Heinrich Pattberg

Bergwerksdirektor und Bergbaumanager (1862-1934)

Stefan Przigoda (Bochum)

Heinrich Pattberg, Heliogravüre von Hermann Kätelhön, um 1930. (Deutsches Bergbau-Museum Bochum, Montanhistorisches Dokumentationszentrum, Signatur: montan.dok 030350635016)

Als Berg­werks- und dann Ge­ne­ral­di­rek­tor der Ge­werk­schaft Rhein­preu­ßen trug Hein­rich Patt­berg we­sent­lich zum Auf­schwung des Berg­baus und zur wirt­schaft­li­chen Ent­wick­lung am lin­ken Nie­der­rhein bei.

Hein­rich Patt­berg wur­de am 8.8.1862 in Mül­heim an der Ruhr ge­bo­ren, wo sein Va­ter Wil­helm Patt­berg (1840-1905) ei­ne klei­ne Koh­len­hand­lung be­trieb. Seit 1869 ar­bei­te­te er als Stei­ger (tech­ni­scher An­ge­stell­ter und Auf­sichts­per­son) auf der Ze­che Bo­ni­fa­ci­us in Kray. Von der Mut­ter He­le­ne, ge­bo­re­ne Schild­berg (1835-1902), sind nur die Le­bens­da­ten be­kannt. Hein­rich war das äl­tes­te von ins­ge­samt sechs Kin­dern, von de­nen sein jün­ge­rer Bru­der Wil­helm (1865-1937) eben­falls im Berg­bau tä­tig war.

 

Hein­rich Patt­berg be­such­te zu­nächst die Volks­schu­le in Kray und die Rek­to­rats­schu­le in Stee­le (heu­te bei­de Stadt Es­sen). Da die fi­nan­zi­el­len Ver­hält­nis­se der Fa­mi­lie den Be­such ei­ner wei­ter­füh­ren­den Schu­le of­fen­bar nicht er­laub­ten, be­gann er nach ei­ner kur­zen Be­schäf­ti­gung auf der Ze­che Bo­ni­fa­ci­us im Au­gust 1876 ei­ne kauf­män­ni­sche Aus­bil­dung bei der Fir­ma Her­mann Fran­ken in Schal­ke (Stadt Gel­sen­kir­chen). 1878 kehr­te er al­ler­dings auf sei­ne al­te Ze­che zu­rück, wo man ihm seit 1884 die be­rufs­be­glei­ten­de Wei­ter­qua­li­fi­zie­rung an der Bo­chu­mer Berg­schu­le er­mög­lich­te, die Patt­berg am 18.10.1887 mit dem Prä­di­kat „Gut“ ab­schloss. Of­fen­bar hat­te er da­mit auch den Di­rek­tor der Berg­schu­le Hu­go Schultz (1838-1904) be­ein­druckt. Die­ser ge­hör­te seit 1880 dem Gru­ben­vor­stand der Ge­werk­schaft Rhein­preu­ßen in Hom­berg an und soll ihm dort ei­ne An­stel­lung ver­mit­telt ha­ben. Be­reits am 24.10.1887 trat Hein­rich Patt­berg als Hilfs­stei­ger in die Diens­te der Hom­ber­ger Ze­che – das war der Be­ginn ei­ner stei­len Kar­rie­re.

Heinrichs Vater Wilhelm Pattberg als Steiger der Zeche Bonifacius, um 1880-1900. (Deutsches Bergbau-Museum Bochum, Montanhistorisches Dokumentationszentrum, Signatur: montan.dok 027200304039)

 

