Joseph Heß

Zentrumspolitiker (1878-1932)

Andreas Burtscheidt (Bonn)

Dr. Joseph Heß, Porträtfoto, vor 1932. (Stadtarchiv Bad Neuenahr-Ahrweiler)

Der ge­bür­ti­ge Köl­ner Jo­seph Heß ge­hör­te zur Zeit der Wei­ma­rer Re­pu­bli­k  zu den ein­fluss­reichs­ten Zen­trums­po­li­ti­kern im preu­ßi­schen Land­tag und stand kurz­zei­tig auch an der Spit­ze der Land­tags­frak­ti­on. Auf Sei­ten sei­ner Par­tei galt er als we­sent­li­cher Ar­chi­tekt der jah­re­lan­gen Zu­sam­men­ar­beit von Zen­trum und SPD im Frei­staat Preu­ßen der 1920er Jah­re bis zu sei­nem frü­hen Tod An­fang 1932.

Als Sohn des Kauf­manns Carl Fried­rich Heß und sei­ner Frau Mat­hil­de, ge­bo­re­ne Sie­bourg, wur­de Jo­sef Heß als ein­zi­ges Kind am 13.5.1878 in Köln ge­bo­ren und auf die Na­men Ma­ria Jo­seph Aloy­si­us ge­tauft. Die Fa­mi­lie war ka­tho­lisch. Der frü­he Tod des Va­ters ließ die al­lein­er­zie­hen­de Mut­ter al­les dar­an set­zen, dem Sohn ei­ne gu­te Aus­bil­dung und ein Stu­di­um zu er­mög­li­chen. Da­für rich­te­te sie bei sich ei­nen Mit­tags­tisch für Gym­na­si­as­ten aus rei­chen Fa­mi­li­en ein, so dass Jo­seph im Jahr 1898 am tra­di­ti­ons­rei­chen Mar­zel­len­gym­na­si­um in Köln sein Ab­itur ab­le­gen konn­te.

An der Rhei­ni­schen Fried­rich-Wil­helms-Uni­ver­si­tät in Bonn be­gann Heß an­schlie­ßend ein Stu­di­um der Ger­ma­nis­tik und Phi­lo­so­phie, das er 1902 mit ei­ner Dis­ser­ta­ti­on  an der Uni­ver­si­tät in Müns­ter über „Ot­to Lud­wig Schil­ler: Ver­such ei­nes Aus­gleichs zwi­schen Fa­bel- und Cha­rak­ter­dra­ma“ bei dem Ger­ma­nis­ten Wil­helm Storck (1829-1905) ab­schloss. Be­reits in Bonn en­ga­gier­te er sich in ei­ner ka­tho­li­schen Unitas-Ver­bin­dung, der Unitas-Sa­lia, die zu den äl­tes­ten Bon­ner Stu­den­ten­ver­bin­dun­gen ge­hör­te.

 

Im Som­mer­se­mes­ter 1899 grün­de­te er in Müns­ter ei­ne wei­te­re Unitas-Kor­po­ra­ti­on und fand in dem vier Jah­re jün­ge­ren Kom­mi­li­to­nen Ge­org Schrei­ber (1882-1963), dem spä­te­ren be­kann­ten Zen­trums­prä­la­ten und Reichs­tags­ab­ge­ord­ne­ten, ei­nen gu­ten Freund. Zwi­schen 1903 und 1906 ar­bei­te­te er zu­dem als Schrift­lei­ter für das Ver­bands­or­gan „Unitas“, das un­ter sei­ner Ägi­de zu ei­ner qua­li­ta­tiv hoch­ste­hen­den Aka­de­mi­ker­zeit­schrift avan­cier­te.

