Gerhard Reumont

Mediziner (1765-1828)

Philip Rosin (Bonn)

Gerhard Reumont, Gemälde von Johann Baptits Joseph Bastiné (?) (1783-1844), Original im Couven-Museum, Aachen.

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Ger­hard Reu­mont war ein Aa­che­ner Me­di­zi­ner, der sich nach Auf­ent­hal­ten in Frank­reich und Groß­bri­tan­ni­en An­fang des 19. Jahr­hun­derts gro­ße Ver­diens­te mit der Ein­füh­rung der Po­cken­schutz­imp­fung in sei­ner Hei­mat­re­gi­on er­warb. In fran­zö­si­scher Zeit be­han­del­te er zu­dem die Fa­mi­lie Na­po­le­on Bo­na­par­tes und wur­de vom fran­zö­si­schen Kai­ser zum In­spek­tor der Aa­che­ner Heil­quel­len er­nannt.

Ger­hard Reu­mot wur­de am 19.4.1765 in Aa­chen ge­bo­ren, wo der Va­ter Lam­bert Reu­mont (1739-1811) ei­ne Farb­kes­sel­gie­ße­rei be­saß und Mit­glied des Stadt­ra­tes war; die Mut­ter Odi­lia war ei­ne ge­bo­re­ne Ha­mä­cher (1737-1790). Der jun­ge Ger­hard wur­de vom in­ter­na­tio­na­len Flair Aa­chens als Ort der be­kann­ten Ther­mal­bä­der be­ein­flusst. Er ent­wi­ckel­te ein In­ter­es­se an Heil­be­ru­fen und nahm ein Me­di­zin­stu­di­um an der Ma­xi­schen Aka­de­mie in Bonn der Vor­gän­ge­rin der Uni­ver­si­tät, auf. Zu sei­nem wis­sen­schaft­li­chen För­de­rer dort wur­de der be­kann­te Me­di­zi­ner Jo­sef Clau­de Rouge­mont (1756-1818), der ihm Zu­tritt zum Kreis der Schü­ler des an­ge­se­he­nen fran­zö­si­schen Chir­ur­gen Pier­re Des­ault (1744-1795) in Pa­ris ver­schaff­te, wo Reu­mont 1791 sein Stu­di­um fort­setz­te.

Der deut­sche Me­di­zin­stu­dent sym­pa­thi­sier­te im nach­re­vo­lu­tio­nä­ren Frank­reich zeit­wei­se mit den Ja­ko­bi­nern, doch riet ihm sein Leh­rer Des­ault von ei­ner po­li­ti­schen Be­tä­ti­gung ab. Als sich die Si­tua­ti­on in Pa­ris ver­schärf­te, schaff­te es Reu­mont bei Aus­bruch des ers­ten Ko­ali­ti­ons­krie­ges noch, nach Groß­bri­tan­ni­en zu ge­lan­gen. Mit ei­ner Emp­feh­lung Des­aults ver­se­hen, stan­den ihm auch dort die aka­de­mi­schen Tü­ren of­fen. An der Uni­ver­si­tät Edin­burgh ver­voll­stän­dig­te er sein Wis­sen und wur­de im Sep­tem­ber 1793 zum Dok­tor der Me­di­zin pro­mo­viert. Die aka­de­mi­schen Leis­tun­gen müs­sen her­aus­ra­gend ge­we­sen sein, denn der jun­ge Me­di­zi­ner wur­de rasch zum Mit­glied der Me­di­zi­ni­schen und Na­tur­wis­sen­schaft­li­chen Ge­sell­schaft von Edin­burgh und im Jahr 1795 der Lon­do­ner Me­di­zi­ni­schen Ge­sell­schaft er­nannt. Auch wenn er durch das na­po­leo­ni­sche Frank­reich spä­ter bei sei­ner me­di­zi­ni­schen Ar­beit ge­för­der­te wur­de und er wäh­rend der fran­zö­si­schen Herr­schaft in Aa­chen ein gu­tes Ver­hält­nis zu den Macht­ha­bern pfleg­te, so war er auf­grund sei­nes Stu­di­en­auf­ent­halts eher an­glo­phil ein­ge­stellt: „Sein Her­z“, so be­schreibt es Sohn Al­fred in sei­nen Ju­gend­er­in­ne­run­gen, „ge­hör­te doch dem In­sel­rei­che an.“