Da­mals för­der­te die Ze­che Rhein­preu­ßen erst we­ni­ge Jah­re. Zwar war Franz Ha­ni­el auf­grund der spe­zi­el­len Rechts­la­ge – links­rhei­nisch galt seit der Na­po­leo­ni­schen Zeit das fran­zö­si­sche Berg­recht – be­reits 1857 ein für da­ma­li­ge Ver­hält­nis­se rie­si­ges Gru­ben­feld ver­lie­hen wor­den. Aber das Ab­teu­fen der Schäch­te hat­te sich auf­grund der geo­lo­gi­schen Ver­hält­nis­se schwie­rig ge­stal­tet und bis in die zwei­te Hälf­te der 1870er Jah­re hin­ein hin­ge­zo­gen. Patt­berg avan­cier­te in ra­scher Fol­ge zum Ma­schi­nen­stei­ger (1888), zum Ober­stei­ger und stell­ver­tre­ten­den Be­triebs­füh­rer (1891) und schlie­ß­lich im Ju­ni 1892 zum Gru­ben­ver­wal­ter und tech­ni­schen Lei­ter. In die­se Zeit des be­ruf­li­chen Auf­stiegs fällt auch sei­ne Hei­rat mit Agnes Back­haus, der Toch­ter ei­nes Hom­ber­ger Land­wir­tes und Müh­len­be­sit­zers, mit der er vier Kin­der hat­te. Im Herbst 1899 folg­te die Er­nen­nung zum Berg­werks­di­rek­tor und am 21.9.1920, nach dem Tod des kauf­män­ni­schen Di­rek­tors Au­gust Sie­den­berg, zum Ge­ne­ral­di­rek­tor der Ge­werk­schaft Rhein­preu­ßen. Die­se Po­si­ti­on hat­te Patt­berg bis zu sei­nem Aus­schei­den aus dem ak­ti­ven Be­rufs­le­ben zum 31.12.1931 in­ne.

Schachtbohrer von Heinrich Pattberg, Patentschrift vom 10. August 1900. (Deutsches Bergbau-Museum Bochum, Montanhistorisches Dokumentationszentrum, Signatur: montan.dok BBA H 86)

 

In die­sen mehr als 40 Jah­ren hat­te Patt­berg ent­schei­den­den An­teil an dem Auf­stieg Rhein­preu­ßens von ei­nem eher un­be­deu­ten­den zu ei­nem der leis­tungs­stärks­ten Berg­wer­ke des Ruhr­berg­baus. Ba­sis des Er­folgs wa­ren nicht zu­letzt sei­ne berg­tech­ni­schen In­no­va­ti­ons­leis­tun­gen, die weit über die Gren­zen des Un­ter­neh­mens und des Ruhr­ge­bie­tes hin­aus Be­deu­tung er­lang­ten. Das galt zu­nächst für ein von ihm ent­wi­ckel­tes Tief­bohr­ver­fah­ren, das bei den fie­ber­haf­ten Bohr­tä­tig­kei­ten zur Er­schlie­ßung und Mu­tung neu­er Stein­koh­len­la­ger­stät­ten um die Wen­de zum 20. Jahr­hun­dert viel­fach An­wen­dung fand. Für Rhein­preu­ßen un­mit­tel­bar viel­leicht be­deut­sa­mer wa­ren sei­ne Wei­ter­ent­wick­lung die­ses Bohr­ver­fah­rens für das Schacht­ab­teu­fen im lo­cke­ren Ge­bir­ge und die Ver­bes­se­rung des Schacht­aus­baus durch das so ge­nann­te Com­pound­ver­fah­ren. Sie er­mög­lich­ten das ver­gleichs­wei­se ra­sche Nie­der­brin­gen der bei­den Rhein­preu­ßen-Schäch­te 4 und 5 in Mo­ers in den Jah­ren von 1900 bis 1905 als Vor­aus­set­zung für den wei­te­ren Aus­bau des Berg­werks. Be­güns­tigt durch die La­ger­stät­ten­ver­hält­nis­se nahm Rhein­preu­ßen un­ter Patt­bergs Lei­tung auch in den fol­gen­den Jahr­zehn­ten ei­ne berg­tech­ni­sche Vor­rei­ter­rol­le ein. Hier ist seit 1906 erst­mals im Ruhr­berg­bau die Schüt­tel­rutsche als neu­es, bahn­bre­chen­des Streb­för­der­mit­tel flä­chen­de­ckend ein­ge­setzt wor­den. In der Me­cha­ni­sie­rungs­pha­se in den 1920er Jah­ren wur­den schon sehr früh druck­luft­be­trie­be­ne Ab­bau­häm­mer (1922) und die Band­för­de­rung in Ab­bau­stre­cken (1926) um­fas­send ein­ge­führt und der un­ter­tä­gi­ge Be­trieb elek­tri­fi­ziert (1926).

