Familie Henckels

Industriellenfamilie

Alena Saam (Solingen)

Gezeichnete Fabrikansicht um 1860 mit Auszeichnungsmedaillen. (Stadtarchiv Solingen, RS 09619)

Die Fa­mi­lie Henckels war ei­ne pro­tes­tan­ti­sche Schlei­f­er­fa­mi­lie aus So­lin­gen, die das Schneid­wa­ren­un­ter­neh­men „Zwil­ling J.A. Henckel­s“ ge­grün­det hat. Bis En­de des 19. Jahr­hun­derts ge­lang es den Henckels, ihr Un­ter­neh­men zum grö­ß­ten So­lin­ger Schneid­wa­ren­han­del aus­zu­bau­en und ihr Fa­brik­zei­chen, den „Zwil­lin­g“, welt­weit als Mar­ken­zei­chen zu eta­blie­ren.

Die Fa­mi­lie ist spä­tes­tens seit der Mit­te des 15. Jahr­hun­derts in So­lin­gen nach­weis­bar. Der Na­me lei­tet sich vom Vor­na­men Hein­rich ab, des­sen Ko­se­for­men un­ter an­de­rem Henckelein oder ver­kürzt Henckel wa­ren. Im 15. Jahr­hun­dert fin­den sich vor al­lem in So­lin­gen und Len­nep (heu­te Stadt Rem­scheid) Mit­glie­der der Henckels-Fa­mi­lie. In So­lin­gen bil­de­te sich durch die Zunf­tord­nung in­ner­halb der Fa­mi­lie ei­ne Li­nie der Schlei­fer und ei­ne der Schmie­der her­aus. Die ers­te­re grün­de­te das spä­te­re Un­ter­neh­men „Zwil­ling J. A. Henckel­s“.

 

Johann Abraham Henckels Sen. (1771-1850)

Das Zei­chen des „Zwil­lin­g“ als Mar­ke kommt erst­mals in der Mes­ser­ma­cher­rol­le 1731 vor. Pe­ter Henckels zum Neu­en­haus (ge­stor­ben 1759) ließ die­ses am 13. Ju­ni – im Stern­zei­chen des Zwil­ling - dort ein­tra­gen, um den Zwil­ling als Mar­ken­zei­chen zu schüt­zen. Pe­ter Henckels war ein ent­fern­ter Ver­wand­ter von Jo­hann Gott­fried Henckels (1735-1811), der ihm am 4.12.1760 das Zei­chen ab­kauf­te und sei­nen Na­men der Mar­ke hin­zu­füg­te. Die Grün­de da­für sind nicht über­lie­fert, je­doch ist ge­si­chert, dass sich Jo­hann Gott­fried an­schlie­ßend als Mes­ser­ma­cher und Rei­der selbst­stän­dig mach­te und der „Zwil­lin­g“ von die­sem Zeit­punkt an im Be­sitz sei­ner Fa­mi­li­en­li­nie blieb. Es dau­er­te den­noch ei­ne wei­te­re Ge­ne­ra­ti­on, bis die Grün­dung der Fir­ma „Zwil­ling J.A. Henckel­s“ durch den jüngs­ten Sohn Jo­hann Gott­frieds und sei­ner Ehe­frau An­na Ma­ria Lin­ders zu Lin­den (1728-1792) er­folg­te: Jo­hann Abra­ham Sen. (1771-1850) war der ein­zi­ge über­le­ben­de Sohn des Ehe­paa­res und er­hielt ne­ben der hand­werk­li­chen Leh­re ei­ne ein­fa­che Schul­aus­bil­dung, die es ihm im­mer­hin er­mög­lich­te, grund­le­gen­de ge­schäft­li­che Din­ge selbst­stän­dig zu er­le­di­gen. 1792 hei­ra­te­te er Jo­han­ne Ma­ria Schauf am Brühl (auch Jo­han­na Ma­ria Schauff, 1768-1852), die eben­falls aus ei­ner So­lin­ger Schlei­f­er­fa­mi­lie stamm­te. Das Ehe­paar be­kam acht Kin­der, fünf Mäd­chen und drei Jun­gen, von de­nen je­doch der erst­ge­bo­re­ne Sohn, Jo­hann Abra­ham (1795-1810), und die vier­te Toch­ter, Hen­ri­et­ta (1808-1816), be­reits im Kin­des­al­ter star­ben. Nach­dem Jo­hann Abra­ham so­wohl im Hau­se sei­nes Va­ters als auch sei­nes Schwie­ger­va­ters ge­ar­bei­tet hat­te, zog er 1808 mit sei­ner Fa­mi­lie in das Haus am Platz­hof 611 in So­lin­gen. Dort ar­bei­te­te er selbst­stän­dig zu­sam­men mit sei­nem Vet­ter Pe­ter Da­ni­el Henckels (1774-1798). Wäh­rend das Ge­schäft zu­nächst schlecht lief, än­der­te sich das nach dem Ein­zug der fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­ons­trup­pen ins Rhein­land. Die 1806 von Na­po­le­on ver­häng­te Kon­ti­nen­tal­sper­re ge­gen Eng­land wirk­te sich po­si­tiv auf den Stahl­wa­ren­han­del in der Re­gi­on um So­lin­gen aus. Wäh­rend zu­vor die eng­li­schen Kon­kur­renz­pro­duk­te aus Shef­field die So­lin­ger Schneid­wa­ren im­mer wei­ter vom Markt ver­drängt hat­ten, schütz­te die Kon­ti­nen­tal­sper­re die ein­hei­mi­sche Wirt­schaft und brach­te ihr Auf­schwung. Auch die Auf­he­bung des Zunft­we­sens und die Ein­füh­rung der Ge­wer­be­frei­heit un­ter Na­po­le­on be­för­der­te das Wirt­schafts­le­ben der Zeit. 

