Irmgardis von Süchteln

Volksheilige

Arie Nabrings (Pulheim)

St. Irmgardis-Heiligenbild, 17. Jahrhundert.

Seit der Mit­te des 18. Jahr­hun­derts müh­te sich die his­to­ri­sche For­schung mehr oder we­ni­ger er­folg­reich, die Per­son der Irm­gar­dis von Süch­teln zu iden­ti­fi­zie­ren. Im­mer wie­der ent­zieht sie sich man­gels Quel­len dem er­ken­nen­den Zu­griff. Da­von un­be­rührt zeigt sich der Volks­glau­ben, der um ih­re Per­son die viel­fäl­tigs­ten Le­gen­den rank­te. Die Fra­ge nach der „his­to­ri­schen" Irm­gar­dis ist da­mit von der Le­gen­den­ge­stalt zu un­ter­schei­den. 

St. Irmgardis-Heiligenbild, 17. Jahrhundert.

 

Die Le­gen­de

Wahr­schein­lich ent­stand die Irm­gar­dis-Le­gen­de um die Mit­te des 14. Jahr­hun­derts. Da­nach soll Irm­gar­dis ei­ne Toch­ter des Gra­fen von Zu­t­phen ge­we­sen sein, die nach dem Tod ih­rer El­tern al­lem ir­di­schen Reich­tum ent­sag­te und sich in die Ein­sam­keit nach Süch­teln zu­rück­zog, um ganz Gott zu die­nen. Ihr ge­hör­te näm­lich der Forst bei Süch­teln mit all sei­nem Zu­be­hör, eben­so die Stadt Rees mit der Burg As­pel. Die­se Be­sit­zun­gen ha­be sie zu En­de ih­res Le­bens der Kir­che ver­macht, und zwar Rees mit der Burg As­pel dem Erz­bi­schof von Köln und den Forst bei Süch­teln dem Klos­ter Sankt Pan­ta­le­on in Köln, weil ihr Bru­der dort Abt ge­we­sen sei. Aus Süch­teln ha­be sie schlie­ß­lich der Neid miss­güns­ti­ger Men­schen ver­trie­ben. Ihr Auf­ent­halt sei aber lang ge­nug ge­we­sen, da­mit sie die ers­te Stu­fe der Ver­voll­komm­nung hat er­rei­chen kön­nen. Um die Stu­fe der Voll­endung zu er­lan­gen, be­gab sie sich an­schlie­ßend in die Stadt Köln. Dort be­such­te sie die hei­li­gen Stät­ten, dien­te den Ar­men und un­ter­nahm drei Pil­ger­rei­sen nach Rom. Aus der hei­li­gen Stadt brach­te sie un­ter an­de­rem das Haupt Papst Sil­ves­ters mit nach Köln. Als sie starb, wur­de sie in der Dom­kir­che be­stat­tet.

Der his­to­ri­sche Kern

Als his­to­ri­scher Kern der Le­gen­de ist ei­ne Ur­kun­de des Köl­ner Erz­bi­schofs An­no II. von 1075 an­zu­se­hen, mit der er die Über­tra­gung der Props­tei Rees an die Köl­ner Kir­che durch ei­ne Grä­fin Irm­tru­dis be­stä­tigt. Wahr­schein­lich han­delt es sich bei ihr um ei­ne En­ke­lin Go­di­zos, Herr von As­pel und Rees (ge­stor­ben 1011). Nun hei­ßt die Wohl­tä­te­rin der Köl­ner Kir­che aber Irm­tru­dis und nicht Irm­gar­dis. Die Schwie­rig­keit ver­such­te die For­schung da­durch zu lö­sen, dass sie ei­ne Na­mens­gleich­heit an­nahm.

Heiligenbild: Heilige Jungfrau Irmgardis von Zytphen, Schutzpatronin von Süchteln, bitte für uns und das Vaterland, 16. Jahrhundert.