Fast ein hal­bes Jahr­hun­dert lang blieb Rhein­preu­ßen die ein­zi­ge ak­ti­ve Ze­che am lin­ken Nie­der­rhein. Es war wohl nicht zu­letzt ihr er­folg­rei­ches Bei­spiel, das nach der Wen­de zum 20. Jahr­hun­dert die Er­rich­tung wei­te­rer Berg­wer­ke mo­ti­vier­te und da­durch die wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung der Re­gi­on be­för­der­te. Ähn­lich be­deut­sam war in die­ser Hin­sicht die Lö­sung der Ent­wäs­se­rungs­fra­ge. Die berg­bau­be­ding­ten Ab­sen­kun­gen an der Ta­gesober­flä­che stei­ger­ten das in Rhein­nä­he oh­ne­hin be­ste­hen­de Über­schwem­mungs­ri­si­ko und droh­ten ins­be­son­de­re die Land­wirt­schaft zu be­ein­träch­ti­gen. Patt­berg er­kann­te das Pro­blem früh und ver­an­lass­te 1905 ei­ne ein­ge­hen­de Un­ter­su­chung, in de­ren Fol­ge am 3.2.1908 der Ver­ein zur Auf­stel­lung ei­nes Ent­wäs­se­rungs­pla­nes für das links­nie­der­rhei­ni­sche In­dus­trie­ge­biet ent­stand, aus dem durch Ge­setz vom 29.4.1913 die Links­nie­der­rhei­ni­sche Ent­wäs­se­rungs-Ge­nos­sen­schaft her­vor­ging.

Heinrich Pattberg, 1930er Jahre.

 

Ne­ben dem Vor­sitz in die­sen bei­den Or­ga­ni­sa­tio­nen be­klei­de­te Patt­berg ei­ne Viel­zahl wei­te­rer Äm­ter in Wirt­schaft und Po­li­tik. Er en­ga­gier­te sich in der evan­ge­li­schen Kir­chen­ge­mein­de in Hom­berg und, wie so vie­le sei­ner Be­rufs­kol­le­gen, in der Kom­mu­nal- und Pro­vin­zi­al­po­li­tik, der Schwer­punkt lag aber auf der Mit­wir­kung in den wirt­schaft­li­chen Ver­bän­den und Ge­mein­schafts­or­ga­ni­sa­tio­nen. Patt­berg ge­hör­te den Füh­rungs­gre­mi­en des Ver­eins für die berg­bau­li­chen In­ter­es­sen im Ober­berg­amts­be­zirk Dort­mund (Berg­bau-Ver­ein) und des Ze­chen­ver­ban­des als den mäch­ti­gen In­ter­es­sen­ver­bän­den des Ruhr­berg­baus eben­so an, wie de­nen der Reichs­knapp­schaft und der Knapp­schafts­be­rufs­ge­nos­sen­schaft. Fer­ner war er Mit­glied in den In­dus­trie- und Han­dels­kam­mern in Kre­feld und Duis­burg-We­sel. Lan­ge Jah­re saß er dem Ver­ein der Berg­wer­ke am lin­ken Nie­der­rhein e. V. vor, der un­ter sei­ner ma­ß­geb­li­chen Be­tei­li­gung am 4.5.1921 als re­gio­na­ler In­ter­es­sen­ver­band ge­grün­det wor­den ist und Aus­druck ei­nes ge­wis­sen Ei­gen­be­wusst­seins im links­rhei­ni­schen Berg­bau war.