Als der Va­ter 1811 ver­starb, ei­nig­te sich Jo­hann Abra­ham mit sei­nen Schwes­tern über die Erb­schaft da­hin­ge­hend, dass das Mar­ken­zei­chen des Zwil­lings an ihn über­ging und er es un­ter sei­nem Na­men in der Mes­ser­ma­cher­rol­le ein­tra­gen las­sen konn­te. An­schlie­ßend such­te er neue Mög­lich­kei­ten, sei­ne Pro­duk­te in den Han­del zu brin­gen. Da­bei hat­te er haupt­säch­lich ost­deut­sche Märk­te im Blick, wie Mag­de­burg, Leip­zig und al­len vor­an Ber­lin. Jo­hann Abra­ham reis­te kon­ti­nu­ier­lich in die­se Städ­te und sah dort Chan­cen, sei­nen Ab­satz­markt über das Ber­gi­sche Land hin­aus zu er­wei­tern. Im Fe­bru­ar 1818 ent­schloss er sich, in Ber­lin ein Kom­mis­si­ons­ge­schäft zu er­öff­nen und mie­te­te da­für Räum­lich­kei­ten auf der Post­stra­ße 12. Das Ge­schäft lief an­fangs je­doch schlep­pend und der Plan, ei­nen Kom­mis­si­ons­neh­mer zu fin­den, der aus­schlie­ß­lich die Zwil­lings­wa­re ver­kauf­te, schlug fehl. Den­noch hielt Jo­hann Abra­ham dar­an fest, in Ber­lin ge­schäft­lich Fuß zu fas­sen. 

Eintrag der Marke ZWILLING als Handwerkzeichen in die Solinger Messermacherrolle, 1731.

 

Johann Gottfried Henckels (1804-1858)

