra­ge – ges­tern – heu­te – mor­gen" im Rah­men der Köl­ner "Wo­che der Brü­der­lich­keit".

Die "Ger­ma­nia Ju­dai­ca" wur­de am 17.6.1958 von dem Köl­ner Ober­bür­ger­meis­ter Theo Burau­en (1906-1987), dem Li­te­ra­tur­kri­ti­ker Wil­helm Un­ger (1904-1985), dem Ver­le­ger Ernst Brü­cher (1925-2006) und Schal­lück be­grün­det. Bis zur of­fi­zi­el­len Ver­eins­grün­dung 1959 stie­ßen un­ter an­de­rem Hein­rich Böll, der Ban­kier Iwan Da­vid Her­statt und der Kul­tur­de­zer­nen­t Kurt Ha­cken­berg zu der Grup­pe. Ge­mein­sam wa­ren sie der Über­zeu­gung, dass Un­kennt­nis Vor­ur­tei­le be­güns­ti­ge und woll­ten ei­ne Ein­rich­tung schaf­fen, die den nach­fol­gen­den Ge­ne­ra­tio­nen Zeug­nis von Ge­schich­te und Kul­tur des ver­nich­te­ten deut­schen Ju­den­tums ge­ben soll­te. Schal­lück wirk­te an den ers­ten bei­den Bän­den der Schrif­ten­rei­he der "Ger­ma­nia Ju­dai­ca" mit und for­mu­lier­te in sei­nem Vor­wort des ers­ten Ban­des Sinn und Zie­le der Ver­ei­ni­gung.

So­wohl Böll als auch Schal­lück stan­den auch in freund­schaft­li­chem Kon­takt zu dem aus Ru­mä­ni­en stam­men­den deutsch-jü­di­schen Schrift­stel­ler Paul Ce­lan (1920-1970), der auf viel Un­ver­ständ­nis bei sei­nen üb­ri­gen Kol­le­gen, vor al­lem im Um­feld der "Grup­pe 47" stieß. Die Ver­bin­dung zu ihm mag das En­ga­ge­ment Bölls und Schal­lücks für die "Ger­ma­nia Ju­dai­ca" for­ciert ha­ben. Eben­so ließ Cel­ans Nä­he zu Frank­reich ihn zu ei­nem Freund Schal­lücks wer­den.

Als der Vor­stand sich aber 1962 ent­schloss, Zie­le und Sat­zung der "Ger­ma­nia Ju­dai­ca" zu än­dern, nahm Schal­lücks En­ga­ge­ment in dem Ver­ein ein ab­rup­tes En­de. Ob­wohl er den Vor­sitz ge­ra­de von Böll über­nom­men hat­te, konn­te er sich in ei­ner Vor­stands­sit­zung nicht durch­set­zen, als man die Zie­le des Ver­eins auf den rei­nen Auf- und Aus­bau der Samm­lung re­du­zie­ren woll­te. Das in den Ver­eins­sat­zun­gen fest­ge­leg­te Pro­gramm, das ne­ben der Her­aus­ga­be der Schrif­ten­rei­he auch ein Bul­le­tin so­wie die Bil­dung ei­nes Re­fe­ren­ten­sta­bes für In­for­ma­ti­ons­ver­an­stal­tun­gen in Schu­len und Uni­ver­si­tä­ten plan­te, war nach An­sicht Schal­lücks un­zu­läs­sig re­du­ziert wor­den. Die schrift­li­che An­kün­di­gung der Ge­schäfts­füh­re­rin Jut­ta Bohn­ke-Koll­witz (ge­bo­ren 1923), der En­ke­lin der Künst­le­rin Kä­the Koll­witz (1867-1945), die Ge­schäfts­füh­rung des Ver­eins we­gen Ar­beits­über­las­tung nie­der­zu­le­gen, hat­te den Vor­stand zu die­sem Schritt ge­zwun­gen.

Im Den­ken und li­te­ra­ri­schen Schaf­fen Paul Schal­lücks nahm Köln ei­nen be­son­de­ren Platz ein - ei­ne Wahl­hei­mat, die ihm wie Hein­rich Böll es ein­mal for­mu­lier­te, zu ei­nem Ar­chi­ty­pus ei­ner frei­heit­lich-li­be­ra­len und of­fe­nen Le­bens­welt wur­de. In Rund­funk- und Fern­seh­sen­dun­gen wie "Köln, al­te hei­li­ge und schö­ne Din­ge" (1956), in Pro­sabei­trä­gen wie "Zum Bei­spiel die Ho­he Stra­ße" (1953), "Mön­che und Land­strei­cher" (1958), "Men­schen am Rhein" (1961) oder "Köl­scher Klün­gel" (1965) und Ge­dich­ten wie "Ge­sich­ter. Köln II" (1967) pries er die­sen be­son­de­ren Ort. Sei­ne bei­den be­kann­tes­ten Plä­doy­ers für Köln, sei­ne Lie­bes­er­klä­run­gen für die "nörd­lichs­te Stadt Ita­li­ens", er­schie­ne­nen 1959 un­ter dem Ti­tel "Köln – Por­trät ei­ner Stadt" und "Der Platz, an dem ich schrei­be" (1960).

