Louise von Hompesch

Stiftsdame (1776-1801)

Wolfgang Löhr (Mönchengladbach)

Schloss Bollheim, 1764, Federzeichnung von Capitain Laub, Montjoie (Monschau).

Durch die Ent­de­ckung ih­res nicht für die Öf­fent­lich­keit be­stimm­ten Ta­ge­buchs wur­de das Schick­sal der jun­gen Neus­ser Stifts­da­me Loui­se von Hom­pesch be­kannt, die sich ge­gen die üb­li­chen ad­li­gen Kon­ven­tio­nen auf­lehn­te und vom Geist der fran­zö­si­schen Auf­klä­rung be­ein­flusst war.

Wä­re es nach dem Fa­mi­li­en­plan ih­res Va­ters Franz Karl ge­gan­gen, so hät­te Loui­se von Hom­pesch nach ei­ner War­te­zeit im Ka­no­nis­sen­stift St. Qui­rin in Neuss ei­nen Ad­li­gen aus dem rhei­nisch-west­fä­li­schen Hei­rats­kreis oder der Be­kannt­schaft ih­res Va­ters ge­hei­ra­tet. Statt­des­sen ver­lieb­te sie sich in Dieudon­né Louis An­toi­ne Klein (1761-1845), ei­nen Ge­ne­ral der fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­ons­ar­mee. Ei­ne Hei­rat mit ihm er­wies sich als ei­ne Il­lu­si­on. Dar­un­ter so­wie un­ter dem Dau­er­kon­flikt mit ih­rem Va­ter hat sie in ih­rem kur­zem Le­ben von 25 Jah­ren sehr ge­lit­ten und ih­re Nö­te ei­nem er­hal­ten ge­blie­be­nen ver­trau­li­chen Ta­ge­buch an­ver­traut, das Ein­blick in ihr In­ners­tes gibt. Sie be­wun­der­te die Fran­zö­si­sche Re­vo­lu­ti­on und den ju­gend­li­chen Ge­ne­ral Na­po­le­on Bo­na­par­te, hielt mit Kri­tik am Adel nicht zu­rück und stell­te die herr­schen­de Dop­pel­mo­ral bloß: Die Un­treue des Man­nes wur­de be­wun­dert, wäh­rend die Un­treue ei­ner Frau als Schand­tat galt.

Schon 1779 er­hielt Loui­se, das jüngs­te von sie­ben Kin­dern, ei­ne ver­bind­li­che An­wart­schaft auf ei­ne Prä­ben­de am Neus­ser Qui­ri­nus­stift. Sie war am 3.5.1776 in Oberel­ve­nich (heu­te Stadt Zül­pich) ge­tauft wor­den, al­so da­mals drei Jah­re alt. Zu­nächst kam sie ab dem fünf­ten Le­bens­jahr zur Er­zie­hung zu den Eng­li­schen Fräu­lein in Lüt­tich, ehe sie ab 1786 in Neuss zur Ka­no­nis­se aus­ge­bil­det wur­de. Für sie ei­ne schreck­li­che Zeit. Die ka­tho­li­sche Re­li­gi­on und ih­re Ri­ten blie­ben ihr fremd. Dem An­ti­kle­ri­ka­lis­mus man­cher ih­rer Zeit­ge­nos­sen schloss sie sich an.

Von 1790 bis 1792 er­hielt Loui­se in Brüs­sel im Haus des Her­zogs Lud­wig En­gel­bert von Aren­berg (1750-1820) „ei­ne zwei­te Aus­bil­dun­g“, wie sie sel­ber mein­te. Dar­an er­in­ner­te sie sich ger­ne und er­zähl­te, wie sie in der Haupt­stadt der Ös­ter­rei­chi­schen Nie­der­lan­de ge­rit­ten, ge­fei­ert, ge­tanzt und Ge­dich­te ge­schrie­ben ha­be. Loui­se war zu ei­ner mu­sisch hoch be­gab­ten, geist­rei­chen und po­li­tisch in­ter­es­sier­ten jun­gen Frau ge­wor­den. Sie spiel­te meh­re­re In­stru­men­te, hat­te Ge­sangs­un­ter­richt er­hal­ten, La­tein und Eng­lisch ge­lernt, kann­te sich in der deut­schen und fran­zö­si­schen Li­te­ra­tur und Phi­lo­so­phie ih­rer Epo­che aus und schrieb ein Fran­zö­sisch, das es mit den Schrift­stel­lern ih­rer Epo­che auf­neh­men konn­te.

