Friedrich Wilhelm von Seydlitz

Preußischer Reitergeneral (1721-1773)

Björn Thomann (Sank Augustin)

Friedrich Wilhelm von Seydlitz, Porträt von Adolph Menzel (1815-1905) nach einem Gemälde des 18. Jahrhunderts. (o.A.)

Fried­rich Wil­helm von Seydlitz ge­hört zu den be­deu­tends­ten Rei­ter­füh­rern der mo­der­nen Kriegs­ge­schich­te. Ge­bo­ren am Nie­der­rhein wur­de er ei­ne der mi­li­tä­ri­schen Schlüs­sel­fi­gu­ren im Sie­ben­jäh­ri­gen Krieg (1756-1763) und er­lang­te ei­ne weit über sein Le­bens­en­de hin­aus wir­ken­de Po­pu­la­ri­tät. 

Fried­rich Wil­helm von Seydlitz wur­de am 3.2.1721 in Kal­kar als äl­tes­ter Sohn des Ritt­meis­ters Da­ni­el Flo­ri­an Frei­herr von Seydlitz (1682-1728) und des­sen Frau Loui­se Tu­gend­reich von Ilow (ge­stor­ben 1758) ge­bo­ren und in Rees ge­tauft. Der Va­ter dien­te in der am Nie­der­rhein sta­tio­nier­ten 10. Kom­pa­nie des Küras­si­er­re­gi­ments Mark­graf Fried­rich Wil­helm von Bran­den­burg-Schwedt. 1726 wur­de er Forst­meis­ter in Ost­preu­ßen, wo er am 3.2.1728 mit nur 36 Jah­ren ver­starb. 

Die Mut­ter leb­te mit ih­ren drei Kin­dern fort­an un­ter ein­ge­schränk­ten Ver­hält­nis­sen in Frei­en­wal­de an der Oder. Im Jahr 1734 trat Seydlitz als Pa­ge in den Dienst des Mark­gra­fen Fried­rich Wil­helm von Bran­den­burg-Schwedt (1700-1771). Hier ge­noss er ei­ne hö­fi­sche Er­zie­hung, wur­de in Na­tur- und Geis­tes­wis­sen­schaf­ten un­ter­wie­sen und lern­te fran­zö­sisch zu le­sen und zu schrei­ben. Der Mark­graf, der selbst we­gen sei­nes Wa­ge­muts eben­so be­rühmt wie be­rüch­tigt war, wur­de zum Zieh­va­ter des jun­gen Seydlitz, er­kann­te des­sen be­son­de­res Ta­lent im Um­gang mit Pfer­den und för­der­te es. Im Al­ter von 17 Jah­ren wur­de Seydlitz 1740 von Kö­nig Fried­rich Wil­helm I. in Preu­ßen (Re­gie­rungs­zeit 1713-1740) zum Kor­net er­nannt und dem Küras­sier-Re­gi­ment des Mark­gra­fen in Bel­grad (Pom­mern) zur mi­li­tä­ri­schen Aus­bil­dung über­stellt. 

 

Am Ers­ten Schle­si­schen Krieg (1740-1742) nahm Seydlitz als An­ge­hö­ri­ger sei­nes Re­gi­ments teil. Auf­merk­sam­keit er­reg­te er vor al­lem bei der Ver­tei­di­gung des Dor­fes Bo­ja­no­wo (Schle­si­en) im April 1742. Er hat­te den Auf­trag, den stra­te­gisch wich­ti­gen Sperr­pos­ten mit 30 Küras­sie­ren ge­gen­über zah­len­mä­ßig weit über­le­ge­nen un­ga­ri­schen Ver­bän­den zu ver­tei­di­gen – ein mi­li­tä­risch aus­sichts­lo­ses Un­ter­fan­gen. Meh­re­re An­griffs­wel­len konn­ten un­ter ho­hen Ver­lus­ten ab­ge­wehrt wer­den. Erst nach­dem sämt­li­che Mu­ni­ti­on ver­schos­sen war und sich die Hoff­nung auf die ver­spro­che­ne Ver­stär­kung als Il­lu­si­on er­wie­sen hat­te, gab Seydlitz den Be­fehl zum Rück­zug, wur­de da­bei ver­wun­det und ge­riet mit sechs sei­ner Män­ner in Ge­fan­gen­schaft. Die Be­deu­tung, die dem jun­gen Kor­net be­reits zu die­ser Zeit von höchs­ter Stel­le bei­ge­mes­sen wur­de, be­zeugt das per­sön­li­che Ein­tre­ten Fried­richs II. (Re­gie­rungs­zeit 1740-1786) für sei­ne Frei­las­sung. Im Mai 1742 wur­de Seydlitz ge­gen ei­nen in preu­ßi­sche Ge­fan­gen­schaft ge­ra­te­nen ös­ter­rei­chi­schen Ritt­meis­ter aus­ge­tauscht. 

