Zu den Kapiteln
Thierry Hermès (Hermes) war ein Sattlermeister aus Krefeld, der in den frühen 1820er Jahren nach Frankreich emigrierte und dort den Grundstein für das Luxusgüterunternehmen Hermès legte.
Wie Dokumente aus den Archiven der Städte Duisburg und Krefeld belegen, stammten die Vorfahren von Thierry Hermès aus einfachen Verhältnissen. Sie waren Bauern, größtenteils Analphabeten, die bescheiden im Weiler Asterlagen (heute Duisburg-Rheinhausen) lebten, etwa 20 Kilometer von Krefeld entfernt auf der linken Rheinseite. Die Familie war deutscher Abstammung. Anders, als bisweilen gemutmaßt wurde, handelte es sich nicht etwa um französische Calvinisten, die nach der Aufhebung des Edikts von Nantes durch Ludwig XIV. (1638-1715) im Jahr 1685 nach Krefeld auswandern mussten.
Der erste bekannte Vorfahre von Thierry ist Jakob Hermes (ohne Akzent). Weder sein Geburtsdatum noch das seiner Ehefrau Elisabeth sind bekannt. Ihr Sohn Borchard wurde am 18.11.1712 in der reformierten Gemeinde Hochemmerich (heute Duisburg-Rheinhausen) getauft. Borchard, ein Förster, heiratete Elisabeth Biermans (1717-1795). Ihr neuntes Kind, Diederich (1760-1814), ist der Vater des späteren Sattlermeisters Thierry Hermès.
Diederich Hermes wird in Thierrys Geburtsurkunde als Cabaretier (Schankwirt) geführt und war verheiratet mit Agnes Kühnen (1760-1813) aus Asterlagen. Das Ehepaar wohnte in Krefeld und gehörte der reformierten Konfession an. Thierry, geboren am 10.1.1801, war ihr siebtes Kind; mehrere seiner Geschwister starben im Kleinkindalter. Sein Vater wollte, dass der Junge wie er selbst Diederich heißen sollte. Da Krefeld, damals Crevelt, in der Franzosenzeit Teil des französischen Département de la Roer war und Französisch die offizielle Amtssprache, wurde dieser Taufname in der Geburtsurkunde in der französischen Form Thierry eingetragen.
Mit 13 oder 14 Jahren verließ Thierry die Schule, um eine Lehre in einer der fünf Sattlereien seiner Heimatstadt zu absolvieren. 1821 wurde er im Alter von 20 Jahren aus dem Militärregister gestrichen und wanderte nach Paris aus, wo er seinen Namen zu Hermès (mit Akzent) französisierte und als Sattler arbeitete. Er lebte dort in der Rue Saint-Nicolas im ehemaligen Pariser Vorort Faubourg Saint-Antoine, in dem viele deutsche Handwerker, etwa Möbeltischler, Schneider und Schuster, heimisch waren.
Zu diesem Zeitpunkt hatte Thierry fast alle Familienmitglieder verloren. Sein älterer Bruder Henrich, Sergeant in Napoleons Armee während des Spanienfeldzugs, starb am 18.11.1812 an einer fiebrigen Erkrankung im Militärkrankenhaus von Vitoria im Baskenland. Seine ältere Schwester Elisabeth Hermes (1796-1847) verblieb in der Heimatstadt Krefeld und wohnte weiterhin im alten Haus der Familie in der Königstraße (nach der damaligen Häuserzählung die Nummer 473).
1828 wohnte Thierry Hermès in der Rue du Faubourg Montmartre, bekannt als eines der Prostituiertenviertel von Paris, vermutlich unter prekären Bedingungen. Am 17.4.1828 heiratete der junge Sattler die 22-jährige in Düsseldorf geborene Katholikin Christine Pétronille Piérart (1806-1896), die er in der französischen Hauptstadt kennengelernt hatte. Die Trauung fand in der Kirche Notre-Dame de Bonne-Nouvelle statt. Christine war die Tochter des wallonischen Tagelöhners Adrien Piérart (1781-1842) und der Kölnerin Maria Magdalena Cordé (1781-1836). Das Ehepaar Hermès bekam drei Kinder: zwei Söhne, André Henri (1828-1882) und Charles Émile (1831-1916), beide Sattler, sowie eine Tochter, Élisabeth Joséphine (1833-1877).
