Joseph Beuys

Bildender Künstler (1921-1986)

Gabriele Uelsberg (Bonn)

Joseph Beuys 1967. Foto von Liselotte Strelow (1908-1981). (LVR-Zentrum für Medien und Bildung)

Jo­seph Beuys zählt welt­weit zu den be­deu­tends­ten Künst­lern des 20. Jahr­hun­derts. Mit sei­nem er­wei­ter­ten Kunst­be­griff er­öff­ne­te er den nach­fol­gen­den Ge­ne­ra­tio­nen von Kunst­schaf­fen­den neue Mög­lich­kei­ten und We­ge, die Kunst um die Viel­fäl­tig­keit von Ak­tio­nen und Le­bens­kon­zep­ten zu er­wei­tern. Sein En­ga­ge­ment war nicht al­lein auf die bil­den­de Kunst be­schränkt. Un­ge­ach­tet sei­ner im­mer wie­der be­kräf­tig­ten ge­gen­tei­li­gen Selbst­aus­sa­gen („Ich ha­be nichts mit Po­li­tik zu tun – ich ken­ne nur Kunst") war Beuys auch po­li­tisch ak­tiv. Ins­be­son­de­re gilt er als Mit­be­grün­der der Par­tei der Grü­nen in Deutsch­land.

Jo­seph Beuys wur­de am 12.5.1921 in Kre­feld als Sohn des Kauf­manns Jo­sef Ja­kob Beuys und des­sen Ehe­frau Jo­han­na Ma­ria Mar­ga­re­te, ge­bo­re­ne Hül­ser­mann, ge­bo­ren und wuchs in Kle­ve am Nie­der­rhein auf. Dort ver­brach­te er auch die Schul­zeit und leg­te 1941 das Ab­itur ab. Im glei­chen Jahr er­hielt er den Ein­be­ru­fungs­be­fehl in die Wehr­macht. Er mel­de­te sich zur Luft­waf­fe und wur­de zur Luft­nach­rich­ten­schu­le in Po­sen ab­kom­man­diert. Sein Aus­bil­der dort war der vier Jah­re äl­te­re Un­ter­of­fi­zier Heinz Siel­mann (1917-2006), der nach dem Krieg ein po­pu­lä­rer Tier­fil­mer wer­den soll­te. Beuys pro­fi­tier­te von den pro­fun­den na­tur­wis­sen­schaft­li­chen Kennt­nis­sen Siel­manns. Die bei­den un­ter­nah­men ge­mein­sam Wan­de­run­gen und ana­ly­sier­ten ih­re Na­tur­be­ob­ach­tun­gen. Beuys war schon da­mals ein gro­ßer Na­tur- und Tier­lieb­ha­ber.

Nach der Aus­bil­dung als Fun­ker in Po­sen wur­de er ab 1941 zum Sturz­kampf­flie­ger aus­ge­bil­det. Das Er­eig­nis, das ei­nen be­son­de­ren Ein­fluss auf Jo­seph Beuys und sei­ne Zu­kunft ha­ben soll­te, war der Ab­sturz auf der Krim im Win­ter 1943/1944. Am 16.3.1944 wur­de sein Sturz­kampf­flug­zeug vom Typ Jun­kers JU 87 (Stu­ka) nach ei­nem An­griff auf ei­ne rus­si­sche Flak­stel­lung bei ei­nem Ab­fang­ma­nö­ver ge­trof­fen. Dem Pi­lo­ten ge­lang es ge­ra­de noch, die Ma­schi­ne hin­ter die ei­ge­nen Li­ni­en zu steu­ern. Dann ver­sag­te plötz­lich der Hö­hen­mes­ser und ein Schnee­sturm setz­te ein. Das Flug­zeug stürz­te ab. Beuys wur­de bei dem Auf­prall her­aus­ge­schleu­dert und ver­lor das Be­wusst­sein, der Pi­lot er­lag sei­nen Ver­let­zun­gen. Dass Beuys die­sen Ab­sturz über­leb­te, war ein Wun­der. Ei­ne Grup­pe no­ma­di­sie­ren­der Ta­ta­ren fand das Wrack und den schwer ver­letz­ten, ohn­mäch­ti­gen Flie­ger im ho­hen Schnee. Sei­ner ei­ge­nen Er­zäh­lung nach brach­ten sie ihn in ei­nes ih­rer Zel­te, pfleg­ten ihn acht Ta­ge lang auf­op­fernd mit ih­ren Haus­mit­teln, salb­ten sei­ne schwe­ren Wun­den mit tie­ri­schem Fett, wi­ckel­ten ihn in Filz ein und flö­ß­ten ihm Nah­rung in Form von Milch­quark und Kä­se ein. Nach ei­ner an­de­ren Ver­si­on sol­len Krim­ta­ta­ren das ab­ge­stürz­te Flug­zeug ent­deckt und ein deut­sches Such­kom­man­do be­nach­rich­tigt ha­ben.

