Friedrich Wilhelm Raiffeisen

Genossenschaftsgründer (1818-1888)

Michael Klein (Hamm)

Friedrich Wilhelm Raiffeisen, Gemälde. (Stiftung Rheinisch Westfälisches Wirtschaftsarchiv zu Köln)

Fried­rich Wil­helm Raiff­ei­sen gilt mit sei­nen Mit­te des 19. Jahr­hun­derts in­iti­ier­ten Dar­lehns­kas­sen­ver­ei­nen als der Pio­nier des neu­zeit­li­chen länd­li­chen Ge­nos­sen­schafts­we­sens.

Fried­rich Wil­helm Raiff­ei­sen wur­de am 30.3.1818 in Hamm an der Sieg als Sohn des Land­wirts und Bür­ger­meis­ters Raiff­ei­sen und des­sen Frau Ama­lie Lant­zen­dörf­fer ge­bo­ren. Raiff­ei­sen streb­te zu­nächst ei­ne Kar­rie­re in der preu­ßi­schen Ar­mee an, die er je­doch 1843 we­gen ei­nes chro­ni­schen Au­gen­lei­dens auf­ge­ben muss­te. Statt­des­sen trat er in den zi­vi­len Ver­wal­tungs­dienst ein und wur­de be­reits 1845 kom­mis­sa­ri­scher Bür­ger­meis­ter von Wey­er­busch im Wes­ter­wald. Im glei­chen Jahr ging er die Ehe mit der aus Re­ma­gen stam­men­den Apo­the­ker­toch­ter Emi­lie Storck (1827-1863) ein. 1848 wur­de Raiff­ei­sen Bür­ger­meis­ter in Flam­mers­bach an der Sieg, 1852 in Hed­des­dorf bei Neu­wied. 1865 sah sich Raiff­ei­sen aus ge­sund­heit­li­chen Grün­den ge­zwun­gen früh­zei­tig in Pen­si­on zu ge­hen. Er ver­starb am 11.3.1888 in Hed­des­dorf / Rhein.

Die Entstehung der Raiffeisen-Genossenschaften

Aus­gangs­punkt von Raiff­ei­sens so­zi­al­re­for­me­ri­schen Be­stre­bun­gen war die letz­te mit­tel­eu­ro­päi­sche Hun­gers­not im Win­ter 1846/ 1847. Raiff­ei­sen, zu die­sem Zeit­punkt Bür­ger­meis­ter der Land­ge­mein­de Wey­er­busch, ge­lang es durch die of­fen­sicht­lich cha­ris­ma­ti­sche Wir­kung sei­ner Per­sön­lich­keit, die noch re­la­tiv wohl­ha­ben­den Bür­ger für sein Vor­ha­ben zu ge­win­nen, vor­han­de­ne Bar­mit­tel in ei­nen Fonds ein­zu­zah­len, um da­mit Ge­trei­de zu be­schaf­fen, das an die un­ter der Hun­gers­not Lei­den­den auf Kre­dit aus­ge­ge­ben wur­de. Spä­ter er­rich­te­te er ein ge­mein­schaft­li­ches Back­haus. Das dort her­ge­stell­te Brot wur­de auf Schuld­schein an Be­dürf­ti­ge ab­ge­ge­ben.

Der als or­ga­ni­sa­to­ri­scher Rah­men der Hilfs­tä­tig­keit 1846/ 1847 ge­grün­de­te "Brod­ver­ein" wur­de die Keim­zel­le der Raiff­ei­sen­schen Ge­nos­sen­schafts­idee, je­doch war er noch kei­ne Ge­nos­sen­schaft im ei­gent­li­chen Sin­ne, da nur die Be­gü­ter­ten Mit­glied des Ver­eins wur­den, nicht je­doch die Kre­dit­neh­mer. Dies gilt auch für die nächs­ten von ihm ge­grün­de­ten Ein­rich­tun­gen wie den "Hülfs­ver­ein" von 1849 in sei­ner Bür­ger­meis­ter­stel­le Flam­mers­feld. Die­ser soll­te mit­tels zins­güns­ti­ger Kre­di­te die Bau­ern vom weit ver­brei­te­ten wu­che­ri­schen Geld­ver­leih un­ab­hän­gig ma­chen. Der "Wohl­t­hä­tig­keits­ver­ein" von 1854 in Hed­des­dorf, wo Raiff­ei­sen zu­letzt Bür­ger­meis­ter war, be­ab­sich­tig­te, ne­ben der Kre­dit­ver­ga­be auch den Auf­bau ei­ner Volks­bi­blio­thek, die Straf­ent­las­se­nen­für­sor­ge so­wie die Be­treu­ung ver­wahr­los­ter Kin­der. Ge­ra­de das Kon­zept des letzt­ge­nann­ten Ver­eins zeigt, dass es dem zu­tiefst christ­lich ge­präg­ten Raiff­ei­sen nicht in ers­ter Li­nie um rein mo­ne­tä­re Be­stre­bun­gen ging.

