Maurus (Rudolf) Wolter

Benediktiner, Gründer der Beuroner Benediktinerkongregation (1825-1890)

Anja Ostrowitzki

Erzabt Maurus Wolter OSB. (Hauptarchiv der Erzabtei Beuron)

Mau­rus Wol­ter be­grün­de­te die Be­ne­dik­ti­ner­ab­tei Beu­ron und die Beu­ro­ner Be­ne­dik­ti­ner­kon­gre­ga­ti­on. Bei­den stand er als ers­ter Erz­abt vor. Beu­ron ent­wi­ckel­te sich zu ei­ner Keim­zel­le der be­ne­dik­ti­ni­schen Er­neue­rung im 19. Jahr­hun­dert und gab wich­ti­ge Im­pul­se für die Lit­ur­gi­sche Be­we­gung. Mit sei­nen pro­gram­ma­ti­schen Schrif­ten leg­te er die Grund­la­gen für die kon­tem­pla­ti­ve und lit­ur­gi­sche Aus­rich­tung der Klös­ter und die Ver­fas­sung des Klos­ter­ver­bands.

Ru­dolf Wol­ter, so der bür­ger­li­che Na­me, wur­de am 4.6.1825 in Bonn als drit­tes Kind des ka­tho­li­schen Lo­renz Wol­ter (1796-1876) und sei­ner ­pro­tes­tan­ti­schen Ehe­frau Eli­sa­beth Schu­ch­art (1802-1856) aus Wetz­lar ge­bo­ren. Er wur­de in der ka­tho­li­schen Stifts­kir­che ge­tauft. Der Va­ter, ein Bier­brau­er, hat­te bei der ers­ten Stadt­er­wei­te­rung nach 1825 in Im­mo­bi­li­en in­ves­tiert. Da­durch fi­nan­zi­ell un­ab­hän­gig, konn­te er sich ganz der Er­zie­hung und Bil­dung sei­ner Kin­der wid­men. Ru­dolf Wol­ter wuchs mit elf Ge­schwis­tern auf, von de­nen fünf ei­nen geist­li­chen Be­ruf wähl­ten. Zwei Brü­der wur­den eben­falls Be­ne­dik­ti­ner, Karl (1826-1859) un­d Ernst (1828-1908), spä­ter sein Nach­fol­ger als Erz­abt Pla­ci­dus.

Ru­dolf, ein erns­ter und be­gab­ter Mensch, be­such­te das Kö­nig­li­che Gym­na­si­um in Bonn (heu­te Beet­ho­ven-Gym­na­si­um). Nach dem Ab­itur stu­dier­te er ab 1844 Phi­lo­lo­gie, Phi­lo­so­phie und Theo­lo­gie an der Rhei­ni­schen Fried­rich-Wil­helms-Uni­ver­si­tät. Wie sein Bru­der Ernst ge­hör­te er zum Freun­des­kreis um Pfar­rer Wil­helm Rein­kens (1811-1889) und den Pries­ter und Phi­lo­so­phie­pro­fes­sor Franz Pe­ter Knoodt (1811-1889), der 1848 Ru­dolf Wol­ters Pro­mo­ti­on an der Phi­lo­so­phi­schen Fa­kul­tät be­treu­te. Knoodt brach­te der Grup­pe die da­mals von Neu­scho­las­ti­kern be­kämpf­te, 1857 von der rö­mi­schen In­dex­kon­gre­ga­ti­on ver­bo­te­ne Leh­re An­ton Gün­thers (1783-1863) na­he. Im Kern ging es da­bei um ei­ne Ver­bin­dung des ka­tho­li­schen Glau­bens mit der mo­der­nen Phi­lo­so­phie. Ein ein­fluss­rei­cher Kon­tra­hent war der Köl­ner Erz­bi­schof Jo­han­nes von Geis­sel, der in der ­theo­lo­gi­schen und kir­chen­po­li­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung um die Aus­rich­tung der ka­tho­li­schen Kir­che der neu­scho­las­ti­schen und ul­tra­mon­ta­nen Strö­mung an­ge­hör­te.