Nach der Rück­kehr nach Aa­chen er­leb­te Reu­mont 1794 die zwei­te, bis 1814 dau­ern­de Be­sat­zung durch die Fran­zo­sen, die die Re­gi­on als Teil des neu ge­schaf­fe­nen Ro­er­de­par­te­ments dem fran­zö­si­schen Staats­ge­biet ein­ver­leib­ten. Auf­grund sei­ner Pa­ri­ser Er­fah­run­gen und sei­ner kos­mo­po­li­ti­schen Ein­stel­lung konn­te sich der in ei­nem Aa­che­ner Kran­ken­haus tä­ti­ge Me­di­zi­ner je­doch schnell mit der neu­en Si­tua­ti­on ar­ran­gie­ren. Hier­zu trug bei, dass die neu­en Herr­scher die Mo­der­ni­sie­rung der Ver­wal­tungs­struk­tu­ren of­fen­siv vor­an­trie­ben, was sich auch po­si­tiv auf das Ge­sund­heits­we­sen aus­wirk­te. Cha­rak­te­ris­tisch für Reu­monts kos­mo­po­li­ti­sche Ein­stel­lung war „sei­ne Of­fen­heit für die Wer­te der ei­ge­nen wie [auch] der fran­zö­si­schen und eng­li­schen Kul­tur“ (Hu­bert Je­din).

Im Jahr 1807 hei­ra­te­te Ger­hard Reu­mont Lam­ber­ti­ne Kraus­sen (1786-1850), ge­bür­tig aus Rand­erath (heu­te Stadt Heins­berg). Das Paar hat­te drei Töch­ter und drei Söh­ne, dar­un­ter den spä­te­ren Di­plo­ma­ten und Pu­bli­zis­ten Al­fred von Reu­mont.

Im Rah­men ih­rer Ver­wal­tungs­re­for­men schu­fen die Fran­zo­sen auf der Ebe­ne des De­par­te­ments ei­ne obers­te Me­di­zi­nal­be­hör­de, die so­ge­nann­te „Ju­ry mé­di­cal“, in die Ger­hard Reu­mont be­ru­fen wur­de. Die­se her­aus­ge­ho­be­ne Po­si­ti­on kam ihm zu­gu­te, als er sich ei­ner neu­en Auf­ga­be zu­wand­te, dem Kampf ge­gen die Po­cken (Blat­tern). Die­se In­fek­ti­ons­krank­heit stell­te An­fang des 19. Jahr­hun­derts noch im­mer ei­ne gro­ße Ge­fahr dar und ver­ur­sach­te auf­grund der ho­hen An­ste­ckungs­ge­fahr ei­ne Mor­ta­li­täts­ra­te von über 30 Pro­zent. Bei ei­nem pri­va­ten Auf­ent­halt in Eng­land mach­te Reu­mont im Jahr 1800 die Be­kannt­schaft des Me­di­zi­ners Ed­ward Jen­ner (1749-1823), der kurz zu­vor zu ei­ner bahn­bre­chen­den Er­kennt­nis ge­kom­men war. Der Krank­heits­ver­lauf bei eng­li­schen Bau­ern, die zu­nächst mit für Men­schen harm­lo­sen Kuh­po­cken in Be­rüh­rung ge­kom­men wa­ren, war we­sent­lich güns­ti­ger als bei an­dern an den Blat­tern er­krank­ten Pa­ti­en­ten. So­mit konn­te durch Imp­fung mit Kuh­po­cken ei­ne Im­mu­ni­sie­rung des Men­schen ge­gen die Seu­che er­reicht und ei­ne An­ste­ckung ver­mie­den wer­den. Die­se Me­tho­de stell­te ei­nen we­sent­li­chen Fort­schritt ge­gen­über der bis­he­ri­gen Imp­fung mit mensch­li­chem Po­cken­ei­ter dar, bei der es häu­fig zu Kom­pli­ka­tio­nen kam.

