Karl Immer

Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland (1971-1981)

Volkmar Wittmütz (Köln)

Karl Immer, Pfarrer, Präses der Ev. Kirche im Rheinland, 1973-1981. (Archiv der Evangelischen Kirche im Rheinland)

Prä­ses Im­mer steu­er­te die rhei­ni­sche Kir­che durch ei­ne schwie­ri­ge Zeit po­li­ti­scher Um­brü­che, die sei­ne Lei­tung der Lan­des­kir­che stark präg­te. Un­ter ihm wur­de die rhei­ni­sche Kir­che zu ei­nem wich­ti­gen ge­sell­schaft­li­chen Dis­kus­si­ons­part­ner.

Karl Edu­ard Im­mer, so der voll­stän­di­ge Na­me, wur­de am 28.5.1916 im ost­frie­si­schen Rys­um (heu­te Ge­mein­de Krumm­hörn) als Sohn des re­for­mier­ten Pfar­rers Karl Im­ma­nu­el Im­mer (1888-1944) in ei­ne Fa­mi­lie ge­bo­ren, die über meh­re­re Ge­ne­ra­tio­nen Pfar­rer her­vor­ge­bracht hat. Von 1914 bis 1925 be­klei­de­te der Va­ter die Pfarr­stel­le in Rys­um, so dass der Jun­ge die ers­ten Le­bens­jah­re in dem Dorf in der Nä­he von Em­den ver­brach­te. Mit dem Wech­sel des Va­ters in die Ge­mein­de Bar­men-Ge­mar­ke zog die Fa­mi­lie ins Wup­per­tal. Po­li­tisch ge­hör­ten die Sym­pa­thi­en des Va­ters den Deutsch­na­tio­na­len, und folg­lich wur­de der „na­tio­na­le Auf­bruch“ 1933 im El­tern­haus zu­nächst be­grü­ßt. Auch der Sohn sym­pa­thi­sier­te mit der brau­nen Par­tei­ju­gend und nahm 1935 so­gar am Reichs­par­tei­tag in Nürn­berg teil.

In­zwi­schen war der Va­ter al­ler­dings auf Dis­tanz zur NS­DAP ge­gan­gen und hat­te vor al­lem zu den „Deut­schen Chris­ten“ und der von ih­nen be­herrsch­ten evan­ge­li­schen Kir­che in Preu­ßen ei­ne of­fe­ne Geg­ner­schaft ent­wi­ckelt. In so ge­nann­ten „frei­en Syn­oden“, die zu­erst im Ja­nu­ar und Fe­bru­ar 1934 in der Ge­mein­de Bar­men-Ge­mar­ke statt­fan­den und von Pfar­rer Im­mer or­ga­ni­siert wur­den, sam­mel­ten sich die Geg­ner der Deut­schen Chris­ten und bil­de­ten die „Be­ken­nen­de Kir­che“. Zu­nächst ge­schah das nur rhein­land­weit, aber vom 29.-31.5.1934 tra­fen sich De­le­gier­te aus vie­len evan­ge­li­schen Kir­chen ganz Deutsch­lands zur „Bar­mer Be­kennt­nis­syn­ode“. Un­ter dem Ein­fluss des Schwei­zer Theo­lo­gen Karl Barth (1886-1968) ver­ab­schie­de­te die Syn­ode die „Bar­mer Theo­lo­gi­sche Er­klä­run­g“, die in sechs The­sen die Irr­leh­ren der Deut­schen Chris­ten ver­warf. Um den ge­nau­en Wort­laut die­ser The­sen wur­de zwi­schen lu­the­ri­schen und re­for­mier­ten Theo­lo­gen wäh­rend der Syn­ode hef­tig ge­run­gen. Der end­gül­ti­ge Text stand erst in der Nacht fest, der Gym­na­si­ast Karl Im­mer schrieb ihn noch in der­sel­ben Nacht auf der Schreib­ma­schi­ne und ver­viel­fäl­tig­te ihn, da­mit er am fol­gen­den Tag von den 139 Syn­oda­len ein­stim­mig ver­ab­schie­det wer­den konn­te.

