Hermann Pünder

Oberbürgermeister von Köln und NS-Widerstandskämpfer (1888-1976)

Rudolf Morsey (Neustadt-Geinsheim)

Hermann Pünder, Oktober 1932. (Bundesarchiv, Bild 102-13917/CC-BY-SA)

Her­mann Pünder war 1926-1932 Chef der Reichs­kanz­lei in Ber­lin, wur­de 1933 als Re­gie­rungs­prä­si­dent in Müns­ter ent­las­sen, ge­hör­te wäh­rend des Zwei­ten Welt­kriegs zum Wi­der­stands­kreis um Carl Go­er­de­ler und über­leb­te die KZ-Haft. 1945-1948 Ober­bür­ger­meis­ter von Köln, lei­te­te er 1948/1949 den Ver­wal­tungs­rat des Ver­ei­nig­ten Wirt­schafts­ge­biets in Frank­furt a.M. und ge­hör­te 1949-1957 als Köl­ner CDU-Ab­ge­ord­ne­ter dem Bun­des­tag an.

Am 1.4.1888 in Trier ge­bo­ren, wuchs Her­mann Pünder in Köln auf, wo sein Va­ter Her­mann Jo­seph (1841-1917) seit 1989 Rich­ter am Ap­pell­hof war. Nach des­sen Ver­set­zung (1900) an das Reichs­mi­li­tär­ge­richt in Ber­lin, wo­hin die Fa­mi­lie über­sie­del­te, ver­brach­te Pünder die letz­ten Gym­na­si­al­jah­re in Müns­ter­ei­fel. Nach dem Ab­itur (1906) und ei­nem Stu­di­um der Rechts- und Staats­wis­sen­schaf­ten in Frei­burg i.Br., Lon­don und Ber­lin be­stand er 1909 das 1. Staats­ex­amen. Als Re­fe­ren­dar im preu­ßi­schen Jus­tiz­dienst ab­sol­vier­te Pünder ei­ne ein­jäh­ri­ge Mi­li­tär­dienst­zeit in Naum­burg/Saa­le und er­warb 1910 in Je­na den ju­ris­ti­schen Dok­tor­grad. 1915, be­reits im Kriegs­dienst, be­stand er sein As­ses­sor­ex­amen. Als Leut­nant der Re­ser­ve bis 1918 an der West- und Ost­front ein­ge­setzt und 1916 mit dem Ei­ser­nen Kreuz I. Klas­se aus­ge­zeich­net, mach­te er nach 1918 ei­ne stei­le Be­am­ten­kar­rie­re.

 

Seit De­zem­ber Hilfs­rich­ter beim Land­ge­richt I in Ber­lin, wech­sel­te der Re­gie­rungs­rat An­fang 1919 in das Preu­ßi­sche Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um und im Sep­tem­ber in das Reichs­fi­nanz­mi­nis­te­ri­um. Dort lei­te­te er als Mi­nis­te­ri­al­rat seit 1921 das Mi­nis­ter­bü­ro. Aus der 1920 ge­schlos­se­nen Ehe mit Mag­da, ge­bo­re­ne Statz, gin­gen fünf Kin­der her­vor. Pünder, seit 1922 Mit­glied der Zen­trums­par­tei, wur­de An­fang 1925 als Mi­nis­te­ri­al­di­rek­tor in die Reichs­kanz­lei be­ru­fen, noch En­de die­ses Jah­res ihr stell­ver­tre­ten­der Lei­ter und am 20.7.1926 de­ren Chef als Staats­se­kre­tär. In die­ser Schlüs­sel­stel­lung ent­wi­ckel­te sich der kom­pe­ten­te und ge­wand­te Ju­rist zu ei­nem ad­mi­nis­tra­ti­ven Kri­sen­ma­na­ger un­ter vier Reichs­kanz­lern. Nach dem Amts­an­tritt von Reichs­kanz­ler Franz von Pa­pen (1879-1969), am 2.6.1932, in den einst­wei­li­gen Ru­he­stand ver­setzt, über­nahm Pünder am 4.10.1932 das Amt des Re­gie­rungs­prä­si­den­ten in Müns­ter. Im Ju­li 1933 wur­de er von der NS­DAP-Re­gie­rung ent­las­sen und be­wirt­schaf­te­te seit­dem ei­nen klei­nen Bau­ern­hof in Hil­trup, am Ran­de der Stadt.

