Hans Welzel

Professor für Strafrecht und Rechtsphilosophie in Bonn (1904-1977)

Fritz Loos (Göttingen)

Hans Welzel, Porträtfoto, Foto: Georg Munker. (Univeritätsarchiv Bonn)

Hans Wel­zel war von 1952 bis zu sei­ner Eme­ri­tie­rung im Jah­re 1972 Pro­fes­sor an der Rechts- und Staats­wis­sen­schaft­li­chen Fa­kul­tät der Uni­ver­si­tät Bonn. In die­ser Zeit üb­te er ei­nen we­sent­li­chen Ein­fluss auf die 1975 in Kraft ge­tre­te­ne Re­form des Straf­ge­setz­buchs aus, vor al­lem aber wur­de durch ihn Bonn zu ei­nem in vie­len Län­dern der Er­de an­er­kann­ten Mit­tel­punkt der Straf­rechts­wis­sen­schaft.

Wel­zels Be­deu­tung be­ruht auf sei­nem neu­en Sys­tem der straf­recht­li­chen Zu­rech­nung, das nach sei­nem Grund­be­griff als fi­na­le Hand­lungs­leh­re oder Fi­na­lis­mus be­zeich­net zu wer­den pflegt. Die­se Leh­re stand nach dem Zwei­ten Welt­krieg bis in die 60er Jah­re im Mit­tel­punkt der straf­rechts­wis­sen­schaft­li­chen Dis­kus­si­on in Deutsch­land, hat­te aber auch er­heb­li­chen Ein­fluss auf die Straf­rechts­wis­sen­schaft in den eu­ro­päi­schen Mit­tel­meer­län­dern, in Ost­asi­en und in Süd­ame­ri­ka. Sei­ne Wer­ke wur­den ins Ita­lie­ni­sche, Spa­ni­sche, Grie­chi­sche, Ja­pa­ni­sche und Ko­rea­ni­sche über­setzt, was in der da­mals noch stark na­tio­nal­staat­lich ge­präg­ten Rechts­welt au­ßer­ge­wöhn­lich war.

Der Er­folg be­ruh­te vor al­lem dar­auf, dass Wel­zel mit dem An­spruch auf­trat, vor­recht­li­che „sach­lo­gi­sche Struk­tu­ren" zu iden­ti­fi­zie­ren, die in ganz un­ter­schied­li­chen Rechts­ord­nun­gen Gül­tig­keit ha­ben. Zen­tral ist die Aus­sa­ge, dass mensch­li­ches Han­deln ein be­wuss­tes Steu­ern von Ab­läu­fen in der Au­ßen­welt ist und dass an die­se Steue­rungs­fä­hig­keit je­de recht­li­che Nor­mie­rung not­wen­di­ger­wei­se an­knüp­fen muss. Die­ser An­satz hat nichts mit ei­nem ma­te­ria­len (in­halt­li­chen) Na­tur­recht zu tun, was durch die Ent­wick­lung des Wel­zel­schen Hand­lungs­be­griffs von frü­hen phi­lo­so­phi­schen Fär­bun­gen zu ei­nem eher (psy­cho­lo­gisch- oder so­zio­lo­gisch-) em­pi­ri­schen Ver­ständ­nis ver­deut­licht wur­de. Auf­grund die­ser Leh­re fass­te Wel­zel das ge­ne­rel­le Un­recht (für al­le Men­schen als falsch ge­kenn­zeich­ne­tes Ver­hal­ten), das von der Schuld als in­di­vi­du­el­ler Vor­werf­bar­keit seit dem En­de des 19. Jahr­hun­derts in der deut­schen Straf­rechts­wis­sen­schaft ge­trennt wor­den war, als ver­fehl­te Hand­lungs­steue­rung. Dem­ge­gen­über wird die Schuld als not­wen­di­ge zu­sätz­li­che Be­stra­fungs­vor­aus­set­zung als in­di­vi­du­el­le ver­fehl­te An­triebs­steue­rung ge­kenn­zeich­net. Die­se Auf­fas­sung hat sich für die im Zen­trum des Straf­rechts ste­hen­den Vor­satz­de­lik­te weit­ge­hend durch­ge­setzt, wäh­rend für die Fahr­läs­sig­keits­de­lik­te Zwei­fel be­ste­hen ge­blie­ben sind, ob die Kon­zep­ti­on aus­rei­chend ist. Für die Vor­satz­de­lik­te ent­wi­ckel­te Wel­zel auf­grund der vor­ste­hend dar­ge­stell­ten von ihm so­ge­nann­ten per­so­na­len Un­rechts­leh­re Fol­ge­lehr­stü­cke un­ter an­de­rem zum fi­na­len Tä­ter­be­griff und zur Teil­nah­me­leh­re, die zum Teil in dem er­neu­er­ten All­ge­mei­nen Teil des Straf­ge­setz­buchs von 1975 Ein­gang ge­fun­den ha­ben (zum Bei­spiel §§ 26, 27 Straf­ge­setz­buch zur Teil­nah­me­leh­re). In der ge­gen­wär­ti­gen deut­schen Straf­rechts­wis­sen­schaft spielt auch noch ei­ne an­de­re Be­griffs­bil­dung, die vor al­lem Wel­zel zu ver­dan­ken ist, ei­ne er­heb­li­che Rol­le - die so­zia­le Ad­äquanz. Da­nach sind Ver­hal­tens­wei­sen, die sich im Rah­men der nor­ma­len so­zia­len Ord­nung des Le­bens be­we­gen, nicht straf­ba­res Un­recht; man spricht in­so­weit von ei­nem Fall des Aus­schlus­ses der ob­jek­ti­ven Zu­rech­nung. Über die Ein­zel­ab­gren­zung, de­ren Schwie­rig­keit schon Wel­zel be­tont hat­te, be­steht Streit.

