Albert Vigoleis Thelen

Schriftsteller (1903-1989)

Peter Honnen (Bonn)

Albert Vigoleis Thelen, Porträtfoto, Foto: Emiel van Moerkerken.

Si­cher­lich wä­re Al­bert Vi­go­l­eis The­len amü­siert und noch mehr er­staunt ge­we­sen, wenn er die fol­gen­de – gen­re­üb­li­che - Ein­gangs­zei­le zu sei­nem Ein­trag in die­sem Le­xi­kon ge­le­sen hät­te: Der 1903 in Süch­teln (heu­te Kreis Vier­sen) ge­bo­re­ne Al­bert The­len ist wohl heu­te un­be­strit­ten ei­ner der wich­tigs­ten rhei­ni­schen und ei­ner der be­deu­tends­ten deut­schen Schrift­stel­ler des 20. Jahr­hun­derts.

Ge­hört die Iro­nie un­trenn­bar zu sei­nem li­te­ra­ri­schen Schaf­fen, so ge­hört es zur Iro­nie sei­nes Le­bens, dass er all das, wo­für er heu­te zu Recht ge­wür­digt wird, zeit­le­bens nie ge­we­sen ist. Ein „wich­ti­ger" Schrift­stel­ler war er al­len­falls für ei­ne ein­ge­schwo­re­ne Le­ser­ge­mein­de; mit grö­ße­rem Recht ist er so­gar lan­ge Zeit ein „ver­ges­se­ner" Schrift­stel­ler ge­nannt wor­den. Mit dem Rhein­land oder Deutsch­land über­haupt ver­band ihn ei­ne herz­li­che Ab­nei­gung, ob­wohl iro­ni­scher­wei­se sein ers­ter ge­druck­ter Text aus­ge­rech­net das Süch­tel­ner Stadt­lied aus dem Jahr 1928 ge­we­sen ist, ei­ne Auf­trags­ar­beit des da­ma­li­gen Bür­ger­meis­ters Jo­sef Stein­büchl (1884-1957).

Und auch wenn er in Deutsch schrieb, fällt es schwer, ihn ei­nen deut­schen Schrift­stel­ler zu nen­nen. Al­le sei­ne Wer­ke sind im Exil ge­schrie­ben, das im­mer­hin 55 Jah­re währ­te; nur dort war es ihm noch mög­lich, sei­ne Hei­mat­spra­che zu ver­wen­den, wäh­rend sie für ihn in Deutsch­land zu „Braun­welsch" ver­kom­men war. Dass sein wich­tigs­ter Ro­man „ Die In­sel des zwei­ten Ge­sichts" über­haupt auf Deutsch er­schien, ist nur sei­nem nie­der­län­di­schen Über­set­zer zu­zu­schrei­ben, der vor der Sprach­phan­ta­sie The­lens schlicht ka­pi­tu­lier­te; das li­te­ra­ri­sche Nach­kriegs­deutsch­land hat sei­ne Spra­che als „Emi­gran­ten­deutsch" ver­un­glimpft und sich so für The­lens „Un­be­ha­gen an der deut­schen Kul­tur" ge­rächt. Da­zu passt, dass er im pri­va­ten Um­feld jah­re­lang nur Por­tu­gie­sisch ge­spro­chen und kei­nen deut­schen Pass be­ses­sen hat.