Nach dem Ab­itur stu­dier­te Karl Im­mer evan­ge­li­sche Theo­lo­gie an der Kirch­li­chen Hoch­schu­le, die die Be­ken­nen­de Kir­che in Wup­per­tal-Bar­men er­rich­tet hat­te, und spä­ter in Hal­le, wo er 1943 zum Li­zen­zia­ten der Theo­lo­gie pro­mo­viert wur­de. Als Vi­kar schloss er sich der „Bru­der­schaft rhei­ni­scher Hilfs­pre­di­ger und Vi­ka­re“ der rhei­ni­schen Be­ken­nen­den Kir­che, der spä­te­ren „Kirch­li­chen Bru­der­schaft im Rhein­lan­d“ an, de­ren Vor­sitz er 1953 über­nahm. Zu dem Zeit­punkt war er be­reits Pfar­rer in Duis­burg-Neu­dorf. Bun­des­weit hat­te er 1952 als Lei­ter ei­ner „Ar­beits­ge­mein­schaft für Frie­den und ge­gen deut­sche Wie­der­auf­rüs­tun­g“ mit ei­nem Flug­blatt auf sich auf­merk­sam ge­macht, in dem mit dem Hin­weis auf die Bar­mer Theo­lo­gi­sche Er­klä­rung ei­ne deut­sche Wie­der­be­waff­nung en­er­gisch ab­ge­lehnt und die Duis­bur­ger Ju­gend zur Ver­wei­ge­rung des Mi­li­tär­diens­tes auf­ge­for­dert wur­de. Als die kom­mu­nis­ti­sche „Neue Volks­zei­tun­g“ die­se Ak­ti­on als Un­ter­stüt­zung ih­rer Pro­pa­gan­da in­ter­pre­tier­te, mach­te Im­mer deut­lich, dass sein Auf­ruf sich eben­so an die jun­gen Män­ner in der DDR rich­te­te.

Über­haupt be­zo­gen Im­mer und die „Kirch­li­che Bru­der­schaf­t“ früh Stel­lung ge­gen die West­bin­dung der jun­gen Bun­des­re­pu­blik. Um die Wie­der­ver­ei­ni­gung der zwei deut­schen Staa­ten nicht zu ver­spie­len, be­für­wor­te­ten sie de­ren Neu­tra­li­tät. In der rhei­ni­schen Kir­che konn­te Im­mer sich mit die­ser Po­si­ti­on, die selbst bei vie­len Mit­glie­dern der Kir­chen­lei­tung An­hän­ger fand, nicht voll­stän­dig durch­set­zen, aber doch viel Zu­stim­mung auf sich zie­hen. Sei­ne in­ner­kirch­li­chen Geg­ner be­zeich­ne­ten ihn und die Kirch­li­che Bru­der­schaft als „al­te Kämp­fer der BK“ und war­fen ih­nen vor, et­wa mit ih­ren Per­so­nal­vor­schlä­gen ei­ne „kon­se­quen­te Po­li­tik der Sie­ger des Kir­chen­kamp­fes nach 1945“ zu be­trei­ben. Sie be­strit­ten auch den An­spruch Im­mers und sei­ner Freun­de, den Wi­der­spruch ge­gen die mi­li­tä­ri­sche Auf­rüs­tung und vor al­lem ge­gen die ato­ma­re Be­waff­nung zum „sta­tus con­fes­sio­nis“ zu er­he­ben, al­so in die­ser Geg­ner­schaft ein ent­schei­den­des Kenn­zei­chen des rech­ten christ­li­chen Glau­bens zu se­hen und al­le Kon­tra­hen­ten, die die mi­li­tä­ri­sche Auf­rüs­tung der Bun­des­re­pu­blik be­für­wor­te­ten, ins­be­son­de­re den Evan­ge­li­schen Ar­beits­kreis der CDU/CSU, als „un­christ­li­ch“ dar­zu­stel­len.

Bei der Wahl zum ne­ben­amt­li­chen Mit­glied der rhei­ni­schen Kir­chen­lei­tung 1958 setz­te sich Im­mer mit deut­li­cher Mehr­heit ge­gen den Ex­po­nen­ten des kon­ser­va­ti­ven La­gers durch. Zehn Jah­re spä­ter wur­de er, dem durch sei­ne links­pro­tes­tan­ti­sche Hal­tung be­reits der Bei­na­men „der ro­te Im­mer“ bei­ge­legt wur­de, zum haupt­amt­li­chen Ober­kir­chen­rat ge­wählt. Zu­stän­dig war er un­ter an­de­rem für die rhei­ni­schen Stu­den­ten­ge­mein­den, die in je­nen un­ru­hi­gen Jah­ren häu­fig die Zen­tren des stu­den­ti­schen Pro­tests wa­ren. Zwar zeig­te Im­mer mehr Ver­ständ­nis als die üb­ri­gen Mit­glie­der der Kir­chen­lei­tung für die Un­ru­he und den Pro­test der Stu­den­ten, rück­te aber jetzt von de­ren ra­di­ka­len Wi­der­spruch und manch­mal so­gar ge­walt­tä­ti­gen Wi­der­stand deut­lich ab.

