Edith Stein

Philosophin (1891-1942)

Susan Gottlöber (Maynooth)

Teresia Benedicta vom Kreuz als Ordensfrau, Porträtfoto.

Edith Stein, nach ih­rem Ein­tritt in den Kar­mel­or­den Te­re­sa Be­ne­dic­ta a Cru­ce, war ei­ne deut­sche Phi­lo­so­phin und ka­tho­li­sche Non­ne. Sie ge­hör­te zum Phä­no­me­no­lo­gen­kreis um Ed­mund Hus­serl (1859-1938) und gilt als ei­ne der we­ni­gen prä­gen­den Frau­en­gestal­ten in der Phä­no­me­no­lo­gie des frü­hen 20. Jahr­hun­derts.

Die am 12.10.1891, dem jü­di­schen Ver­söh­nungs­tag, in Bres­lau ge­bo­re­ne Edith Stein war das jüngs­te von elf Kin­dern ei­ner or­tho­dox-jü­di­schen Fa­mi­lie. Der Va­ter starb kurz nach der Ge­burt, die streng gläu­bi­ge Mut­ter führ­te den von ihm be­trie­be­nen Holz­han­del al­lein wei­ter. Ihr ge­schäft­li­cher Er­folg er­mög­lich­te auch der Jüngs­ten ei­ne gu­te Aus­bil­dung: Von 1911 bis 1913 stu­dier­te Edith Stein Psy­cho­lo­gie, Ger­ma­nis­tik, Ge­schich­te und Phi­lo­so­phie in Bres­lau und setz­te ih­re Stu­di­en 1913/ 1914 in Göt­tin­gen bei dem „Va­ter der Phä­no­me­no­lo­gie", Ed­mund Hus­serl fort.

Die „Ur­ka­ta­stro­phe" des 20. Jahr­hun­derts, der Ers­te Welt­krieg, un­ter­brach die Stu­di­en der an­ge­hen­den Phä­no­me­no­lo­gin: Sie mel­de­te sich nach ih­rem Staats­ex­amen beim Ro­ten Kreuz in Bres­lau, um dann in ei­nem Seu­chen­la­za­rett in Mäh­risch-Wei­ß­kir­chen bis 1915 Dienst zu tun. 1915 setz­te sie ih­re Stu­di­en fort und pro­mo­vier­te 1916 bei Hus­serl, der mitt­ler­wei­le in Frei­burg die Nach­fol­ge Hein­rich Ri­ckerts (1863-1936) an­ge­tre­ten hat­te. In ih­rer Dis­ser­ta­ti­on „Zum Pro­blem der Ein­füh­lung" wand­te sie die phä­no­me­no­lo­gi­sche Me­tho­de und die tran­szen­den­ta­le Re­duk­ti­on Hus­serls auf den Akt der Ein­füh­lung an und konn­te so auf­zei­gen, wie das Er­le­ben ei­nes frem­den Sub­jek­tes ver­mit­telt wird.

 

Auch in ih­ren spä­te­ren Über­le­gun­gen war ihr Fo­kus im­mer wie­der dar­auf aus­ge­rich­tet, die­se ex­pli­zit an­thro­po­lo­gi­sche Fra­ge­stel­lung von er­kennt­nis­theo­re­ti­scher, päd­ago­gi­scher, (christ­lich)-on­to­lo­gi­scher, staats­recht­li­cher und theo­lo­gi­scher Po­si­ti­on aus je­weils neu zu be­leuch­ten. Sie schloss mit „sum­ma cum lau­de" ab, ein Prä­di­kat, das laut Hus­serl nur Ha­bi­li­ta­ti­ons­kan­di­da­ten (ei­ne Ha­bi­li­ta­ti­on blieb ihr als Frau zeit­le­bens ver­sagt) vor­be­hal­ten war und blieb auch nach ih­rer Pro­mo­ti­on in Frei­burg, um von 1916 bis 1918 als Hus­serls Pri­va­t­as­sis­ten­tin zu ar­bei­ten. In die­ser Zeit be­geg­ne­te sie auch dem Phä­no­me­no­lo­gen Max Scheler (1874-1928), der ih­ren Blick da­für öff­ne­te, in der Lie­be über ih­re ro­man­ti­sche Be­deu­tung hin­aus auch ei­ne phä­no­me­no­lo­gi­sche Me­tho­de zu se­hen: In­dem sie den Be­trach­ter gleich­sam da­zu auf­for­de­re, von der Sa­che und der Per­son zu­rück­zu­tre­ten, wen­de die­ser in der Fol­ge nicht nur sei­ne vol­le Auf­merk­sam­keit dem Be­trach­te­ten zu, son­dern las­se ihm im Zu­rück­tre­ten des Ei­ge­nen den Raum, selbst zu spre­chen und sich zu zei­gen.