Be­grün­det sei­ne Vi­ta schon die Ein­stu­fung als „Au­ßen­sei­ter", dann tut das sein Werk erst recht. Es ver­wei­gert sich den be­kann­ten li­te­ra­ri­schen Ka­te­go­ri­en und lässt sich im Ka­non der Nach­kriegs­li­te­ra­tur schon gar nicht ver­or­ten. Im Ge­gen­satz zu ihr ist The­lens Spra­che aus­ufernd, phan­ta­sie­voll, mit Neo­lo­gis­men ge­spickt, spie­le­risch und sprach­schöp­fend. Sein Stil ist mit über­kom­me­nen Be­grif­fen kaum be­schreib­bar: ab­schwei­fen­de Er­zähl­wei­se, ufer­lo­se Be­red­sam­keit, gren­zen­lo­se epi­sche Brei­te, ba­rock-pi­ka­resk und „nie­der­rhei­ni­scher Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stil" sind nur ei­ni­ge Bei­spie­le, die das Un­ver­ständ­nis oder die Hilf­lo­sig­keit der zeit­ge­nös­si­schen In­ter­pre­ten il­lus­trie­ren. The­len selbst hat sei­ne li­te­ra­ri­sche Me­tho­de als „Kak­tus­stil" be­zeich­net, der – ähn­lich et­wa der be­rühm­ten „Hand­schrift von Sa­ra­gos­sa" – un­ent­wegt neue Ab­zwei­gun­gen und Aus­wüch­se ge­biert.

Al­bert The­len – sein zwei­ter Vor­na­me Vi­go­l­eis ist ein Spitz­na­me und ver­ball­hornt aus „Wi­ga­lois", dem mit­tel­al­ter­li­chen Vers­epos des Wirnt von Gra­ven­berg – wur­de am 28.9.1903 in Süch­teln als drit­ter von vier Söh­nen des Buch­hal­ters und spä­te­ren Pro­ku­ris­ten Louis The­len (ge­stor­ben 1935) und des­sen Ehe­frau Jo­han­na Schei­fes (1874-1968) ge­bo­ren, die in sei­ner Er­in­ne­rung „in der Haupt­sa­che ka­tho­lisch" war. Schon als Kind, so­wohl in der Fa­mi­lie als auch in der Schu­le, emp­fand er sich als Frem­der in der Welt. In sei­nen we­ni­gen und knap­pen Ju­gend­er­in­ne­run­gen be­zeich­net er sich als „na­tio­na­len Dumm­kopf", der von sei­nen Mit­schü­lern und Brü­dern ge­hän­selt und auch schi­ka­niert wur­de. Selbst beim kol­lek­ti­ven Pflan­zen der Kai­se­rei­che im Kai­ser-Wil­helm-Gym­na­si­um wur­de er aus­ge­schlos­sen und zum Re­gen­wür­mer­sam­meln ge­schickt (was der Kai­se­rei­che nicht gut be­kam, sie ging be­reits im fol­gen­den Jahr wie­der ein).

Sei­ne schu­li­schen Leis­tun­gen ent­spra­chen sei­ner spä­te­ren Ein­schät­zung, so dass er das Gym­na­si­um in Vier­sen im Jah­re 1919 vor dem Ab­itur ver­lies. Es folg­ten ei­ne Schlos­ser­leh­re, ei­ne An­stel­lung als tech­ni­scher Zeich­ner und ein ein­jäh­ri­ger Be­such der Tex­til­fach­schu­le in Kre­feld. Am 30.10.1925 be­gann The­len das Stu­di­um der Ger­ma­nis­tik, Phi­lo­so­phie und Kunst­ge­schich­te an der Uni­ver­si­tät Köln. Dort hat er auch Vor­le­sun­gen des be­rühm­ten rhei­ni­schen Volks­kund­lers und Sprach­wis­sen­schaft­lers Adam Wre­de ge­hört, wie sein letz­ter Brief be­legt. In die­se Zeit da­tiert auch das Süch­tel­ner Stadt­lied, des­sen Ent­ste­hung er in der schrei­end-ko­mi­schen „Hei­mat-Lied-Ge­schich­te: An Niers und Nil" er­zählt, die al­les an­de­re als ei­ne Hei­mat­ge­schich­te ist.

Nach ei­nem Jahr wech­sel­te er an die West­fä­li­sche Wil­helms-Uni­ver­si­tät in Müns­ter und be­leg­te dort die zu­sätz­li­chen Fä­cher Zei­tungs­wis­sen­schaf­ten und Nie­der­län­di­sche Phi­lo­lo­gie. 1928 kam er als As­sis­tent von Karl d’Es­ter (1881-1960) zur Pres­se­aus­stel­lung „Pres­sa" nach Köln und be­geg­ne­te dort das ers­te Mal Bea­tri­ce Bruck­ner (1901-1992), die spä­ter wie kei­ne an­de­re be­kann­te Künst­ler­frau ei­ne kaum zu über­schät­zen­der Be­deu­tung für ihn und sein Werk er­lan­gen soll­te.