Die Bil­der, die das Le­ben bei den Ta­ta­ren in ihm aus­lös­ten, soll­te Beuys nie­mals ver­ges­sen. In man­chen Ak­tio­nen hat er sie auf sei­ne Art und Wei­se trans­for­miert. Filz und Fett wur­den sei­ne we­sent­li­chen plas­ti­schen Ma­te­ria­li­en. Am 18.7.1963 trat Jo­seph Beuys erst­mals mit ei­ner Fett­ar­beit an die Öf­fent­lich­keit. Bei der Ga­le­rie Zwir­ner in Köln stell­te Beuys ei­ne klei­ne Kis­te aus ver­zink­tem Ei­sen­blech aus, die mit Fett ge­füllt war. Die­ser ers­ten Fett­ar­beit folg­te ein Jahr spä­ter „Fett­stuhl I", des­sen Sitz­flä­che mit ei­ner Schicht aus un­ger­ei­nig­tem tie­ri­schen Fett ver­se­hen war. Au­ßer­dem ge­hör­te ein mit ei­ner Fette­cke aus­ge­bil­de­ter Kü­chen­stuhl zu die­ser Ar­beit. Sei­ne ers­te „so­zia­le Plas­tik" mit Filz war der so ge­nann­te „War­me Spa­zier­stock" von 1968.

Im Früh­jahr 1947 nahm Jo­seph Beuys sein Stu­di­um an der Staat­li­chen Kunst­aka­de­mie Düs­sel­dorf auf. Er be­such­te die Klas­se bei Ewald Ma­ta­ré und be­schäf­tig­te sich mit Leo­nar­do Da Vin­ci, Jo­hann Wolf­gang von Goe­the und Ru­dolf Stei­ner. Im Früh­jahr 1951 lern­te Beuys die Brü­der Hans und Franz-Jo­sef van der Grin­ten aus Kra­nen­burg am Nie­der­rhein ken­nen, die ihn Zeit sei­nes Le­bens als Samm­ler und Freun­de be­glei­ten soll­ten. 1961 wur­de er in den Lehr­kör­per der Düs­sel­dor­fer Kunst­aka­de­mie be­ru­fen. Er ver­folg­te da­mals schon sei­nen er­wei­ter­ten Kunst­be­griff. Im Zen­trum stand die so ge­nann­te „so­zia­le Plas­tik" als ein ge­sell­schaft­li­ches Kunst­werk. Wenn Beuys sag­te, dass je­der Mensch ein Künst­ler sei, dann mein­te er da­mit nicht, je­der Mensch sei ein Ma­ler oder ein Bild­hau­er. Der Sinn war viel­mehr, dass je­der Mensch krea­ti­ve Fä­hig­kei­ten be­sit­ze, die er an­wen­den und aus­bil­den müs­se und die auch in die Wahr­neh­mung von Kunst ein­flös­sen.