Be­vor Heß die Po­li­tik zu sei­nem Haupt­be­ruf mach­te, führ­te ihn sein Be­rufs­weg durch ver­schie­de­ne Etap­pen des preu­ßi­schen Schul­diens­tes. Nach ei­nem ers­ten Jahr auf Pro­be in Mül­heim am Rhein (heu­te Stadt Köln) wech­sel­te er zum 1.4.1904 als Ober­leh­rer nach Eu­pen an das städ­ti­sche Pro­gym­na­si­um, wo er drei Jah­re blieb, ehe er be­reits als Kreis­schul­in­spek­tor zum 1.5.1907 zu­nächst nach Wip­per­fürth ging. An­schlie­ßend wech­sel­te er 1911 nach Ahr­wei­ler. Für den Wahl­kreis Köln/Land-Berg­heim-Eus­kir­chen zog Heß schon 1908 für die ka­tho­li­sche Zen­trums­par­tei, der er im glei­chen Jahr bei­trat, in das preu­ßi­sche Ab­ge­ord­ne­ten­haus ein und be­hielt das Man­dat bis zum En­de des Kai­ser­rei­ches 1918 bei. Durch sei­nen be­ruf­li­chen Wer­de­gang ge­prägt, wa­ren in ers­ter Li­nie die Schul- und Kul­tur­po­li­tik sei­ne be­stim­men­den Tä­tig­keits­be­rei­che. Es ver­wun­dert nicht, dass Heß den Kampf um die Stel­lung der kon­fes­sio­nel­len Volks­schu­le in Preu­ßen ge­gen die li­be­ra­len Kräf­te mit al­ler Ent­schie­den­heit führ­te und sich ins­be­son­de­re bei Links­li­be­ra­len und Na­tio­nal­li­be­ra­len kei­ne Freun­de mach­te. Erst die par­la­men­ta­ri­sche Be­deu­tungs­zu­nah­me der ka­tho­li­schen Par­tei­en nach dem En­de der Ho­hen­zol­lern-Mon­ar­chie konn­te die tra­di­tio­nel­le Son­der­stel­lung kon­fes­sio­nel­ler Volks­schu­len in der Wei­ma­rer Na­tio­nal­ver­samm­lung si­cher­stel­len.

Bis zum Jahr 1930 agier­te Heß von Ahr­wei­ler aus – 1916 wur­de er zum Schul­rat und 1920 zum Ober­re­gie­rungs­rat bei der Be­zirks­re­gie­rung in Ko­blenz er­nannt. Im Jahr 1919 hei­ra­te­te er He­le­ne Heu­schen (ge­bo­ren 1890), de­ren Va­ter Ab­tei­lungs­lei­ter im Preu­ßi­schen Kul­tus­mi­nis­te­ri­um war. Die ge­mein­sa­me Toch­ter wur­de 1924 ge­bo­ren.

Im Ok­to­ber 1923 wur­de Heß in die fehl­ge­schla­ge­nen Putsch­ver­su­che se­pa­ra­tis­ti­scher Son­der­bünd­ler hin­ein­ge­zo­gen, als er sich wei­ger­te, sei­nen Amts­sitz im Ko­blen­zer Schloss bei ei­nem der Putsch­ver­su­che zu ver­las­sen. Ge­mein­sam mit ei­ner mehr­heit­lich aus Ge­werk­schaft­lern be­ste­hen­den Schutz­wa­che ver­schanz­te er sich im Schloss und wur­de da­für von der fran­zö­si­schen Kri­mi­nal­po­li­zei we­gen Be­un­ru­hi­gung der Be­völ­ke­rung ver­haf­tet und kurz­zei­tig in das Ko­blen­zer Mi­li­tär­ge­fäng­nis ein­ge­lie­fert.

Georg Schreiber, Porträtfoto, undatiert.

 

Jo­seph Heß stand klar auf dem Bo­den der Wei­ma­rer Ver­fas­sung. Rech­net man ihn all­ge­mein dem lin­ken Flü­gel der Zen­trums­par­tei zu, dann in ers­ter Li­nie des­halb, weil er in den Jah­ren der Wei­ma­rer Re­pu­blik ei­ner der wich­tigs­ten Ga­ran­ten für die Sta­bi­li­tät der Ko­ali­tio­nen des Zen­trums mit den So­zi­al­de­mo­kra­ten war. Er trat aber auch oh­ne Ab­stri­che für das par­la­men­ta­ri­sche Sys­tem der ers­ten deut­schen Re­pu­blik ein und ge­hör­te mit dem so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Frak­ti­ons­füh­rer im preu­ßi­schen Land­tag Ernst Heil­mann (1881-1940) zu den ma­ß­geb­li­chen Ar­chi­tek­ten des Zu­sam­men­hal­tes von Zen­trum und SPD in Preu­ßen un­ter dem lang­jäh­ri­gen so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen preu­ßi­schen Mi­nis­ter­prä­si­den­ten Ot­to Braun (1872-1955). Jo­seph Heß und Ernst Heil­mann ar­bei­te­ten fast die ge­sam­te Epo­che der Wei­ma­rer Jah­re ver­trau­ens­voll zu­sam­men und es ge­lang ih­nen, die nicht im­mer ein­fa­chen Flü­gel ih­rer je­wei­li­gen Par­tei­en auf Ko­ali­ti­ons­kurs zu hal­ten. Durch die Ko­ali­tio­nen des Zen­trums, das sei­ne Rol­le als klei­ne­rer Ko­ali­ti­ons­part­ner ak­zep­tier­te, mit den So­zi­al­de­mo­kra­ten in Preu­ßen wur­de aus dem einst­mals mon­ar­chisch ge­präg­ten Boll­werk der Ho­hen­zol­lern das ver­läss­lichs­te Rück­grat der oh­ne­hin ge­fähr­de­ten ers­ten deut­schen Re­pu­blik.