Von 1928 bis 1931 ar­bei­te­te The­len auf der Ge­flü­gel­farm sei­nes Bru­ders Jo­seph (1902-1974) und ver­öf­fent­lich­te sei­nen ers­ten li­te­ra­ri­scher Text in „Der Tür­mer" un­ter dem Ti­tel „Sarg­ma­cher Qui­ri­nus". Als er 1931 bei Bea­tri­ce in Ams­ter­dam zu Be­such war, er­reich­te sie ein Brand­brief ih­res Bru­ders aus Mal­lor­ca. Aus ih­rer ge­mein­sa­men Rei­se wur­de schlie­ß­lich ein fünf­jäh­ri­ger Auf­ent­halt auf der In­sel, der in The­lens Ro­man „Die In­sel des zwei­ten Ge­sichts" aus­führ­lich do­ku­men­tiert ist. Un­ter dem Pseud­onym Leo­pold Fa­bri­zi­us schrieb er in die­ser Zeit ers­te Be­spre­chun­gen deut­scher Exil­li­te­ra­tur für nie­der­län­di­sche Zei­tun­gen.

Seit 1934 ver­hei­ra­tet, mach­te das Paar auf Mal­lor­ca ge­gen­über Be­su­chern und Tou­ris­ten aus Deutsch­land (The­len ar­bei­te­te auch als Rei­se­füh­rer) kei­nen Hehl aus sei­ner Ab­leh­nung des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus. Des­halb muss­ten bei­de so­fort nach Aus­bruch des spa­ni­schen Bür­ger­kriegs 1936 vor Fa­lan­gis­ten und na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Spit­zeln von der In­sel flie­hen. Es be­gann ei­ne aben­teu­er­li­che Odys­see über Mar­seil­le und Ba­sel nach Au­res­sio im Tes­sin, auf der sie nur knapp ih­ren Hä­schern von der Ge­sta­po ent­ka­men. Dort blie­ben sie bis 1939, dann muss­ten sie die Flucht wie­der auf­neh­men. Über Frank­reich und Spa­ni­en er­reich­ten sie ge­gen En­de des Jah­res das Wein­gut des por­tu­gie­si­schen Dich­ters und Mys­ti­kers Tei­xei­ra de Pas­co­aes (1877-1952) bei Ama­ran­te in Nord­por­tu­gal. The­len hat­te be­reits 1937 Pas­co­aes’ „Pau­lus" ins Nie­der­län­di­sche über­setzt und dar­über den Dich­ter ken­nen und schät­zen ge­lernt. In Por­tu­gal über­setz­te er wei­te­re Wer­ke des por­tu­gie­si­schen Kol­le­gen und ver­öf­fent­lich­te den ers­ten ei­ge­nen Ge­dicht­band „Schloss Pas­co­aes".

In den Jah­ren 1947 bis 1954 leb­te das Paar in Ams­ter­dam. Der Ver­le­ger und Freund Ge­ert van Oor­schot (1909-1987) war von der Er­zähl­freu­de und –kunst The­lens der­art be­ein­druckt, dass er ihn dräng­te, sei­ne Er­leb­nis­se wäh­rend des Auf­ent­halts auf Mal­lor­ca nie­der­zu­schrei­ben. In ei­ner wah­ren Tour de Force ent­stand dar­auf­hin in we­ni­gen Mo­na­ten der um­fang­rei­che Ro­man „Die In­sel des zwei­ten Ge­sichts", der The­lens wich­tigs­tes Werk wer­den soll­te. Ei­ne Le­sung aus dem Ma­nu­skript auf der Herbst­ta­gung der Grup­pe 47 (die The­len bis da­to über­haupt nicht ge­kannt hat­te) im Jahr 1953 ge­riet al­ler­dings zu ei­ner her­ben Ent­täu­schung, da sein Er­zähl­stil und vor al­lem sei­ne Spra­che auf Ab­leh­nung stieß. Im Ok­to­ber des sel­ben Jah­res er­schien der Ro­man so­wohl in Ams­ter­dam als auch in Li­zenz im Di­ed­richs-Ver­lag in Düs­sel­dorf.