Im Zwei­ten Welt­krieg ge­riet Pünder als Haupt­mann be­zie­hungs­wei­se spä­ter Ma­jor der Re­ser­ve im Stab des Wehr­kreis­kom­man­dos VI in Müns­ter durch zwei Tref­fen mit Carl Go­er­de­ler (1884-1945), 1939 und 1942, in das Um­feld von des­sen Wi­der­stands­kreis. Nach dem 20.7.1944 wur­de er ver­haf­tet, in das Straf­ge­fäng­nis in Ber­lin-Moa­bit ein­ge­wie­sen und qual­vol­len Ver­hö­ren un­ter­zo­gen. Er wur­de we­gen Hoch­ver­rats an­ge­klagt, am 20.12. vom Volks­ge­richts­hof frei­ge­spro­chen, al­ler­dings „we­gen Wehr­un­wür­dig­keit" aus der Wehr­macht so­wie aus dem Be­am­ten­stand aus­ge­sto­ßen und ver­lor sei­ne Ver­sor­gungs­an­sprü­che. Die Ge­sta­po hielt ihn wei­ter­hin in Haft und ver­schlepp­te ihn, nach Auf­ent­hal­ten in den Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern Fürs­ten­berg in Meck­len­burg, Bu­chen­wald und Dach­au An­fang Mai 1945 mit ei­nem „Pro­mi­nen­ten­trans­port" von 136 Häft­lin­gen aus 22 Län­dern in die „Al­pen­fes­tung Ti­rol". In Nie­der­dorf im Pus­ter­tal wur­de Pünder An­fang Mai 1945 von ei­ner Süd­ti­ro­ler Wi­der­stands­grup­pe be­freit, aber wei­ter von der ame­ri­ka­ni­schen Ar­mee als „Eh­ren­gast" in Ita­li­en (Ca­pri) fest­ge­hal­ten. En­de Mai emp­fing ihn Papst Pi­us XII. (1876-1958) als ers­ten deut­schen Nach­kriegs­be­su­cher.

Erst am 27. Ju­li ge­lang­te Pünder wie­der nach Müns­ter. Dort ge­hör­te er zu den In­itia­to­ren der CDU. Aber be­reits am 20.11.1945 über­nahm der „Staats­se­kre­tär a.D." das ihm von der bri­ti­schen Mi­li­tär­re­gie­rung an­ge­bo­te­ne Amt des Ober­bür­ger­meis­ters von Köln, als Nach­fol­ger des von ihr am 6. Ok­to­ber ent­las­se­nen Kon­rad Ade­nau­er. Pünder such­te für die in Trüm­mern lie­gen­de Dom­stadt ih­re frü­he­re Stel­lung als ei­ne der „geis­ti­gen Haupt­städ­te Deutsch­lands" zu­rück zu ge­win­nen, auch ih­re Brü­cken­funk­ti­on zum be­nach­bar­ten Aus­land. Den Wie­der­auf­bau der Rui­nen­land­schaft för­der­te der Ober­bür­ger­meis­ter eben­so tat­kräf­tig wie die geis­ti­ge Aus­rich­tung („Köl­ner Kul­tur­ta­ge" im Ok­to­ber 1946) und die Wie­der­be­grün­dung ei­ner Rei­he über­re­gio­na­ler kom­mu­na­ler und kul­tu­rel­ler Ver­bän­de, so auch des Deut­schen Städ­te­tags, des­sen Prä­si­dent­schaft er über­nahm. 1947-1973 lei­te­te er den Zen­tral-Dom­bau-Ver­ein zu Köln und am­tier­te auch als Vor­stands­mit­glied der Ge­sell­schaft für christ­lich-jü­di­sche Zu­sam­men­ar­beit.

1946-1950 war Pünder für die CDU Mit­glied des Land­tags des neu ge­grün­de­ten Lan­des Nord­rhein-West­fa­len, des­sen Er­rich­tung er bei der bri­ti­schen Mi­li­tär­re­gie­rung be­für­wor­tet hat­te, ge­wählt im 5. Köl­ner Be­zirk: Lin­den­thal-Mün­gers­dorf. Bei spä­te­rer Ge­le­gen­heit for­mu­lier­te er ein­mal als sei­ne „Le­bens­ma­xi­me": die „not­wen­di­ge Fes­tig­keit mit ei­ner mög­lichst gro­ßen Ver­bind­lich­keit" zu ver­bin­den.

Den Hö­he­punkt sei­ner Lauf­bahn er­reich­te Pünder am 2.3.1948 mit sei­ner Wahl zum Vor­sit­zen­den („Ober­di­rek­tor") des neu ge­schaf­fe­nen Ver­wal­tungs­rats des Ver­ei­nig­ten Wirt­schafts­ge­biets in Frank­furt a.M. In die­ser Po­si­ti­on, mit ei­ner Ko­ali­ti­on von CDU, CSU und FDP, war er am Zu­sam­men­wach­sen der ame­ri­ka­ni­schen und bri­ti­schen Be­sat­zungs­zo­nen be­tei­ligt, de­ren Wirt­schafts- und So­zi­al­ord­nung – dar­un­ter auch die „So­zia­le Markt­wirt­schaft" – für die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land zum Vor­bild wur­de. Aus die­ser auf­rei­ben­den Tä­tig­keit, auch in Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit den Mi­li­tär­re­gie­run­gen, re­sul­tier­ten Span­nun­gen mit Ade­nau­er, der nach sei­ner Wahl zum Bun­des­kanz­ler am 15.9.1949 Pünder nicht in die Re­gie­rung über­nahm und ihm auch kein an­de­res po­li­ti­sches Amt an­bot. Am 20.9.1949 en­de­te Pünders Frank­fur­ter Tä­tig­keit, of­fi­zi­ell am 4.5.1950.

