Thierry Hermès

Sattler und Unternehmensgründer (1801-1878)

Pierre Sommet (Krefeld) & Moritz Sommet (Freiburg im Üechtland)

Thierry Hermès, Porträtfoto, um 1850. (gemeinfrei)

Thier­ry Her­mès (Her­mes) war ein Satt­ler­meis­ter aus Kre­feld, der in den frü­hen 1820er Jah­ren nach Frank­reich emi­grier­te und dort den Grund­stein für das Lu­xus­gü­ter­un­ter­neh­men Her­mès leg­te.

Wie Do­ku­men­te aus den Ar­chi­ven der Städ­te Duis­burg und Kre­feld be­le­gen, stamm­ten die Vor­fah­ren von Thier­ry Her­mès aus ein­fa­chen Ver­hält­nis­sen. Sie wa­ren Bau­ern, grö­ß­ten­teils An­alpha­be­ten, die be­schei­den im Wei­ler As­ter­la­gen (heu­te Duis­burg-Rhein­hau­sen) leb­ten, et­wa 20 Ki­lo­me­ter von Kre­feld ent­fernt auf der lin­ken Rhein­sei­te. Die Fa­mi­lie war deut­scher Ab­stam­mung. An­ders, als bis­wei­len ge­mut­ma­ßt wur­de, han­del­te es sich nicht et­wa um fran­zö­si­sche Cal­vi­nis­ten, die nach der Auf­he­bung des Edikts von Nan­tes durch Lud­wig XIV. (1638-1715) im Jahr 1685 nach Kre­feld aus­wan­dern muss­ten.

Der ers­te be­kann­te Vor­fah­re von Thier­ry ist Ja­kob Her­mes (oh­ne Ak­zent). We­der sein Ge­burts­da­tum noch das sei­ner Ehe­frau Eli­sa­beth sind be­kannt. Ihr Sohn Bor­chard wur­de am 18.11.1712 in der re­for­mier­ten Ge­mein­de Hoch­em­me­rich (heu­te Duis­burg-Rhein­hau­sen) ge­tauft. Bor­chard, ein Förs­ter, hei­ra­te­te Eli­sa­beth Bier­m­ans (1717-1795). Ihr neun­tes Kind, Di­ede­rich (1760-1814), ist der Va­ter des spä­te­ren Satt­ler­meis­ters Thier­ry Her­mès.

Di­ede­rich Her­mes wird in Thier­rys Ge­burts­ur­kun­de als Ca­ba­re­tier (Schank­wirt) ge­führt und war ver­hei­ra­tet mit Agnes Küh­nen (1760-1813) aus As­ter­la­gen. Das Ehe­paar wohn­te in Kre­feld und ge­hör­te der re­for­mier­ten Kon­fes­si­on an. Thier­ry, ge­bo­ren am 10.1.1801, war ihr sieb­tes Kind; meh­re­re sei­ner Ge­schwis­ter star­ben im Klein­kind­al­ter. Sein Va­ter woll­te, dass der Jun­ge wie er selbst Di­ede­rich hei­ßen soll­te. Da Kre­feld, da­mals Crevelt, in der Fran­zo­sen­zeit Teil des fran­zö­si­schen Dé­par­te­ment de la Ro­er war und Fran­zö­sisch die of­fi­zi­el­le Amts­spra­che, wur­de die­ser Tauf­na­me in der Ge­burts­ur­kun­de in der fran­zö­si­schen Form Thier­ry ein­ge­tra­gen.

Mit 13 oder 14 Jah­ren ver­ließ Thier­ry die Schu­le, um ei­ne Leh­re in ei­ner der fünf Satt­le­rei­en sei­ner Hei­mat­stadt zu ab­sol­vie­ren. 1821 wur­de er im Al­ter von 20 Jah­ren aus dem Mi­li­tär­re­gis­ter ge­stri­chen und wan­der­te nach Pa­ris aus, wo er sei­nen Na­men zu Her­mès (mit Ak­zent) fran­zö­si­sier­te und als Satt­ler ar­bei­te­te. Er leb­te dort in der Rue Saint-Ni­co­las im ehe­ma­li­gen Pa­ri­ser Vor­ort Fau­bourg Saint-An­toi­ne, in dem vie­le deut­sche Hand­wer­ker, et­wa Mö­bel­tisch­ler, Schnei­der und Schus­ter, hei­misch wa­ren.