Das Exi­lan­ten­le­ben des Paa­res ging der­weil wei­ter. Von 1954 an ver­wal­te­ten sie die schwei­ze­ri­schen Gü­ter ei­ner be­freun­de­ten Me­xi­ka­ne­rin, zu­erst in As­co­na, dann in Blo­nay am Gen­fer See. Wäh­rend des Auf­ent­halts am La­go Mag­gio­re ent­stand der zwei­te Ro­man „Der schwar­ze Herr Bahße­t­up", der 1956 im Mün­che­ner Desch Ver­lag er­schien. In den Jah­ren 1973 bis 1986 schlie­ß­lich wohn­ten sie in Lau­sanne-Ven­nes. Erst 1986 folg­te das Paar ei­ner Ein­la­dung der Stadt Vier­sen und über­sie­del­te in das Dül­ke­ner Se­nio­ren­heim St. Cor­ne­li­us. Da­mit wur­de nicht nur ein re­kord­ver­däch­ti­ges Le­ben im Exil be­en­det, son­dern auch ein sehr ge­spann­tes Ver­hält­nis zwi­schen dem Au­tor und sei­ner deutsch-rhei­ni­schen Hei­mat. Das „4. Reich", wie er das durch die Na­zi­ver­bre­chen wei­ter­hin be­las­te­te Nach­kriegs­deutsch­land nann­te, und ein als ent­wür­di­gend emp­fun­de­nes An­er­ken­nungs­ver­fah­ren als Ver­folg­ter des Na­zi­re­gimes (das ihm schlie­ß­lich die „Reichs­na­zi­op­fer­blut­ron­nen­ren­te" ein­brach­te) hat­te ihn ei­gent­lich nie an ei­ne Rück­kehr den­ken las­sen.

Da­zu hat­te auch sein ge­ne­rel­les Miss­trau­en ge­gen­über – nicht nur – deut­schen Ver­le­gern und die tie­fe Ent­täu­schung über den deut­schen Li­te­ra­tur­be­trieb bei­ge­tra­gen. Die har­sche Kri­tik Hans Wer­ner Rich­ters (1908-1993) auf der Herbst­ta­gung der „Grup­pe 47" 1953 in Be­ben­hau­sen an der Spra­che sei­nes Mal­lor­ca-Ro­mans hat The­len nie ver­win­den kön­nen, ob­wohl er mit Al­fred An­dersch (1914-1980), Paul Ce­lan (1920-1970) und Sieg­fried Lenz (ge­bo­ren 1926) durch­aus pro­mi­nen­te Für­spre­cher hat­te. Selbst den Fon­ta­ne-Preis im fol­gen­den Jahr hielt er rück­bli­ckend eher für ein Un­glück, weil er die dar­auf­hin stei­gen­den Li­zenz­ge­büh­ren für den schlep­pen­den Ab­satz des Bu­ches ver­ant­wort­lich mach­te. Als schlie­ß­lich sein zwei­ter Er­in­ne­rungs­ro­man 1956 bei der deut­schen Kri­tik völ­lig durch­fiel und sein Ver­le­ger Kurt Desch (1903-1984) das Buch oh­ne Ab­spra­che mit The­len kur­ze Zeit spä­ter ver­ramsch­te, zog er sich end­gül­tig aus dem öf­fent­li­chen Kul­tur­le­ben zu­rück.

