Ludwig Friedrich Seyffardt

Fabrikbesitzer, Beigeordneter, nationalliberaler Parlamentarier (1827–1901)

Joachim Lilla (Krefeld)

Ludwig Friedrich Seyffardt, Porträtfoto.

Lud­wig Fried­rich Seyff­ardt kann als Pro­to­typ des bis zum Ers­ten Welt­krieg nicht sel­te­nen wirt­schaft­lich un­ab­hän­gi­gen Groß­bür­gers gel­ten, der sich ver­ant­wort­lich en­ga­giert und oh­ne fi­nan­zi­el­le An­sprü­che an die Po­li­tik um die öf­fent­li­chen An­ge­le­gen­hei­ten küm­mert, in sei­nem Fall in der Stadt Kre­feld, in­ Preu­ßen und zeit­wei­se auch im Nord­deut­schen Bund. 

Lud­wig Fried­rich Seyff­ardt wur­de am 18.6.1827 in Aa­chen als Sohn von Lud­wig Seyff­ardt (1792–1871), Di­rek­tor der Aa­che­ner und Münch­ner Feu­er-Ver­si­che­rungs-Ge­sell­schaft, ge­bo­ren; über die Mut­ter Mat­hil­de ge­bo­re­ne Schei­bler (1805-1833) war er mit der be­kann­ten, weit­ver­zweig­ten Un­ter­neh­mer­fa­mi­lie Schei­bler ver­wandt; die Fa­mi­lie war evan­ge­lisch. Er be­such­te die Hö­he­re Bür­ger­schu­le in Aa­chen, leg­te 1842 da­s A­b­itur ab und be­gann an­schlie­ßend ei­ne kauf­män­ni­sche Aus­bil­dung in der Kre­fel­der Samt­fa­brik „H. vom Bruck Söh­ne“ Vom 1.10.1846 bis 30.9.1847 dien­te er als Ein­jäh­rig-Frei­wil­li­ger beim 28. In­fan­te­rie-Re­gi­ment in Köln, im Herbst 1847 trat er wie­der in die Fir­ma „H.  vom Bruck Söh­ne“ ein, de­ren Ver­tre­tung in Eng­land er von März bis Herbst 1848 über­nahm. Auch in den fol­gen­den Jah­ren bis 1852 hielt er sich re­gel­mä­ßig län­ge­re Zeit in Eng­land auf. Von No­vem­ber 1849 bis Ja­nu­ar 1850 und von No­vem­ber 1850 bis Ja­nu­ar 1851 nahm er als Vi­ze­feld­we­bel an mi­li­tä­ri­schen Re­serve­übun­gen beim Er­satz-Ba­tail­lon Nr. 28 teil, 1853 wur­de er we­gen Kurz­sich­tig­keit als für den wei­te­ren Mi­li­tär­dienst un­taug­lich er­klärt. 

Am 1.1.1853 wur­de er Pro­ku­rist und Ge­winn­be­tei­lig­ter, am 1.1.1857 As­so­cié be­zie­hungs­wei­se Mit­in­ha­ber der Samt­fa­brik „H. vom Bruck Söh­ne“ mit Nie­der­las­sun­gen in Kre­feld, Rhe­ydt (heu­te Stadt Mön­chen­glad­bach) und Lon­don, nach­dem er im Jahr zu­vor Mat­hil­de vom Bruck (1837-1880) ge­hei­ra­tet hat­te; aus der Ehe gin­gen sechs Kin­der her­vor. Durch die Hei­rat mit der Toch­ter aus ver­mö­gen­dem Han­dels­haus sah er sich in die La­ge ver­setzt, wie er es in sei­ner Er­in­ne­run­gen aus­drück­te, sich gänz­lich „den öf­fent­li­chen und ge­mein­nüt­zi­gen In­ter­es­sen zu wid­men“. Der ge­schäft­li­che Er­folg der al­ten Fir­ma (we­gen der in­ter­na­tio­na­len Ver­flech­tun­gen für da­ma­li­ge Ver­hält­nis­se fast ein glo­bal play­er) blieb un­ter sei­ner Be­tei­li­gung so groß, dass Seyff­ardt es sich leis­ten konn­te, le­dig­lich als „sit­zen­der Teil der Fir­ma“ zu fun­gie­ren, das hei­ßt, ihm stand das Vor­recht zu „selbst den An­teil an der Pflicht­ar­beit der Ac­cociés zu be­stim­men, den ich je­weils für mei­ne Per­son im In­ter­es­se des Ge­schäf­tes für er­sprie­ß­lich hal­ten wür­de“. 