Ernst Heilmann, vor 1928.

 

Das Zu­recht­fin­den des Zen­trums in die­ser Re­pu­blik stell­te sich weit­aus pro­ble­ma­ti­scher dar als es sei­ne tra­gen­de par­la­men­ta­ri­sche Stel­lung auf den ers­ten Blick ver­mu­ten ließ, denn mit dem Be­tre­ten der ak­ti­ve­ren po­li­ti­schen Büh­ne ge­riet der bis­her so sta­bi­le Zen­trum­sturm ins Wan­ken. Hat­te noch zu Zei­ten des Kul­tur­kamp­fes die Ab­wehr jeg­li­cher an­ti­ka­tho­li­scher In­stink­te Ka­tho­li­ken al­ler Schich­ten in der ge­mein­sa­men Welt­an­schau­ung ge­eint, so tra­ten die un­ter­schied­li­chen po­li­ti­schen La­ger in­ner­halb des deut­schen Ka­tho­li­zis­mus in der Wei­ma­rer Re­pu­blik of­fe­ner zu­ta­ge.

Hier wa­ren es vor al­lem die Rechts­ka­tho­li­ken um Mar­tin Spahn (1875-1945) und Franz von Pa­pen (1879-1869), de­ren An­hän­ger­schaft dem Adel oder dem hö­he­ren Bür­ger­tum an­ge­hör­te und in recht en­ger Be­zie­hung zum hö­he­ren Kle­rus und zur rö­mi­schen Ku­rie stand. Sie lehn­ten die par­la­men­ta­risch-de­mo­kra­ti­sche Re­pu­blik ab und sa­hen ein Übel in den je­wei­li­gen Ko­ali­tio­nen des Zen­trums mit der SPD (vor al­lem in Preu­ßen), die sie als ei­nen Ver­rat an den po­li­ti­schen Zie­len der Par­tei be­trach­te­ten. Sie stell­ten gar die lan­ge Zeit un­strit­ti­ge Le­gi­ti­ma­ti­on des Zen­trums, Par­tei al­ler Ka­tho­li­ken zu sein, nach­hal­tig in Fra­ge, die der deut­sche Epis­ko­pat erst wie­der 1918 in ih­rer kir­chen-, kon­fes­si­ons- und kul­tur­po­li­ti­schen Mo­no­pol­stel­lung fak­tisch an­er­kannt hat­te.

Felix Porsch, schlesischer Zentrumspolitiker, vor 1930.

 

Nach dem Un­ter­gang des Kai­ser­rei­ches wur­de Heß zu­nächst Mit­glied der ver­fas­sungs­ge­ben­den preu­ßi­schen Lan­des­ver­samm­lung. Nach der ers­ten re­gu­lä­ren Land­tags­wahl war er von 1921 bis 1932 Mit­glied des preu­ßi­schen Land­ta­ges und von 1921 bis 1932 Mit­glied des rhei­ni­schen Pro­vin­zi­al­land­ta­ges. Of­fi­zi­ell stand der schle­si­sche Zen­trums­po­li­ti­ker Fe­lix Porsch (1853-1930) an der Spit­ze der preu­ßi­schen Zen­trums­par­tei und der Land­tags­frak­ti­on – Jo­seph Heß war in den Wei­ma­rer Jah­ren der lang­jäh­ri­ge Frak­ti­ons­ge­schäfts­füh­rer, der aber im Hin­ter­grund die po­li­ti­schen Fä­den in den Hän­den hielt, wäh­rend sich der al­tern­de Porsch mehr und mehr zu­rück­zog. Die Stel­lung von Heß in­ner­halb der Frak­ti­on war aber so stark, dass er mehr­fach das An­ge­bot, ein Mi­nis­ter­amt in der preu­ßi­schen Re­gie­rung an­zu­neh­men, ab­leh­nen konn­te.