1829 zog Thierry Hermès mit seiner Familie nach Pont-Audemer in der Normandie, eine für Gerberei und Lederverarbeitung bekannte Stadt, um sich in diesem Handwerk weiterzubilden. Dort arbeitete er als Sattler und Zaumzeugmacher für englische Arbeitgeber wie die beiden damals erfolgreichen Firmen Elliot und Plummer und wohnte in der Rue de la Brasserie im Viertel Saint-Aignan. 1837 kehrte er nach Paris, der ‚Hauptstadt der Pferde‘, zurück und eröffnete seine Manufaktur in der 56 Rue Basse-du-Rempart (heute nicht mehr existent) nahe der damals im Bau befindlichen Madeleine-Kirche. Seine Tätigkeit als Meistersattler umfasste den Entwurf, die Herstellung und den Verkauf von Geschirren und Pferdeausrüstungen wie Zäume, Halfter und Sattelgurte. Als Thierry seine Werkstatt in der Rue Basse-du-Rempart einrichtete, traf er den Zeitgeist der vorindustriellen, pferdezentrierten Gesellschaft: Das Madeleine-Viertel war das Zentrum des hochwertigen Kutschenbaus. Thierry Hermès’ wohlhabende Kundschaft verlangte nach auserlesener Handwerkskunst.
Geburtsurkunde von Thierry Hermès, 1801. (Stadtarchiv Krefeld/ StAKR, Bestand 24, Geburten Krefeld, Nr. 123, 1801)
1859 übernahm sein Sohn Charles Émile die Geschäfte. Auf der Pariser Weltausstellung 1867 wurde das Unternehmen für ein von ihm gefertigtes Geschirr mit einer Medaille erster Klasse geehrt, 1878 folgte eine Goldmedaille. Nach dem Tod des Vaters verlegte er im Jahr 1880 den Hauptsitz in die 24 Rue du Faubourg Saint-Honoré, wo sich bis heute ein Hermès-Geschäft befindet. Thierrys Enkel Émile Maurice diversifizierte das Unternehmen, das neben der seit der Erfindung des Automobils zunehmend weniger benötigten Pferdeausrüstung zunächst vor allem Koffer und Reisetaschen, ab Mitte der 1920er Jahre aber auch Kleidung, Uhren und Schmuck herstellte. Durch Reisen nach Belgien, Polen und sogar an den Zarenhof – wobei er Verwandte in Krefeld besuchte – gelang es Émile Maurice Hermès, die Marke international bekannt zu machen. 1951 übernahm sein Schwiegersohn Robert Dumas (1898-1978) die Geschäfte. Heute beschäftigt der milliardenschwere Konzern Hermès weltweit 25.000 Menschen in 300 Luxusboutiquen, während die Lederwarenproduktion in Frankreich verblieben ist. Die ikonischen Seidentücher des Unternehmens entstehen in Lyon. Geleitet wird das Unternehmen seit 2013 von Axel Dumas, einem Enkel von Robert Dumas.
Über Thierry Hermès‘ Charakter ist wenig bekannt. Er hinterließ keine öffentlich bekannten schriftlichen Quellen. Er war sicherlich kein charismatischer Romanheld, sondern ein einfacher Handwerker, arbeitsam, erfahren, ehrgeizig und mit eiserner Gesundheit gesegnet. Diese Eigenschaften ermöglichten ihm einen sozialen Aufstieg par excellence. Er legte den Grundstein für eine prestigeträchtige Dynastie.
Nach dem Ausbruch des deutsch-französischen Kriegs 1870, im Zuge dessen auch Paris belagert und eingenommen wurde, verließ Thierry Hermès gemeinsam mit seiner Frau die Hauptstadt. Möglicherweise kehrten sie zunächst nach Pont-Audemer zurück. Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte der Sattlermeister in Neuilly-sur-Seine, einem Nobelvorort von Paris, wo er am 10.1.1878 in seiner Wohnung in der Rue des Huissiers starb. Thierry Hermès ruht – neben seiner Frau Christine, seinem zweiten Sohn Charles Émile und seinem Enkel Émile Maurice – auf dem alten Friedhof der Stadt in einem schlichten Grab. Seit 2025 trägt in Pont-Audemer die Place Thierry Hermès seinen Namen.
