Erich Klausener

NS-Widerstandskämpfer (1885-1934)

Andreas Schwegel (Hannover)

Erich Klausener, Porträtfoto. (Gedenkstätte Deutscher Widerstand)

Erich Klau­se­ner war in der Zeit der Wei­ma­rer Re­pu­blik ein ein­fluss­rei­cher Spit­zen­be­am­ter im preu­ßi­schen In­nen­mi­nis­te­ri­um und dar­über hin­aus ei­ne füh­ren­de Per­sön­lich­keit des po­li­ti­schen Ka­tho­li­zis­mus. We­gen sei­ner po­li­ti­schen Tä­tig­keit vor 1933 und sei­nes en­er­gi­schen Ein­tre­tens für ka­tho­li­sche In­ter­es­sen wäh­rend der frü­hen NS-Dik­ta­tur wur­de er von den Na­tio­nal­so­zia­lis­ten 1934 er­mor­det.

Der am 25.1.1885 in Düs­sel­dorf ge­bo­re­ne Erich Klau­se­ner wuchs in ei­nem groß­bür­ger­lich-ka­tho­li­schen Mi­lieu des Rhein­lan­des auf, das ihn in sei­ner Men­ta­li­tät, sei­nem be­ruf­li­chen Leit­bild und sei­nen po­li­tisch-re­li­giö­sen Über­zeu­gun­gen ent­schei­dend präg­te. Sein Va­ter Pe­ter Klau­se­ner stamm­te aus Aa­chen. Er war ein er­folg­rei­cher Ju­rist in der Rhei­ni­schen Pro­vin­zi­al­ver­wal­tung und hat­te sich als Lan­des­haupt­mann um den Aus­bau der so­zia­len In­fra­struk­tur in den Rhein­lan­den ver­dient ge­macht. Die Mut­ter Eli­sa­beth Klau­se­ner, ge­bo­re­ne Biesen­bach (1864-1944), ent­stamm­te ei­ner ein­fluss­rei­chen ka­tho­li­schen Fa­mi­lie aus Düs­sel­dorf. Ihr Va­ter Gus­tav Biesen­bach (1831-1893) war 20 Jah­re lang Ver­tre­ter für das Zen­trum im preu­ßi­schen Ab­ge­ord­ne­ten­haus und ein en­ger Mit­strei­ter Lud­wig Wind­t­horsts (1812-1891) im „Kul­tur­kampf".

 

Erich Klau­se­ner leg­te 1903 die Rei­fe­prü­fung in Düs­sel­dorf ab. Dem fa­mi­liä­ren Leit­bild fol­gend stu­dier­te er an­schlie­ßend Ju­ra in Bonn, Ber­lin und Kiel. Bei­de Staats­ex­ami­na schloss er mit der sel­te­nen No­te „gut" ab. 1911 pro­mo­vier­te er in Würz­burg und schlug an­schlie­ßend die Ver­wal­tungs­lauf­bahn ein. Sein Be­rufs­wunsch war es, preu­ßi­scher Land­rat zu wer­den. Bei Kriegs­aus­bruch 1914 muss­te Klau­se­ner sei­ne be­ruf­li­chen Plä­ne erst ein­mal auf Eis le­gen. Noch am Tag der Mo­bil­ma­chung – am 1.8.1914 – hei­ra­te­te er Hed­wig Kny (1888-1971). Nach drei­jäh­ri­gem Ein­satz als Ula­nen­of­fi­zier im Ers­ten Welt­krieg wur­de der qua­li­fi­zier­te Nach­wuchs­ju­rist im Ok­to­ber 1917 an die „Hei­mat­front" ver­setzt: Klau­se­ner wur­de Land­rat im Kreis Adenau in der Hoch­ei­fel. Dort war es sei­ne Auf­ga­be, die Be­völ­ke­rung vor den zi­vi­len Drang­sa­len der letz­ten Kriegs­jah­re zu schüt­zen.