Dies und die da­mit ein­her­ge­hen­de man­gel­haf­te Ver­mark­tung, sein per­ma­nen­tes Exil, sein ri­go­ro­ser Mo­ra­lis­mus und der erst spä­te Auf­tritt auf der li­te­ra­ri­schen Büh­ne Nach­kriegs­deutsch­lands sind wohl die ent­schei­den­den Grün­de für sei­nen Ruf als „Gro­ßer Un­be­kann­ter" der deut­schen Li­te­ra­tur (ob­wohl die „In­sel" seit ih­res Er­schei­nens per­ma­nent lie­fer­bar war und in den ers­ten vier Jah­ren 25.000 mal ver­kauft wur­de). In­wie­weit sein Werk selbst, weil al­le Gat­tun­gen spren­gend, ei­ner wei­ten Ver­brei­tung ent­ge­gen­stand und –steht, ist um­strit­ten. Un­be­strit­ten ist da­ge­gen heu­te sein li­te­ra­ri­scher Rang und sei­ne Aus­nah­me­stel­lung im Ka­non der deut­schen Nach­kriegs­li­te­ra­tur.

The­len hat sich im­mer ge­gen die Ka­te­go­ri­sie­rung sei­ner epi­schen Haupt­wer­ke als Ro­ma­ne ge­wehrt, ob­wohl sie von sei­nen Ver­le­gern ge­nau so ver­mark­tet wur­den. So­wohl „Die In­sel des zwei­ten Ge­sichts" als auch „Der schwar­ze Herr Bahßetub" tra­gen ein­deu­tig au­to­bio­gra­phi­sche Zü­ge - nicht von un­ge­fähr un­ter­ti­tel­te The­len die „In­sel" mit „Aus den an­ge­wand­ten Er­in­ne­run­gen des Vi­go­l­eis" und den „Bahßetub" mit „Ein Spie­gel". Da­mit ist die Fik­tio­na­li­sie­rung der per­sön­li­chen Er­in­ne­run­gen gleich­sam Pro­gramm. Mit die­ser be­wuss­ten Ver­schrän­kung von Ro­man und Au­to­bio­gra­phie als „an­ge­wand­te Er­in­ne­rung" ent­wi­ckel­te The­len ei­nen neu­en Gat­tungs­be­griff und er­schloss sei­ner Er­in­ne­rungs­li­te­ra­tur völ­lig un­ge­wöhn­li­che Frei­hei­ten, die er - oft zur Ver­wir­rung sei­ner Le­ser und Le­se­rin­nen - aus­gie­big nutz­te.

So wer­den zwar in der „In­sel" die Er­leb­nis­se des Ehe­paa­res auf Mal­lor­ca sehr le­ben­dig und mi­nu­ti­ös be­schrie­ben, da aber der Au­tor in der für die Me­moi­ren­li­te­ra­tur un­ge­wöhn­li­chen drit­ten Per­son agiert, ist sich der Le­ser nie si­cher, wann und wo die Gren­zen der Wirk­lich­keit über­schrit­ten wer­den. Hin­zu kommt The­lens Vor­lie­be für Ab­schwei­fun­gen je­der Art, die die „ei­gent­li­chen" Er­eig­nis­se oft­mals völ­lig in den Hin­ter­grund tre­ten las­sen. Die­se schein­bar ziel­los mä­an­dern­de Er­zähl­wei­se und der lo­cke­re Um­gang mit der Wahr­heit ha­ben im­mer wie­der Ver­glei­che mit den gro­ßen Fa­bu­lie­rern in der eu­ro­päi­schen Li­te­ra­tur von Hans Ja­kob Christof­fel von Grim­mels­hau­sen (1622-1676) über Mi­guel de Cer­van­tes (1547-1616) und Jean Paul (1763-1825) bis hin zur Blech­trom­mel von Gün­ther Grass (ge­bo­ren 1927) pro­vo­ziert.