Sterbeurkunde von Thierry Hermès, 1878. (Stadtarchiv Neuilly-sur-Seine)
Quellen
Landesarchiv NRW, Duisburg Abteilung Rheinland, PA 1101 BA 0939.
Literatur
Blay, Jean-Pierre, La maison Hermès, du dernier siècle du cheval à l’ère de l’automobile. Une histoire sociale de la consommation urbaine à l’époque contemporaine, in: Histoire urbaine 12 (2005), S. 69-88.
Bouchet, Ghislaine, Le cheval à Paris de 1850 à 1914, 1. Auflage, Genève/Paris 1993.
Engelbrecht, Jörg, Die Franzosenzeit (1794-1815), in: Krefeld. Die Geschichte der Stadt, Bd. 3: Von der Franzosenzeit bis zum Ende des Ersten Weltkriegs (1794-1918), hrsg. von Reinhard Feinendegen und Hans Vogt, Krefeld 2006, S. 15-80.
König, Mareike, Brüche als gestaltendes Element: Die Deutschen in Paris im 19. Jahrhundert, in: König, Mareike (Hg.), Deutsche Handwerker, Arbeiter und Dienstmädchen in Paris. Eine vergessene Migration im 19. Jahrhundert, München 2003, S. 9-26.
Plattenteich, Michaela, Krefeld in 65 Geschichten. Beiträge des Stadtarchivs Krefeld zum Stadtjubiläum 2023, Krefeld 2024.
Münchhausen, Thankmar von, Paris: Geschichte einer Stadt seit 1800, 1. Auflage, München 2017.
Sommet, Moritz/Sommet, Pierre/Calbat, Jean-Louis, Thierry Hermès – eine deutsch-französische Geschichte. Teil 1: Niederrheinische Wurzeln und Jugendjahre, in: Die Heimat: Krefelder Jahrbuch 93 (2022), S. 45-53.
Sommet, Moritz/Sommet, Pierre/Calbat, Jean-Louis, Thierry Hermès – eine deutsch-französische Geschichte. Teil 2: Leben und Wirken in Frankreich, in: Die Heimat: Krefelder Jahrbuch 94 (2023), S. 153-162.
Sommet, Pierre/Calbat, Jean-Louis/Sommet, Moritz, Thierry Hermès – eine deutsch-französische Geschichte. Teil 3: Auf den Spuren der Nachkommen der Krefelder Familie Hermes, in: Die Heimat: Krefelder Jahrbuch 95 (2024), S. 60-63.
Sommet, Pierre, Als Krefeld eine französische Stadt war. Umbruch und Aufbruch im Land zwischen Maas und Rhein, in: Die Heimat: Krefelder Jahrbuch 89 (2018), S. 159-165.
Sommet, Pierre, Sur les traces de Thierry Hermès. Une histoire franco-allemande par excellence, 2. Auflage, Paris 2025.
Online
Jöckel, Wolf, Auf den Spuren von Diederich Hermes aus Krefeld, der als Thierry Hermès Gründer einer Dynastie der französischen Luxusindustrie wurde, in: Paris und Frankreich Blog, 11.6.2023. [Online]
Jöckel, Wolf, Heinrich Heine und Ludwig Börne, Handwerker, hessische Straßenkehrer und Hausmädchen: Paris als Zentrum deutscher Migration im 19. Jahrhundert, in: Paris und Frankreich Blog, 10.7.2024. [Online]
König, Mareike, Deutsche in Paris im 19. Jahrhundert – Spuren einer vergessenen Geschichte, in: Das 19. Jahrhundert in Perspektive Blog. [Online]
Weitere Literatur und Informationen zum Thema im Blog des Autors Pierre Sommet. [Online]
Einweihungsfeier des Thierry Hermès Platzes in Pont-Audemer durch den Oberbürgermeister Alexis Darmois (2. von rechts), 5.6.2025. (Stadt Pont-Audemer)
Bitte geben Sie beim Zitieren dieses Beitrags die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.
Sommet, Pierre, Sommet, Moritz, Thierry Hermès, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/thierry-herm%25C3%25A8s-/DE-2086/lido/68e6763e371931.18036965 (abgerufen am 23.01.2026)
Veröffentlicht am 15.10.2025, zuletzt geändert am 29.10.2025