 

1849 be­zog Ru­dolf Wol­ter das Pries­ter­se­mi­nar in Köln. Nach der Pries­ter­wei­he am 3.9.1850 trat er sei­ne ers­te Stel­le als Vi­kar und Rek­tor der neu­en­ All­ge­mei­nen hö­he­ren Stadt­schu­le in Jü­lich an. Dort grün­de­te er 1850 den ers­ten deut­schen ka­tho­li­schen Ar­bei­ter­ver­ein (Jü­li­cher-Kran­ken-Ar­bei­ter-Ver­ein). 1852 leg­te er in Müns­ter das von der Re­gie­rung ge­for­der­te Staats­ex­amen für das gym­na­sia­le Lehr­amt ab. 1854 wur­de er nach Aa­chen an die hö­he­re Stifts­schu­le ver­setzt, wo schon sein Bru­der Ernst un­ter­rich­te­te. Die bei­den teil­ten ei­ne Woh­nung, bis Ernst Wol­ter 1855 in die ­rö­mi­sche Be­ne­dik­ti­ner­ab­tei St. Paul vor den Mau­ern ein­trat. De­ren Abt, auch An­hän­ger Gün­thers, ver­folg­te da­mals die Idee, in Rom deut­sche No­vi­zen für ei­ne Klos­ter­grün­dung in Deutsch­land her­an­zu­bil­den. Die Ge­brü­der Wol­ter und ih­re Freun­de nah­men die­ses Vor­ha­ben be­geis­tert auf, be­schäf­tig­te sie doch seit der Stu­di­en­zeit die Vor­stel­lung von ei­ner Er­neue­rung des re­li­giö­sen Le­bens mit Hil­fe der Be­ne­dik­ti­ner.

Ru­dolf Wol­ter, der den Or­dens­na­men Mau­rus er­hielt, be­gann sein No­vi­zi­at im No­vem­ber 1856 in Peru­gia. Am 15.11.1857 leg­te er in Rom Pro­fess ab. Im Som­mer 1859 hielt er sich zur Kur in Ti­vo­li auf. Dort wur­de er Ka­tha­ri­na von Ho­hen­zol­lern-Sig­ma­rin­gen (1817-1893) vor­ge­stellt, die nach ei­nem Gift­an­schlag auf ihr Le­ben ge­ra­de aus dem No­vi­zi­at des rö­mi­schen Non­nen­klos­ters Sant’Am­bro­gio ge­flo­hen war. Die Fürs­tin ver­trau­te sich dem Mönch in der Beich­te an. Die­ser trug ihr auf, beim Hei­li­gen Of­fi­zi­um An­zei­ge zu er­stat­ten. Da­durch kam ein spek­ta­ku­lä­res In­qui­si­ti­ons­ver­fah­ren in Gang.