1959 hei­ra­te­te Jo­seph Beuys die Kunst­er­zie­he­rin Eva-Ma­ria Wurm­bach, Toch­ter des be­kann­ten Bon­ner Zoo­lo­gie­pro­fes­sors Her­mann Wurm­bach (1903-1976). 1961 kam Sohn Wen­zel, 1964 Toch­ter Jes­si­ka zur Welt. Beuys nahm die Auf­ga­be des Aka­de­mie-Leh­rers sehr ernst. Grund­sätz­lich war er der Mei­nung, dass je­der, der Kunst stu­die­ren wol­le, auch Kunst stu­die­ren sol­le. Das da­ma­li­ge Map­pen­ver­fah­ren un­ter­lief er, in­dem er an­kün­dig­te, er wer­de al­le ab­ge­lehn­ten Stu­dier­wil­li­gen in sei­ne Klas­se auf­neh­men, weil er ei­ne Be­ur­tei­lung in so kur­zer Zeit nicht ak­zep­tie­ren wol­le. Das war Spreng­stoff, denn Beuys griff da­mit die Struk­tu­ren der Aka­de­mie an. Als der Kon­flikt aus­brach, hat­te er un­ge­fähr 400 Schü­ler.

Am 10.10.1972 be­setz­te Jo­seph Beuys zu­sam­men mit 54 ab­ge­wie­se­nen Stu­di­en­be­wer­bern und et­li­chen Stu­den­ten das Se­kre­ta­ri­at der Düs­sel­dor­fer Kunst­aka­de­mie. Am Abend des­sel­ben Ta­ges wur­de Beuys sei­ne Ent­las­sung durch Jo­han­nes Rau, Mi­nis­ter für Wis­sen­schaft und For­schung des Lan­des Nord­rhein West­fa­len, mit­ge­teilt. Ge­gen die Kün­di­gung er­folg­te ei­ne Wel­le in­ter­na­tio­na­ler Pro­tes­te; sie wur­de je­doch vom Land NRW nicht zu­rück­ge­nom­men. Nach­dem Beuys er­folg­reich ge­gen sei­ne Ent­las­sung ge­klagt hat­te, kam es 1980 zu ei­nem Ver­gleich mit dem Land NRW, wo­nach er den Pro­fes­so­ren­ti­tel wei­ter füh­ren und sein Ate­lier in der Aka­de­mie nut­zen konn­te.

Am 1.6.1971 schuf Beuys mit der Grün­dung der „Or­ga­ni­sa­ti­on der De­mo­kra­tie durch Volks­ab­stim­mung (freie Volks­in­itia­ti­ve e.V.)" ein wich­ti­ges In­stru­ment zur Dar­stel­lung sei­nes er­wei­ter­ten Kunst­be­griffs. Prak­tisch nutz­te er in je­ner Zeit na­he­zu al­le sei­ne Aus­stel­lun­gen, Ak­tio­nen und Vor­trä­ge zur Pro­pa­gie­rung sei­ner ra­di­kal de­mo­kra­ti­schen Ide­en und Pro­gram­me. Die­se Tä­tig­keit, die für ihn künst­le­ri­scher Na­tur war, mün­de­te fol­ge­rich­tig in sei­ne Be­tei­li­gung an der V. do­cu­men­ta 1972 in Kas­sel. Nach 1964 und 1968 be­stritt er zum drit­ten Mal ei­ne do­cu­men­ta; auch 1977 und 1982 stand er im Zen­trum die­ser Welt­ver­an­stal­tung der Kunst.