In ei­ner po­li­tisch kon­tro­vers dis­ku­tier­ten Rich­tungs­ent­schei­dung wähl­te die rhei­ni­sche Lan­des­syn­ode Im­mer 1971 zum Prä­ses der Evan­ge­li­schen Kir­che im Rhein­land. Als Kom­pro­miss­kan­di­dat stach er im zwei­ten Wahl­gang drei wei­te­re Mit­be­wer­ber, dar­un­ter den Bon­hoef­fer-Bio­gra­phen Eber­hard Be­th­ge (1909-2000) und den po­pu­lä­ren Ham­bur­ger Theo­lo­gie-Pro­fes­sor Hel­mut Thieli­cke (1908-1986), aus. Al­ler­dings konn­te Im­mer die kon­ser­va­ti­ven Krei­se in der rhei­ni­schen Kir­che auch als neu­er, ge­mä­ßig­te­rer Prä­ses nicht für sich ge­win­nen. Bei sei­ner Wie­der­wahl 1973 war er der ein­zi­ge Kan­di­dat, er­hielt aber 58 Nein- von ins­ge­samt 253 ab­ge­ge­be­nen Stim­men.

Im­mer steu­er­te die rhei­ni­sche Kir­che durch ein kri­sen­haf­tes Jahr­zehnt. Ge­prägt war die Zeit sei­ner Kir­chen­lei­tung vom po­li­ti­schen Auf­bruch der frü­hen 1970er Jah­re un­ter der ers­ten so­zi­al-li­be­ra­len Re­gie­rung, von der Öl­kri­se mit ih­ren wirt­schaft­li­chen Pro­ble­men und von der Ge­fahr durch den Ter­ro­ris­mus der RAF. Prä­ses Im­mer ver­stand sei­nen Glau­ben und sein kirch­li­ches Amt als ei­nen auch in die Po­li­tik hin­ein­wir­ken­den Auf­trag, denn „nach­dem die Po­li­ti­sie­rung un­ser ge­sam­tes Le­ben er­fasst hat, kön­nen wir un­ser Christ­sein nicht ent­po­li­ti­sie­ren.“ In den auf­ge­reg­ten De­bat­ten je­ner Jah­re war er um Mä­ßi­gung und Aus­gleich be­müht, scheu­te sich aber auch nicht, zu den drän­gen­den Fra­gen sei­ner Zeit klar Stel­lung zu be­zie­hen. So un­ter­stütz­te er zum Bei­spiel die Ost­po­li­tik der Re­gie­rung Brandt. Ge­gen­über  Re­form­im­pul­sen wie dem des Wag­nis­ses von mehr De­mo­kra­tie und des Ab­baus von Bü­ro­kra­tie blieb er skep­tisch, auch in­ner­kirch­li­che Re­for­men ka­men un­ter ihm kaum vor­an. Da­für för­der­te er das kon­kre­te so­zia­le Han­deln der Kir­che und brach­te zum Bei­spiel Hilfs­pro­gram­me sei­ner Kir­che ge­gen die in sei­ner Amts­zeit ein­set­zen­de Mas­sen­ar­beits­lo­sig­keit, ins­be­son­de­re für ar­beits­lo­se Ju­gend­li­che, auf den Weg.

Un­ter den in­nen­po­li­ti­schen Pro­ble­men, mit de­nen die Kir­che da­mals kon­fron­tiert war, war der Ter­ro­ris­mus be­herr­schend. Ei­ni­ge Ter­ro­ris­ten ent­stamm­ten Pfarr­häu­sern oder wa­ren je­den­falls in ei­nem „evan­ge­li­schen Mi­lieu“ auf­ge­wach­sen. Als der Ber­li­ner Bi­schof Kurt Scharf (1902-1990) in­haf­tier­te Ter­ro­ris­ten be­such­te und des­halb hef­tig kri­ti­siert wur­de, er­klär­te sich Im­mer so­li­da­risch mit ihm, „denn es ist die Auf­ga­be der Kir­che, in ei­ner po­la­ri­sier­ten Ge­sell­schaft sich der Rand­grup­pen an­zu­neh­men“. An­de­rer­seits wand­te sich der Prä­ses ge­gen Sym­pa­thie­be­kun­dun­gen rhei­ni­scher Theo­lo­gie­stu­den­ten mit den Zie­len der Ter­ro­ris­ten.

Schon vor­her hat­te er sich von ra­di­ka­len Auf­fas­sun­gen der Ju­gend dis­tan­ziert und et­wa den „Ra­di­ka­len­er­las­s“ der Bun­des­re­gie­rung auch für die Kir­che ver­tei­digt. Die Mit­glied­schaft ei­nes Pfar­rers in der DKP wie der NPD sei schon aus seel­sor­ger­li­chen Grün­den mit sei­nem Amt un­ver­ein­bar. Al­ler­dings hielt die Kir­chen­lei­tung die Mit­wir­kung von Pfar­rern bei Bür­ger­initia­ti­ven für mög­lich, auch wenn die­se von der DKP ge­tra­gen wür­den.