Am 24.7.1743 er­folg­te die Er­nen­nung zum Ritt­meis­ter und die Ver­set­zung zum 4. Re­gi­ment der un­ter dem Kom­man­do des Ge­ne­ral­ma­jors Ge­or­ge Chris­toph von Natz­mer (1694-1751) ste­hen­den „wei­ßen Hu­sa­ren“ nach Treb­nitz (Schle­si­en). Im Ers­ten Schle­si­schen Krieg hat­ten sich die ös­ter­rei­chi­schen Hu­sa­ren als ein äu­ßerst ge­fähr­li­cher Geg­ner er­wie­sen, wo­ge­gen die leich­te Ka­val­le­rie der Preu­ßen die in sie ge­setz­ten Er­war­tun­gen nicht hat­te er­fül­len kön­nen. Fä­hi­ge Trup­pen­füh­rer wie von Seydlitz soll­ten nach dem Wil­len des Kö­nigs ih­re prak­ti­schen Er­fah­run­gen in die Aus­bil­dung ein­brin­gen und die Qua­li­tät die­ser Trup­pen­gat­tung he­ben. Ne­ben sei­nem ho­hen tak­ti­schen Ver­ständ­nis zeig­te Seydlitz früh­zei­tig ein au­ßer­ge­wöhn­li­ches Ta­lent im Um­gang mit sei­nen Un­ter­ge­be­nen. Er for­der­te von sei­nen Sol­da­ten höchs­te Dis­zi­plin, ver­lang­te je­doch nichts von ih­nen, was er nicht selbst zu leis­ten be­reit war. Das ver­schaff­te ihm Re­spekt. 

Be­reits im Zwei­ten Schle­si­schen Krieg (1744-1745) zeig­te sich die Rich­tig­keit der kö­nig­li­chen Maß­nah­me. Fried­rich Wil­helm von Seydlitz nahm als Rei­ter­füh­rer sei­ner Esk­adron an ver­schie­de­nen Ge­fech­ten teil, wo­bei er mehr­fach den ihm ei­ge­nen Wa­ge­mut un­ter Be­weis stel­len konn­te. Am Sieg in der Schlacht bei Ho­hen­fried­berg am 4.6.1745 über ös­ter­rei­chi­sche und säch­si­sche Ver­bän­de hat­te er ent­schei­den­den An­teil, wo­bei es ihm ge­lang, den säch­si­schen Ge­ne­ral Sa­mu­el von Schlicht­ing (1682-1751) per­sön­lich ge­fan­gen zu neh­men. In An­er­ken­nung sei­ner Ver­diens­te er­hob ihn der preu­ßi­sche Kö­nig am 28.7.1745 in den Rang ei­nes Ma­jors. 

Friedrich Wilhelm von Seydlitz, Holzschnitt von Adolph Menzel (1815-1905), 1854.

 