Der Wi­der­stand ge­gen die neue Impf­me­tho­de war zu­nächst groß und die me­di­zi­ni­sche De­bat­te in Eng­land in vol­lem Gan­ge, als Reu­mont dort im Jahr 1800 ein­traf. Jen­ners An­satz fas­zi­nier­te ihn, und er ent­schloss sich zu ei­ner nä­he­ren Be­schäf­ti­gung mit der The­ma­tik. Wäh­rend ei­nes zwei­mo­na­ti­gen Auf­ent­halts in Lon­don mach­te der eng­li­sche Kol­le­ge Reu­mont mit der Theo­rie und Pra­xis sei­ner neu­en Me­tho­de ver­traut. Wäh­rend der Rück­rei­se nach Aa­chen hielt Reu­mont in Pa­ris ei­nen Vor­trag über die neue Impf­me­tho­de. Un­ter den Zu­hö­rern be­fand sich auch der da­ma­li­ge ers­te Kon­sul Na­po­le­on Bo­na­par­te (1769-1821). Er be­auf­trag­te Reu­mont mit der Durch­füh­rung der Po­cken­schutz­imp­fung auf sei­nem Rei­se­weg durch Nord­frank­reich. Nach der An­kunft in sei­ne Hei­mat­stadt trieb er auch dort den Ein­satz der Jen­ner­schen Impf­me­tho­de vor­an. Am 17.4.1801 fand in Aa­chen die ers­te Po­cken­schutz­imp­fung im Rhein­land statt, die Ger­hard Reu­mont an sei­nem Nef­fen Ri­chard durch­führ­te. In der Fol­ge ent­fal­te­te er ei­ne „rast­lo­se Impf­tä­tig­keit“ (Egon Schmitz-Clie­ver). Auf­grund der straf­fen fran­zö­si­schen Ver­wal­tungs­struk­tu­ren ge­lang es, die neue Me­tho­de in Tei­len der Be­völ­ke­rung zu ver­brei­ten. So ver­füg­te die „Ju­ry mé­di­cal“ auf Reu­monts Be­trei­ben hin, dass die Imp­fung für Schü­ler ver­pflich­tend vor­ge­schrie­ben wer­den soll­te. Zu­dem wa­ren al­le im Kran­ken­haus be­find­li­chen Kin­der zu imp­fen. Auf die­se Wei­se ge­lang es, die Zahl der Er­kran­kun­gen zu­min­dest zwi­schen­zeit­lich zu sen­ken. Auf län­ge­re Sicht je­doch kam es trotz al­ler Be­mü­hun­gen wie­der zu ei­nem An­stieg der In­fek­tio­nen, weil die ers­te Auf­merk­sam­keit nach­ließ und die Vor­schrif­ten nicht im­mer kon­se­quent um­ge­setzt wur­den.