Zu die­sem Zeit­punkt hat­te Thier­ry fast al­le Fa­mi­li­en­mit­glie­der ver­lo­ren. Sein äl­te­rer Bru­der Hen­rich, Ser­geant in Na­po­le­ons Ar­mee wäh­rend des Spa­ni­en­feld­zugs, starb am 18.11.1812 an ei­ner fieb­ri­gen Er­kran­kung im Mi­li­tär­kran­ken­haus von Vi­to­ria im Bas­ken­land. Sei­ne äl­te­re Schwes­ter Eli­sa­beth Her­mes (1796-1847) ver­blieb in der Hei­mat­stadt Kre­feld und wohn­te wei­ter­hin im al­ten Haus der Fa­mi­lie in der Kö­nig­stra­ße (nach der da­ma­li­gen Häu­ser­zäh­lung die Num­mer 473).

1828 wohn­te Thier­ry Her­mès in der Rue du Fau­bourg Mont­mart­re, be­kannt als ei­nes der Pro­sti­tu­ier­ten­vier­tel von Pa­ris, ver­mut­lich un­ter pre­kä­ren Be­din­gun­gen. Am 17.4.1828 hei­ra­te­te der jun­ge Satt­ler die 22-jäh­ri­ge in Düs­sel­dorf ge­bo­re­ne Ka­tho­li­kin Chris­ti­ne Pé­tro­nil­le Pié­r­art (1806-1896), die er in der fran­zö­si­schen Haupt­stadt ken­nen­ge­lernt hat­te. Die Trau­ung fand in der Kir­che Not­re-Da­me de Bon­ne-Nou­vel­le statt. Chris­ti­ne war die Toch­ter des wal­lo­ni­schen Ta­ge­löh­ners Adri­en Pié­r­art (1781-1842) und der Köl­ne­rin Ma­ria Mag­da­le­na Cor­dé (1781-1836). Das Ehe­paar Her­mès be­kam drei Kin­der: zwei Söh­ne, An­dré Hen­ri (1828-1882) und Charles Émi­le (1831-1916), bei­de Satt­ler, so­wie ei­ne Toch­ter, Éli­sa­beth Jo­sé­phi­ne (1833-1877). 

1829 zog Thier­ry Her­mès mit sei­ner Fa­mi­lie nach Pont-Au­de­mer in der Nor­man­die, ei­ne für Ger­be­rei und Le­der­ver­ar­bei­tung be­kann­te Stadt, um sich in die­sem Hand­werk wei­ter­zu­bil­den. Dort ar­bei­te­te er als Satt­ler und Zaum­zeug­ma­cher für eng­li­sche Ar­beit­ge­ber wie die bei­den da­mals er­folg­rei­chen Fir­men El­li­ot und Plum­mer und wohn­te in der Rue de la Bras­se­rie im Vier­tel Saint-Ai­gnan. 1837 kehr­te er nach Pa­ris, der ‚Haupt­stadt der Pfer­de‘, zu­rück und er­öff­ne­te sei­ne Ma­nu­fak­tur in der 56 Rue Bas­se-du-Rem­part (heu­te nicht mehr exis­tent) na­he der da­mals im Bau be­find­li­chen Ma­de­lei­ne-Kir­che. Sei­ne Tä­tig­keit als Meis­ter­satt­ler um­fass­te den Ent­wurf, die Her­stel­lung und den Ver­kauf von Ge­schir­ren und Pfer­de­aus­rüs­tun­gen wie Zäu­me, Half­ter und Sat­tel­gur­te. Als Thier­ry sei­ne Werk­statt in der Rue Bas­se-du-Rem­part ein­rich­te­te, traf er den Zeit­geist der vor­in­dus­tri­el­len, pfer­de­zen­trier­ten Ge­sell­schaft: Das Ma­de­lei­ne-Vier­tel war das Zen­trum des hoch­wer­ti­gen Kut­schen­baus. Thier­ry Her­mès’ wohl­ha­ben­de Kund­schaft ver­lang­te nach aus­er­le­se­ner Hand­werks­kunst. 