Zum Weih­nachts­ge­schäft 1818 nahm Jo­hann Abra­ham erst­mals sei­nen Sohn Jo­hann Gott­fried (1804-1858) mit nach Ber­lin, der so schon früh in das Fa­mi­li­en­ge­schäft ein­ge­ar­bei­tet wur­de. Mit­te des Jah­res 1819 fan­den Va­ter und Sohn auf der Schar­ren­stra­ße 1 ge­eig­ne­te­re La­den­räu­me in­klu­si­ve La­ger und ei­ner klei­nen Woh­nung. Kur­ze Zeit spä­ter er­krank­te der Va­ter je­doch an ei­nem Bein­lei­den und muss­te sich in Kur be­ge­ben. Sohn Jo­hann Gott­fried kehr­te nach So­lin­gen zu­rück, um sei­ne Mut­ter bei der Ge­schäfts­füh­rung zu un­ter­stüt­zen. Die Lei­tung des Ber­li­ner Ge­schäfts ob­lag wäh­rend­des­sen sei­nem Schwa­ger Jo­hann Abra­ham Stu­ten­be­cker (1797-1835) und Lud­wig Hoff, ei­nem Mit­ar­bei­ter aus dem So­lin­ger Ge­schäft. Als Jo­hann Abra­ham Henckels ein Jahr spä­ter aus der Kur zu­rück­kehr­te, war die fi­nan­zi­el­le Si­tua­ti­on der Ge­schäf­te in So­lin­gen und Ber­lin kri­tisch, ins­be­son­de­re die Kon­kur­renz an­de­rer So­lin­ger Schneid­wa­ren­händ­ler in Ber­lin schmä­ler­te die Ge­win­ne und führ­te so­gar zu ei­ner teil­wei­sen Zah­lungs­un­fä­hig­keit. Im April 1820 reis­te Jo­hann Abra­ham da­her nach Ber­lin, wo er sich aber­mals für ei­nen Um­zug in ei­nen grö­ße­ren La­den ent­schied. Pas­sen­de Räum­lich­kei­ten fand er auf der Jä­ger­stra­ße 52, die so­gar ein Schau­fens­ter zur Wa­ren­aus­la­ge bo­ten. Au­ßer­dem ord­ne­te er an, dass nur Wa­re von erst­ran­gi­ger Qua­li­tät mit dem „Zwil­lin­g“ aus­ge­zeich­net wer­den soll­ten, um ein ho­hes Ni­veau zu hal­ten und den Ruf der Pro­duk­te zu ver­bes­sern. Sohn Jo­hann Gott­fried folg­te ihm Mit­te des Jah­res 1820 nach Ber­lin und wur­de in der Fol­ge­zeit im­mer mehr zur trei­ben­den Kraft, zu­mal sich der Va­ter zwi­schen 1821 und 1824 auf Ge­schäfts­rei­sen in Schle­si­en, Po­len und Ös­ter­reich be­fand. Spä­tes­tens mit 18 Jah­ren, al­so im Jahr 1822, war Jo­hann Gott­fried in der La­ge, das Ber­li­ner Ge­schäft selbst­stän­dig zu füh­ren. Er lern­te sei­ne kauf­män­ni­schen Fä­hig­kei­ten von Lud­wig Hoff, der ihm so­wohl die Buch­hal­tung als auch Fran­zö­sisch bei­brach­te. Eben­falls be­ein­fluss­te Hoff Jo­hann Gott­fried in re­li­giö­ser Hin­sicht. Er war Mit­glied der Sek­te der „Gich­te­lia­ner“, der Jo­hann Gott­fried 1820 bei­trat. Von da an wa­ren sei­ne „En­gels­brü­der“, wie sich die „Gich­te­lia­ner“ auch nann­ten, nicht nur un­ter der Kund­schaft des Ber­li­ner Ge­schäfts zu fin­den, son­dern auch als Mit­ar­bei­ter. Durch den von ihm be­trie­be­nen Aus­bau des Sor­ti­ments konn­te Jo­hann Gott­fried sei­nen El­tern 1826 stei­gen­de Ge­win­ne mel­den. Zum An­ge­bot ge­hör­ten von da an nicht nur Schneid­wa­ren, son­dern auch mo­di­sche Ac­ces­soires, wie Gür­tel, Schnal­len und Ta­schen­bü­gel. 

Die 1819 gegründete erste Zwilling Filiale in Berlin, undatiert. (Carl Locht: 1818-1911 - Hausgeschichte der Firma J. A. Henckels Berlin“. Gebrüder Grunert, Berlin 1911, S. 13)

 

Johann Abraham Henckels Jr. (1813-1871)

Jo­hann Abra­ham Henckels Jr. (1813-1871) trat wie sein äl­te­rer Bru­der Jo­hann Gott­fried in jun­gen Jah­ren in das Fa­mi­li­en­ge­schäft ein. 1829 reis­te er das ers­te Mal zu sei­nem Bru­der nach Ber­lin. Zu­vor hat­te er die Volks­schu­le ab­sol­viert und sich in die Leh­re sei­nes Va­ters be­ge­ben, wo­bei er ins­be­son­de­re Kennt­nis­se in der Her­stel­lung von Fe­der­mes­sern er­warb. Wäh­rend sei­ner Ber­li­ner Zeit er­gänz­te er sei­ne kauf­män­ni­sche Aus­bil­dung und lern­te den Um­gang mit Kun­den. Aus Brie­fen der Henckels aus den Jah­ren 1830 und 1831 geht her­vor, dass sich die bei­den gut ver­stan­den und Gott­fried ei­nen gro­ßen Ein­fluss auf sei­nen jün­ge­ren Bru­der hat­te. Dies äu­ßer­te sich un­ter an­de­rem dar­in, dass Jo­hann Abra­ham Jr. eben­falls ei­ne Af­fi­ni­tät zu den „Gich­te­lia­ner“ ent­wi­ckel­te. Bei­de Brü­der lös­ten sich zu­neh­mend von den Ge­schäfts­prak­ti­ken des Va­ters und ent­wi­ckel­ten ei­ge­ne Ge­schäfts­stra­te­gi­en und -prak­ti­ken: Gott­fried sah die Not­wen­dig­keit, die Zwil­ling-Pro­duk­te bei gleich­blei­ben­der Qua­li­tät zu nied­ri­ge­ren Prei­sen zu ver­kau­fen. Jo­hann Abra­ham Jr. war der An­sicht, dass bei der Ma­te­ri­al­be­schaf­fung und Auf­trags­ver­ga­be, die der Va­ter in So­lin­gen vor­nahm, grö­ße­re Sorg­falt wal­ten und hö­he­re An­sprü­che ge­stellt wer­den muss­ten, um qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­gen Stahl zum güns­tigs­ten Preis zu er­hal­ten. Als er 1831 we­gen ei­nes Oh­ren­lei­dens nach So­lin­gen zu­rück­keh­ren muss­te, über­nahm er dort all­mäh­lich die Ar­beit sei­nes Va­ters, der ge­sund­heit­lich be­ein­träch­tigt war. So­mit konn­te Jo­hann Abra­ham Jr. ers­te Än­de­run­gen in die We­ge lei­ten.