Zu der Fra­ge, ob die An­nah­me von Wil­lens­frei­heit ei­ne Vor­aus­set­zung straf­recht­li­cher Schuld (als Straf­bar­keits­vor­aus­set­zung) ist - ei­ne durch die mo­der­ne Hirn­for­schung wie­der be­son­ders ak­tu­ell ge­wor­de­ne al­te Streit­fra­ge -, hat Wel­zel ei­ne un­ge­wöhn­li­che Auf­fas­sung ent­wi­ckelt, die Kri­tik aber auch In­ter­es­se aus­ge­löst hat. Für ihn ist der schul­di­ge Tä­ter durch sei­ne An­trie­be de­ter­mi­niert (un­frei be­stimmt) ge­blie­ben, ge­ra­de das Aus­blei­ben des Ak­tes frei­er Selbst­be­stim­mung durch ein der frei­en Ori­en­tie­rung am Rich­ti­gen und da­mit der Ab­lö­sung von An­trie­ben fä­hi­ges Sub­jekt be­grün­det sei­ne Schuld.

Wel­zels Ein­fluss auf die Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs, der sich aus­drück­lich oder der Sa­che nach in grund­le­gen­den Ent­schei­dun­gen auf sei­ne Ar­gu­men­te be­zog, und auf die nach der Grün­dung der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ein­ge­lei­te­te Straf­rechts­re­form­ge­setz­ge­bung ver­dank­te sich vor al­lem dem in elf Auf­la­gen (zwi­schen 1947 und 1969) er­schie­ne­nen Straf­rechts­lehr­buch (vor­aus­ge­gan­gen war ein in drei Auf­la­gen er­schie­ne­nes Lehr­buch des All­ge­mei­nen Teils) und sei­ner wich­ti­gen Rol­le in der Straf­rechts­re­form­kom­mis­si­on in den 1950er Jah­ren. Sei­ne in vie­len Län­dern ver­brei­te­ten Schrif­ten, aber auch be­deu­ten­de aus­län­di­sche Straf­rechts­leh­rer, die als jun­ge Wis­sen­schaft­ler in Bonn ge­we­sen wa­ren, bil­de­ten die Grund­la­ge sei­ner in­ter­na­tio­na­len Wirk­sam­keit.  

