Carl Vorwerk

Teppichfabrikant (1847-1907)

Volkmar Wittmütz (Köln)

Carl Vorwerk, Porträtfoto, um 1903. (Vorwerk & Co. Teppichwerke GmbH & Co. KG)

Carl Vor­werk war wie sein Bru­der Adolf ein be­deu­ten­der Un­ter­neh­mer der Stadt Bar­men (heu­te Stadt Wup­per­tal). In­no­va­tiv war sei­ne Er­fin­dung des ge­web­ten Ori­ent­tep­pichs.

Die Grün­dung der „Bar­mer Tep­pich-Fa­brik Vor­werk & Com­p“ im April 1883 war kein ri­si­ko­rei­ches fi­nan­zi­el­les Wag­nis, son­dern ei­ne von kühl kal­ku­lier­ten Ge­winn­erwar­tun­gen be­stimm­te Hand­lung. Mit sei­nem Bru­der Adolf Vor­werk war er schon In­ha­ber des flo­rie­ren­den Han­dels­ge­schäf­tes „Vor­werk & Sohn“, das be­reits 1827 in den Ak­ten er­scheint und vom Gro­ßva­ter Jo­hann Pe­ter Vor­werk (1760-1842) und sei­nem gleich­na­mi­gen Sohn be­trie­ben wur­de, mit sei­nen Wur­zeln aber weit ins 18. Jahr­hun­dert zu­rück­reicht. „Vor­werk & Sohn“ ver­kauf­te in ganz Eu­ro­pa die so ge­nann­ten „Bar­mer Ar­ti­kel“, al­so Bän­der, Kor­deln, Schnü­re und Lit­zen, die von den vie­len, im Tal der Wup­per an­säs­si­gen Haus­band­we­bern her­ge­stellt wur­den. Seit 1873 hat­te man be­gon­nen, die­se Ar­ti­kel nicht nur zu ver­trei­ben, son­dern sie auch selbst her­zu­stel­len. Zu die­sem Zweck war im Zen­trum Bar­mens ei­ne Fa­brik mit Band­web­stüh­len auf­ge­stellt wor­den, die von ei­ner Dampf­ma­schi­ne an­ge­trie­ben wur­den.

 

Der Ab­satz der Bar­mer Ar­ti­kel war nicht nur von kon­junk­tu­rel­len Schwan­kun­gen, son­dern vor al­lem von den Lau­nen der Mo­de ab­hän­gig. Des­halb hat­te „Vor­werk & Sohn“ nach ei­nem Pro­dukt ge­sucht, um von den Mo­de­schwan­kun­gen we­ni­ger ab­hän­gig zu sein. Seit et­wa 1880 hat­te das Un­ter­neh­men an­ge­fan­gen, Tep­pi­che zu we­ben. Die­se Tep­pich­her­stel­lung war in den we­ni­gen Jah­ren seit­her so um­fang­reich ge­wor­den, dass sie jetzt in ei­ner ei­ge­nen Fir­ma „aus­ge­la­ger­t“ wur­de.

Die In­itia­ti­ve zur Fa­bri­ka­ti­on von Tep­pi­chen war von dem äl­te­ren Bru­der Carl Vor­werk aus­ge­gan­gen. Als jun­ger Mann hat­te er län­ge­re Zeit in Brad­ford in Eng­land ge­lebt und ge­ar­bei­tet. Brad­ford im west­li­chen York­shire war seit Jahr­hun­der­ten ein Zen­trum des eng­li­schen Woll­ge­wer­bes, hier wur­den die Gar­ne pro­du­ziert, die an an­de­rer Stel­le des Kö­nig­rei­ches zu Tep­pi­chen ver­ar­bei­tet wur­den. Woll­tep­pi­che, im Mit­tel­al­ter und in der Frü­hen Neu­zeit in ad­li­gen Häu­sern als Wand­be­hang und Bo­den­be­lag be­nutzt, fan­den seit dem 18. Jahr­hun­dert zu­neh­mend auch in den Wohn­räu­men des Bür­ger­tums Ver­wen­dung. Die gro­ße Nach­fra­ge nach Tep­pi­chen war die Ur­sa­che da­für, dass man ihr lang­wie­ri­ges Knüp­fen auf­ge­ge­ben hat­te und sie - zu­erst in Eng­land – ma­schi­nell web­te und auf ei­nem Markt ver­trieb.