1833 be­gann Jo­hann Abra­ham Sen. über die Zu­kunft sei­nes Un­ter­neh­mens nach­zu­den­ken. Er setz­te sein Tes­ta­ment auf und ei­nig­te sich mit sei­nen bei­den Söh­nen schnell über die Be­stim­mun­gen: Jo­hann Gott­fried und Jo­hann Abra­ham Jr. be­ka­men das Un­ter­neh­men zu glei­chen Tei­len zum 1.1.1836 über­schrie­ben. Die Zu­kunft des Un­ter­neh­mens war da­mit ge­si­chert, je­doch ent­wi­ckel­te sich die Zu­sam­men­ar­beit der bei­den Brü­der mit dem Va­ter in den nächs­ten Jah­ren zu­neh­mend schwie­ri­ger. Jo­hann Abra­ham Sen. woll­te wei­ter­hin an der Ge­schäfts­lei­tung be­tei­ligt sein, wäh­rend sei­ne Söh­ne die­se je­doch auf­grund sei­nes Ge­sund­heits­zu­stan­des - er litt an star­kem Blut­hoch­druck - und den kon­trä­ren An­sich­ten über die Ge­schäfts­prak­ti­ken auf klei­ne­re Auf­ga­ben re­du­zie­ren woll­ten. Das Ver­hält­nis zwi­schen Jo­hann Abra­ham Sen. und sei­nem jün­ge­ren Sohn, der wäh­rend sei­ner Zeit in So­lin­gen im el­ter­li­chen Haus wohn­te, litt be­son­ders in den Jah­ren nach der Un­ter­neh­mens­über­nah­me. Als sich Jo­hann Abra­ham Jr. ent­schied, Hen­ri­et­te Nip­pes zu Grü­ne­wald (1821-1890), ei­ne fi­nan­zi­ell über­aus gu­te Par­tie, zu hei­ra­ten, ent­brann­te Streit zwi­schen Va­ter und Sohn. Jo­hann Abra­ham Sen. war der Mei­nung, dem jün­ge­rer Sohn wür­de nur ein Vier­tel des Un­ter­neh­mens­ge­winns zu­ste­hen, da er durch die rei­che Hei­rat mehr Geld be­sit­zen wür­de als die üb­ri­gen Ge­schwis­ter. Die­sen soll­te zu­sam­men ein Vier­tel über­tra­gen wer­den, wo­hin­ge­gen Jo­hann Gott­fried ei­ne Hälf­te er­hal­ten soll­te. Der Streit en­de­te da­mit, dass Jo­hann Abra­ham Jr. zu sei­nen Schwie­ger­el­tern in de­ren Haus am Grü­ne­wald zog und der äl­te­re Bru­der die Vor­stel­lun­gen des Va­ters höf­lich, aber be­stimmt ab­lehn­te.

Die Hoch­zeit von Jo­hann Abra­ham Jr. und Hen­ri­et­te fand am 9.10.1840 statt. Aus der Ehe gin­gen 15 Kin­der her­vor. Durch die räum­li­che Dis­tanz zwi­schen Va­ter und Sohn ent­schärf­te sich die Si­tua­ti­on er­heb­lich und die Ein­grif­fe des Va­ters in die Ge­schäfts­füh­rung nah­men kon­ti­nu­ier­lich ab. Das lag nicht zu­letzt auch an des­sen sich ver­schlech­tern­den Ge­sund­heits­zu­stand, aber auch an der Ver­le­gung der Fa­brik­räu­me vom Platz­hof, dem Wohn­ort der El­tern, nach Grü­ne­wald, dem heu­ti­gen Stand­ort, im Jah­re 1840. Am 6.4.1850 starb Jo­hann Abra­ham Sen. an Brust­was­ser­sucht. Sei­ne Frau Jo­han­ne Ma­ria folg­te ihm zwei Jah­re spä­ter am 19.11.1852.