Wäh­rend Wel­zel in der ge­gen­wär­ti­gen straf­rechts­wis­sen­schaft­li­chen Dis­kus­si­on nach wie vor prä­sent ist, ist die rechts­phi­lo­so­phi­sche Ent­wick­lung von ihm ab­ge­rückt. Nach den in man­chem dem po­li­ti­schen Zeit­geist ver­haf­te­ten An­fän­gen in sei­ner Ha­bi­li­ta­ti­ons­schrift von 1935, die der me­ta­phy­si­schen Deu­tung Im­ma­nu­el Kants (1724-1804), aber teil­wei­se auch dem Neu­he­ge­lia­nis­mus folg­te, pro­fi­lier­te er sich im neu­en west­deut­schen Staat durch sein rechts­phi­lo­so­phi­sches Haupt­werk „Na­tur­recht und ma­te­ria­le Ge­rech­tig­keit" (1951) als (po­li­tisch li­be­ra­ler) Kri­ti­ker der da­mals auch in die Rechts­pra­xis hin­ein­wir­ken­den Na­tur­rechts­re­nais­sance; dem Na­tur­recht warf er vor, vor­gän­gi­ge Wer­tun­gen im Na­tur­be­griff zu ver­schlei­ern. Wel­zel kri­ti­sier­te aber auch den Rechts­po­si­ti­vis­mus, den er eben­falls als ver­deckt me­ta­phy­sisch ein­schätz­te. Sei­ne Po­si­ti­on, die als Mi­ni­mal­na­tur­recht ge­kenn­zeich­net wer­den kann, pos­tu­liert ein ob­jek­ti­ves Sol­len, des­sen Kor­re­lat (Ent­spre­chung) die durch ihr Ge­wis­sen aus­ge­zeich­ne­te mensch­li­che Per­son ist. Er­gänzt wird die­se - sehr abs­trak­te pos­tu­la­to­ri­sche (als An­nah­me ge­kenn­zeich­ne­te) - Po­si­ti­on durch ei­ne Theo­rie der De­mo­kra­tie, die in­sti­tu­tio­nel­le Vor­aus­set­zun­gen für ei­nen fried­li­chen geis­ti­gen Kampf zwi­schen den kon­kur­rie­ren­den So­zi­al­ord­nungs­ent­wür­fen schaf­fen soll. Die­se sich vom Wertskep­ti­zis­mus nicht weit ent­fer­nen­de Auf­fas­sung wird in der ge­gen­wär­ti­gen Dis­kus­si­on, in der we­ni­ger zu­rück­hal­ten­de in­halt­li­che Wert­be­haup­tun­gen, wenn auch auf un­ter­schied­li­chen Vor­aus­set­zun­gen be­ru­hend, auf­ge­stellt wer­den, nur noch als Kon­tra­punkt wahr­ge­nom­men.

Als Rechts­phi­lo­so­phie­his­to­ri­ker („Na­tur­recht und ma­te­ria­le Ge­rech­tig­keit" ist phi­lo­so­phie­his­to­risch an­ge­legt) spielt Wel­zel da­ge­gen im­mer noch ei­ne er­heb­li­che Rol­le. Sei­ne Ge­schich­te des abend­län­di­schen Na­tur­rechts in der Kon­fron­ta­ti­on ra­tio­nal-idea­lis­ti­scher und vol­un­ta­ris­ti­scher Rich­tun­gen (Ver­nunft oder Wil­le als je­wei­li­ge Na­tur­rechts­quel­le) ist nach wie vor ei­ne in­spi­rie­ren­de In­for­ma­ti­ons­quel­le. An dem ge­nann­ten Leit­fa­den idea­lis­tisch/ vol­un­ta­ris­tisch ana­ly­siert Wel­zel kri­tisch die gro­ßen abend­län­di­schen Phi­lo­so­phen von den al­ten Grie­chen bis zu sei­ner Ge­gen­wart.

Nachlass

Teil­nach­lass Hans Wen­zel in der Uni­ver­si­täts- und Lan­des­bi­blio­thek Bonn. [On­line]

Ab­hand­lun­gen zum Straf­recht und zur Rechts­phi­lo­so­phie, Ber­lin 1975.
Das deut­sche Straf­recht, Ber­lin 1969.
Na­tur­rech­t und ma­te­ria­le Ge­rech­tig­keit, Göt­tin­gen 1962.

Hirsch, Hans Joa­chim, Der Streit um Hand­lungs- und Un­rechts­leh­re, in: Zeit­schrift für die ge­sam­te Straf­rechts­wis­sen­schaft 93 (1981), S. 831, 94 (1982), S. 239.
Loos, Fritz, Hans Wel­zel (1904-1977). Die Su­che nach dem Über­po­si­ti­ven im Recht, in: Loos, Fritz (Hg.), Rechts­wis­sen­schaft in Göt­tin­gen, Göt­tin­gen 1987, S. 486.
Sticht, Oli­ver, Sach­lo­gik al­s ­Na­tur­recht? Zur Rechts­phi­lo­so­phie Hans Wel­zels 1904-1977, Pa­der­born 2000.

 
Zitationshinweis

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Loos, Fritz, Hans Welzel, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/hans-welzel/DE-2086/lido/57c92cf3775603.23352034 (22.05.2018)