In der Schlacht von So­or am 30.9.1745 konn­te Preu­ßen die ver­bün­de­ten Sach­sen und Ös­ter­rei­cher ent­schei­dend schla­gen, Seydlitz wur­de in die­sen Kämp­fen leicht ver­wun­det. Im No­vem­ber des­sel­ben Jah­res hat­te er ent­schei­den­den An­teil am sieg­rei­chen Aus­gang des Ge­fechts bei Hen­ners­dorf und an der als „Hu­sa­ren­jagd bei Zit­tau“ in die Ge­schich­te ein­ge­gan­ge­nen na­he­zu voll­stän­di­gen Zer­schla­gung der ös­ter­rei­chi­schen Nach­hut. Die fol­gen­den Frie­dens­jah­re ver­brach­te er als Kom­man­deur ver­schie­de­ner preu­ßi­scher Ka­val­le­rie­re­gi­men­ter in Pom­mern und Schle­si­en, wo­bei er sei­nen Ruf als her­vor­ra­gen­der Aus­bil­der un­ter Be­weis stel­len konn­te. Sein zü­gi­ger Auf­stieg bis in den Rang ei­nes Oberst im Jahr 1755 kann als Be­leg sei­ner au­ßer­ge­wöhn­li­chen Fä­hig­kei­ten an­ge­se­hen wer­den. Bei Aus­bruch des Sie­ben­jäh­ri­gen Krie­ges be­feh­lig­te Seydlitz das in Ohl­au (Schle­si­en) sta­tio­nier­te Küras­si­er­re­gi­ment von Ro­chow Nr. 8. Der tri­um­pha­le Sieg des zah­len­mä­ßig weit un­ter­le­ge­nen preu­ßi­schen Hee­res bei Roß­bach (Thü­rin­gen) am 5.11.1757 über die fran­zö­si­schen Ar­mee un­ter dem Kom­man­do des Ge­ne­rals Charles de Ro­han (1715-1787) so­wie die von Jo­seph Fried­rich von Sach­sen-Hild­burg­hau­sen (1702-1787) be­feh­lig­te Reichs­ar­mee zählt zu den wich­tigs­ten Da­ten in der preu­ßi­schen Mi­li­tär­ge­schich­te. Seydlitz hat­te als Ober­be­fehls­ha­ber der preu­ßi­schen Rei­te­rei ma­ß­geb­li­chen An­teil dar­an. Mit ei­nem Über­ra­schungs­an­griff sei­ner 6.000 Küras­sie­re war es ihm zu­nächst ge­lun­gen, die Ka­val­le­rie der Reichs­ar­mee na­he­zu voll­stän­dig zu zer­schla­gen und im An­schluss gro­ße Tei­le der fran­zö­si­schen In­fan­te­rie ein­zu­kes­seln und zu ver­nich­ten. Seydlitz selbst wur­de, den An­griff per­sön­lich an­füh­rend, durch ei­nen Sä­bel­hieb und ei­nen Schuss in den rech­ten Arm ver­wun­det. Aus­ge­zeich­net mit dem Ho­hen Or­den vom Schwar­zen Ad­ler und zum Ge­ne­ral­leut­nant be­för­dert, mel­de­te er sich 1758 wie­der dienst­fä­hig.

Im Jahr 1758 sah sich Preu­ßen in ei­ner stra­te­gisch be­droh­li­chen Si­tua­ti­on. Wäh­rend die ös­ter­rei­chi­sche Ar­mee von Sü­den her ge­gen Schle­si­en vor­ging, be­droh­te ei­ne rus­si­sche Gro­ßof­fen­si­ve - be­reits seit 1757 hiel­ten die Trup­pen des Za­ren Ost­preu­ßen be­setzt - die preu­ßi­schen Kern­lan­de. Bei Zorn­dorf in der Neu­mark tra­fen am 25.8.1758 das zah­len­mä­ßig un­ter­le­ge­ne preu­ßi­sche Heer und die un­ter dem Kom­man­do des Ge­ne­rals Wil­helm Graf von Fer­mor (1701-1771) ste­hen­de rus­si­sche Ar­mee auf­ein­an­der. Ge­gen den aus­drück­li­chen Be­fehl des Kö­nigs zö­ger­te Seydlitz den An­griff sei­ner Re­gi­men­ter so lan­ge hin­aus, bis er den rech­ten Flü­gel der rus­si­schen Trup­pen in ih­rem Rü­cken er­fas­sen und na­he­zu voll­stän­dig zer­schla­gen konn­te. Fer­mor sah sich dar­auf­hin ge­zwun­gen, sei­ne Trup­pen zu­rück­zu­zie­hen. Die un­mit­tel­ba­re Ge­fahr für Preu­ßen war zu­nächst ge­bannt, wenn auch zum Preis von mehr als 13.000 Ver­wun­de­ten und Ge­fal­le­nen. 

Bei Ku­n­ers­dorf (Bran­den­burg) er­litt die preu­ßi­sche Ar­mee ge­gen ein ös­ter­rei­chisch-rus­si­sches Ko­ali­ti­ons­heer am 12.8.1759 ei­ne ver­nich­ten­de Nie­der­la­ge. Seydlitz selbst wur­de beim An­griff sei­ner Rei­te­rei schwer ver­wun­det, das an­schlie­ßen­de Wund­fie­ber brach­te ihn an den Rand des To­des. Fried­rich II. ord­ne­te die Ver­sor­gung des Kran­ken durch die bes­ten Ärz­te des Lan­des so­wie die Über­füh­rung des­sel­ben nach Ber­lin an. Der Ge­sund­heits­zu­stand, zeit­wei­se litt Seydlitz an ei­ner Läh­mung der Kinn­la­de und war un­fä­hig zu spre­chen, bes­ser­te sich erst zu Be­ginn des neu­en Jah­res. Am 18.4.1760 hei­ra­te­te er die Toch­ter des Ber­li­ner Stadt­kom­man­dan­ten Su­san­ne Jo­han­na Al­ber­ti­ne Grä­fin von Ha­cke (1743-1804). Aus der 1764 ge­schie­de­nen Ehe gin­gen die Töch­ter Wil­hel­mi­na Al­ber­ti­ne (1761-1808) und Al­ber­ti­na Ma­ri­an­ne (1762-1840) her­vor. 