Geburtsurkunde von Thierry Hermès, 1801. (Stadtarchiv Krefeld/ StAKR, Bestand 24, Geburten Krefeld, Nr. 123, 1801)

 

1859 über­nahm sein Sohn Charles Émi­le die Ge­schäf­te. Auf der Pa­ri­ser Welt­aus­stel­lung 1867 wur­de das Un­ter­neh­men für ein von ihm ge­fer­tig­tes Ge­schirr mit ei­ner Me­dail­le ers­ter Klas­se ge­ehrt, 1878 folg­te ei­ne Gold­me­dail­le. Nach dem Tod des Va­ters ver­leg­te er im Jahr 1880 den Haupt­sitz in die 24 Rue du Fau­bourg Saint-Ho­no­ré, wo sich bis heu­te ein Her­mès-Ge­schäft be­fin­det. Thier­rys En­kel Émi­le Mau­rice di­ver­si­fi­zier­te das Un­ter­neh­men, das ne­ben der seit der Er­fin­dung des Au­to­mo­bils zu­neh­mend we­ni­ger be­nö­tig­ten Pfer­de­aus­rüs­tung zu­nächst vor al­lem Kof­fer und Rei­se­ta­schen, ab Mit­te der 1920er Jah­re aber auch Klei­dung, Uh­ren und Schmuck her­stell­te. Durch Rei­sen nach Bel­gi­en, Po­len und so­gar an den Za­ren­hof – wo­bei er Ver­wand­te in Kre­feld be­such­te – ge­lang es Émi­le Mau­rice Her­mès, die Mar­ke in­ter­na­tio­nal be­kannt zu ma­chen. 1951 über­nahm sein Schwie­ger­sohn Ro­bert Du­mas (1898-1978) die Ge­schäf­te. Heu­te be­schäf­tigt der mil­li­ar­den­schwe­re Kon­zern Her­mès welt­weit 25.000 Men­schen in 300 Lu­xus­bou­ti­quen, wäh­rend die Le­der­wa­ren­pro­duk­ti­on in Frank­reich ver­blie­ben ist. Die iko­ni­schen Sei­den­tü­cher des Un­ter­neh­mens ent­ste­hen in Ly­on. Ge­lei­tet wird das Un­ter­neh­men seit 2013 von Axel Du­mas, ei­nem En­kel von Ro­bert Du­mas. 

Über Thier­ry Her­mès‘ Cha­rak­ter ist we­nig be­kannt. Er hin­ter­ließ kei­ne öf­fent­lich be­kann­ten schrift­li­chen Quel­len. Er war si­cher­lich kein cha­ris­ma­ti­scher Ro­man­held, son­dern ein ein­fa­cher Hand­wer­ker, ar­beit­sam, er­fah­ren, ehr­gei­zig und mit ei­ser­ner Ge­sund­heit ge­seg­net. Die­se Ei­gen­schaf­ten er­mög­lich­ten ihm ei­nen so­zia­len Auf­stieg par ex­cel­lence. Er leg­te den Grund­stein für ei­ne pres­ti­ge­träch­ti­ge Dy­nas­tie.

Nach dem Aus­bruch des deutsch-fran­zö­si­schen Kriegs 1870, im Zu­ge des­sen auch Pa­ris be­la­gert und ein­ge­nom­men wur­de, ver­ließ Thier­ry Her­mès ge­mein­sam mit sei­ner Frau die Haupt­stadt. Mög­li­cher­wei­se kehr­ten sie zu­nächst nach Pont-Au­de­mer zu­rück. Die letz­ten Jah­re sei­nes Le­bens ver­brach­te der Satt­ler­meis­ter in Neuilly-sur-Sei­ne, ei­nem No­bel­vor­ort von Pa­ris, wo er am 10.1.1878 in sei­ner Woh­nung in der Rue des Huis­siers starb. Thier­ry Her­mès ruht – ne­ben sei­ner Frau Chris­ti­ne, sei­nem zwei­ten Sohn Charles Émi­le und sei­nem En­kel Émi­le Mau­rice – auf dem al­ten Fried­hof der Stadt in ei­nem schlich­ten Grab. Seit 2025 trägt in Pont-Au­de­mer die Place Thier­ry Her­mès sei­nen Na­men.

Sterbeurkunde von Thierry Hermès, 1878. (Stadtarchiv Neuilly-sur-Seine)

 

Quellen

Lan­des­ar­chiv NRW, Duis­burg Ab­tei­lung Rhein­land, PA 1101 BA 0939.