Fabrikansicht Firma Vorwerk & Co., 1883. (Vorwerk & Co. Teppichwerke GmbH & Co. KG)

 

Die tech­ni­schen Pro­ble­me des Tep­pich­we­bens wa­ren al­ler­dings er­heb­lich. Des­halb gab es nur we­ni­ge deut­sche Tex­til­un­ter­neh­men, die den Schritt in die in­dus­tri­el­le Tep­pich­her­stel­lung wag­ten. Dank der Ver­bin­dun­gen nach Eng­land, die Carl Vor­werk ge­knüpft hat­te, ge­lang es ihm, eng­li­sche Web­stüh­le zu er­wer­ben und eng­li­sche We­ber für ei­ni­ge Zeit nach Bar­men zu ho­len, die den ört­li­chen We­bern die not­wen­di­gen Kennt­nis­se ver­mit­tel­ten. Spä­ter wur­den noch ein­mal Bar­mer We­ber zur Fort­bil­dung nach Eng­land ge­sandt. Ne­ben Carl war auch sein jün­ge­rer Bru­der, al­ler­dings nur zu ei­nem Drit­tel, an dem neu­en Un­ter­neh­men be­tei­ligt. Aber die bei­den Brü­der wa­ren sehr ver­schie­den und ka­men nicht gut mit­ein­an­der aus. Sie hat­ten auch un­ter­schied­li­che Vor­stel­lun­gen über die Füh­rung der Ge­schäf­te. Carl nahm gleich sei­ne Frau Cä­ci­lie – ei­ne Nich­te von Fried­rich En­gels – als Pro­ku­ris­tin mit in das Un­ter­neh­men und ge­wann da­durch auch per­so­nell ein Über­ge­wicht. So war es nur ver­nünf­tig, dass sich die Brü­der noch im No­vem­ber des Grün­dungs­jah­res trenn­ten. Carl Vor­werk über­nahm die neue Tep­pich­we­be­rei „Vor­werk & Co“, die auch die Pro­duk­ti­on von Mö­bel­stof­fen für So­fas und Ses­sel be­gann. Adolf Vor­werk wur­de al­lei­ni­ger Ei­gen­tü­mer der al­ten Han­dels­fir­ma und der Bän­der-Pro­duk­ti­on „Vor­werk & Sohn“.

Das neue Un­ter­neh­men star­te­te glän­zend. Mit rund 70 Be­schäf­tig­ten lag „Vor­werk & Co“ deut­lich über dem Durch­schnitt von 26 Ar­bei­tern in den ins­ge­samt 546 Tex­til­be­trie­ben der Stadt Bar­men. Im be­nach­bar­ten El­ber­feld (heu­te Stadt Wup­per­tal) wur­den da­ge­gen be­reits durch­schnitt­lich 70 Ar­bei­ter pro Tex­til­fir­ma be­schäf­tigt; dort war der Kon­so­li­die­rungs­pro­zeß in der tex­ti­len Un­ter­neh­mens­land­schaft schon wei­ter vor­an­ge­schrit­ten.

Trotz des ste­tig wach­sen­den Um­sat­zes blieb Carl Vor­werk vor­sich­tig. Als ein Ham­bur­ger Gro­ßhänd­ler an­reg­te, den Ver­trieb der Tep­pi­che auch in der Han­se­stadt und für den Ex­port auf­zu­neh­men, ant­wor­te­te er, er müs­se „ei­ne grö­ße­re Aus­deh­nung so lan­ge ver­schie­ben“, bis er die Pro­duk­ti­on er­hö­hen kön­ne. Die nö­ti­gen Ma­schi­nen kön­ne man kau­fen, aber „das An­ler­nen der Ar­bei­ter ist au­ßer­or­dent­lich schwie­ri­g“.