Auf der V. do­cu­men­ta 1972 je­doch stand Beuys 100 Ta­ge lang von mor­gens bis abends im In­for­ma­ti­ons­bü­ro der „Or­ga­ni­sa­ti­on für di­rek­te De­mo­kra­tie durch Volks­ab­stim­mung" ei­nem gro­ßen und neu­gie­ri­gen Pu­bli­kum Re­de und Ant­wort. In­ten­siv und ge­dul­dig dis­ku­tier­te er, nicht oh­ne Hu­mor, aber doch im vol­len Ernst, mit den Be­su­chern. Dies war sein plas­ti­scher Bei­trag zur Aus­stel­lung. Auf der VI. do­cu­men­ta 1977 war Beuys mit der „frei­en in­ter­na­tio­na­len Hoch­schu­le für Krea­ti­vi­tät und in­ter­dis­zi­pli­nä­re For­schung" so­wie mit ei­ner rie­si­gen „Ho­nig­pum­pe am Ar­beits­platz" ver­tre­ten. Auch auf der VIII. do­cu­men­ta 1987 war das Werk des zu­vor Ver­stor­be­nen prä­sent.

Werk und Wir­kung von Jo­seph Beuys sind kom­plex und nur in An­sät­zen kurz zu cha­rak­te­ri­sie­ren. Seit Auf­nah­me sei­nes Stu­di­ums an der Düs­sel­dor­fer Kunst­aka­de­mie 1947 bis zu sei­nem To­de im Ja­nu­ar 1986 führ­te er 75 Ak­tio­nen und an die 50 In­stal­la­tio­nen aus. Zu se­hen war er in et­wa 130 Ein­zel­aus­stel­lun­gen. Da­ne­ben führ­te er un­zäh­li­ge Ak­ti­vi­tä­ten durch, im ver­stärk­ten Ma­ße ab Mit­te der 1970er Jah­re, die im Zu­sam­men­hang mit sei­nem po­li­ti­schen En­ga­ge­ment ent­stan­den. Beuys be­dien­te sich in sei­ner spä­te­ren Schaf­fens­zeit na­he­zu al­ler künst­le­ri­schen Aus­drucks­for­men. Aus­ge­hend von sei­nem hu­ma­nis­ti­schen Sen­dungs­be­wusst­sein führ­te er in sei­nen Ar­bei­ten die ver­lo­ren ge­gan­ge­ne Ein­heit von Na­tur und Geist wie­der zu­sam­men. Er ver­wen­de­te Fett, Filz, Kup­fer, Ho­nig und sich auf­la­den­de Bat­te­ri­en, tech­ni­sche Ge­rä­te wie Ag­gre­ga­te, Emp­fän­ger, Fil­ter, Sen­der, Kon­den­sa­to­ren, Dy­na­mos, Ton­band­ge­rä­te, Vi­deo­re­kor­der, Te­le­fo­ne und Rönt­gen­bil­der. Er ar­bei­te­te mit Blut und mit Dreck, mit Mull­bin­den, Heft­pflas­tern, Ga­ze, In­jek­ti­ons­na­deln, Kno­chen, Haa­ren, Fin­ger­nä­geln und Ge­la­ti­ne und brach­te sie im­mer wie­der in neue Sinn­zu­sam­men­hän­ge.

Ein wich­ti­ges Pro­jekt war die Pflan­zung der ers­ten von 7.000 Ei­chen an­läss­lich der VII. do­cu­men­ta 1982 in Kas­sel. Das Mot­to die­ser Ak­ti­on lau­te­te „Stadt­ver­wal­dung statt Stadt­ver­wal­tung". Am ers­ten Tag der VIII. do­cu­men­ta 1986 woll­te Beuys den letz­ten Ei­chen­baum pflan­zen. Der Tod hin­der­te ihn dar­an. Er starb am 23.1.1986 in Düs­sel­dorf, we­ni­ge Mo­na­te vor sei­nem 65. Ge­burts­tag.

Literatur

Sta­chel­haus, Hei­ner, Jo­seph Beuys, Ber­lin 2004.

Online

Web­site de­s­ ­Mu­se­ums Schloss Mo­y­lan­d (dar­in Zu­gang zum Ka­ta­log des Jo­seph-Beuys-Ar­chivs und der Bi­blio­thek auf Schloss Mo­y­land). [On­line]

 
Zitationshinweis

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Uelsberg, Gabriele, Joseph Beuys, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/joseph-beuys-/DE-2086/lido/57c580443c4fb6.91259631 (23.05.2018)