1917 stürz­te sie der Tod des be­freun­de­ten Phä­no­me­no­lo­gen Adolf Rei­n­ach (1883-1917) in ei­ne tie­fe Kri­se, die wie sie selbst sagt, schon „lan­ge vor­be­rei­tet" war. Die dar­aus fol­gen­de im­mer stär­ke­re An­nä­he­rung an das Chris­ten­tum wur­de zu ei­ner Wen­de in ih­rem Le­ben, die sich mit der Lek­tü­re ei­ner Au­to­bio­gra­phie der Kar­me­li­te­rin Te­re­sa von Avi­la (1515-1582) bei ei­nem Auf­ent­halt in Bad Berg­z­a­bern bei ih­rer Freun­din, der Phi­lo­so­phin Hed­wig Con­rad-Mar­ti­us (1888-1966) end­gül­tig voll­zog und in der ka­tho­li­schen Tau­fe am 1.1.1922 in Bad Berg­z­a­bern mün­de­te. Aus die­ser Zeit stammt auch ihr Werk „Ein­füh­rung in die Phi­lo­so­phie" (1917/ 1918), in dem sie ver­such­te, über die phi­lo­so­phi­sche Be­grün­dung der Na­tur- und Geis­tes­wis­sen­schaf­ten die Ge­samt­heit von Welt­er­schlie­ßung in den Blick zu be­kom­men.

Schon seit je­her den Idea­len der Frau­en­be­we­gung ge­gen­über sehr auf­ge­schlos­sen, trat sie 1918 der von Fried­rich Nau­mann (1860-1919) ge­grün­de­ten Deut­schen De­mo­kra­ti­schen Par­tei (DDP) bei. Sie be­gann, ei­ne weib­li­che An­thro­po­lo­gie zu ent­wi­ckeln, die dem Weib­li­chen im Ge­gen­satz zur männ­li­chen be­griff­lich-zer­glie­dern­den ei­ne auf Ganz­heit stre­ben­de Er­kennt­nis­wei­se zu­ord­net. Mit dem An­tritt ei­ner Stel­le als Leh­re­rin am Ly­ze­um St. Mag­da­le­na in Spey­er im Jahr 1923 be­gann sie all­mäh­lich, Ar­beits­all­tag und Re­li­gi­on zu ei­ner Ein­heit zu­sam­men­zu­füh­ren. In die­se Zeit fal­len auch ih­re Über­set­zun­gen von John Hen­ry New­man (1801-1890) und Tho­mas von Aquin (1225-1274). Seit 1926 hielt sie zu­dem ver­stärkt Vor­trä­ge zur Theo­lo­gie und Päd­ago­gik.