 

Seit den 1840er Jah­ren war Seyff­ardt im öf­fent­li­chen Le­ben ak­tiv. 1848 wur­de er Mit­glied des Ar­bei­ter­ver­eins Kre­feld, am 1.1.1852 Prä­si­dent des Land­wehr-Un­ter­stüt­zungs­ver­eins Kre­feld, war zeit­wei­se Vor­sit­zen­der im Turn­ver­ein 1855, Mit­glied des Ver­wal­tungs­rats der Sei­den-Trock­nungs­an­stalt und Er­gän­zungs­rich­ter am Han­dels­ge­richt. Der Han­dels­kam­mer Kre­feld ge­hör­te er von 1862 bis 1864 als stell­ver­tre­ten­des, 1865 bis 1887 als or­dent­li­ches Mit­glied an. So in Kre­feld schon gut ver­netzt, über­nahm er auch wich­ti­ge Auf­ga­ben in der Kom­mu­nal­po­li­tik: Von 1863 bis 1865 und ab 1867 war er Mit­glied der städ­ti­schen Ar­men­ver­wal­tung, ab April 1869 de­ren Vor­sit­zen­der. 1868 wur­de er (für die II. Ab­tei­lung) in die Stadt­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lung ge­wählt, und am 4.12.1884 wähl­te man ihn zum un­be­sol­de­ten Bei­ge­ord­ne­ten der Stadt Kre­feld, am 23.1.1885 be­stä­tigt und am 9.4.1885 in sein Amt ein­ge­führt. Die­se städ­ti­schen Äm­ter hat­te er bis zu sei­nem To­de in­ne. 