Die Fol­gen der Ver­wun­dung hin­der­ten Seydlitz über ei­nen län­ge­ren Zeit­raum dar­an, an sein Kom­man­do zu­rück­zu­keh­ren. Erst im Mai 1761 zeig­te er sich so weit ge­ne­sen, um un­ter dem Ober­be­fehl Prinz Hein­richs von Preu­ßen (1726-1802) in Sach­sen den Vor­stoß der Reichs­ar­mee auf­zu­hal­ten. Nach­dem er bei Te­plitz im Au­gust 1761 sei­ne ers­te und gleich­zei­tig ein­zi­ge Nie­der­la­ge hat­te hin­neh­men müs­sen, trug Seydlitz am 29.10.1762 durch den An­griff des von ihm kom­man­dier­ten rech­ten Flü­gels ent­schei­dend zum preu­ßi­schen Sieg bei Frei­berg, der letz­ten Schlacht des Sie­ben­jäh­ri­gen Krie­ges, über Ös­ter­reich bei. In den nach­fol­gen­den Jah­ren fun­gier­te Seydlitz er­folg­reich als Ober­be­fehls­ha­ber und Ge­ne­ral­in­spek­teur der ge­sam­ten schle­si­schen Ka­val­le­rie. Am 29.7.1767 er­nann­te ihn Fried­rich II. zum Ge­ne­ral der Ka­val­le­rie. 

Von ei­nem im April 1772 er­lit­te­nen Schlag­an­fall soll­te sich Fried­rich Wil­helm von Seydlitz nicht mehr voll­stän­dig er­ho­len. Er starb am 8.11.1773 in Ohl­au. Das An­denken an ihn wur­de in Preu­ßen bis ins 20. Jahr­hun­dert in Eh­ren ge­hal­ten. Zahl­rei­che Sta­tu­en und Denk­mä­ler zeug­ten von sei­ner weit über den Tod hin­aus­rei­chen­den Po­pu­la­ri­tät. Auch in sei­ner Ge­burts­stadt Kal­kar wur­de am 25.8.1860 ein vom Bild­hau­er Ju­li­us Bay­er­le (1826-1873) ge­schaf­fe­nes Denk­mal ein­ge­weiht, dass Seydlitz „hoch zu Pfer­de“ zeig­te. 1945 durch ma­ro­die­ren­de ame­ri­ka­ni­sche Sol­da­ten schwer be­schä­digt, wur­de der ver­blie­be­ne Tor­so 1949 de­mon­tiert. Seit 1992 führt die Luft­waf­fen­ka­ser­ne in Kal­kar den Tra­di­ti­ons­na­men „Fried­rich Wil­helm von Seydlit­z“. 

Literatur

Blan­ken­burg, Chris­ti­an Fried­rich von, Cha­rak­ter und Le­bens­ge­schich­te des Herrn von Seydlitz, Preu­ßi­schen Ge­ne­rals der Ka­val­le­rie, Leip­zig 1797.
Gla­ser, Wal­de­mar, Son­ne in Preu­ßens Fah­nen. Aus dem Le­ben des Rei­ter­ge­ne­rals Fried­rich Wil­helm von Seydlitz, Stutt­gart 1939.
Kal­de­wei, Ger­hard, Nur ein Ge­ne­ral! Die Ge­schich­te ei­ner preu­ßi­schen Le­gen­de. Fried­rich Wil­helm von Seydlitz 1721-2009, Bre­men 2009.
Rich­ter, Klaus Chris­ti­an, Fried­rich Wil­helm von Seydlitz. Ein preu­ßi­scher Rei­ter­ge­ne­ral und sei­ne Zeit, Os­na­brück 1996.
Varn­ha­gen von En­se, Karl Au­gust, Le­ben des Ge­ne­rals Frei­herrn von Seydlitz, Ber­lin 1834.

Seydlitz-Denkmal auf dem Marktplatz in Kalkar, zerstört im Zweiten Weltkrieg. (Stadtarchiv Kalkar)

 
Zitationshinweis

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Thomann, Björn, Friedrich Wilhelm von Seydlitz, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/friedrich-wilhelm-von-seydlitz/DE-2086/lido/57c94e844fd256.59675051 (26.04.2018)