Literatur

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Kö­nig, Ma­rei­ke, Brü­che als ge­stal­ten­des Ele­ment: Die Deut­schen in Pa­ris im 19. Jahr­hun­dert, in: Kö­nig, Ma­rei­ke (Hg.), Deut­sche Hand­wer­ker, Ar­bei­ter und Dienst­mäd­chen in Pa­ris. Ei­ne ver­ges­se­ne Mi­gra­ti­on im 19. Jahr­hun­dert, Mün­chen 2003, S. 9-26.

Plat­ten­teich, Mi­chae­la, Kre­feld in 65 Ge­schich­ten. Bei­trä­ge des Stadt­ar­chivs Kre­feld zum Stadt­ju­bi­lä­um 2023, Kre­feld 2024.

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Som­met, Mo­ritz/Som­met, Pier­re/Cal­bat, Jean-Louis, Thier­ry Her­mès – ei­ne deutsch-fran­zö­si­sche Ge­schich­te. Teil 1: Nie­der­rhei­ni­sche Wur­zeln und Ju­gend­jah­re, in: Die Hei­mat: Kre­fel­der Jahr­buch 93 (2022), S. 45-53.

Som­met, Mo­ritz/Som­met, Pier­re/Cal­bat, Jean-Louis, Thier­ry Her­mès – ei­ne deutsch-fran­zö­si­sche Ge­schich­te. Teil 2: Le­ben und Wir­ken in Frank­reich, in: Die Hei­mat: Kre­fel­der Jahr­buch 94 (2023), S. 153-162.

Som­met, Pier­re/Cal­bat, Jean-Louis/Som­met, Mo­ritz, Thier­ry Her­mès – ei­ne deutsch-fran­zö­si­sche Ge­schich­te. Teil 3: Auf den Spu­ren der Nach­kom­men der Kre­fel­der Fa­mi­lie Her­mes, in: Die Hei­mat: Kre­fel­der Jahr­buch 95 (2024), S. 60-63.

Som­met, Pier­re, Als Kre­feld ei­ne fran­zö­si­sche Stadt war. Um­bruch und Auf­bruch im Land zwi­schen Maas und Rhein, in: Die Hei­mat: Kre­fel­der Jahr­buch 89 (2018), S. 159-165.

Som­met, Pier­re, Sur les tra­ces de Thier­ry Her­mès. Une his­toire fran­co-al­le­man­de par ex­cel­lence, 2. Auf­la­ge, Pa­ris 2025.

Online

Jö­ckel, Wolf, Auf den Spu­ren von Di­ede­rich Her­mes aus Kre­feld, der als Thier­ry Her­mès Grün­der ei­ner Dy­nas­tie der fran­zö­si­schen Lu­xus­in­dus­trie wur­de, in: Pa­ris und Frank­reich Blog, 11.6.2023. [On­line]

Jö­ckel, Wolf, Hein­rich Hei­ne und Lud­wig Bör­ne, Hand­wer­ker, hes­si­sche Stra­ßen­keh­rer und Haus­mäd­chen: Pa­ris als Zen­trum deut­scher Mi­gra­ti­on im 19. Jahr­hun­dert, in: Pa­ris und Frank­reich Blog, 10.7.2024. [On­line]

Kö­nig, Ma­rei­ke, Deut­sche in Pa­ris im 19. Jahr­hun­dert – Spu­ren ei­ner ver­ges­se­nen Ge­schich­te, in: Das 19. Jahr­hun­dert in Per­spek­ti­ve Blog. [On­line]

Wei­te­re Li­te­ra­tur und In­for­ma­tio­nen zum The­ma im Blog des Au­tors Pier­re Som­met. [On­line]

Einweihungsfeier des Thierry Hermès Platzes in Pont-Audemer durch den Oberbürgermeister Alexis Darmois (2. von rechts), 5.6.2025. (Stadt Pont-Audemer)

 
Zitationshinweis

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Sommet, Pierre, Sommet, Moritz, Thierry Hermès, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/thierry-herm%25C3%25A8s-/DE-2086/lido/68e6763e371931.18036965 (abgerufen am 23.01.2026)

Veröffentlichung

Veröffentlicht am 15.10.2025, zuletzt geändert am 29.10.2025