Joachim Neander

Pastor (1650-1680)

Hermann-Peter Eberlein (Wuppertal)

Joachim Neander, Lithographie, 19. Jahrhundert, nach einem verschollenen Ölgemälde.

Joa­chim Ne­an­der war ein re­for­mier­ter Theo­lo­ge und Lie­der­dich­ter, der kurz­zei­tig in Düs­sel­dorf ge­wirkt hat; nach ihm ist das Ne­an­der­tal be­nannt.

Er wur­de im Jah­re 1650 (das ge­naue Da­tum weiß man nicht) in Bre­men ge­bo­ren; sein Va­ter, Jo­hann Joa­chim Ne­an­der (1614-1666) war Leh­rer am Päd­ago­gi­um, der La­tein­schu­le der Stadt, die Mut­ter Ka­tha­ri­na Knip­ping (ge­bo­ren et­wa 1621) Toch­ter ei­nes Leh­rers und Kan­tors. Der jun­ge Ne­an­der be­such­te zu­erst die La­tein­schu­le, ab 1666 dann das re­for­mier­te „Gym­na­si­um il­lus­tre“ sei­ner Hei­mat­stadt, ei­ne aka­de­mi­sche Bil­dungs­an­stalt mit vier Fa­kul­tä­ten, aber oh­ne Uni­ver­si­täts­rang. Als der jun­ge Theo­lo­gie­stu­dent im Jah­re 1670 aus Neu­gier­de ei­nen Got­tes­dienst des Pie­tis­ten Theo­dor Un­de­reyck (1635-1693) in St. Mar­ti­ni be­such­te, war er von Pre­digt und frei­em Ge­bet über­wäl­tigt. Das war sein Be­keh­rungs­er­leb­nis; Un­de­reyck wur­de nun sein geist­li­cher Va­ter und See­len­füh­rer. Wohl auf sei­ne Ver­mitt­lung hin ging Ne­an­der im fol­gen­den Jahr als Haus­leh­rer in ei­ne Kauf­manns­fa­mi­lie nach Frank­furt am Main. 1673 be­glei­te­te er sei­ne Zög­lin­ge zum Stu­di­um an die Uni­ver­si­tät Hei­del­berg, wo er sich selbst an der Theo­lo­gi­schen Fa­kul­tät im­ma­tri­ku­lier­te. Spä­tes­tens hier ist er ein An­hän­ger der Fö­de­ral­theo­lo­gie des Jo­han­nes Coc­ce­jus (1603-1669) ge­wor­den, de­ren heils­ge­schicht­li­che Kon­zep­ti­on sei­ner­zeit hoch­mo­dern war.

An­fang Mai 1674 wech­sel­te Ne­an­der als Rek­tor an die re­for­mier­te La­tein­schu­le nach Düs­sel­dorf. Der re­for­mier­ten Ge­mein­de war das Recht der öf­fent­li­chen Re­li­gi­ons­aus­übung erst seit zwei Jah­ren zu­ge­stan­den wor­den, die Schu­le aber war äl­ter; mit der Be­ru­fung Ne­an­ders soll­te sie of­fen­bar als Ge­gen­ge­wicht zum Je­sui­ten­gym­na­si­um ge­stärkt wer­den. Ih­re Leh­rer un­ter­stütz­ten zu­gleich als Hilfs­pre­di­ger den Pfar­rer; dar­in ha­ben sich Ne­an­der und der Kon­rek­tor Wil­helm Bern­hau­sen in den bei­den fol­gen­den Jah­ren auch be­währt. An­läss­lich ei­ner Vi­si­ta­ti­on der Schu­le durch das Pres­by­te­ri­um der Ge­mein­de kam es im Ok­to­ber 1676 al­ler­dings zu Be­schwer­den über die Ei­gen­mäch­tig­keit der Leh­rer. Im Fe­bru­ar des fol­gen­den Jah­res wur­de Ne­an­der vom Pres­by­te­ri­um zur Re­de ge­stellt, weil er heim­li­che Zu­sam­men­künf­te an­stel­let oder mit hat hel­fen an­stel­len; bei An­dro­hung der Ent­las­sung wur­de ihm je­de wei­te­re För­de­rung von Kon­ven­ti­keln un­ter­sagt. Dem hat sich der Rek­tor ge­fügt. Of­fen­bar aber war das Ver­trau­ens­ver­hält­nis zum Pres­by­te­ri­um ge­stört, je­den­falls wur­de Ne­an­der bei der Be­set­zung der Hilfs­pre­di­ger­stel­le der Ge­mein­de über­gan­gen.

Da er­gab sich zu Pfings­ten 1679 die Mög­lich­keit, als Früh­pre­di­ger an St. Mar­ti­ni in sei­ne Hei­mat­stadt zu­rück­zu­keh­ren, wo Un­de­reyck als Pas­tor pri­ma­ri­us wirk­te. Ne­an­der er­griff die­se Chan­ce und er­hielt vom Pres­by­te­ri­um ein gu­tes Dienst­zeug­nis; zum Dank schenk­te der Schei­den­de der Ge­mein­de für ih­re Bi­blio­thek sein „Le­xi­con phi­lo­lo­gi­cum“. Der neue Früh­pre­di­ger war vor al­lem für die Früh­got­tes­diens­te um fünf Uhr mor­gens zu­stän­dig, die für Knech­te, Mäg­de und Fi­scher ge­hal­ten wur­den. Be­reits ein Jahr spä­ter, am 31.5.1680, starb er, ge­ra­de 30 Jah­re alt, und wur­de auf dem Mar­ti­ni­kirch­hof be­gra­ben; die ge­naue La­ge sei­nes Gra­bes ist un­be­kannt.