Erst An­fang der 1860er Jah­re ent­schloss Raiff­ei­sen sich wi­der­stre­bend da­zu, sei­ne Ver­ei­ne auf der Ba­sis ge­gen­sei­ti­ger Selbst­hil­fe um­zu­struk­tu­rie­ren und auf das rei­ne Kre­dit­ge­schäft zu be­schrän­ken, nach­dem die Be­gü­ter­ten sich im­mer mehr aus den wohl­tä­ti­gen Ak­ti­vi­tä­ten, für die sie un­be­schränkt haf­te­ten („Ei­ner für al­le und al­le für ei­nen") zu­rück­zo­gen. Mit dem Hed­des­dor­fer Dar­lehns­kas­sen-Ver­ein von 1864 voll­zog Raiff­ei­sen end­gül­tig die­sen Über­gang.

1865 wur­de Raiff­ei­sen auf­grund sei­nes Au­gen­lei­dens vor­zei­tig pen­sio­niert. Sei­ne ge­nos­sen­schaft­li­chen Er­fah­run­gen leg­te er erst­mals schrift­lich in dem Buch über die „Dar­lehns­kas­sen-Ver­ei­ne" dar, dass noch zu sei­nen Leb­zei­ten meh­re­re Auf­la­gen er­fuhr. Schon 1868 gab es in der Rhein­pro­vinz 75 sol­cher Dar­lehns­kas­sen-Ver­ei­ne, an die sich oft auch Wa­ren­be­zugs- und Ab­satz­zen­tra­len an­schlos­sen.

Die Merkmale der Raiffeisen-Genossenschaften

Raiff­ei­sen ent­wi­ckel­te da­bei für sei­ne Ver­ei­ne ei­ne Rei­he von Kri­te­ri­en, an de­nen er bei sons­ti­ger or­ga­ni­sa­to­ri­scher Fle­xi­bi­li­tät dau­er­haft fest­hielt.

Vereinsbezirk

Raiff­ei­sen hat nach an­fäng­li­cher an­de­rer Auf­fas­sung mit gro­ßer Be­stimmt­heit die For­de­rung nach der Iden­ti­tät von Ver­eins- und Kirch­spiels­gren­zen ver­tre­ten. Mit dem Rück­griff auf die Or­ga­ni­sa­ti­ons­ein­heit der Pa­ro­chie woll­te Raiff­ei­sen den Ef­fekt ge­gen­sei­ti­ger So­zi­al­kon­trol­le nut­zen, um ei­ne kon­trol­lier­te und ziel­ge­rich­te­te Kre­dit­ver­ga­be zu er­mög­li­chen.

Mitgliedschaft und Ehrenamtlichkeit

In den Ge­nos­sen­schaf­ten wa­ren so­wohl Kre­dit­neh­mer wie auch Kre­dit­ge­ber Mit­glie­der. Hier ent­stand nun ei­ne Hal­tung wech­sel­sei­ti­ger So­li­da­ri­tät. Der Kre­dit­neh­mer von heu­te konn­te der Kre­dit­ge­ber von mor­gen sein. Al­le Auf­ga­ben in der Ge­nos­sen­schaft soll­ten eh­ren­amt­lich aus­ge­führt wer­den. Le­dig­lich der Kas­sen­füh­rer er­hielt ei­ne Auf­wands­ent­schä­di­gung.