 

Wei­te­re Hin­wei­se lie­fert ei­ne Schen­kungs­ur­kun­de Kai­ser Hein­richs III. (Re­gie­rungs­zeit 1039-1046) von 1041 für sei­ne Ba­se Irm­gar­dis. Es han­delt sich da­bei um Land­gü­ter in Her­ve, Epen, Vaals und Fal­ken­burg. Die­se Gü­ter be­fin­den sich 1063 im Be­sitz der Ge­schwis­ter Irm­gar­dis, Irm­tru­dis und des Gra­fen Bru­no von Heim­bach, die auch in Rees und Strae­len über ge­mein­sa­men Be­sitz ver­fü­gen. Die Land­gü­ter hat­ten sie von Irm­gar­dis er­hal­ten. Das führ­te zu dem Schluss, ei­ne äl­te­re Irm­gar­dis, näm­lich die Mut­ter der Ge­schwis­ter, von ei­ner jün­ge­ren zu un­ter­schei­den.

Nicht nur Irm­tru­dis hat der Kir­che Zu­wen­dun­gen ge­macht, son­dern auch ih­re Schwes­ter Irm­gar­dis, die zwi­schen 1079 und 1089 zum Heil ih­rer See­le und ih­rer in Rees bei­ge­setz­ten El­tern dem dor­ti­gen Propst das Eh­ren­recht bei Frie­dens­bruch, Dieb­stahl oder an­de­ren Ver­ge­hen über die Mit­glie­der der fa­mi­lia rich­ten zu dür­fen so­wie den Schwei­ne­zehnt in Rees, Em­me­rich und Strae­len über­trug.

Die Ree­ser Schen­kung von 1075 wur­de von Erz­bi­schof Ar­nold von Köln im Jahr 1142 in Er­in­ne­rung ge­ru­fen und mit dem Zu­satz chris­tia­nis­si­ma mu­lier ver­se­hen – das ers­te In­diz ei­ner be­gin­nen­den Irm­tru­dis-Ver­eh­rung. Die nächs­te Spur fin­det sich in ei­ner Ur­kun­de von 1319. Dar­in weist Her­mann von Jü­lich den Köl­ner Dom­vi­ka­ren der Hei­li­gen Se­ve­rin, Ka­tha­ri­na, Ja­co­bus, Jo­han­nes des Täu­fers, Ma­ria, Irm­tru­dis (Yr­me­tru­dis), Mi­cha­el und an­de­ren from­me Ga­ben zu. Auch in der Lob­re­de auf die Stadt Köln aus dem 14. oder 15. Jahr­hun­dert wer­den un­ter den Re­li­qui­en­schät­zen des Do­mes die Ge­bei­ne der se­li­gen Irm­tru­dis (bea­te Er­ni­tru­dis) ge­nannt.

Im 14. Jahr­hun­dert ver­schwin­det Irm­tru­dis und an ih­re Stel­le tritt Irm­gar­dis. Es könn­te mit dem go­ti­schen Dom­neu­bau und der Über­füh­rung der sterb­li­chen Über­res­te aus dem al­ten Dom in den neu­en zu­sam­men­hän­gen, bei der es dann auch zum Na­mens­wech­sel kam. Die fei­er­li­che Schluss­wei­he des Cho­res mit dem Ka­pel­len­kranz er­folg­te 1322, die Ge­bei­ne fan­den im Bern­hard-Chor, der spä­te­ren Agnes-Ka­pel­le, ih­re neue Ru­he­stät­te. Mit der Er­rich­tung des go­ti­schen Grab­mo­nu­ments be­ginnt dann die Irm­gar­dis-Ver­eh­rung.

Irm­gar­dis und Süch­teln

Um zu ver­ste­hen, wie aus Irm­tru­dis Irm­gar­dis wur­de, ist der Blick auf das Köl­ner Klos­ter Sankt Pan­ta­le­on und sei­ne Süch­tel­ner Grund­herr­schaft zu len­ken. Im Klos­ter­ur­bar fin­det sich in ko­pi­aler Über­lie­fe­rung ei­ne Ur­kun­de aus dem Jahr 1225, mit der es oh­ne nä­he­re Be­stim­mung Wein­ber­ge und Neuä­cker er­hält. Die­se Schen­kung taucht im Klos­ter­ne­kro­log des 14. Jahr­hun­derts er­neut auf und wird in ei­ner drit­ten Stu­fe im 15./ 16. Jahr­hun­dert noch­mals über­lie­fert, dies­mal aber mit dem Zu­satz, dass mit die­ser Ur­kun­de die Zu­t­phe­ner Grä­fin Irm­gar­dis dem Klos­ter Süch­teln ge­schenkt hat. Wil­lem van Ber­chen, der Ver­fas­ser der zwi­schen 1465 und 1481 ent­stan­de­nen Gel­dri­schen Chro­nik, be­rich­tet eben­falls von der Schen­kung Süch­telns durch Irm­gar­dis an das Klos­ter Sankt Pan­ta­le­on. Im 16. Jahr­hun­dert hält das Klos­ter­ko­pi­ar fest, dass die Schen­kung 1071 er­folgt sei, was uns in die Nä­he der Irm­tru­dis-Schen­kung von 1075 führt. Irm­gar­dis ist aber an die Stel­le der Irm­tru­dis ge­tre­ten.