Mit ge­wis­sem Recht ist The­lens Haupt­werk als ein mo­der­ner Schel­men-Ro­man cha­rak­te­ri­siert wor­den. Wie die be­rühm­ten Pi­ca­ros der Li­te­ra­tur­ge­schich­te nutz­te auch The­len sein An­ders­sein, um hin­ter der Mas­ke des Schelms un­be­que­me Wahr­hei­ten an­zu­spre­chen. So ist „Die In­sel des zwei­ten Ge­sichts" ein de­zi­diert an­ti­fa­schis­ti­scher Ro­man, der das po­li­ti­sche Zeit­ge­sche­hen als Gro­tes­ke in­sze­niert. Wie ge­gen die Be­zeich­nung „Ro­man­cier" hat sich The­len des­halb auch im­mer ge­gen sei­ne Kri­ti­ker ver­tei­digt, die ihn für sei­nen Witz be­wun­der­ten. Sein Hu­mor da­ge­gen kam, so hat er oft be­tont, aus „dem tiefs­ten Grun­de…aus der Trä­ne".

Ge­gen­über sei­nem epi­schen Werk ist The­lens Ly­rik re­la­tiv un­be­kannt, kei­nes sei­ner Ge­dich­te ist in ei­ner der gro­ßen An­tho­lo­gi­en zu fin­den. Dies ist si­cher­lich auch sei­ner spä­te­ren Ver­öf­fent­li­chungs­scheu ge­schul­det, vie­le Ge­dich­te sind zu sei­nen Leb­zei­ten nicht ge­druckt wor­den oder nur in ab­ge­le­ge­nen Pri­vat­dru­cken er­schie­nen. Da­ge­gen ist sei­ne Ar­beit als Über­set­zer durch die Ver­öf­fent­li­chung von Jan Ja­cob Slau­er­hoffs (1898-1936) Ro­man „Das ver­bo­te­ne Reich’" im Klett-Cot­ta Ver­lag im Jahr 1986 zwar spät, aber nach­drück­lich in Er­in­ne­rung ge­ru­fen wor­den. Es ist The­lens Ver­dienst, dass die­ser nie­der­län­di­sche Dich­ter in Deutsch­land über­haupt ei­ner grö­ße­ren Le­ser­ge­mein­de zu­gäng­lich wur­de.

In der Zeit zwi­schen 1932 und et­wa 1950 hat­te The­len ver­sucht, ei­ne Rei­he von nie­der­län­di­schen Au­to­ren durch Über­set­zun­gen auch in Deutsch­land zu eta­blie­ren. Sei­ne Ar­bei­ten zu Vic­tor E. van Vries­land (1892-1974), Men­no ter Braak (1902-1940) oder Hen­drik Mars­man (1899-1940) sind je­doch nie er­schie­nen. An­ders da­ge­gen sei­ne Über­set­zun­gen aus dem Por­tu­gie­si­schen. The­len hat Tei­xei­ra des Pas­co­aes so­wohl ins Nie­der­län­di­sche, als auch ins Deut­sche über­tra­gen und da­mit sei­nen por­tu­gie­si­schen Kol­le­gen in bei­den Sprach­räu­men erst­mals be­kannt ge­macht.

Es mag der für The­len so ty­pi­schen Iro­nie zu ver­dan­ken sein, dass er sei­ne let­zen drei Jah­re nach sei­nem end­lo­sen Exil in eben der rhei­ni­schen Hei­mat ver­brach­te, die er in sei­nem wich­tigs­ten Ro­man so oft durch den Ka­kao ge­zo­gen und die aus­ge­rech­net ihn 1967 zum Dr. hum. c. (hu­mo­ris cau­sa) an der Nar­ren­aka­de­mie in Dül­ken pro­mo­viert hat­te. Und es wird wohl die­sel­be Iro­nie des Schick­sals ge­we­sen sein, die ihn sei­nen letz­ten Brief zu ei­nem echt rhei­ni­schen The­ma schrei­ben ließ, der Ety­mo­lo­gie des Wor­tes „Mu­cke­fuck". Al­bert Vi­go­l­eis The­len starb in Dül­ken am Nie­der­rhein am 9.4.1989, sei­ne Frau Bea­tri­ce, die ihm über vie­le Jah­re das Schrei­ben er­mög­licht hat, starb drei Jah­re spä­ter am 19.1.1992.