Solidarhaft

Ge­gen al­le An­fein­dun­gen hat Raiff­ei­sen zeit­le­bens un­be­irrt an der Ein­rich­tung der un­be­schränk­ten So­li­dar­haft al­ler Mit­glie­der für et­wai­ge Ver­eins­schul­den fest­ge­hal­ten. Ur­sprüng­lich be­deu­te­te dies, dass ein Ver­eins­mit­glied für sämt­li­che Ver­bind­lich­kei­ten des Ver­eins haft­bar war, wenn et­wa ein Gläu­bi­ger ihn auf Zah­lung ver­klag­te. Nach dem Ge­nos­sen­schafts­ge­setz von 1868 wur­den dann even­tu­el­le Ver­bind­lich­kei­ten auf al­le Ver­eins­mit­glie­der um­ge­legt. Trotz oder ge­ra­de we­gen die­ser für die Mit­glie­der ab­schre­ckend wir­ken­den Ein­rich­tung hat zu Raiff­ei­sens Leb­zei­ten kein ein­zi­ger sei­ner Ver­ei­ne bank­rott ge­macht.

Vereinskapital, Geschäftsanteile und Dividende

Kern­stück der Raiff­ei­sen'schen Dar­lehns­kas­sen war ne­ben der un­be­schränk­ten So­li­dar­haft der Ge­dan­ke des un­teil­ba­ren Stif­tungs­fonds, eng ver­bun­den mit der Ab­leh­nung von Ge­schäfts­an­tei­len und Di­vi­den­den. Nach der In­ter­pel­la­ti­on des Ge­nos­sen­schafts­füh­rers Her­mann Schul­ze-De­litzsch (1808-1883) im Reichs­tag, kam es zu ih­rer nur sym­bo­lisch ge­rin­gen Ein­füh­rung. Nach Raiff­ei­sens Vor­stel­lun­gen soll­te der Ge­winn durch Zins­er­trä­ge dem Ver­eins­ka­pi­tal zu­gu­te kom­men. Aus die­sem wur­de ein Stif­tungs­fonds ge­grün­det, aus des­sen Er­trä­gen wie­der­um weit ge­spann­te so­zia­le Ak­ti­vi­tä­ten fi­nan­ziert wur­den.

Weitere Pläne Raiffeisens

Ob­wohl die Dar­lehns­kas­sen-Ver­ei­ne trotz al­ler An­fein­dun­gen mitt­ler­wei­le zu ei­ner be­acht­li­chen Or­ga­ni­sa­ti­on her­an­ge­wach­sen wa­ren und Raiff­ei­sen den christ­li­chen Cha­rak­ter sei­ner Ver­ei­ne auch ge­gen Wi­der­stand ver­tei­digt hat­te, streb­te er nach ei­ner ver­bind­li­che­ren Form des christ­li­chen Han­delns durch ge­nos­sen­schaft­li­che Or­ga­ni­sa­tio­nen. Raiff­ei­sen kam zu die­sem Zweck auf den Plan, ei­ne Han­dels­ge­sell­schaft nach dem Mus­ter der Be­trie­be der in Neu­wied an­säs­si­gen Herrn­hu­ter Brü­der­ge­mein­de zu grün­den. Ähn­lich wie in die­sen Fir­men soll­te der Ge­winn nicht ver­teilt wer­den, son­dern in die­sem Fal­le der Ver­bands­or­ga­ni­sa­ti­on zu­gu­te kom­men. Raiff­ei­sen plan­te, da­mit die lau­fen­den Aus­ga­ben zu be­strei­ten, die Mit­ar­bei­ter zu be­sol­den und gleich­zei­tig ei­ne Pen­si­ons­kas­se für sie zu bil­den. Ne­ben die­sen wirt­schaft­li­chen As­pek­ten ver­folg­te Raiff­ei­sen mit sei­ner Fir­men­grün­dung aber auch noch ei­ne an­de­re Ab­sicht: Um ge­eig­ne­te Mit­ar­bei­ter für sein Ge­nos­sen­schafts­werk zu fin­den, de­ren Mo­ti­va­ti­on nicht Ver­dienst oder Eh­re, son­dern von christ­li­cher Nächs­ten­lie­be ge­präg­ter Ein­satz für die so­zi­al Be­nach­tei­lig­ten sein soll­te, plan­te er, ei­ne Kom­mu­ni­tät zu grün­den.