1891 über­nahm Carl Vor­werk auch ein kom­mu­nal­po­li­ti­sches Man­dat in der Stadt Bar­men. In der Stadt­ver­ord­ne­ten-Ver­samm­lung trat er als kon­se­quen­ter Ver­tre­ter ei­ner aus­ge­gli­che­nen, nicht nchul­den­fi­nan­zier­ten kom­mu­na­len Fi­nanz­po­li­tik her­vor. Zwei Jah­re vor dem En­de sei­nes sechs­jäh­ri­gen Man­dats trat er al­ler­dings von sei­nem Amt zu­rück, weil sei­ne Fir­ma ihn wie­der ver­mehrt for­der­te. Er hat­te ei­nen Ver­trag mit dem eng­li­schen Un­ter­neh­men Brin­tons Li­mi­ted, dem füh­ren­den Her­stel­ler von „Grei­fer-Web­stüh­len“ ge­schlos­sen. Das wa­ren Web­stüh­le, bei de­nen der Schuss­fa­den in der Mit­te des Ge­we­bes von ei­ner ge­gen­über­lie­gen­den Vor­rich­tung „ge­grif­fen“ und viel ge­nau­er durch das Ge­we­be wei­ter­ge­führt wer­den konn­te, als wenn man ihn „schie­ßen“ wür­de. Carl Vor­werk er­warb ei­ni­ge die­ser Stüh­le und ent­wi­ckel­te sie wei­ter. Der Un­ter­neh­mer war ein Tüft­ler, von je­her an der kom­pli­zier­ten Tech­nik ge­ra­de auch des ma­schi­nel­len We­bens in­ter­es­siert. Er ver­bes­ser­te den eng­li­schen Web­stuhl und mel­de­te 1898 ein Pa­tent dar­auf an.

In der Vor­werk­schen Web­stuhl-Werk­statt lag der Keim der spä­te­ren Ma­schi­nen- und Elek­tro­fa­brik, die in der Welt­wirt­schafts­kri­se 1929 ei­nen Hand-Staub­sau­ger, den be­rühm­ten „Ko­bol­d“, kon­stru­ier­te und ihn bis heu­te pro­du­ziert. Zahl­rei­che Ma­schi­nen­bau­fir­men ge­ra­de im Wup­per­ta­ler Raum ha­ben sich aus ähn­li­cher Wur­zel ent­wi­ckelt.

In der Fa­mi­li­en-Über­lie­fe­rung hält sich hart­nä­ckig die Ge­schich­te, dass Carl Vor­werk den „durch­ge­web­ten Tep­pich“ er­fand. Auf ei­nem sei­ner re­gel­mä­ßi­gen Rund­gän­ge durch sei­ne Fa­brik be­merk­te er den Feh­ler ei­nes Ar­bei­ters, wo­durch die Schlin­ge des Schuss­fa­dens auf dem Rü­cken des Tep­pichs sicht­bar wur­de. Er er­kann­te so­fort die öko­no­mi­sche Ver­wert­bar­keit die­ses Feh­lers und wies al­le Ar­bei­ter an, in Zu­kunft nur noch „feh­ler­haf­t“ zu ar­bei­ten. Der neue Tep­pich, der von ei­nem Ori­ent­tep­pich kaum mehr zu un­ter­schei­den war, wur­de 1901 pa­ten­tiert und ei­ne Grund­la­ge des wirt­schaft­li­chen Er­folgs der Fir­ma.

Sei­nen Ar­bei­tern ge­gen­über trat Carl Vor­werk pa­tri­ar­cha­lisch-au­to­ri­tär auf. Schon 1883 rich­te­te er ei­ne „Fa­brik-Kran­ken­kas­se“ ein, aber die For­de­run­gen sei­ner Ar­bei­ter nach ei­nem zehn­stün­di­gen Ar­beits­tag und bes­se­ren Löh­nen wies er zu­rück. Als im Jah­re 1900 ein Streik sei­ne Fir­ma lahm leg­te, zeig­te er sich un­nach­gie­big und grün­de­te mit an­de­ren Un­ter­neh­mern ei­nen „Ver­band von Ar­beit­ge­bern im ber­gi­schen In­dus­trie­be­zir­k“, ei­nen Vor­läu­fer des heu­ti­gen Ar­beit­ge­ber­ver­ban­des.