Werke

Brie­fe an Tei­xei­ra des Pas­co­aes. Aus dem Spa­ni­schen und Por­tu­gie­si­schen von Ul­rich Kun­zel­mann, Bonn 2000.

Im Gläs der Wor­te. Ge­dich­te, Düs­sel­dorf 1979.

Glis-Glis. Er­zäh­lung, Hil­des­heim 1967.

Die In­sel des zwei­ten Ge­sichts. Aus den an­ge­wand­ten Er­in­ne­run­gen des Vi­go­l­eis, Ams­ter­dam/Düs­sel­dorf 1953.

Die Li­te­ra­tur in der Frem­de. Li­te­ra­tur­kri­ti­ken. Her­aus­ge­ge­ben und aus dem Nie­der­län­di­schen zu­rück­über­setzt von Er­hard Lou­ven, Bonn 1996.

Der ma­gi­sche Rand. Ei­ne ab­trif­ti­ge Ge­schich­te, Mön­chen­glad­bach 1989.

Poe­ti­sche März­kal­be­rei­en, Mön­chen­glad­bach 1990.

Der schwar­ze Herr Bahße­t­up. Ein Spie­gel, Mün­chen 1956.

Der Tra­gel­aph. Ge­dich­te, Düs­sel­dorf 1955.

Vi­go­lo­tria. Ge­dich­te, Düs­sel­dorf 1954.

Übersetzungen

Licht­veld, Lou, Su­ri­nam, Neu­es Le­ben auf al­ter Er­de, Frank­furt 1957.

Pas­co­aes, Tei­xei­ra de, Hie­rony­mus, Der Dich­ter der Freund­schaft, Ams­ter­dam/Leip­zig 1941.

Slau­er­hoff, Jan Ja­cob, Das ver­bo­te­ne Reich, Stutt­gart 1986.

Literatur

Eick­mans, Heinz/Mis­sin­ne, Lut (Hg.), Al­bert Vi­go­l­eis The­len. Mitt­ler zwi­schen Spra­chen und Kul­tu­ren, Müns­ter 2005.

En­klaar, Jat­tie/Es­ter, Hans (Hg.), Al­bert Vi­go­l­eis The­len, Ams­ter­dam 1988.

Her­ma­nik, Klaus-Jür­gen, Ein vi­go­lo­tri­scher Welt­gu­cker. Die Pro­sa des Al­bert Vi­go­l­eis The­len im Zu­sam­men­hang mit dem deutsch­spra­chi­gen Pi­karoro­man, Frank­furt (Main) 1996.

Pütz, Jür­gen (Hg.), Al­bert Vi­go­l­eis The­len. Erz­welt­schmerz­ler und Sprach­schwel­ger. Ei­ne Bild­bio­gra­phie, Bre­mer­ha­ven 2003.

Pütz, Jür­gen, Dop­pel­gän­ger sei­ner selbst. Der Er­zäh­ler Al­bert Vi­go­l­eis The­len, Wies­ba­den 1990.

Pütz, Jür­gen (Hg.), In Zwei­fels­fäl­len ent­schei­det die Wahr­heit. Bei­trä­ge zu Al­bert Vi­go­l­eis The­len, Vier­sen 1988.

Winz, Horst (Hg.), Hom­mage à Al­bert Vi­go­l­eis The­len, Mön­chen­glad­bach 1989.

Online

"Erz­welt­schmerz­ler und Sprach­schwel­ger". Al­bert Vi­go­lais The­len zum 100. Ge­burts­tag - Son­der­aus­stel­lung 2004 (Kurz­in­for­ma­ti­on im PDF-For­mat auf der Web­site der Stadt Düs­sel­dorf/des Hein­rich-Hei­ne-In­sti­tuts). [On­line]

Albert Vigoleis Thelen, Porträtfoto, Foto: Emiel van Moerkerken.

 
Zitationshinweis

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Honnen, Peter, Albert Vigoleis Thelen, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/albert-vigoleis-thelen/DE-2086/lido/57c93d36df7934.47566940 (23.06.2018)