Erst 1930 nach dem To­de Porschs rück­te Heß an die Spit­ze von Par­tei und Land­tags­frak­ti­on und sie­del­te ganz nach Ber­lin über, da sei­ne neue Stel­lung die stän­di­ge Prä­senz in der Haupt­stadt er­for­der­te und er zu­dem Di­ri­gent der Fi­nanz­ab­tei­lung der preu­ßi­schen Bau- und Fi­nanz­di­rek­ti­on wur­de.

Dankesschreiben von Joseph Heß an den damaligen Bürgermeister von Ahrweiler Dr. Pomp anlässlich der Verleihung der Ehrenbürgerschaft der Stadt Ahrweiler, die am 16.10.1930 vollzogen worden war, 4.12.1930. (Stadtarchiv Bad Neuenahr-Ahrweiler)

 

Kaum aber war er an die Spit­ze von Par­tei und Frak­ti­on in Preu­ßen ge­tre­ten, setz­te ei­ne schwe­re Krank­heit sei­ner po­li­ti­schen Tä­tig­keit ein ra­sches En­de. Ei­ne Kno­chen­tu­ber­ku­lo­se zwang ihn, sich im Herbst 1931 aus der ak­ti­ven Po­li­tik Preu­ßens zu­rück­zu­zie­hen. Von ei­ner da­durch not­wen­dig ge­wor­de­nen Bein­am­pu­ta­ti­on er­hol­te sich Heß nicht mehr. Im Al­ter von nur 53 Jah­ren starb er am 4.2.1932 in Ber­lin.

Nachruf seiner Frau Helene Heß, geb. Heuschen, und der Familie, erschienen in der Rhein- und Ahr-Zeitung, 4.2.1932. (Stadtarchiv Bad Neuenahr-Ahrweiler)

 

Mit Jo­seph Heß starb ein wich­ti­ges Boll­werk ge­gen die an­ti­par­la­men­ta­ri­schen Ten­den­zen am En­de der Wei­ma­rer Re­pu­blik, die nicht sel­ten auch in sei­ner ei­ge­nen Par­tei an­zu­tref­fen wa­ren. Vie­les wür­de nun leich­ter wer­den nach Heß’ Tod, pro­pa­gier­te der noch auf dem rech­ten Rand des Zen­trums ste­hen­de Franz von Pa­pen, der nur we­ni­ge Mo­na­te spä­ter nach sei­ner Er­nen­nung zum Reichs­kanz­ler  und sei­nem gleich­zei­ti­gen Aus­tritt aus dem Zen­trum mit dem „Preu­ßen­schla­g“ am 20.7.1932 die ge­ra­de von Heß über ein Jahr­zehnt auf­recht ge­hal­te­ne Ar­chi­tek­tur der Gro­ßen Ko­ali­ti­on in Preu­ßen zer­stör­te.

Literatur

Hö­mig, Her­bert, Jo­seph Heß (1878-1932), in: Aretz, Jür­gen/Mor­sey, Ru­dolf/Rau­scher, An­ton (Hg.), Zeit­ge­schich­te in Le­bens­bil­dern: Aus dem deut­schen Ka­tho­li­zis­mus des 19. und 20. Jahr­hun­derts, Band 3, Mainz 1979, S. 162-175.

Hö­mig, Her­bert, Das preu­ßi­sche Zen­trum in der Wei­ma­rer Re­pu­blik. Mat­thi­as-Grü­ne­wald-Ver­lag, Mainz 1979.

Hö­mig, Her­bert, Brü­ning – Kanz­ler in der Kri­se der Re­pu­blik. Ei­ne Wei­ma­rer Bio­gra­fie, Pa­der­born 2000.

Leu­gers-Scherz­berg, Au­gust Her­mann, Fe­lix Porsch 1853-1930. Po­li­tik für ka­tho­li­sche In­ter­es­sen in Kai­ser­reich und Re­pu­blik, Mainz 1990.

Rib­heg­ge, Wil­helm, Preu­ßen im Wes­ten. Kampf um den Par­la­men­ta­ris­mus in Rhein­land und West­fa­len 1789–1947, Müns­ter 2008.

Schul­ze, Ha­gen, Ot­to Braun oder Preu­ßens de­mo­kra­ti­sche Sen­dung. Ei­ne Bio­gra­phie, Frank­furt [u.a.] 1977.

Nachruf des Bürgermeisters von Ahrweiler Dr. Pomp und der Stadtverordneten-versammlung, 5.2.1932. (Stadtarchiv Bad Neuenahr-Ahrweiler)

 
Zitationshinweis

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Burtscheidt, Andreas, Joseph Heß, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/joseph-hess/DE-2086/lido/57e275410a7070.56130617 (23.06.2018)