Ruprecht von der Pfalz

Erzbischof und Kurfürst von Köln (Episkopat 1463-1480)

Martin Bock (Frechen)

Grabfigur des Erzbischofs Ruprecht von der Pfalz im Bonner Münster. (Rheinisches Bildarchiv Köln)

Nach dem fast 50-jäh­ri­gen Epis­ko­pa­t Erz­bi­schof Diet­rich II. von Mo­ers be­fand si­ch Kur­k­öln am Ran­de des Ru­ins und in in­nen­po­li­ti­schem Auf­ruhr. Diet­rich war mit sei­ner ag­gres­si­ven Ex­pan­si­ons­po­li­tik auf gan­zer Li­nie ge­schei­tert und hat­te den Land­stän­den un­ge­wollt in die Hän­de ge­spielt, in­dem er bei­na­he al­le lan­des­herr­li­chen Be­sitz­tü­mer ver­pfän­det und den Stän­den da­mit in­di­rekt ver­kauft hat­te. Sei­nen Nach­fol­gern fehl­te da­her ei­ne so­li­de Macht­ba­sis, ent­spre­chend stark und selbst­be­wusst prä­sen­tier­ten sich die Stän­de - Dom­ka­pi­tel, Gra­fen, Rit­ter und Städ­te - ge­gen­über den künf­ti­gen Kur­fürs­ten. Nach Diet­richs Tod fi­xier­ten sie ih­re An­sprü­che 1463 in ei­ner Er­b­lan­des­ver­ei­ni­gung, die ih­nen nicht nur deut­lich mehr Mit­spra­che­rech­te, son­dern auch ein Wi­der­stands­recht ge­gen den Erz­bi­schof und in der Kon­se­quenz die zu­min­dest vor­über­ge­hen­de selb­stän­di­ge Über­nah­me der Re­gie­rung ein­räum­te. Der ers­te, der sich die­sen Be­stim­mun­gen zu un­ter­wer­fen hat­te, und auch der ers­te, ge­gen den die­sel­ben An­wen­dung fan­den, war Ru­precht von der Pfalz.

Ru­precht kam am 27.2.1427 in Hei­del­berg als jüngs­ter Sohn des pfäl­zi­schen Kur­fürs­ten Lud­wig dem Bär­ti­gen (1378-1436) und des­sen zwei­ter Frau Mecht­hild von Sa­vo­yen (1390-1438) zur Welt. Mit drei äl­te­ren Brü­dern war ihm die geist­li­che Lauf­bahn vor­be­stimmt; be­reits als Kind er­hielt er ei­ne ers­te Pfrün­de beim Main­zer Dom­ka­pi­tel. 1439 be­such­te er die Uni­ver­si­tät Hei­del­berg - viel­mehr ei­ne ih­rer zum Stu­di­um füh­ren­den Schu­len –, er­warb je­doch we­der hier noch in Köln, wo er sich am 20.12.1443 im­ma­tri­ku­lier­te, ei­nen Ab­schluss. Er tat da­mit den for­ma­len An­for­de­run­gen ge­nü­ge, die ei­ne Auf­nah­me ins Köl­ner Dom­ka­pi­tel mit sich brach­te, wel­che ihm 1442 ge­lun­gen war. Der Ein­tritt in die­ses ne­ben Straß­burg ei­ne von nur zwei edel­frei­en, das heisst aus­schlie­ß­lich dem hö­he­ren Adel vor­be­hal­te­nen Stif­ten be­deu­te­te ei­ne aus­sichts­rei­che Po­si­ti­on für den Er­werb wei­te­rer Pfrün­den und Di­gni­tä­ten und war ent­spre­chend be­gehrt und in der Re­gel nur durch Ver­mitt­lung durch Ver­wand­te oder Ver­bün­de­te mög­lich. Für­spre­cher Ru­prechts war sein Vet­ter, der Köl­ner Dom­propst Ste­phan von Pfalz-Sim­mern (1421-1485).