Johann Abraham Henckels jr. (1813-1870) mit Ehefrau Henriette, geborene Nippes. Vermutlich aufgenommen zu ihrer Silberhochzeit am 9.10.1865. (Stadtarchiv Solingen, RS 09874)

 

Nach dem Tod der El­tern konn­ten die Brü­der Henckels das Un­ter­neh­men nach ih­ren ei­ge­nen Vor­stel­lun­gen ver­än­dern und aus­bau­en. Jo­hann Abra­ham Jr. er­wies sich da­bei als agi­ler und streb­sa­mer als sein Bru­der; er nahm in den 1840er Jah­ren und die Ge­schäf­te in So­lin­gen na­he­zu voll­stän­dig in die Hand. 1845 pach­te­te er ei­nen Raf­fi­nier­ham­mer in Müngs­ten (heu­te Stadt So­lin­gen), oh­ne sei­nen Bru­der dar­über zu in­for­mie­ren. Sein Ziel war es, die Qua­li­tät ih­rer Pro­duk­te wei­ter zu stei­gern. Da­zu über­leg­te er, von dem bis­her ver­wen­de­ten raf­fi­nier­ten Stahl ab­zu­ge­hen und Guss­stahl ein­zu­füh­ren, wie ihn auch die eng­li­sche Kon­kur­renz be­nutz­te. Ab 1847 war die­ser in gu­ter Qua­li­tät auch im Ber­gi­schen Land ver­füg­bar und wur­de von Jo­hann Abra­ham Jr. zu­neh­mend ein­ge­setzt. 1851 reis­ten die Brü­der nach Eng­land, vor­nehm­lich, um die Welt­aus­stel­lung in Lon­don zu be­su­chen. Dort stell­ten sie ih­re Pro­duk­te aus, die mit ei­ner bron­ze­nen Me­dail­le aus­ge­zeich­net wur­den. Da­durch konn­te sich die Mar­ke „Zwil­lin­g“ auch in­ter­na­tio­nal eta­blie­ren. Au­ßer­dem reis­ten die Brü­der nach Shef­field, dem Sitz der grö­ß­ten eng­li­schen Kon­kur­renz, um dort Ein­bli­cke in die Pro­duk­ti­ons­wei­sen zu er­hal­ten. Da­bei stell­ten sie an­geb­lich fest, wie aus Brie­fen an ih­re Ehe­frau­en her­vor­geht, dass die eng­li­schen Pro­duk­te der So­lin­ger In­dus­trie qua­li­ta­tiv un­ter­le­gen sei­en. Jo­hann Abra­ham Jr. sah je­doch in der zen­tra­li­sier­ten Fa­brik­struk­tur ei­nen Vor­teil der eng­li­schen In­dus­trie. In der So­lin­ger In­dus­trie herrsch­te im­mer noch das Heim­ar­bei­ter­sys­tem vor, das durch die neu­en tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten und die star­ke Kon­kur­renz aus dem Aus­land aber bald vor dem Aus stand. Auch die Brü­der Henckels ver­ab­schie­de­ten sich da­von, als sie 1851, nach der Heim­kehr aus Eng­land, den Grund­stein für die Er­wei­te­run­gen des Fa­brik­ge­bäu­des leg­ten, das nun­mehr al­le wich­ti­gen Ar­beits­schrit­te un­ter ei­nem Dach ver­ein­te. Die Er­wei­te­run­gen be­stan­den aus ei­ner Brun­nen­an­la­ge, ei­nem Ma­schi­nen­haus und ei­ner Fa­brik­hal­le. Zwei Jah­re spä­ter er­hielt das Un­ter­neh­men sei­ne ers­te Dampf­ma­schi­ne, die 16 PS stark war und als An­trieb der Schleif­stei­ne dien­te. Die­se An­schaf­fung wur­de vor al­lem von Jo­hann Abra­ham Jr. vor­an­ge­trie­ben, der sich schon 1850 bei dem Ber­li­ner Ma­schi­nen­her­stel­ler und Grün­der der Bor­sig-Wer­ke, Au­gust Bor­sig (1804-1854), über ent­spre­chen­de Mög­lich­kei­ten in­for­miert hat­te. 1857 folg­te das werks­ei­ge­ne Ham­mer­werk und 1867 ein Guss­stahl­werk, das bis 1965 den Guss­stahl für die Pro­duk­ti­on lie­fer­te. Da­mit war „Zwil­lin­g“ das ers­te So­lin­ger Un­ter­neh­men mit ei­ner Ge­senk­schmie­de. Jo­hann Gott­fried küm­mer­te sich un­ter­des­sen wei­ter um das Ge­schäft in Ber­lin und ließ sei­nem Bru­der freie Hand bei der Er­wei­te­rung des Un­ter­neh­mens. Er starb am 14.2.1858 in Ber­lin an den Blat­tern. Sei­ne Be­er­di­gung fand auf dem Be­gräb­nis­platz der Je­ru­sa­lems­kir­che auf der Berg­mann­stra­ße in Ber­lin statt. Die Lei­tung der Ber­li­ner Fi­lia­le über­nahm der Nef­fe von Jo­hann Abra­ham, Ro­bert Stu­ten­be­cker (1825-1883). 