Die frü­hes­ten Spu­ren ei­ner Irm­gar­dis-Ver­eh­rung in Süch­teln fin­den sich zu En­de des 15. Jahr­hun­derts. Im Vi­si­ta­ti­ons­be­richt des Xan­te­ner Ar­ch­idia­kons von 1498 wird ei­ne Irm­gar­dis-Ka­pel­le auf dem Berg er­wähnt. 1518 trägt er die (nie­der­deut­sche) Be­zeich­nung Hel­der­berg, was so­viel wie ab­schüs­si­ger Berg be­deu­tet. Zu En­de des 17. Jahr­hun­derts spricht der aus den Nie­der­lan­den stam­men­de Süch­tel­ner Pfar­rer Ro­ma­nus An­to­nii vom Hei­li­gen­berg – wahr­schein­lich weil ihm die Be­deu­tung der nie­der­deut­schen Be­zeich­nung Hel­der­berg nicht be­kannt war.

Ers­te Hin­wei­se auf ein Fest der hei­li­gen Irm­gar­dis gibt das Flo­ra­ri­um sanc­to­rum von 1486, das den 10. No­vem­ber als Fest­tag nennt. 1521 ist erst­mals der bis heu­te gül­ti­ge Fest­tag am 4. Sep­tem­ber be­legt. Das Mar­ty­ro­lo­gi­um Usuar­di no­tiert 1583 un­ter dem 4. Sep­tem­ber eben­falls den Fest­tag, ver­merkt aber, dass Irm­gar­dis nicht hei­lig ge­spro­chen sei.

Dar­an hat sich bis heu­te trotz in­ten­sivs­ter An­stren­gun­gen der Süch­tel­ner Geist­li­chen vor al­lem im 19. Jahr­hun­dert nichts ge­än­dert. Gleich­wohl ist die Irm­gar­dis-Ver­eh­rung im kirch­li­chen Le­ben le­ben­dig und führt zahl­rei­che Gläu­bi­ge aus dem Ort und der nä­he­ren Um­ge­bung zur jähr­lich statt­fin­den­den Irm­gar­dis-Ok­tav auf dem Hei­li­gen­berg in Süch­teln zu­sam­men.

Quellen

His­to­ri­sches Ar­chiv des Erz­bis­tums Köln, Gen. 32, 21 so­wie 32, 21 a und b.

De b. Irm­gar­de vir­gi­ne, co­mi­tis­sa Zu­t­pha­niae, Co­lo­niae Agripp­pi­nae com­men­ta­ri­us prae­vi­us. Cul­tus an­ti­quus, an­nus emor­tua­lis, no­bi­les na­ta­les, vi­ta ex Ger­ma­ni­co eden­da, in: Ac­ta Sanc­to­rum Sep­tem­bris, To­mus Se­cun­dus (1748), S. 270-278.

Literatur

Nab­rings, Arie, Die hl. Irm­gar­dis von Süch­teln, Sieg­burg 1995.

Wes­se­ling, Klaus Gun­ther, Ar­ti­kel "Irm­gard von Köln, in: Bio­gra­phisch-Bi­blio­gra­phi­sches Kir­chen­le­xi­kon 2 (1990), Sp. 1334-1335.

Hochgotische Reliquientumba der heiligen Irmgardis im Kölner Dom, um 1280. (Dombauarchiv Köln)

 
Zitationshinweis

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Nabrings, Arie, Irmgardis von Süchteln, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/irmgardis-von-suechteln-/DE-2086/lido/57c92a62ed6513.28658346 (16.07.2018)