Die Wahl Ru­prechts zum Erz­bi­schof muss auch im Lich­te die­ser fa­mi­liä­ren Bin­dung ge­se­hen wer­den, denn das Dom­ka­pi­tel er­hoff­te sich von den Pfäl­zern Bei­stand im Fal­le mög­li­cher Aus­ein­an­der­set­zun­gen nach der Wahl, und Ru­prechts Bru­der Fried­rich (1425-1476) hat­te sich kurz zu­vor bei ähn­li­chen Ver­wer­fun­gen in­fol­ge der Main­zer Erz­bi­schofs­wahl des Jah­res 1459 als hilf­reich er­wie­sen.

Ob­wohl das Köl­ner Ka­pi­tel je­doch so­wohl den von Bur­gund prä­sen­tier­ten Kan­di­da­ten Lud­wig von Bour­bon (1438-1482) als auch den kle­vi­schen Fa­vo­ri­ten Hein­rich von Schwarz­burg (1440-1496), bei­des ve­ri­ta­ble Prä­ten­den­ten, in den Wind schlug und statt­des­sen den blas­sen Ru­precht er­wähl­te, blieb der Frie­de er­hal­ten, so dass der jun­ge Kur­erz­bi­schof sich in den ers­ten Jah­ren sei­ner Re­gie­rung so­gar ei­nen recht gu­ten Ruf er­wer­ben konn­te. Da­bei hal­fen ihm vor al­lem fä­hi­ge pfäl­zi­sche Rat­ge­ber, die in Ver­hand­lun­gen mit den Gläu­bi­gern des Erz­stifts die Grund­la­ge für die so drin­gend er­for­der­li­che Sa­nie­rung der kur­k­öl­ni­schen Fi­nan­zen leg­ten und die Kon­flik­te mit den be­nach­bar­ten Ter­ri­to­ri­en be­frie­de­ten.

Al­ler­dings war Ru­precht wohl zu un­ge­dul­dig, um die Früch­te die­ser Po­li­tik ab­zu­war­ten, son­dern such­te sich schnell zu pro­fi­lie­ren. Der gel­dri­sche Erb­fol­ge­streit, in dem seit 1456 Ar­nold (1410-1473) und Adolf (1438-1477) von Eg­mond, Va­ter und Sohn, um die Herr­schaft im Her­zog­tum Gel­dern ran­gen, bot Ru­precht da­für ei­ne will­kom­me­ne Ge­le­gen­heit. Er ver­bün­de­te sich mit Adolf von Eg­mond und da­mit mit dem Fal­schen, denn Adolf wur­de 1471 ver­haf­tet und sein Va­ter Ar­nold als Her­zog re­sti­tu­iert. Ru­prechts Kal­kül, in die­ser Feh­de die ehe­mals kur­k­öl­ni­schen Be­sit­zun­gen Soest, Xan­ten und As­pel bei Rees zu­rück­zu­ge­win­nen, zer­stob eben­so wie die im­men­sen Mit­tel, die er zur Fi­nan­zie­rung des Feld­zugs ein­ge­setzt hat­te.

Weil ihm die Land­stän­de ei­ne zur De­ckung die­ser Aus­ga­ben er­for­der­li­che Kopf­steu­er ver­wei­ger­ten, ver­such­te Ru­precht un­ter An­wen­dung po­li­ti­schen und mi­li­tä­ri­schen Drucks die Pfand­her­ren des Erz­stifts zu neu­en, für ihn güns­ti­ge­ren Ver­trä­gen zu be­we­gen. Er scheu­te auch nicht da­vor zu­rück, mit Hil­fe sei­nes Bru­ders ein­zel­ne ver­pfän­de­te Be­sitz­tü­mer ge­walt­sam zu­rück­zu­er­obern. Ge­nau die­se Po­li­tik führ­te dann zum end­gül­ti­gen Bruch mit den Land­stän­den und ins­be­son­de­re dem Dom­ka­pi­tel. 1471 be­setz­te Ru­precht die dem Dom­ka­pi­tel ver­pfän­de­te und sehr ein­träg­li­che Zoll­fes­te Zons, um von den Dom­her­ren die Zu­stim­mung zur Steu­er zu er­pres­sen. Die­se blie­ben je­doch stand­haft, und Ru­precht muss­te Zons An­fang 1472 wie­der räu­men, nur um we­nig spä­ter ein ers­tes Mal die Stadt Neuss er­folg­los zu be­la­gern. 