Johann Albert Henckels (1847-1891)

Jo­hann Abra­ham Jr. bau­te das Un­ter­neh­men mit 1.400 Be­schäf­tig­ten zum grö­ß­ten Ar­beit­ge­ber in So­lin­gen und zum grö­ß­ten Schneid­wa­ren­han­del in Eu­ro­pa aus. Drei Jah­re nach der Ein­rich­tung des Guss­stahl­werks er­krank­te er je­doch er­neut an dem Oh­ren­lei­den, an dem er be­reits in der Ju­gend ge­lit­ten hat­te. Als er am 5.3.1870 an ei­ner Blut­ver­gif­tung starb, hin­ter­ließ er die Nach­fol­ge für das Un­ter­neh­men un­ge­klärt. Zu­nächst über­nahm sei­ne Wit­we Hen­ri­et­te Henckels die Lei­tung, un­ter­stützt von ih­rem Nef­fen Ro­bert Stu­ten­be­cker. Ih­re äl­tes­ten Söh­ne Jo­hann Al­bert (1847-1891) und Karl Ot­to (1849-1915) wa­ren noch in der Aus­bil­dung in Eng­land, wo sie in Shef­field und in Bir­ming­ham kauf­män­ni­sche Fä­hig­kei­ten er­wer­ben soll­ten. Erst 1879 konn­te Jo­hann Al­bert zu­sam­men mit sei­nem Schwa­ger Fritz Beck­mann (1850-1918) die Lei­tung der Fir­ma über­neh­men. Drei Jah­re spä­ter trat sei­ne Mut­ter end­gül­tig aus der Un­ter­neh­mens­lei­tung aus. Dar­auf­hin grün­de­te die Fa­mi­lie Henckels am 15.7.1882 ei­ne Kom­man­dit­ge­sell­schaft, de­ren Mit­glie­der aus­schlie­ß­lich An­ge­hö­ri­ge der Fa­mi­lie wa­ren.

Jo­hann Al­bert hat­te eben­so wie sein Va­ter ei­ne Af­fi­ni­tät zu tech­ni­schen In­no­va­tio­nen und nutz­te die­se für das Un­ter­neh­men. So eta­blier­te er neue Dampf- und Fe­der­häm­mer in der Fa­brik und führ­te Fräs­bän­ke ein, die das ma­nu­el­le Fei­len der Mes­ser durch ei­ne ma­schi­nel­le Frä­se er­setz­ten. Die Fe­der­häm­mer hat­te Jo­hann Al­bert selbst ent­wi­ckelt. Au­ßer­dem folg­ten bald dar­auf Holz­be­ar­bei­tungs­werk­stät­ten und neue Werk­zeug­ma­schi­nen. Ins­be­son­de­re die Vier­häm­mer, die das Schmie­den der Mes­ser­an­geln ver­bes­ser­ten, wa­ren für das Un­ter­neh­men ein Fort­schritt in Qua­li­tät und Gleich­för­mig­keit der Mes­ser. Ne­ben den tech­ni­schen Neue­run­gen fan­den auch bau­li­che Ver­än­de­run­gen an den Fa­brik­ge­bäu­den statt. So wur­de das Guss­stahl­werk kon­ti­nu­ier­lich aus­ge­baut und auf dem Ge­län­de ent­stan­den re­gel­rech­te Stra­ßen­net­ze. 1890 wur­de das Un­ter­neh­men an das Schie­nen­netz des Bahn­hofs Oh­ligs (heu­te Haupt­bahn­hof So­lin­gen) an­ge­schlos­sen, so­dass Roh­stoff­an­lie­fe­run­gen er­heb­lich ver­ein­facht wur­den. Mit die­sen Mo­der­ni­sie­run­gen konn­te „Zwil­lin­g“ nicht nur sei­ne Po­si­ti­on als eu­ro­pa­weit grö­ß­ter Stahl­wa­ren­han­del ver­tei­di­gen, son­dern sich auch in­ter­na­tio­nal ste­tig aus­wei­ten. Zu­nächst wur­de 1883 in New York ei­ne Fi­lia­le auf der 107 Cham­bers Street er­öff­net. Ein Jahr spä­ter folg­te Wien (Kärnt­ner Stra­ße 24), dann der Neu­bau ei­ner Fi­lia­le in der Leip­zi­ger Stra­ße in Ber­lin (1889) so­wie Neu­er­öff­nun­gen in Köln (1894), Ham­burg (1895), Frank­furt a. M. (1898), Dres­den (1900) und Mün­chen (1911). In­ter­na­tio­nal fass­te das Un­ter­neh­men in Rot­ter­dam (1897), Ko­pen­ha­gen (1897) und San Fran­cis­co (1908) Fuß. Die­se Ent­wick­lung er­leb­te Jo­hann Al­bert je­doch nicht mehr, da er be­reits 1891 im Al­ter von 44 Jah­ren ver­stor­ben war. Sein Nach­fol­ger wur­de sein Schwa­ger Al­fred Wol­ters (1856-1934), der zu­sam­men mit Fritz Beck­mann die Lei­tung in­ne­hat­te. Wol­ters tat sich ins­be­son­de­re durch sei­ne Nach­wuchs­för­de­rung her­vor, in­dem er die 1904 ge­grün­de­te „Fach­schu­le der So­lin­ger Stahl­wa­ren-In­dus­trie“ - das heu­ti­ge tech­ni­sche Be­rufs­kol­leg So­lin­gen - fi­nan­zi­ell un­ter­stütz­te. Auch set­ze sich die neue Lei­tung für die Ar­beits­si­cher­heit ein und sorg­te für Vor­keh­run­gen, um die Ge­sund­heit der Ar­bei­ter zu schüt­zen. Da­zu ge­hör­te bei­spiels­wei­se die Ein­rich­tung von Luft-, Staub- und Dampf­ab­sau­gun­gen, wo­durch die Mög­lich­keit an der „Schlei­fer­krank­heit“, das hei­ßt der Staub­lun­ge, zu er­kran­ken, we­sent­lich ver­rin­gert wur­de.