Auch auf über­ört­li­cher Ebe­ne en­ga­gier­te sich der Li­be­ra­le Seyff­ardt. Am 8.11.1869 wur­de er, nach­dem Carl Her­mann Kan­nen­gie­ßer (1820–1882) sein Man­dat nie­der­ge­legt hat­te, in ei­ner Er­satz­wahl im Wahl­kreis Düs­sel­dorf 11: Kre­feld in den Reichs­tag des Nord­deut­schen Bun­des ge­wählt. Zwei Jah­re spä­ter, bei der Wahl zum Reichs­tag am 3.3.1871, reich­te es bei Seyff­ardt nicht mehr für ein Man­dat, der Wahl­kreis Kre­feld ging mit gro­ßer Mehr­heit an das Zen­trum, das dort bis 1933 je­weils sei­nen Kan­di­da­ten di­rekt durch­set­zen konn­te. Bei dem schon recht mo­der­nen Reichs­tags­wahl­rech­t (wahl­be­rech­tigt wa­ren al­le Män­ner über 25 Jah­re) wirk­te sich der star­ke An­teil der Ka­tho­li­ken in Kre­feld aus. Bei den Wah­len zum Ab­ge­ord­ne­ten­haus des Preu­ßi­schen Land­tags ga­ran­tier­te das Drei­klas­sen­wahl­recht zu­nächst noch, das ein na­tio­nal­li­be­ra­les Man­dat in Kre­feld, zu­mal auch die Ka­tho­li­ken zu­nächst dem li­be­ra­len Kan­di­da­ten ih­re Stim­me ga­ben: Seyff­ardt wur­de 1873 im Wahl­kreis Düs­sel­dorf 10: Kre­feld ge­wählt. Am 14.2.1880 wur­de sein Man­dat für un­gül­tig er­klärt, an sei­ner Stel­le wur­de der Zen­trums­mann Cor­ne­li­us Bal­du­in Trim­born (1824-1889) ge­wählt. 1882 ge­lang Seyff­ardt noch­mals der Ein­zug in den Preu­ßi­schen Land­tag, auch 1883 bei ei­ner we­gen der Un­gül­tig­keits­er­klä­rung sei­nes Man­dats er­for­der­li­chen Nach­wahl. 1885 ging aber auch der Kre­fel­der Land­tags­wahl­kreis dau­er­haft an das Zen­trum, weil – auch im Drei­klas­sen­wahl­recht - bei je­der Land­tags­wahl mit stei­gen­der Ein­woh­ner­zahl die Ge­samt­zahl der Wahl­män­ner wuchs, zu­guns­ten des Zen­trums. Die Ent­wick­lung in Kre­feld ist auch vor dem Hin­ter­grund des dort er­bit­tert aus­ge­tra­ge­nen Kul­tur­kamp­fes zu se­hen. Es kam zu bri­san­ten Wahl­kämp­fen bei al­len Wah­len, ins­be­son­de­re um die Per­son des Kan­di­da­ten der Li­be­ra­len, L. F. Seyff­ardt. Man griff ihn an we­gen sei­ner an­fangs dis­tan­zier­ten Hal­tung der Kon­fes­si­ons­schu­le ge­gen­über, wäh­rend er spä­ter mehr als ge­nug An­griffs­flä­che bot we­gen sei­ner er­klär­ten schar­fen Geg­ner­schaft die­ser Schul­art ge­gen­über. Zu­gleich be­kämpf­te man ihn als pro­non­cier­ten li­be­ra­len Kul­tur­kämp­fer. Die Aus­ein­an­der­set­zung in der Schul­fra­ge, die als „Kre­fel­der Schul­streit“ mehr­fach das Preu­ßi­sche Ab­ge­ord­ne­ten­haus be­schäf­tig­te, heiz­te Seyff­ardts Bro­schü­re „Die ka­tho­li­sche Volks­schu­le am Nie­der­rhein un­ter geist­li­cher Lei­tun­g“ mäch­tig an. Dort rech­ne­te er mit den Ver­säum­nis­sen der geist­li­chen Schul­auf­sicht scharf ab, zu­mal die Li­be­ra­len ei­ne sehr po­si­ti­ve Bi­lanz der von ih­nen ge­pfleg­ten Schul­po­li­tik vor­wei­sen konn­ten.

Nach dem Ver­lust des Kre­fel­der Land­tags­man­dats er­hielt Seyff­ardt un­ver­züg­lich das An­ge­bot, den Wahl­keis Mag­de­burg 4: Stadt­kreis Mag­de­burg als Ab­ge­ord­ne­ter zu ver­tre­ten. Die­ser Wahl­kreis, ei­ne un­ge­fähr­de­te na­tio­nal­li­be­ra­le Hoch­burg, ga­ran­tier­te für na­he­zu 15 Jah­re sei­ne Wie­der­wahl, wenn­gleich er wei­ter­hin die Kre­fel­der In­ter­es­sen mit ver­trat und auf lo­ka­ler Ebe­ne – ins­be­son­de­re als Stadt­ver­ord­ne­ter, eh­ren­amt­li­cher Bei­ge­ord­ne­ter und in der Kre­fel­der Ar­men­ver­wal­tung – tä­tig blieb. Nach den stän­di­gen Que­re­len in Kre­feld kam ihm der Wech­sel sehr ge­le­gen, war doch ei­ne so mas­si­ve An­ti-Stim­mung wie in Kre­feld nicht zu er­war­ten. Er war ein hoch­ge­ach­te­ter, ein­fluss­rei­cher Par­la­men­ta­ri­er, der ab 1886 im Frak­ti­ons­vor­stand ei­nen si­che­ren Sitz hat­te und als Kan­di­dat für das Amt ei­nes Vi­ze­prä­si­den­ten des Ab­ge­ord­ne­ten­hau­ses ge­nannt wur­de. 1897 fei­er­te Seyff­ardt hoch­ge­ehrt in Kre­feld und Ber­lin sei­nen 70. Ge­burts­tag; ein Ver­tre­ter des Zen­tral­aus­schus­ses der na­tio­nal­li­be­ra­len Par­tei, dem Seyff­ardt von 1893 bis 1898 an­ge­hör­te, nutz­te in sei­ner Fest­re­de die Ge­le­gen­heit, die­sen als „das Ge­wis­sen der Frak­ti­on“, als ei­nen li­be­ra­len Po­li­ti­ker zu fei­ern, der in ge­wis­ser Wei­se ein Stück Li­be­ra­lis­mus ver­kör­pe­re. 1898 ver­zich­te­te der mitt­ler­wei­le über 70-jäh­ri­ge Seyff­ardt auf ei­ne er­neu­te Kan­dia­tur. 