Auch hier hat­te er wie­der­um ein kon­kre­tes Vor­bild vor Au­gen: die ka­tho­li­sche Kran­ken­pfle­ge-Ge­sell­schaft in Wald­breit­bach. Wie in ei­ner geist­li­chen Bru­der­schaft soll­ten die Mit­glie­der Ehe­lo­sig­keit, Ver­zicht auf Pri­vat­be­sitz und un­be­ding­ten Ge­hor­sam ih­rem Vor­ge­setz­ten ge­gen­über ge­lo­ben. Der Aus­tritt blieb je­der­zeit frei­ge­stellt. Vor­aus­set­zung für den Ein­tritt in die Ge­sell­schaft soll­te die Zu­ge­hö­rig­keit zu ei­ner christ­li­chen Kon­fes­si­on so­wie bis­her be­wie­se­nes ge­mein­nüt­zi­ges En­ga­ge­ment sein. Raiff­ei­sen hoff­te da­mit auch, für die Re­kru­tie­rung von ge­eig­ne­ten Mit­ar­bei­tern in der Ge­nos­sen­schafts­ar­beit auf die­se Kom­mu­ni­tät zu­rück­grei­fen zu kön­nen. Raiff­ei­sen konn­te sei­ne Plä­ne je­doch nicht ver­wirk­li­chen und grün­de­te statt­des­sen ei­ne Han­dels­ge­sell­schaft, die we­nigs­tens teil­wei­se die ge­steck­ten Zie­le um­set­zen soll­te. An sei­nen ka­ri­ta­ti­ven Ab­sich­ten hielt Raiff­ei­sen in der Han­dels­ge­sell­schaft in­so­fern fest, als die Sta­tu­ten fest­leg­ten, dass der Ge­winn der Fir­ma zur An­samm­lung ei­nes Re­ser­veka­pi­tals so­wie zu so­zia­len Ak­ti­vi­tä­ten ver­wandt wer­den soll­te.

Quellen

Koch, Wal­ter (Hg.), Sta­tu­ten, Do­ku­men­te und Schrift­wech­sel mit den Be­hör­den 1846-1888/Fried­rich Wil­helm Raiff­ei­sen, Fürs­ten­feld­bruck 1996. 

Werke

Die Dar­lehns­kas­sen-Ver­ei­ne als Mit­tel zur Ab­hil­fe der Noth der länd­li­chen Be­völ­ke­rung, so­wie auch der städ­ti­schen Hand­wer­ker und Ar­bei­ter, Neu­wied 1866.

Literatur

Fried­rich Wil­hem Raiff­ei­sen (1818-1888) (In­for­ma­ti­on über Le­ben und Werk von Fried­rich Wil­helm Raiff­ei­sen. PDF-Do­ku­ment auf der Web­site des Deut­schen Raiff­ei­sen­ver­ban­des).

Klein, Mi­cha­el, Ban­kier der Barm­her­zig­keit: Fried­rich Wil­helm Raiff­ei­sen, Neu­kir­chen-Vluyn 2008.

Klein, Mi­cha­el, Le­ben, Werk und Nach­wir­kung des Ge­nos­sen­schafts­grün­ders Fried­rich Wil­helm Raiff­ei­sen (1818-1888), Dar­ge­stellt im Zu­sam­men­hang mit dem deut­schen so­zia­len Pro­tes­tan­tis­mus, Köln 1997.

Koch, Wal­ter, Der Ge­nos­sen­schafts­ge­dan­ke Fried­rich Wil­helm Raiff­ei­sens, Würz­burg/Pa­der­born 1991.

Online

Soé­ni­us, Ul­rich S., "Raiff­ei­sen, Fried­rich Wil­helm", in: Neue Deut­sche Bio­gra­phie 21 (2003), S. 115-116. [On­line]

 
Zitationshinweis

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Klein, Michael, Friedrich Wilhelm Raiffeisen, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/friedrich-wilhelm-raiffeisen/DE-2086/lido/57c95b1907bc14.36956492 (15.07.2018)