Als ei­ner der di­rekt ge­wähl­ten Köl­ner CDU-Ab­ge­ord­ne­ten des Deut­schen Bun­des­tags (1949-1957) lei­te­te er 1950 des­sen De­le­ga­ti­on in der Be­ra­ten­den Ver­samm­lung des Eu­ro­pa­rats in Straß­burg, war 1952 Vi­ze­prä­si­dent der Ge­mein­sa­men Ver­samm­lung der Eu­ro­päi­schen Ge­mein­schaft für Koh­le und Stahl (Mon­tan­uni­on) in Lu­xem­burg und ge­hör­te 1952-1956 auch dem Eu­ro­päi­schen Par­la­ment an. Pünder wur­de zu ei­nem Vor­kämp­fer der eu­ro­päi­schen Ei­ni­gung und blieb als Vor­stands­mit­glied zahl­rei­cher kul­tu­rel­ler Gre­mi­en um in­ter­kon­fes­sio­nel­len und in­ter­na­tio­na­len Aus­gleich be­müht. 1953 er­hielt er das Gro­ße Ver­dienst­kreuz mit Stern und Schul­ter­band des Bun­des­ver­dienst­kreu­zes und die Wür­de des Eh­ren­dok­tors der Uni­ver­si­tät Köln, 1967 auch die ih­res Eh­ren­se­na­tors. Sei­ne 1968 er­schie­ne­nen Le­bens­er­in­ne­run­gen tru­gen den be­kennt­nis­haf­ten Ti­tel „Von Preu­ßen nach Eu­ro­pa".

Ihr Ver­fas­ser zählt zu den her­aus­ra­gen­den „Män­nern der deut­schen Ver­wal­tung" und zu de­nen der „ers­ten Stun­de" beim Wie­der­auf­bau Deutsch­lands nach dem En­de des Hit­ler-Re­gimes. Er war Re­prä­sen­tant je­ner ho­hen Mi­nis­te­ri­al­be­am­ten, die 1933 aus ih­ren Äm­tern ent­fernt wur­den, das „Drit­te Reich" trotz leid­vol­ler Prü­fun­gen über­lebt ha­ben und über die­se Epo­che hin­aus ein Stück deut­scher Ver­wal­tungs­kon­ti­nui­tät ver­kör­per­ten. In sei­nen ver­schie­de­nen Äm­tern trug er da­zu bei, ei­ne Brü­cke von der ers­ten zur zwei­ten Re­pu­blik zu schla­gen. Pünder starb am 3.10.1976 in Ful­da und fand sein Grab auf dem Me­la­ten-Fried­hof in Köln.

Quellen

Pünder, Her­mann, Von Preu­ßen nach Eu­ro­pa. Le­bens­er­in­ne­run­gen, Stutt­gart 1968.

Literatur

Mor­sey, Ru­dolf, Her­mann Pünder, in: Christ­li­che De­mo­kra­ten ge­gen Hit­ler, hg. von Gün­ter Buch­stab u.a., Frei­burg i.Br. 2004, S. 397-402.

Mor­sey, Ru­dolf, Her­mann Pünder, in: Rhei­ni­sche Le­bens­bil­der 12, Köln 1991, S. 275-296.

Mor­sey, Ru­dolf, Kom­mu­nal­po­li­tik in der Trüm­mer­wüs­te. Her­mann Pünder als Ober­bür­ger­meis­ter von Köln, in: Die Ver­wal­tung 21 (1988), S. 375-388.

Pünder, Til­mann, Her­mann Pünder und sei­ne Köl­ner Zeit, in: Jahr­buch des Köl­ni­schen Ge­schichts­ver­eins 55 (1988), S. 249-293.

Stein­le, Jür­gen, Eu­ro­pa-Vor­stel­lun­gen der ers­ten Nach­kriegs­zeit. Auf­ge­zeigt am Bei­spiel Her­mann Pünders, in: Zeit­schrift für Po­li­tik 46 (1999), S. 424-440. 

Hermann Pünder, Porträtfoto, 1947. (Landesarchiv NRW Abteilung Rheinland)

 
Zitationshinweis

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Morsey, Rudolf, Hermann Pünder, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/hermann-puender/DE-2086/lido/57c95bcfcd6839.85118297 (16.07.2018)