Er war wei­ter­hin Mit­glied der stän­di­gen De­pu­ta­ti­on des Deut­schen Volks­wirt­schaft­li­chen Kon­gres­ses und des Aus­schus­ses des Ver­eins für So­ci­al­po­li­tik, im Vor­sitz des „Deut­schen Ver­eins für Ar­men­pfle­ge und Wohl­tä­tig­keit“ und Eh­ren­vor­stand des Hand­wer­ker- und Bil­dungs­ver­eins Kre­feld. 

Seyff­ardt starb am 26.1.1901 in Kre­feld, wo er am 29.1.1901 auf dem städ­ti­schen Fried­hof (dem heu­ti­gen Al­ten Fried­hof) be­stat­tet wur­de. Nur ein Jahr nach sei­nem Tod be­nann­te die Kre­fel­der Stadt­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lung ei­ne Stra­ße (und zeit­wei­se auch ei­nen Platz) im Kre­fel­der Süd­be­zirk nach die­sem pro­mi­nen­ten Par­la­men­ta­ri­er. 1905 stif­te­te die Kre­fel­der Leh­rer­schaft ihm als Vor­kämp­fer der Si­mul­t­an­schu­le ein Denk­mal, das auf dem Ost­wall, in Hö­he des heu­ti­gen Po­li­zei­prä­si­di­ums, auf­ge­stellt wur­de. Bei der Ein­wei­hung des Denk­mals wür­dig­te Ober­bür­ger­meis­ter Dr. Adal­bert Oeh­ler s­ei­nen Ein­satz für die städ­ti­sche Ar­men­ver­wal­tung und nann­te ihn ei­nen un­er­müd­li­chen För­de­rer des Kre­fel­der Volks­bil­dungs- un­d ­Wohl­fahrts­we­sens. 

Quellen

Nach­lass im Stadt­ar­chiv Kre­feld (Be­stand 40/15).
Lud­wig Fried­rich Seyff­ardt, Er­in­ne­run­gen. Als Hand­schrift ge­druckt. Nach dem To­de des Ver­fas­sers in sei­nem Auf­trag über­reicht, Leip­zig 1900.

Literatur

Haun­fel­der, Bernd /Poll­mann, Klaus-Erich, Reichs­ta­g ­des Nord­deut­schen Bun­des 1867–1870. His­to­ri­sche Pho­to­gra­phi­en und bio­gra­phi­sches Hand­buch, Düs­sel­dorf 1989, S. 469.
Mann, Bern­hard (Be­arb.), Bio­gra­phi­sches Hand­buch für das preu­ßi­sche Ab­ge­ord­ne­ten­haus 1867–1918, Düs­sel­dorf 1988, S. 365.
Rös­sel, Hart­mut, Lud­wig Fried­rich Seyff­ardt (1827–1901). Samt­fa­bri­kant, Bei­ge­ord­ne­ter, Mit­glied des Reichs­ta­ges und des Preu­ßi­schen Land­ta­ges, in: Lil­la, Joa­chim (Hg.), Kre­fel­der Ab­ge­ord­ne­te, Kre­feld 2000, S. 164–173.

Seyffardt-Denkmal in der Krefelder Leyentalstraße / CC-BY-SA.

 
Zitationshinweis

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Lilla, Joachim, Ludwig Friedrich Seyffardt, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/ludwig-friedrich-seyffardt/DE-2086/lido/57c94ebb7eb1a3.88372009 (26.04.2018)