1860 be­glei­te­ten Mau­rus und Pla­ci­dus Wol­ter die Fürs­tin auf ei­ner Pil­ger­fahrt nach Pa­läs­ti­na. Sie trug sich schon län­ger mit dem Wunsch, ein Klos­ter zu stif­ten. Güns­ti­ger konn­te die Kon­stel­la­ti­on für die Ver­wirk­li­chung ei­ner be­ne­dik­ti­ni­schen Grün­dung in Preu­ßen, erst­mals nach der Sä­ku­la­ri­sa­ti­on, nicht sein. Ka­tha­ri­na von Ho­hen­zol­lern-Sig­ma­rin­gen för­der­te die Vi­si­on Mau­rus Wol­ters aus ih­rem Ver­mö­gen und mit ih­rem Ein­fluss in Kir­che und Po­li­tik. In ei­ner Pri­vat­au­di­enz bil­lig­te Papst Pi­us IX. (1792-1878, Pon­ti­fi­kat 1846-1878) ihr Vor­ha­ben. Auf der Su­che nach ei­nem ge­eig­ne­ten Ob­jekt prüf­ten die Brü­der im Herbst 1860 ei­ni­ge ehe­ma­li­ge Klös­ter in der preu­ßi­schen Rhein­pro­vinz, un­ter an­de­rem Knecht­ste­den, Al­ten­berg und Kamp. Im frü­he­ren Do­mi­ni­ka­ner­klos­ter Ma­ter­born bei Kle­ve er­öff­ne­ten sie im Fe­bru­ar 1861 ei­ne Nie­der­las­sung. Die­se Grün­dung konn­te sich we­gen des Wi­der­stands des Ortskle­rus und man­gels bi­schöf­li­cher Un­ter­stüt­zung nicht eta­blie­ren. 1862 fi­nan­zier­te die Stif­te­rin den An­kauf des ehe­ma­li­gen Au­gus­ti­ner­chor­her­ren­stifts Beu­ron. Es lag im preu­ßi­schen Re­gie­rungs­be­zirk Sig­ma­rin­gen, der ad­mi­nis­tra­tiv mit der Rhein­pro­vinz ver­bun­den war. Mit dem Erz­bi­schof von Frei­burg war die Grün­dung ab­ge­stimmt. Wäh­rend die An­sied­lung in Beu­ron noch vor­be­rei­tet wur­de, brach­te Mau­rus Wol­ter im Herbst 1862 ei­nen No­vi­zen in die fran­zö­si­sche Be­ne­dik­ti­ner­ab­tei So­le­s­mes, wo die­ser als Gast das vor­ge­schrie­be­ne No­vi­zi­at ab­sol­vier­te. Die dor­ti­ge Neu­be­sin­nung auf den Gre­gro­ria­ni­schen Cho­ral und Abt Pros­per Gué­ran­ger (1805-1875) be­ein­druck­ten Mau­rus Wol­ter so tief, dass auch er für drei Mo­na­te blieb. Durch ge­naue Be­ob­ach­tung und zahl­rei­che Ge­sprä­che mit Gué­ran­ger ge­lang­te er zu ei­ner neu­en Vor­stel­lung vom idea­len mo­nas­ti­schen Le­ben, be­stimmt durch fest­li­che Lit­ur­gie mit Choral­ge­sang, Ge­mein­schafts­le­ben und Seel­sor­ge. Für die deut­sche Grün­dung streb­te er nun­mehr ei­ne Tren­nung von der Ab­tei St. Paul vor den Mau­ern und der Cas­si­ne­si­schen Kon­gre­ga­ti­on an. Pfings­ten 1863 wur­de das un­ab­hän­gi­ge Prio­rat Beu­ron un­ter Mau­rus Wol­ters Lei­tung fei­er­lich er­öff­net.

Wäh­rend der An­fangs­jah­re leg­te er ei­ni­ge geist­li­che Schrif­ten vor und er­ar­bei­te­te die Ver­fas­sungs­tex­te für die ge­plan­te Kon­gre­ga­ti­on. 1868 wur­de Beu­ron zur Ab­tei er­ho­ben und Mau­rus Wol­ter zum ers­ten Abt ge­weiht. Be­reits 1872 konn­te er mit ei­ni­gen Mön­chen ein Tochter­klos­ter im bel­gi­schen Ma­reds­ous be­grün­den. 1874 gab er die dor­ti­ge Lei­tung an sei­nen Bru­der Pla­ci­dus ab. Von der Durch­füh­rung des preu­ßi­schen Ge­set­zes vom 31.5.1875 ge­gen al­le ka­tho­li­schen Or­den und Kon­gre­ga­tio­nen, die nicht in der Kran­ken­pfle­ge tä­tig wa­ren, war auch Beu­ron be­trof­fen. Am 3.12.1875 muss­te das Klos­ter ge­schlos­sen wer­den. Mau­rus Wol­ter zog mit dem Gro­ß­teil des Kon­vents nach Vol­ders in Ös­ter­reich. In Beu­ron sorg­te Ka­tha­ri­na von Ho­hen­zol­lern-Sig­ma­rin­gen wäh­rend der Ab­we­sen­heit des Kon­vents für die Ver­wal­tung der Ge­bäu­de und Län­de­rei­en, bis die Mön­che mit dem Ab­bau der Kul­tur­kampf­ge­set­ze 1887 dort­hin zu­rück­keh­ren konn­ten. Abt Mau­rus wid­me­te sich in den Jah­ren des Exils in­ten­siv dem Schrei­ben: sei­ne Haupt­wer­ke sind ein mehr­bän­di­ger Psal­men­kom­men­tar und die Pra­eci­pua Ele­men­ta, in de­nen er zum Be­ne­dikt­sju­bi­lä­um 1880 sei­ne Grund­sät­ze des mön­chi­schen Le­bens dar­leg­te. Mit sei­nen Ver­öf­fent­li­chun­gen woll­te er nicht als Wis­sen­schaft­ler her­vor­tre­ten. Viel­mehr schrieb er für den kon­kre­ten Ge­brauch im kirch­li­chen Le­ben, schwer­punkt­mä­ßig zur Lit­ur­gie, zu de­ren ver­tief­te­rem Ver­ständ­nis er bei­tra­gen woll­te.