Auch Schal­lücks letz­tem Ro­man soll­te das Köln-The­ma zu­grun­de lie­gen, als er im Herbst 1967 "Don Quichot­te in Köln" er­schei­nen ließ. Er nimmt im Schal­lück­schen Œu­vre ei­ne Son­der­rol­le ein und weist nur noch we­ni­ge Ge­mein­sam­kei­ten mit den in den zu­vor er­schie­ne­nen Wer­ken ver­ar­bei­te­ten The­men auf: Schal­lück hat­te sein ur­sprüng­li­ches The­ma, die Auf­ar­bei­tung der Nach­kriegs­jah­re, auf­ge­ge­ben. Die Haupt­fi­gur des Re­dak­teurs An­ton Schmitz trägt vie­le Zü­ge sei­ner selbst und der Schal­lück­schen Re­si­gna­ti­on, die im Spät­werk zu­neh­mend deut­lich wird. Aber wie der Prot­ago­nist schei­tert Schal­lück mit sei­nem Ro­man - für den Au­tor ei­ne er­nüch­tern­de Er­fah­rung, mit der er nicht ge­rech­net hat­te. Schal­lück gab sei­nen ur­sprüng­li­chen Plan ei­ner "Don Quichot­te"-Tri­lo­gie re­si­gniert auf. Wei­te­re li­te­ra­ri­sche Er­fol­ge blie­ben ihm da­nach ver­wehrt: Das Kin­der­buch "Karls­ba­der Po­nys" (1968) brach­te – trotz Ver­fil­mung durch den WDR– nur we­nig Er­folg; ver­schie­de­ne Er­zäh­lun­gen fan­den nur noch Klein­ver­la­ge; die Zu­sam­men­ar­beit mit der Deut­schen Oper am Rhein schei­ter­te eben­so wie sei­ne Neu­ori­en­tie­rung hin zum Thea­ter – ein­zig sein En­ga­ge­ment als Dreh­buch­au­tor hat­te noch ei­nen be­schei­de­nen Er­folg.

Po­li­tisch en­ga­gier­te sich Schal­lück seit Mit­te der 1960er Jah­re wie vie­le an­de­re Schrift­stel­ler­kol­le­gen, die der Ge­ne­ra­ti­on der "Grup­pe 47" ent­stamm­ten, für die SPD und be­son­ders für Bun­des­kanz­ler Wil­ly Brandt (1913-1992, Bun­des­kanz­ler 1969-1974). Am 12.9.1965 un­ter­stütz­te Schal­lück Gün­ter Grass (1927-2015) auf ei­ner sei­ner ers­ten Wahl­kampf­rei­sen für die SPD in Köln. Auf dem Neu­markt fand vor rund 5.000 Zu­hö­rern ei­ne Ver­an­stal­tung mit Schal­lück, Grass un­d Hans-Jür­gen Wi­sch­new­ski statt. Er be­tei­lig­te sich im Vor­feld der Bun­des­tags­wahl 1969 an ei­ner Wäh­ler­initia­ti­ve für die SPD, hielt Re­den bei SPD-Ver­an­stal­tun­gen und schrieb die Re­de von Bun­des­kanz­ler Brandt auf dem ers­ten Kon­gress des Ver­ban­des Deut­scher Schrift­stel­ler in Stutt­gart 1970.

Von 1971 bis 1976 lei­te­te er noch als Chef­re­dak­teur die deutsch-fran­zö­si­sche Zeit­schrift "Do­ku­men­te", her­aus­ge­ge­ben von der Ge­sell­schaft für über­na­tio­na­le Zu­sam­men­ar­beit, die für die deutsch-fran­zö­si­sche Freund­schaft nach 1945 ein­trat. Sein bun­des­po­li­ti­sches En­ga­ge­ment vor al­lem zum Schut­ze von Min­der­hei­ten setz­te er bis zu sei­nem frü­hen Tod fort. Schal­lück stand dem "Grün­wal­der Kreis" nah, ei­nem Zu­sam­men­schluss de­mo­kra­tisch en­ga­gier­ter Pu­bli­zis­ten, Wis­sen­schaft­ler und Ju­ris­ten ge­gen rechts­ra­di­ka­le Ten­den­zen, war Mit­glied des PEN-Clubs Deutsch­land, der "Deut­schen Aka­de­mie für Spra­che und Dich­tung", Darm­stadt (seit 1969) und im "Ver­band Deut­scher Schrift­stel­ler" (seit 1970).