Erich Klau­se­ner be­währ­te sich of­fen­sicht­lich. Denn schon im Au­gust 1919 wur­de er als Land­rat im auf­stre­ben­den In­dus­trie­kreis Reck­ling­hau­sen ein­ge­setzt – mit 344.000 Ein­woh­nern der grö­ß­te Kreis in ganz Preu­ßen. Im Vor­der­grund sei­ner Tä­tig­keit stand die Wohl­fahrts­pfle­ge im re­gio­na­len Ver­bund. Klau­se­ner schärf­te sein so­zi­al­po­li­ti­sches Pro­fil, in­dem er im nörd­li­chen Ruhr­ge­biet vor al­lem den Auf­bau ei­nes flä­chen­de­cken­den Ge­sund­heits- und Für­sor­ge­we­sens für Kran­ke und Be­dürf­ti­ge för­der­te. Sei­ne Amts­zeit fiel in die schwie­ri­gen An­fangs­jah­re der Wei­ma­rer Re­pu­blik. Der jun­ge Land­rat zeig­te sich fest ent­schlos­sen, die In­ter­es­sen der jun­gen De­mo­kra­tie zu ver­tei­di­gen. So un­ter­stütz­te Klau­se­ner wäh­rend des „Kapp-Put­sches" im März 1920 den Ge­ne­ral­streik ge­gen die re­ak­tio­nä­ren Put­schis­ten in Ber­lin. Und als we­ni­ge Wo­chen spä­ter ei­ne „ro­te Ruhr­ar­mee" das In­dus­trie­re­vier be­droh­te, plä­dier­te er für ein Ein­grei­fen der Reichs­wehr, um die Auf­stän­di­schen ge­walt­sam zu ent­waff­nen.

Wäh­rend der Ruhr­be­set­zung durch fran­zö­si­sche und bel­gi­sche Trup­pen im Jahr 1923 un­ter­stütz­te Klau­se­ner die Stra­te­gie des „pas­si­ven Wi­der­stan­des". Ein schar­fes Pro­test­schrei­ben we­gen der Miss­hand­lung von Be­am­ten brach­te ihm ein Kriegs­ge­richts­ver­fah­ren ein. Klau­se­ner wur­de zwei Mo­na­te in­haf­tiert und an­schlie­ßend des Kreis­ge­biets ver­wie­sen. Erst nach Be­en­di­gung des „pas­si­ven Wi­der­stan­des" – im No­vem­ber 1923 – konn­te er wie­der zu­rück­keh­ren.

1924 be­gan­nen Erich Klau­se­ners letz­te zehn Be­rufs­jah­re – die Zeit in Ber­lin. Aus dem preu­ßi­schen Land­rat wur­de ein ho­her Mi­nis­te­ri­al­be­am­ter, zu­nächst im Wohl­fahrts­mi­nis­te­ri­um. 1926 wech­sel­te er in das vom Zen­trum zu be­set­zen­de Amt des Lei­ters der Po­li­zei­ab­tei­lung im preu­ßi­schen In­nen­mi­nis­te­ri­um. In die­ser Schlüs­sel­funk­ti­on ge­stal­te­te Klau­se­ner ma­ß­geb­lich die von den In­nen­mi­nis­tern Carl Se­ve­ring (1975-1952) und Al­bert Grzes­in­ski (1879-1947) in­iti­ier­te Mo­der­ni­sie­rung der Po­li­zei­or­ga­ni­sa­ti­on und des Po­li­zei­rechts in Preu­ßen. Das re­form­po­li­ti­sche Wir­ken wur­de über­schat­tet durch die tur­bu­len­te End­pha­se der Wei­ma­rer Re­pu­blik. Der er­star­ken­de po­li­ti­sche Ex­tre­mis­mus wur­de zur zen­tra­len Her­aus­for­de­rung für die preu­ßi­schen Si­cher­heits­be­hör­den. Klau­se­ner galt als Ver­fech­ter ei­ner har­ten Li­nie zum Schutz der Re­pu­blik und lei­te­te en­er­gisch den Kampf der Po­li­zei ge­gen Aus­schrei­tun­gen der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten. Vor­stö­ße der preu­ßi­schen Re­gie­rung, ein reichs­wei­tes Ver­bot der NS­DAP durch­zu­set­zen, schei­ter­ten je­doch an po­li­ti­schen Wi­der­stän­den der rasch wech­seln­den Reichs­re­gie­run­gen. Preu­ßen bü­ß­te sei­ne Po­si­ti­on als Boll­werk wehr­haf­ter De­mo­kra­ten durch den „Preu­ßen­schlag" am 20.7.1932 ein. Auf In­itia­ti­ve der Reichs­re­gie­rung un­ter Franz von Pa­pen (Amts­zeit 1932) wur­de die preu­ßi­sche Staats­re­gie­rung un­ter Mi­nis­ter­prä­si­dent Ot­to Braun (Amts­zeit 1926-1932) per Not­ver­ord­nung ih­res Am­tes ent­ho­ben. Die hoch­gra­dig um­strit­te­ne Ak­ti­on des Rei­ches eb­ne­te ei­nem re­ak­tio­nä­ren Kom­mis­sa­ri­ats­re­gime in Preu­ßen den Weg, das den staats­feind­li­chen Um­trie­ben der NS­DAP nur we­nig ent­ge­gen­setz­te.