Da ein län­ge­res Asyl in Vol­ders nicht mög­lich war, grün­de­te ei­ne klei­ne­re Grup­pe in Eng­land die Ab­tei Er­ding­ton. In­des muss­te Abt Mau­rus für die grö­ße­re An­zahl der Mön­che ei­ne an­de­re Lö­sung fin­den. Ge­gen vie­le Be­den­ken, un­ter an­de­rem sei­nes Bru­ders Pla­ci­dus, fa­vo­ri­sier­te er die Grün­dung ei­nes Stadt­klos­ters im Be­ne­dik­ti­ner­stift Emaus in Prag. Die städ­ti­sche La­ge bie­te den Mön­chen gu­te Mög­lich­kei­ten, so­wohl in der Ver­kün­di­gung als auch als Künst­ler und Wis­sen­schaft­ler zu wir­ken. 1880 über­nah­men die Beu­ro­ner das Pra­ger Klos­ter. Der Kon­vent ver­grö­ßer­te sich rasch, so dass 1883 ei­ne wei­te­re Grün­dung in Ös­ter­reich-Un­garn, näm­lich im stei­ri­schen Se­ckau mög­lich wur­de. Nach der end­gül­ti­gen Ap­pro­ba­ti­on sei­ner Kon­sti­tu­tio­nen wur­de Mau­rus Wol­ter 1884 Erz­abt der da­mit er­rich­te­ten Beu­ro­ner Kon­gre­ga­ti­on und nahm sei­nen Sitz in Se­ckau. In Prag setz­te er den bis­he­ri­gen Pri­or 1885 zum ers­ten Abt ein, um nicht zwei Häu­ser lei­ten zu müs­sen. 1887 gab er auch die Lei­tung von Se­ckau ab.

Mit dem Ab­bau der Kul­tur­kampf­ge­set­ze durf­ten die Or­den seit Ja­nu­ar 1887 nach Preu­ßen zu­rück­keh­ren. Die Ab­tei Beu­ron wur­de wie­der er­öff­net und Sitz des Erz­abts so­wie Ta­gungs­ort des jähr­li­chen Ge­ne­ral­ka­pi­tels der Kon­gre­ga­ti­on. An­hal­ten­de Dif­fe­ren­zen zwi­schen Erz­abt Mau­rus und der Stif­te­rin führ­ten zum Weg­zug Ka­tha­ri­nas von Ho­hen­zol­lern-Sig­ma­rin­gen im Ju­li 1890. Wäh­rend des drit­ten Ge­ne­ral­ka­pi­tels er­krank­te Erz­abt Mau­rus und starb am 8.7.1890 in Beu­ron. Er wur­de in der Klos­ter­kir­che bei­ge­setzt.

Werke (Auswahl)

Pra­eci­pua Or­di­nis mo­nas­ti­ci Ele­men­ta, e Re­gu­la Sanc­ti Pa­tris Be­ne­dic­ti ad­um­bra­vit, testi­mo­niis or­na­vit, Brüg­ge 1880.
Psal­li­te sa­pi­en­ter: „Psal­lie­ret wei­se!“, Er­klä­rung der Psal­men im Geis­te des be­trach­ten­den Ge­bets und der Lit­ur­gie, Dem Cle­rus und Volk ge­wid­met, 5 Bde., 3. Auf­la­ge, Frei­burg 1904-1907.

Literatur

Busch­mann, Jo­han­na, Beu­ro­ner Mönch­tum, Stu­di­en zu Spi­ri­tua­li­tät, Ver­fas­sung und Le­bens­form der Beu­ro­ner Be­ne­dik­ti­ner­kon­gre­ga­ti­on von 1863 bis 1914, Müns­ter 1994.
Schä­fer, Cy­rill (Hg.), So­le­s­mes und Beu­ron, Brie­fe und Do­ku­men­te 1862 – 1914, St. Ot­ti­li­en 2013.

Die St. Mauruskapelle bei Beuron, eine Arbeit der Beuroner Kunstschule, Foto: Roland Nonnenmacher.

 
Zitationshinweis

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Ostrowitzki, Anja, Maurus (Rudolf) Wolter, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/maurus-rudolf-wolter/DE-2086/lido/57c935c3eaa642.81273483 (22.05.2018)