Stein ent­wi­ckel­te im­mer de­zi­dier­ter ei­ne on­to­lo­gi­sche Phä­no­me­no­lo­gie, die sie wie­der­um in ei­ner Phi­lo­so­phie der Per­son zu über­stei­gen such­te. Durch die Rück­bin­dung an die tho­mis­ti­sche Akt-Po­tenz­leh­re wies sie das Ich als et­was auf, das Dau­er hat und den aus­ge­zeich­ne­ten Zu­gang zum Sein dar­stellt. Gleich­zei­tig ver­wei­se die Seins­si­cher­heit auf die Ver­an­ke­rung des „Ich" in ei­nem um­fas­sen­de­rem „Sein". Die­se ganz­heit­li­chen Über­le­gun­gen spie­geln sich auch in ih­ren staats­theo­re­ti­schen Un­ter­su­chun­gen wie­der, die den Staat als ein wert­frei­es so­zia­les Ge­fü­ge kenn­zeich­nen, das sei­nen Sinn aus dem Ethos sei­ner Bür­ger er­hält, die als freie Per­so­nen in die­ses in­te­griert sind („Ei­ne Un­ter­su­chung über den Staat", 1925).

1932/ 1933 er­hielt sie ei­ne Do­zen­tur am Deut­schen In­sti­tut für wis­sen­schaft­li­che Päd­ago­gik in Müns­ter. Hier hielt sie Vor­le­sun­gen über Päd­ago­gik, Psy­cho­lo­gie und Phi­lo­so­phie, führ­te aber auch wei­ter­hin ih­re Vor­trags­tä­tig­keit fort.

Als ihr von den Na­tio­nal­so­zia­lis­ten die Lehr­be­fug­nis ent­zo­gen wur­de, setz­te sie ih­ren schon lang ge­reif­ten Ent­schluss um, end­gül­tig die Nach­fol­ge Te­re­sas von Avi­la an­zu­tre­ten. Am 15.10.1933 trat sie in den Kar­mel in Köln-Lin­den­thal ein und wähl­te den Or­dens­na­men Te­re­sa Be­ne­dic­ta a Cru­ce (The­re­sia Be­ne­dic­ta vom Kreuz). In die­ser Zeit ar­bei­te­te sie in Aus­ein­an­der­set­zung mit Aris­to­te­les, Au­gus­ti­nus und Tho­mas von Aquin in­ten­siv an ih­rem ei­gent­li­chen Haupt­werk „End­li­ches und ewi­ges Sein" (1936), in dem sie auf phi­lo­so­phi­sche Über­le­gun­gen aus ih­rer Schrift „Po­tenz und Akt" aus dem Jahr 1931 zu­rück­greift, das un­ver­öf­fent­licht ge­blie­ben war. In ihm ex­pli­ziert sie das Grund­ver­hält­nis von Sein und Wer­den aus dem Ver­hält­nis von end­li­chem und ewi­gem Sein und ord­net ihm so ei­ne Brü­cken­funk­ti­on zwi­schen bei­den Seins­wei­sen zu. In Aus­ein­an­der­set­zung mit Mar­tin Hei­deg­ger (1889-1976) will sie da­bei ein Seins­ver­ständ­nis ent­wi­ckeln, das mehr ist als nur ein „Sein zum To­de".

Um den Köl­ner Or­den nicht zu ge­fähr­den, floh Stein nach den Po­gro­men am 9. und 10.11.1938 – nur acht Mo­na­te, nach­dem sie das Ge­lüb­de ab­le­gen konn­te – ins Klos­ter Echt (Nie­der­lan­de), wo sie sich mehr und mehr der neu­pla­to­ni­schen Mys­tik zu­wand­te: An­hand der Schrif­ten von Jo­han­nes vom Kreuz (1542-1591) ent­wi­ckel­te sie in ih­rer letz­ten Schrift „Kreu­zes­wis­sen­schaft. Stu­die über Jo­han­nes vom Kreuz" (1941/ 1942, er­schie­nen 1950) ei­ne Be­zie­hung Got­tes zum Men­schen, in der die mys­ti­sche Theo­lo­gie als ein Spre­chen (des ent­zo­ge­nen) Got­tes von sich selbst, als ei­ne von Gott ge­leg­te Spur zu ver­ste­hen ist, wel­cher der mensch­li­che Geist nur fol­gen kann, in­dem er sich durch das Zu­rück­las­sen al­ler ra­tio­na­len Got­tes­bil­der selbst tran­szen­diert. Das Kreuz wird für sie zum Zei­chen da­für, wie der Teu­fels­kreis von Ge­walt und Ge­gen­ge­walt durch­bro­chen wer­den kann, die Kreu­zes­nach­fol­ge zu ei­ner Mög­lich­keit, in ih­rem ei­ge­nen Le­ben jü­di­sche Wur­zeln und christ­li­ches Cre­do zu ver­bin­den.