Ein be­son­de­res kirch­li­ches Pro­blem je­ner Jah­re war die Be­kämp­fung des Ras­sis­mus und der Apart­heids­po­li­tik in Süd­afri­ka. Die For­de­rung, dem Son­der­fonds zu ih­rer Be­kämp­fung auch Kir­chen­steu­er­mit­tel zur Ver­fü­gung zu stel­len, wur­de im­mer wie­der er­ho­ben. Im­mer hielt an der Ge­walt­frei­heit fest und lehn­te es ab, Steu­er­mit­tel der Lan­des­kir­che für den be­waff­ne­ten Kampf zu ver­wen­den. Doch gab er dem Druck von Ge­mein­den und Kir­chen­krei­sen nach und er­laub­te, dass die­se ih­rer­seits an­ders ver­fuh­ren.

Prä­ses Im­mer steu­er­te die rhei­ni­sche Kir­che durch ei­ne po­li­tisch er­reg­te Zeit. De­ren so­zia­le und öko­no­mi­sche Pro­ble­me präg­ten sei­ne Lei­tung, viel­leicht mehr, als er es selbst woll­te. Un­ter ihm ent­wi­ckel­te sich die rhei­ni­sche Kir­che zum ge­sell­schaft­li­chen Dis­kus­si­ons­part­ner, der sich ne­ben an­de­ren Part­nern, aber nicht mehr in her­aus­ge­ho­be­ner Po­si­ti­on am po­li­ti­schen Ge­spräch be­tei­lig­te. Im Pro­zess ei­ner fort­schrei­ten­den Plu­ra­li­sie­rung der Ge­sell­schaft über­nahm die evan­ge­li­sche Kir­che – an­ders als nach dem Ers­ten Welt­krieg - da­mit zwar Mit­ver­ant­wor­tung für das Ge­mein­wohl, aber um den Preis ei­ner ge­wis­sen Ver­nach­läs­si­gung von Theo­lo­gie, bib­li­scher Ex­ege­se und Ver­kün­di­gung. Die Kon­zen­tra­ti­on auf die Chris­to­lo­gie wur­de ab­ge­löst von ei­nem „Re­den und Tun der Kir­che ... in den so­zio­lo­gi­schen Struk­tu­ren die­ser Welt“, wie Im­mer 1975 selbst ur­teil­te.

Die­ses kri­ti­sche Ur­teil be­darf ei­ner Ein­schrän­kung: 1980 ver­ab­schie­de­te die rhei­ni­sche Syn­ode ei­ne „Er­klä­rung zum Ver­hält­nis von Chris­ten und Ju­den“. Dar­in wur­de die Mit­ver­ant­wor­tung der Kir­che für den Ho­lo­caust be­nannt, die be­son­de­re Er­wäh­lung Is­ra­els be­tont und fest­ge­hal­ten, dass erst dar­auf die „Hin­ein­nah­me der Kir­che durch Chris­tus in den Bund Got­tes mit sei­nem Vol­k“ er­folgt sei. Die rhei­ni­sche Kir­che ver­zich­te­te des­halb auf die Ju­den­mis­si­on.

Die Er­klä­rung wur­de ge­ra­de von der Uni­ver­si­täts­theo­lo­gie hef­tig kri­ti­siert. Prä­ses Im­mer war zwar um Aus­gleich be­müht, hielt aber den­noch an ihr fest. Die rhei­ni­sche Er­klä­rung wur­de weg­wei­send für ähn­li­che Er­klä­run­gen in an­de­ren Lan­des­kir­chen, zum Bei­spiel in Ba­den, in Ber­lin-Bran­den­burg, Pom­mern und der Pfalz.

Karl Im­mer starb nach län­ge­rer Krank­heit am 3.1.1984 in Düs­sel­dorf.

Werke

Im­mer, Karl (Hg.), Kir­che in die­sen Jah­ren. Ein Be­richt. Prä­ses D.Dr. Joa­chim Beck­mann zum 70. Ge­burts­tag, Neu­kir­chen 1971.

Was mir mein Glau­be und mei­ne Kir­che be­deu­ten, Neu­kir­chen 1973.

Literatur

Ka­mins­ky, Uwe, Kir­che in der Öf­fent­lich­keit – Die Trans­for­ma­ti­on der Evan­ge­li­schen Kir­che im Rhein­land (1948-1989), Bonn 2008.

 
Zitationshinweis

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Wittmütz, Volkmar, Karl Immer, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/karl-immer/DE-2086/lido/57c927fb429701.37725836 (22.04.2018)