Ein letz­ter Hö­he­punkt für sein Schaf­fen war noch die Zu­er­ken­nung des re­nom­mier­ten, mit 10.000 DM do­tier­ten "Nel­ly-Sachs-Preis" der Stadt Dort­mund (1973). In­fol­ge ei­nes Bron­chi­al­kar­zi­noms starb Schal­lück be­reits am 29.2.1976 im Al­ter von 53 Jah­ren in sei­ner Wahl­hei­mat Köln. Sein Grab be­fin­det sich auf dem Fried­hof Mün­gers­dorf.

Der Nach­lass Paul Schal­lücks wur­de nach dem eben­so frü­hen Tod sei­ner Frau Il­se Schal­lück 1978 zu­sam­men mit sei­ner Bi­blio­thek an die Stadt Köln ge­ge­ben und im März 1978 in das "His­to­ri­sche Ar­chiv der Stadt Köln" ge­bracht. Ei­ne am Jus­tiz­zen­trum Köln nach ihm be­nann­te Stra­ße er­in­nert heu­te noch an ihn.

Werke (Auswahl)

Wenn man auf­hö­ren könn­te zu lü­gen, Op­la­den 1951.
An­kunft null Uhr zwölf, Frank­furt a.M. 1953.
Die un­sicht­ba­re Pfor­te, Frank­furt a.M. 1954.
Q 3 und die ho­he Stra­ße, Stier­stadt, Tau­nus 1956 (zu­sam­men mit Jens Bag­ge­sen).
Wei­ße Fah­nen im April, Müns­ter 1956.
En­gel­bert Rei­ne­ke, Frank­furt a.M. [u. a.] 1959.
Zum Bei­spiel, Frank­furt a.M. 1962.
Wett­lauf mit dem To­de, Bonn 1963.
Ho­he fest­li­che Ver­samm­lung, Stier­stadt im Tau­nus 1966.
La­kriz­za und an­de­re Er­zäh­lun­gen, Ba­den-Ba­den 1966.
Don Quichot­te in Köln, Frank­furt a.M. 1967.
Ge­sich­ter, Ber­lin 1967.
Or­den, Ber­lin 1967.
Karls­ba­der Po­nys, Ba­den-Ba­den 1968.
Ge­gen Ge­walt und Un­mensch­lich­keit, Köln 1969.
Hier­zu­lan­de und an­ders­wo, Wup­per­tal 1974.
Dein Bier und mein Bier, Le­ver­ku­sen 1976.
Count­down zum Pa­ra­dies, Le­ver­ku­sen 1976.
Ge­samt­werk, 5 Bän­de, Köln 1976-1977.
Mo­ment mal!, Köln 2003.

Herausgeberschaft

Al­le­ma­gne 1945–1965, Pa­ris 1965.
Im Na­men des Vol­kes? Aus­ge­schlos­sen, ein­ge­sperrt, Köln 1973.

Übersetzungen

Wil­liam Shake­speare: Troi­lus und Cres­si­da, Frank­furt am Main 1970.

Literatur

Göd­den, Wal­ter (Hg.), "Wenn man auf­hö­ren könn­te zu lü­gen ...", Bie­le­feld 2002. 
Kee­le, Alan Frank, Paul Schal­lück and the post-war Ger­man Don Qui­xo­te, Bern [u.a.] 1976.
Lei­di­ger, Paul, "Asi­en und Eu­ro­pa". Ol­ga und Paul Schal­lück zum Ge­den­ken, in: Wa­ren­dor­fer Schrif­ten 19/20 (1989/1990), S. 45–51. Schal­lück, Hein­rich, Die Skla­ven in Si­bi­ri­en. Er­in­ne­run­gen aus schwe­rer Zeit 1915–1921, Wa­ren­dorf 1921.
Wa­cker, Fried­helm, Er­leb­nis­se am Lau­ren­tia­num in mei­ne Schul­zeit – Er­in­ne­rung an Paul Schal­lück und an­de­re, in: Schäf­fer, Klaus (Hg.), Wie die Pom­mes nach Wa­ren­dorf ka­men. Ein Jahr­hun­dertspa­zier­gang, Wa­ren­dorf 1999, S. 46–53.

Online

Del­s­eit, Wolf­gang, "Ei­ne Stadt mit tau­send Ge­sich­tern". Paul Schal­lück und Köln. [on­line]  
Göd­den, Wal­ter, Schal­lück, Paul, in: Neue Deut­sche Bio­gra­phie 22 (2005), S. 554-555. [on­line
Paul Schal­lück in: Le­xi­kon West­fä­li­scher Au­to­rin­nen und Au­to­ren 1750 bis 1950. [on­line

Paul Schallück, undatiert. (Nachlass Paul Schallück / Privatbesitz)

 
Zitationshinweis

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Burtscheidt, Andreas, Paul Schallück, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/paul-schallueck-/DE-2086/lido/5e1ddb5614cdf0.48124298 (abgerufen am 05.06.2020)