In die­sem Geist stand auch ih­re Re­ak­ti­on auf ih­re Aus­lie­fe­rung. Als sie und ih­re Schwes­ter Ro­sa von der Ge­sta­po am 2.8.1942 ab­ge­holt wur­den, sag­te sie zu ih­rer Schwes­ter „Komm, wir ge­hen für un­ser Volk." Die De­por­ta­ti­on kon­ver­tier­ter Ju­den war die Re­ak­ti­on der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten auf ei­nen Pro­test­brief der nie­der­län­di­schen Bi­schö­fe ge­we­sen. Die Schwes­tern Stein wur­den zu­nächst nach Wes­ter­bork und spä­ter nach Ausch­witz ge­bracht, wo sie ver­mut­lich zu­sam­men mit den an­de­ren Kon­ver­ti­ten am 9.8.1942 star­ben.

Am 1.5.1987 wur­de Edith Stein als ers­te Ka­tho­li­kin jü­di­scher Ab­stam­mung se­lig und am 11.10.1998 hei­lig ge­spro­chen. Ein Jahr spä­ter wur­de sie zur Mit­pa­tro­nin Eu­ro­pas er­nannt.

Werke (Auswahl)

Das Ein­füh­lungs­pro­blem in sei­ner his­to­ri­schen Ent­wick­lung und in phä­no­me­no­lo­gi­scher Be­trach­tung, 1917.
Zum Pro­blem der Ein­füh­lung, 1917.
__ __Ein­füh­rung in die Phi­lo­so­phie, 1917/ 1918.
Ei­ne Un­ter­su­chung über den Staat, 1925.
Po­tenz und Akt. Stu­di­en zu ei­ner Phi­lo­so­phie des Seins, 1931.
End­li­ches und Ewi­ges Sein, 1937.
Kreu­zes­wis­sen­schaft. Stu­die über Jo­han­nes vom Kreuz, 1941/ 1942.

Ge­samt­aus­ga­ben _
_ Edith-Stein-Ge­samt­aus­ga­be (ES­GA), hg. von Han­na-Bar­ba­ra Gerl-Fal­ko­vitz, 25 Bän­de, Frei­burg (Breis­gau) 2000-2008. 

Literatur

Frei­en­stein, Pe­ter, Sinn ver­ste­hen. Die Phi­lo­so­phie Edith Steins, Lon­don 2007.
Gerl-Fal­ko­vitz, Han­na-Bar­ba­ra, Un­er­bitt­li­ches Licht. Edith Stein – Phi­lo­so­phie, Mys­tik, Le­ben, Mainz 1991.
Gott­löb­er, Su­san, Edith Stein, Te­re­sa Be­ne­dic­ta a Cro­ce (1891-1942), Phi­lo­so­phin, in: Rhei­ni­sche Le­bens­bil­der 19 (2013), S. 283-308.
Klo­eden, Wolf­diet­rich von, "Stein, Edith", in: Bio­gra­phisch-Bi­blio­gra­phi­sches Kir­chen­le­xi­kon 15 (1999), Sp. 1318-1340.
Mül­ler, An­dre­as Uwe, Grund­zü­ge der Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie Edith Steins, Frei­burg (Breis­gau) 1993.
Schulz, Pe­ter, Edith Steins Theo­rie der Per­son. Von der Be­wu­ßts­eins­phi­lo­so­phie zur Geist­m­e­ta­phy­sik, Frei­burg (Breis­gau) 1994.

Edith Stein als Lehrerin in Speyer, Porträtfotot, um 1928.

 
Zitationshinweis

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Gottlöber, Susan, Edith Stein, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/edith-stein/DE-2086/lido/57c955388d2530.08514747 (22.04.2018)