Im sel­ben Jahr, noch durch ihn selbst re­di­giert, er­schien in Bre­men sei­ne Lie­der­samm­lung „A & O. Joa­chi­mi Ne­an­dri Glaub- und Lie­bes-Übung, auf­ge­mun­tert durch ein­fäl­ti­ge Bun­des-Lie­der und Dank-Psal­men, neu ge­set­zet nach be­kannt- und un­be­kann­te Sangs-Wei­sen“. Mit die­sem Büch­lein, das 58 Lie­der um­fass­te, von de­nen er 17 auch selbst ver­tont hat­te, woll­te der Au­tor – so in sei­nem Vor­wort – ei­nem Man­gel ab­hel­fen, aber wohl auch zum Sin­gen au­ßer­halb des Got­tes­diens­tes ein­la­den. Durch die­ses klei­ne Büch­lein al­lein ist Ne­an­der be­rühmt ge­wor­den. Sei­ne Lie­der at­men ei­nen star­ken re­li­giö­sen Sub­jek­ti­vis­mus, sind ge­sät­tigt von der Spra­che der Psal­men. Der Dich­ter er­sehnt die Ge­mein­schaft mit Chris­tus, wen­det sich ab von der Welt und kann doch zu­gleich die Schön­heit der Na­tur schil­dern. Vor al­lem aber ist es das für die re­for­mier­te Theo­lo­gie ty­pi­sche Be­wusst­sein der völ­li­gen Nich­tig­keit ge­gen­über der un­er­forsch­li­chen Grö­ße und Ma­jes­tät Got­tes, die sein Le­bens­ge­fühl aus­zeich­net und ihn zu­gleich an­stif­tet, die­sen Gott zu lo­ben mit al­lem, was ihm zur Ver­fü­gung steht: Him­mel, Er­de, Luft und Meer / Zeu­gen von des Schöp­fers Ehr; / Mei­ne See­le, sin­ge du, / bring auch jetzt dein Lob her­zu. Oder, be­kann­ter: Wun­der­ba­rer Kö­nig, Herr­scher von uns al­len, / Lass dir un­ser Lob ge­fal­len. / Dei­ne Va­ter­gü­te hast Du las­sen flie­ßen, / Ob wir schon dich oft ver­lie­ßen. / Hilf uns noch, / Stärk uns doch; / Lass die Zun­ge sin­gen, / Lass die Stim­me klin­gen. / … / O du mei­ne See­le, sin­ge fröh­lich, sin­ge, / Sin­ge dei­ne Glau­bens­lie­der; / Was den Odem ho­let, jauch­ze prei­se klin­ge; / Wirf dich in den Staub dar­nie­der. / Er ist Gott / Ze­baoth, / Er nur ist zu lo­ben / Hier und ewig dro­ben.

Viel­leicht hat Ne­an­der ei­ni­ge sei­ner Lie­der in je­nem Tal zwi­schen Mett­mann und Er­krath ge­schrie­ben, in dem er wäh­rend sei­ner Düs­sel­dor­fer Zeit spa­zie­ren ge­gan­gen ist und das seit et­wa 1800 nach ihm Ne­an­der­tal ge­nannt wird. Dass in die­sem Tal spä­ter die Kno­chen ei­nes Ur­men­schen ge­fun­den wur­den, der wie­der­um nach sei­nem Fund­ort be­nannt wur­de, schafft ei­ne ku­rio­se Brü­cke zwi­schen pie­tis­ti­scher Poe­sie und Pa­lä­on­to­lo­gie. Auch wer nie et­was von Ne­an­der ge­hört hat, kennt sei­nen Na­men – durch den Ne­an­der­ta­ler.

Das schöns­te Er­be die­ses Man­nes aber, der nicht ver­hei­ra­tet war und kei­ne Kin­der hin­ter­las­sen hat, der nie ei­ne rich­ti­ge Pfarr­stel­le in­ne­hat­te und noch nicht ein­mal or­di­niert wur­de, ist je­nes Lied, das nach Lu­thers fes­ter Burg zum wohl be­kann­tes­ten des deutsch­spra­chi­gen Pro­tes­tan­tis­mus ge­wor­den ist, das auch die Öku­me­ne ad­ap­tiert hat und das selbst die mit­sin­gen, die nur we­ni­ge Ma­le im Le­ben ei­nen Got­tes­dienst be­su­chen: Lo­be den Her­ren, den mäch­ti­gen Kö­nig der Eh­ren, / Mei­ne ge­lie­be­te See­le, das ist mein Be­geh­ren. / Kom­met zu­hauf, / Psal­ter und Har­fe, wacht auf, / Las­set den Lob­ge­sang hö­ren!

Werke

Ein­fäl­ti­ge Bun­des­lie­der und Dankpsal­men, hg. von Ru­dolf Mohr, Leip­zig 2001.

Literatur

Acker­mann, Hel­mut, Joa­chim Ne­an­der. Sein Le­ben, sei­ne Lie­der, sein ­Tal, 3. Auf­la­ge, Düs­sel­dorf 2005.

Krü­ger, Fried­rich, Joa­chim Ne­an­der. Aus sei­nem Le­ben und Wir­ken, Hil­den 1957.

 
Zitationshinweis

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Eberlein, Hermann-Peter, Joachim Neander, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/joachim-neander/DE-2086/lido/57c9527f74a806.15265211 (16.07.2018)