Erster und Zweiter Weltkrieg

Mit dem Be­ginn des Ers­ten Welt­kriegs 1914 muss­te die Pro­duk­ti­on auf Kriegs­wirt­schaft um­ge­stellt wer­den. Als Stahl­wa­ren­pro­du­zent war das Zwil­lings­werk wich­tig für die Kriegs­wirt­schaft. Die Ge­senk­schmie­de wur­de aus­ge­baut und stell­te nun Sei­ten­ge­weh­re und Tei­le für In­fan­te­rie- und Ma­schi­nen­ge­weh­re so­wie für Feld­ka­no­nen her. Zu die­sem Zwe­cke muss­te auch die Stahl­glü­he­rei ver­grö­ßert wer­den. Die Henckel­schen Ge­schäf­te im Aus­land gin­gen zwar nicht ver­lo­ren, al­ler­dings gab es Ge­winn­ein­bu­ßen bis hin zu Ver­lus­ten.

Gezeichnete Fabrikansicht um 1860 mit Auszeichnungsmedaillen. (Stadtarchiv Solingen, RS 09619)

 

Nach dem Ers­ten Welt­krieg, Mit­te der 1920er Jah­re, er­reich­te „Zwil­lin­g“ ei­ne Ar­bei­ter­zahl von knapp 3.000 und war da­mit das grö­ß­te Schneid­wa­ren­un­ter­neh­men der Welt. Ne­ben wei­te­ren Fi­lial­eröff­nun­gen, wie 1927 in Pa­ris, ver­such­te das Un­ter­neh­men neu­es­te Tech­ni­ken für ih­re Pro­duk­ti­on zu ent­wi­ckeln. So wur­de 1939 als ein neu­es Eis­här­te­ver­fah­ren, das so­ge­nann­te „Frio­dur“, für nicht­ros­ten­de Schneid­wa­ren in den Pro­duk­ti­ons­ab­lauf in­te­grier­te. Dies ge­schah be­reits un­ter der Füh­rung von Paul Kind, Wal­ter Gon­ter­mann (ge­bo­ren 1884) und Paul Beck­mann (1881-1963), al­le drei Nef­fen von Jo­hann Al­bert. 1951 er­hielt „Zwil­lin­g“ für die­se Pro­ze­dur Pa­tent­schutz.

Im Zwei­ten Welt­krieg war „Zwil­lin­g“ er­neut Teil der Rüs­tungs­in­dus­trie. Da­durch wur­den die Fa­brik­ge­bäu­de des Un­ter­neh­mens zu ei­nem Ziel der Al­li­ier­ten. Bei den schwe­ren Bom­ben­an­grif­fen der Al­li­ier­ten im Jahr 1944 wur­den die Ge­bäu­de zum grö­ß­ten Teil zer­stört, die Pro­duk­ti­on konn­te nicht wei­ter­ge­führt wer­den. Die Fi­lia­len, die das Un­ter­neh­men im Aus­land in den vor­her­ge­hen­den Jah­ren auf­ge­baut hat­te, gin­gen - an­ders als im Ers­ten Welt­krieg - ver­lo­ren.