Nach ih­rer Brüs­se­ler Zeit muss­te sie ih­rem Va­ter als ei­ne Art Se­kre­tä­rin die­nen und sich zur Ver­fü­gung ih­rer Stief­mut­ter Ma­ria The­re­sia, ge­bo­re­ne Grä­fin von Ho­ens­bro­ech (1728-1805) hal­ten, zu der ein mehr oder min­der ge­spann­tes Ver­hält­nis be­stand. Ih­re leib­li­che Mut­ter An­toi­net­te von Ha­cke (1736-1778) hat­te Loui­se be­reits als Zwei­jäh­ri­ge ver­lo­ren und ver­moch­te sich nicht mehr an sie zu er­in­nern. Im Qui­ri­nus­stift war Loui­se nicht stän­dig prä­sent und lässt sich dort nur bis vor dem Ein­marsch der Fran­zo­sen im Ok­to­ber 1794 nach­wei­sen.

 

Die Ver­su­che ih­res Va­ters, sie der Fa­mi­li­en­tra­di­ti­on nach zu ver­hei­ra­ten, schei­ter­ten. Sie wies al­le Be­wer­ber spöt­tisch zu­rück, und ei­ner von ih­nen nahm sich dar­auf 1794 das Le­ben, was sie er­kenn­bar be­las­te­te. Be­son­ders ein Er­eig­nis ver­folg­te sie ihr Le­ben lang: Sie ist wohl von ih­rem äl­tes­ten Bru­der Karl (1760-1812), ei­nem Aben­teu­rer und Söld­ner­füh­rer, ver­führt wor­den. Der Va­ter ent­er­be­te ihn 1798.

1796 ver­lieb­te sich Loui­se in den fran­zö­si­schen Ge­ne­ral der Sam­bre-Maas-Ar­mee Klein, der ver­hei­ra­tet war, an­de­re Af­fai­ren hat­te und sie hin­hielt. Ihn hat­te sie im vä­ter­li­chen Schloss Boll­heim (heu­te Stadt Zül­pich), wo er ein­quar­tiert war, ken­nen und lie­ben ge­lernt. Mit ihm hoff­te sie, nach dem Miss­brauch durch ih­ren Bru­der nun ei­ne tu­gend­haf­te Be­zie­hung be­gin­nen zu kön­nen. Sie heg­te ei­ne ganz ro­man­ti­sche Vor­stel­lung von der Auf­ga­be der Frau, die dar­in be­stand, ih­ren Ehe­mann zu lie­ben und ihm zu ge­fal­len. Nach­dem ihr Va­ter von ih­rem in­ti­men Ver­hält­nis zu dem fran­zö­si­schen Ge­ne­ral er­fah­ren hat­te, war er ent­setzt, fühl­te sich hin­ter­gan­gen und sah ad­li­ge Kon­ven­tio­nen ver­letzt. Bei Loui­se stieß er auf tau­be Oh­ren. Sie dach­te nicht dar­an, von ih­rem Ge­lieb­ten zu las­sen, rang sich aber auch nicht durch, mit ih­rem Va­ter end­gül­tig zu bre­chen. Nach mehr als ei­nem Jahr Dau­er­streit schien er ein­len­ken zu wol­len, frag­te sich aber nicht zu Un­recht, ob man Klein ver­trau­en kön­ne. Schlie­ß­lich ver­schob er die Ent­schei­dung, ob er sei­ne Toch­ter zie­hen las­sen sol­le, auf die Zeit nach ei­nem Frie­den mit Frank­reich. Loui­se muss­te sich ein­ge­ste­hen, dass ei­ne nor­ma­le Ehe mit Klein nicht mög­lich sein wür­de. Um­so­mehr fürch­te­te sie, nach dem Tod ih­res Va­ters auf das Wohl­wol­len ih­rer Brü­der an­ge­wie­sen sein zu müs­sen, da sie kei­ne Ver­sor­gung nach der Ein­stel­lung der Zah­lun­gen aus dem Qui­ri­nus­stift mehr be­saß. Sie re­si­gnier­te und zog mit ih­rem Va­ter und ih­rer Stief­mut­ter im Sep­tem­ber 1798 nach Mün­chen, wo ihr Va­ter das Fi­nanz­mi­nis­te­ri­um über­nahm. Bis En­de 1799 hat sie noch an Klein ge­schrie­ben, dem sie ver­mut­lich läs­tig ge­wor­den war. Nach dem Tod ih­res Va­ters kehr­te sie 1800 mit ih­rer Stief­mut­ter nach Düs­sel­dorf zu­rück, wo sie am 4.7.1801, ge­ra­de ein­mal 25 Jah­re alt, an ei­nem Ge­hirn­schlag ver­starb. Ih­re letz­te Ru­he­stät­te fand Loui­se von Hom­pesch in der Düs­sel­dor­fer Lam­ber­tus­kir­che.