Als Mit­glied der Auf­sichts­rä­te von Ruhr­gas AG und Deut­scher Am­mo­ni­ak-Ver­kaufs-Ver­ei­ni­gung so­wie des Ku­ra­to­ri­ums der Kai­ser-Wil­helm-Ge­sell­schaft für Koh­len­for­schung und als Auf­sichts­rats­vor­sit­zen­der der zu­ge­hö­ri­gen Ge­sell­schaft für die Ver­wer­tung der Pa­tent­rech­te rich­te­te Patt­berg in den 1920er Jah­ren ein be­son­de­res Au­gen­merk auf den zu­kunfts­träch­ti­gen Be­reich der che­mi­schen Koh­le­ver­ed­lung. Da­mit leg­te er den Grund­stein für den be­son­ders en­gen Ver­bund zwi­schen Koh­le und Che­mie bei Rhein­preu­ßen. Die­ser ist dann in den 1930er Jah­ren von Hein­rich Kost (1890-1978) vor­an­ge­trie­ben wor­den, der am 20.6.1925 Patt­bergs Toch­ter Mar­tha ge­hei­ra­tet hat­te und sei­nem Schwie­ger­va­ter 1932 an der Spit­ze der Ge­werk­schaft Rhein­preu­ßen nach­ge­folgt war.

Patt­berg er­freu­te sich zahl­rei­cher Aus­zeich­nun­gen und Eh­run­gen. Un­ter an­de­rem ver­lieh ihm die Tech­ni­sche Hoch­schu­le Aa­chen am 29.5.1922 den Grad ei­nes Dr. Ing. eh. und die Tech­ni­sche Hoch­schu­le Ber­lin er­nann­te ihn im Ok­to­ber 1927 zum Eh­ren­bür­ger und 1931 zum Eh­ren­se­na­tor. Zu sei­nem 40-jäh­ri­gen Dienst­ju­bi­lä­um 1927 wur­de die neue Dop­pel­schacht­an­la­ge der Ge­werk­schaft Rhein­preu­ßen nach ihm be­nannt. Noch heu­te trägt ei­ne Re­al­schu­le in Mo­ers sei­nen Na­men.

Hein­rich Patt­berg ist am Mor­gen des 11.5.1934 auf sei­nem Ru­he­sitz Agne­ten­hof bei Ka­pel­len (heu­te Stadt Mo­ers) im Al­ter von 71 Jah­ren ge­stor­ben.

Literatur

Hein­rich Patt­berg, in: Jahr­buch für den Ruhr­koh­len­be­zirk 30 (1932), S. VIII-XII.
Hein­rich Patt­berg. Ein Le­bens- und Schaf­fens­bild, in: Die Schüt­tel­rutsche. Werks­zei­tung für den links­nie­der­rhei­ni­schen Berg­bau, Son­der­num­mer, 24.10.1927, S. 3-10.
Ja­nus, F., Hein­rich Patt­berg +, in: Glück­auf 70 (1934), S. 564.
Patt­berg, Hein­rich, in: Reichs­hand­buch der deut­schen Ge­sell­schaft, Band 2, Ber­lin 1931, S. 1382.
Schwo­er­bel, Erich, Hein­rich Patt­berg, in: Hei­mat­ka­len­der für den Kreis Mo­ers 17 (1960), S. 44-47.
Ser­lo, Wal­ter: Män­ner des Berg­baus, Ber­lin 1937, S. 112-113.
Wie­sen­käm­per, Wil­li: Hein­rich Patt­berg, in: Rhei­nisch-West­fä­li­sche Wirt­schafts­bio­gra­phi­en, Band 6, Müns­ter 1954, S. 108-124.
Wen­zel, Ge­org, Deut­sche Wirt­schafts­füh­rer. Le­bens­gän­ge deut­scher Wirt­schafts­per­sön­lich­kei­ten, Ham­burg/Ber­lin/Leip­zig 1929, Sp. 1670-1671.

Online

Przi­go­da, Ste­fan, Hein­rich Patt­berg, in: Neue Deut­sche Bio­gra­phie, Bd. 20, 2001, S. 102-103. [On­line]

Pattbergschächte, um 1950, Foto: Josef Stoffels. (Deutsches Bergbau-Museum Bochum, Montanhistorisches Dokumentationszentrum, Signatur: montan.dok 024900865001)

 
Zitationshinweis

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Przigoda, Stefan, Heinrich Pattberg, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/heinrich-pattberg/DE-2086/lido/57c95859e65157.28041993 (20.07.2018)