1903 er­litt Carl Vor­werk ei­nen Schlag­an­fall, von dem er sich nie mehr völ­lig er­hol­te. Da­mit stell­te sich das Pro­blem der Nach­fol­ge im Un­ter­neh­men. Vor­ge­se­hen war, dass der ein­zi­ge Sohn Carl (1877-1904), da­mals ge­ra­de erst 26 Jah­re alt, sein Nach­fol­ger wer­den soll­te. Doch Carl Vor­werk ju­ni­or starb früh. Au­gust Mit­tels­ten Scheid (1871-1955), der Schwie­ger­sohn, hat­te 1899 Mat­hil­de Vor­werk ge­hei­ra­tet, trat 1904 als ge­schäfts­füh­ren­der Ge­sell­schaf­ter in die „Bar­mer Tep­pich-Fa­bri­k“ ein und führ­te nach dem To­de sei­nes Schwie­ger­va­ters 1907 das Un­ter­neh­men mit au­ßer­or­dent­li­chem Er­folg bis 1955. In sei­ne Zeit fällt die Ein­füh­rung des „Di­rekt­ver­triebs“, der das Un­ter­neh­men bis heu­te prägt. Au­gusts Söh­ne Wer­ner (1904-1953) und Erich (1907-1993) soll­ten ihn be­er­ben, ein drit­ter Sohn war im Zwei­ten Welt­krieg ge­fal­len, ein vier­ter als Kind ge­stor­ben. Wer­ner al­ler­dings starb vor dem Va­ter, so dass die Last der Nach­fol­ge auf Erich Mit­tels­ten Scheid fiel. Auf ihn folg­te Wer­ners äl­tes­ter Sohn Jörg Mit­tels­ten Scheid (ge­bo­ren 1936), der Ur­en­kel Carl Vor­werks, der erst 2005 aus der Ge­schäfts­füh­rung aus­schied und sie fa­mi­li­en­frem­den per­sön­lich haf­ten­den Ge­sell­schaf­tern über­ließ.

Vor­werk & Co. KG ist in­zwi­schen ein welt­weit agie­ren­des, im­mer noch im Fa­mi­li­en­be­sitz be­find­li­ches Un­ter­neh­men ge­wor­den, das ne­ben Tep­pi­chen und Staub­sau­gern vor al­lem Kü­chen­ge­rä­te wie den Ther­mo­mix und seit kur­zem auch Kos­me­ti­ka her­stellt und sei­ne Pro­duk­te mit Hil­fe von 25 Lan­des­ge­sell­schaf­ten und 35 Dis­tri­bu­to­ren „di­rek­t“ bei sei­nen Kun­den ver­treibt. Mit „Ge­bäu­de­diens­ten“ und ei­ner haus­ei­ge­nen Bank hat das Un­ter­neh­men in­zwi­schen auch an­de­re Ge­schäfts­fel­der er­folg­reich ent­wi­ckelt.

Literatur

Pross, Hel­ge, Der Geist der Un­ter­neh­mer. 100 Jah­re Vor­werk & Co. Düs­sel­dorf 1983.

Witt­mütz, Volk­mar, Tep­pi­che, Staub­sau­ger, Kos­me­ti­ka – Vor 125 Jah­ren wur­de die Fir­ma Vor­werk & Co. ge­grün­det, in: Rome­ri­ke Ber­ge 58 (2008), Heft 2, S. 30-39.

Online

Vor­werk & Co. (Home­page des Un­ter­neh­mens). [On­line]

Das Wohnhaus von Carl Vorwerk in Barmen, Ende des 19. Jahrhunderts. (Vorwerk & Co. Teppichwerke GmbH & Co. KG)

 
Zitationshinweis

Bitte geben Sie beim Zitieren dieses Beitrags die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Wittmütz, Volkmar, Carl Vorwerk, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/carl-vorwerk/DE-2086/lido/57c93905a640f1.20162972 (11.11.2018)