Als wei­te­res Be­tä­ti­gungs­feld be­fass­te sich Reu­mont mit der heil­sa­men Wir­kung der be­kann­ten Aa­che­ner Na­tur­quel­len. In sei­ner Ei­gen­schaft als Kur­arzt be­han­del­te er 1804 die fran­zö­si­sche Kai­se­rin Jo­sé­phi­ne (1763-1814). Im Jahr dar­auf wur­de Reu­mont von Na­po­le­on zum In­spek­tor der Aa­che­ner Heil­bä­der er­nannt. Nach dem Über­gang des Rhein­lan­des an Preu­ßen ver­blieb Reu­mont in sei­nem Amt als Bä­der­inspek­tor und er­hielt 1816 zu­dem den Ti­tel ei­nes „Me­di­zi­nal­ra­tes“ ver­lie­hen. Auch un­ter preu­ßi­scher Ägi­de be­kann­te sich Reu­mont zu sei­nem Wir­ken wäh­rend der Fran­zo­sen­zeit. Noch in sei­nem 1828 er­schie­ne­nen Buch „Aa­chen und sei­ne Heil­quel­le“ un­ter­ließ er es nicht, un­ter sei­nen me­di­zi­ni­schen Ti­teln auch die Be­zeich­nung „Ehe­ma­li­ges Mit­glied der Me­di­zi­ni­schen Ju­ry des Ro­er­de­par­te­ments“ an­zu­füh­ren und im Vor­wort dar­auf hin­zu­wei­sen, dass "er am 22. Brum­ai­re, Jahr XIV der Re­pu­blik (13. No­vem­ber 1805) durch ein von Sr. Ma­jes­tät dem Kai­ser Na­po­le­on (zu St. Pöl­ten bei Wien) ge­ge­be­nes De­kret zum Mé­de­cin-In­spec­teur des Eaux d’Aix-la-Cha­pel­le er­nannt wor­den" sei. Auf das Ver­hal­ten des Aa­che­ner Me­di­zi­ners trifft so­mit ex­em­pla­risch zu, was von Wil­helm Jans­sen all­ge­mein fol­gen­der­ma­ßen for­mu­liert wor­den ist: „Die Rhein­län­der hat­ten die fran­zö­si­sche Herr­schaft eben je län­ger je we­ni­ger als Fremd­herr­schaft emp­fun­den, son­dern als durch­or­ga­ni­sier­te und da­mit ef­fek­ti­ve Herr­schaft.“[1].

Ger­hard Reu­mont starb am 27.4.1828 in sei­ner Hei­mat­stadt Aa­chen. Mit sei­nem Ein­satz für die Imp­fung ge­gen die Po­cken hat er ent­schei­dend zum me­di­zi­ni­schen Fort­schritt im Rhein­land bei­ge­tra­gen.

Werke

Die war­men Mi­ne­ral­quel­len von Aa­chen und Burt­scheid, 1817.

Aa­chen und sei­ne Heil­quel­le. Ein Ta­schen­buch für Ba­de­gäs­te, 1828.

Literatur

Hüf­fer, Her­mann, Al­fred von Reu­mont, in: An­na­len des His­to­ri­schen Ver­eins für den Nie­der­rhein 77 (1904), S. 5-241  [dar­in ent­hal­ten sind die au­to­bio­gra­phi­schen „Ju­gend­er­in­ne­run­gen“ Al­fred Reu­monts].

Je­din, Hu­bert, Al­fred von Reu­mont (1808-1887), in: Rhei­ni­sche Le­bens­bil­der 5 (1973), S. 95-112.

Kraus, Tho­mas R., Auf dem Weg in die Mo­der­ne. Bon­ne vil­le d’Aix-la-cha­pel­le/Aa­chen in fran­zö­si­scher Zeit. Ka­ta­log zur Aus­stel­lung im Krö­nungs­saal des Aa­che­ner Rat­hau­ses vom 14. Ja­nu­ar bis 5. März 1995, Aa­chen 1994.

Schmitz-Clie­ver, Egon, Ger­hard Reu­mont, in: Rhei­ni­sche Le­bens­bil­der 2 (1966), S. 143-158.

 
Anmerkungen
  • 1: Janssen, Wilhelm, Kleine Rheinische Geschichte, Düsseldorf 1997, S. 271.
Zitationshinweis

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Rosin, Philip, Gerhard Reumont, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/gerhard-reumont/DE-2086/lido/57cd1de3d04fd2.35219905 (15.11.2018)