Trotz ei­ner per­so­nel­len Säu­be­rungs­wel­le im In­nen­mi­nis­te­ri­um blieb Klau­se­ner vor­erst Lei­ter der Po­li­zei­ab­tei­lung. Ein Grund mag sei­ne star­ke Po­si­ti­on in der „Ka­tho­li­schen Ak­ti­on" ge­we­sen sein, die von Pa­pen – selbst Ka­tho­lik – von här­te­ren Maß­nah­men ab­se­hen ließ. Die „Ka­tho­li­sche Ak­ti­on" war ei­ne von Papst Pi­us XI. (Pon­ti­fi­kat 1922-1939) 1922 ins Le­ben ge­ru­fe­ne Lai­en­be­we­gung. Erich Klau­se­ner wur­de ihr Lei­ter in der 1929 ge­grün­de­ten Diö­ze­se Ber­lin. Da­bei mach­te er sich als ge­schick­ter Or­ga­ni­sa­tor von Gro­ßkund­ge­bun­gen der Ber­li­ner Ka­tho­li­ken und ta­len­tier­ter Red­ner ei­nen Na­men.

Nach der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen „Macht­er­grei­fung" im Früh­jahr 1933 wur­de Her­mann Gö­ring (1893-1946) kom­mis­sa­ri­scher In­nen­mi­nis­ter in Preu­ßen und ließ Klau­se­ner in das Reichs­ver­kehrs­mi­nis­te­ri­um ver­set­zen. Trotz­dem nutz­te die­ser wei­ter­hin die Ge­le­gen­heit zu öf­fent­lich­keits­wirk­sa­men Auf­trit­ten als Lei­ter der „Ka­tho­li­schen Ak­ti­on" in Ber­lin. Klau­se­ner be­schwor in sei­nen viel be­ach­te­ten An­spra­chen die na­tio­na­le Ge­sin­nung der ka­tho­li­schen Be­völ­ke­rung, ver­tei­dig­te aber gleich­zei­tig die ka­tho­li­schen Ver­bän­de ge­gen Ver­un­glimp­fun­gen und Über­grif­fe durch das Re­gime, so ins­be­son­de­re auf dem 31. Mär­ki­schen Ka­tho­li­ken­tag am 25.6.1933. Oh­ne­hin war es für die NS-Macht­ha­ber ei­ne Pro­vo­ka­ti­on, dass aus­ge­rech­net ein ehe­ma­li­ger Spit­zen­be­am­ter des preu­ßi­schen In­nen­mi­nis­te­ri­ums, der vor 1933 die NS­DAP be­kämp­fen ließ, wei­ter­hin Gro­ßkund­ge­bun­gen in der Reichs­haupt­stadt or­ga­ni­sier­te. So nahm der NS-Chef­ideo­lo­ge Al­fred Ro­sen­berg (1893-1946) Klau­se­ners Auf­tritt wäh­rend des Mär­ki­schen Ka­tho­li­ken­ta­ges vom Ju­ni 1933 zum An­lass für ei­nen Hetz­ar­ti­kel im „Völ­ki­schen Be­ob­ach­ter".

Erich Klau­se­ners Re­de auf dem 32. Mär­ki­schen Ka­tho­li­ken­tag am 24.6.1934 war sein letz­ter öf­fent­li­cher Auf­tritt. Nur sechs Ta­ge spä­ter, am 30.6.1934, wur­de der po­pu­lä­re Ka­tho­li­ken­füh­rer im Zu­ge der von Hit­ler be­foh­le­nen Ter­ror­ak­ti­on ge­gen die SA-Füh­rung und un­be­que­me Re­gime­kri­ti­ker durch ein SS-Kom­man­do in sei­nem Dienst­zim­mer im Reichs­ver­kehrs­mi­nis­te­ri­um er­mor­det.

Über die amt­li­che Pres­se wur­de ver­brei­tet, Klau­se­ner ha­be sich im Zu­ge der Er­eig­nis­se des 30. Ju­ni das Le­ben ge­nom­men. Die of­fi­zi­el­le Ver­si­on vom Selbst­mord stieß in der ka­tho­li­schen Be­völ­ke­rung auf kla­re Ab­leh­nung und pro­vo­zier­te kri­ti­sche Stel­lung­nah­men sei­tens kirch­li­cher Wür­den­trä­ger. Im Auf­trag der Wit­we Hed­wig Klau­se­ner streng­ten die Rechts­an­wäl­te Wer­ner Pünder (1885-1973) und Erich We­dell so­gar ei­ne Scha­dens­er­satz­kla­ge ge­gen das Deut­sche Reich und Preu­ßen an. Ih­ren Mut be­zahl­ten die bei­den auf­rech­ten Ju­ris­ten mit mehr­wö­chi­ger Ge­stap­o­haft.