Niederlassung in Paris, Avenue de l'Opera 32. Niederlassung bestand von 1927-1945. (Stadtarchiv Solingen, RS 09003)

 

Nachkriegszeit

„Zwil­lin­g“ konn­te sich nach dem En­de des Zwei­ten Welt­kriegs nur zö­ger­lich und müh­sa­mer als nach 1918 von den Fol­gen des Krie­ges er­ho­len. 1947 lief die Pro­duk­ti­on wie­der an, in den 1950er Jah­ren konn­ten auch die Fi­lia­len im Aus­land wie­der öff­nen. 1953 wan­del­te sich das Un­ter­neh­men von ei­ner Kom­man­dit-Ge­sell­schaft in ei­ne AG um, de­ren  An­tei­le wie zu­vor in Fa­mi­li­en­be­sitz blie­ben. 1969 über­nahm die Wilh. Wer­hahn AG die Ak­ti­en­mehr­heit des Un­ter­neh­mens. Die­ser Kon­zern ist, wie „Zwil­ling J.A. Henckel­s“, ein Fa­mi­li­en­un­ter­neh­men mit Sitz in Neuss. 1970 wur­de sie schlie­ß­lich Al­lein­ak­tio­när, wo­mit sich das Un­ter­neh­men nach fast 250 Jah­ren nicht mehr in Fa­mi­li­en­be­sitz be­fin­det.

Gleich­zei­tig mit der Über­nah­me der Ak­ti­en­mehr­heit mo­di­fi­zier­te die Wer­hahn AG das Mar­ken­zei­chen des „Zwil­lings“ in sei­ne heu­ti­ge Form: Wäh­rend seit der Un­ter­neh­mens­grün­dung im Jah­re 1731 die Zwil­lin­ge als schwar­ze Sil­hou­et­ten dar­ge­stellt wur­den, be­kam das Lo­go nun wei­ße Zwil­lin­ge mit ei­nem ro­ten Hin­ter­grund. Heu­te be­sitzt das Un­ter­neh­men Toch­ter­ge­sell­schaf­ten un­ter an­de­rem in den USA, Nie­der­lan­den, in Ja­pan, Bra­si­li­en und Groß­bri­tan­ni­en und ver­kauft sei­ne Pro­duk­te in über 100 Län­dern. Fir­men­sitz ist bis heu­te So­lin­gen, wo es zu den grö­ß­ten Ar­beit­ge­bern der Stadt ge­hört.

Literatur

Kel­le­ter, Hein­rich, Ge­schich­te der Fa­mi­lie J.A. Henckels in Ver­bin­dung mit ei­ner Ge­schich­te der So­lin­ger In­dus­trie, So­lin­gen 1924.
Locht, Carl (Hg.), Haus­ge­schich­te der Fir­ma J.A. Henckels Ber­lin 1816-1911, Ber­lin 1911.
Lom­berg, Au­gust, Ber­gi­sche Män­ner. Ein Bei­trag zur Ge­schich­te der Hei­mat, El­ber­feld 1921.
Ro­sen­thal, Heinz, So­lin­gen. Ge­schich­te ei­ner Stadt, 3 Bän­de, Duis­burg 1972.
Si­chel­schmidt, Gus­tav, Ber­gi­sche Ge­stal­ten, Wup­per­tal o.J.
Wech­mar, Kurt [u.a.], 200 Jah­re J.A. Henckels Zwil­lings­werk So­lin­gen, So­lin­gen 1931.
Wei­se, Jür­gen, Jo­hann Abra­ham Henckels (1771-1850) und sei­ne Söh­ne Jo­hann Gott­fried (1804-1859) und Jo­hann Abra­ham jun. (1813-1870), in: Strem­mel, Ralf/Wei­se, Jür­gen (Hg.), Ber­gisch-Mär­ki­sche Un­ter­neh­mer der Früh­in­dus­tria­li­sie­rung, Müns­ter 2004, S. 233–254.
Wey­ers­berg, Al­bert, Jo­hann Abra­ham Henckels der Jün­ge­re, in: Rhei­nisch-West­fä­li­sche Wirt­schafts­bio­gra­phi­en 1 (1931), S. 214-229. 

Online

Scherr, Louis, Henckels, Jo­hann Abra­ham, in: Neue Deut­sche Bio­gra­phie 8 (1969), S. 520. [on­line]

Blick auf das Fabrikgebäude an der Grünewalder Straße im Jahr 1936. (Stadtarchiv Solingen, RS 20703)

 
Zitationshinweis

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Saam, Alena, Familie Henckels, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/familie-henckels/DE-2086/lido/5d5d2df87a6b27.24371619 (abgerufen am 20.09.2019)