Literatur

Eber­sold, Gün­ther, Loui­se von Hom­pesch (1775/77-1801) und ih­re Fa­mi­lie. Ei­ne Frau zwi­schen Tra­di­ti­on und Re­vo­lu­ti­on, Ub­stadt-Wei­her [u. a.] 2009; da­zu Re­zen­si­on von Wolf­gang Löhr in: Neue Bei­trä­ge zur Jü­li­cher Ge­schich­te 23 (2011), S. 231-235.

En­gel­brecht, Jörg, Ad­li­ge Fa­mi­li­en­kon­flik­te am En­de des 18. Jahr­hun­dert, in: Rhei­ni­sche Vier­tel­jahrs­blät­ter 53, 1989, S. 152-177.

La­cre­tel­le, Jac­ques de, Jour­nal d’amour d’une jeu­ne al­le­man­de Loui­se de Hom­pesch. 1797-1798, Pa­ris 1936.

Löhr, Wolf­gang, Ein trau­ri­ger Zu­fluchts­ort. Die Fa­mi­lie von Hom­pesch, Schloss Mi­ckeln und der Fried­hof in Him­mel­geist, in: Düs­sel­dor­fer Jahr­buch 81 (2011), S. 67-92.

Löhr, Wolf­gang, Franz Karl von Hom­pesch (1735-1800). Kar­rie­re und geis­ti­ge Welt ei­nes rhei­ni­schen Ad­li­gen am En­de des al­ten Reichs, in: Zeit­schrift des Aa­che­ner Ge­schichts­ver­eins 102 (1999/2000), S. 241-271.

Löhr, Wolf­gang, Franz Karl von Hom­pesch (1735-1800) und sei­ne wil­den Kin­der. Kon­ti­nui­tä­ten und Brü­che in ad­li­ger Er­zie­hung und Le­bens­ent­wür­fen, in: Neue Bei­trä­ge zur Jü­li­cher Ge­schich­te 23 (2011), S. 37-56.

Löhr, Wolf­gang, Loui­se von Hom­pesch (1775-1801). Ka­no­ni­ke­rin im Qui­ri­nu­stift zu Neuss, in: Neus­ser Jahr­buch 1998, S. 5-10.

Löhr, Wolf­gang, Vom Rhein an die Them­se. Das aben­teu­er­li­che Le­ben des Frei­herrn Karl von Hom­pesch, in: Düs­sel­dor­fer Jahr­buch 80 (2010), S. 31-52.

General Dieudonné Louis Antoine Klein, aus: Journal d'amour d'une Jeune Allemande Louise de Hompesch 1797-1798, 1936.

 
Zitationshinweis

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Löhr, Wolfgang, Louise von Hompesch, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/louise-von-hompesch/DE-2086/lido/57c8331b52ecd7.17682963 (23.06.2018)