Erst nach dem Krieg kam Licht in den „Fall Klau­se­ner". Ro­bert Kemp­ner (1899-1993), ein ehe­ma­li­ger en­ger Mit­ar­bei­ter Klau­se­ners im preu­ßi­schen In­nen­mi­nis­te­ri­um, war als Ju­de und So­zi­al­de­mo­krat recht­zei­tig emi­griert. Nach 1945 wur­de er stell­ver­tre­ten­der US-Haupt­an­klä­ger der Nürn­ber­ger Pro­zes­se und führ­te auch zur Auf­klä­rung des To­des von Erich Klau­se­ner in­ten­si­ve Nach­for­schun­gen durch. Da­bei wur­de deut­lich, dass Her­mann Gö­ring dar­auf ge­drängt hat­te, Klau­se­ner auf die To­des­lis­te zu set­zen. Die Tat blieb nicht un­ge­sühnt. Klau­se­ners Mör­der, der ehe­ma­li­ge SS-Sturm­bann­füh­rer Kurt Gil­disch (1904-1953), wur­de 1949 in Ber­lin ge­fasst und durch das Schwur­ge­richt beim Land­ge­richt Ber­lin 1951 zu 15 Jah­ren Zucht­haus ver­ur­teilt. Die Ur­teils­be­grün­dung gibt mi­nu­ti­ös Auf­schluss über die Grün­de und den Her­gang des Ver­bre­chens, das dem un­be­que­men Ka­tho­li­ken­füh­rer und ehe­ma­li­gen Lei­ter der Po­li­zei­ab­tei­lung glei­cher­ma­ßen galt.

Literatur (Auswahl)

Adolph, Wal­ter, Erich Klau­se­ner, Ber­lin 1955.

Gruch­mann, Lo­thar, Er­leb­nis­be­richt Wer­ner Pünders über die Er­mor­dung Klau­se­ners am 30. Ju­ni 1934 und ih­re Fol­gen", in: Vier­tel­jahrs­hef­te für Zeit­ge­schich­te 4/1971, S. 400-431.

Kemp­ner, Ro­bert, SS im Kreuz­ver­hör, Mün­chen 1964, S. 255-263.

Mor­sey, Ru­dolf, Erich Klau­se­ner (1885-1934), in: Kurt G. A. Je­se­rich / Hel­mut Neu­haus (Hg.), Per­sön­lich­kei­ten der Ver­wal­tung 1648-1945, Stutt­gart 1991, S. 410-412.

Naas, Ste­fan, Die Ent­ste­hung des Preu­ßi­schen Po­li­zei­ver­wal­tungs­ge­set­zes. Ein Bei­trag zur Ge­schich­te des Po­li­zei­rechts in der Wei­ma­rer Re­pu­blik, Tü­bin­gen 2003.

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Pünder, Til­man, Erich Klau­se­ner – Pa­tri­ot und Christ, in: Groß­feld, Bern­hard (Hg.), West­fä­li­sche Ju­ris­pru­denz. Bei­trä­ge zur deut­schen und eu­ro­päi­schen Rechts­kul­tur. Fest­schrift aus An­lass des 50jäh­ri­gen Be­ste­hens der Ju­ris­ti­schen Stu­di­en­ge­sell­schaft Müns­ter, Müns­ter 2000, S. 289-328.

Online

Got­to, Klaus, Ar­ti­kel "Klau­se­ner, Erich", in: Neue Deut­sche Bio­gra­phie 11 (1977), S. 715-716. [On­line]

Schwe­gel, An­dre­as, Christ, Pa­tri­ot und preu­ßi­scher Re­for­mer. Vor 70 Jah­ren wur­de der Ka­tho­li­ken­füh­rer Erich Klau­se­ner er­mor­det, in: Die Po­li­ti­sche Mei­nung 419 (2004), S. 84-91 (PDF-Do­ku­ment auf der Home­page der Kon­rad-Ade­nau­er-Stif­tung). [On­line]

Briefmarke der Deutschen Bundespost anlässlich des 50. Todestages Erich Klauseners, 1984.

 
Zitationshinweis

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Schwegel, Andreas, Erich Klausener, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/erich-klausener/DE-2086/lido/57c9357fa8b180.79817734 (15.11.2018)