Le­dig­lich Tei­le der Rit­ter­schaft und ei­ni­ge klei­ne­re Städ­te stan­den dar­auf­hin wei­ter an Ru­prechts Sei­te. Das Dom­ka­pi­tel als ers­ter Land­stand, die gro­ßen Städ­te des Erz­stifts, die er ge­gen sich auf­ge­bracht hat­te, und die üb­ri­gen In­ha­ber der ver­pfän­de­ten Be­sitz­tü­mer ver­bün­de­ten sich und wähl­ten, nach­dem Papst Six­tus IV. (Pon­ti­fi­kat 1471-1484) Ru­precht auch noch we­gen aus­ste­hen­der Dar­le­hen­s­til­gung ge­bannt hat­te, im März 1473 Her­mann von Hes­sen z­um Haupt­mann und Be­schir­mer des Erz­stifts. Da­mit rich­te­te sich das in der Er­b­lan­des­ver­ei­ni­gung ver­an­ker­te Wi­der­stands­recht der Land­stän­de aus­ge­rech­net ge­gen den Fürs­ten, der es durch sei­ne Zu­stim­mung zur Wahl­ka­pi­tu­la­ti­on selbst ein­ge­führt hat­te.

Die­se Wahl stand am An­fang der so ge­nann­ten Köl­ner Stifts­feh­de und kam ei­ner Ab­set­zung Ru­prechts gleich, der gleich­wohl kei­nes­wegs kampf­los den Platz zu räu­men ge­dach­te und den bur­gun­di­schen Her­zog Karl den Küh­nen (Re­gie­rungs­zeit 1467-1477) zu Hil­fe rief. Die­ser misch­te oh­ne­hin im na­hen Her­zog­tum Gel­dern, das er 1471 von Ar­nold von Eg­mond als Pfand er­wor­ben hat­te, mit und hat­te durch­aus In­ter­es­se, die in­ne­ren Zwis­tig­kei­ten des ge­schwäch­ten Köl­ner Erz­stifts für sei­ne Ex­pan­si­ons­po­li­tik zu nut­zen. So ließ er sich als Schirm­herr der Köl­ner Kir­che ver­pflich­ten und ging im Som­mer 1474 an ei­ne er­neu­te Be­la­ge­rung von Neuss, das als Boll­werk der stän­di­schen Op­po­si­ti­on ge­gen Ru­precht galt. Acht Mo­na­te leis­te­ten die Neus­ser Bür­ger er­folg­rei­chen Wi­der­stand und er­hiel­ten als Dank zahl­rei­che Pri­vi­le­gi­en von Kai­ser Fried­rich III. (Re­gie­rungs­zeit 1440-1493) ver­lie­hen, der nach lan­gem Zö­gern im Früh­jahr 1475 doch noch Hilfs­trup­pen schick­te und da­mit den Bur­gun­der­her­zog in die Knie zwang. Für Neuss be­gann, be­flü­gelt durch den My­thos der Un­be­sieg­bar­keit und dank der neu­en kai­ser­li­chen Rech­te, ein gol­de­nes Jahr­hun­dert, für Habs­burg war, weil Karl der Küh­ne der Ver­hei­ra­tung sei­ner Toch­ter Ma­ria (1457-1482) mit Fried­richs Sohn, dem spä­te­ren Kai­ser Ma­xi­mi­li­an I. (1459-1519) zu­stim­men muss­te, die Tür zu ei­nem Welt­reich auf­ge­sto­ßen.

Für Ru­precht al­ler­dings wa­ren die Aus­sich­ten deut­li­cher schlech­ter. Zwar ver­such­te er sich in den nächs­ten Jah­ren wei­ter zu be­haup­ten, doch bra­chen im­mer mehr Städ­te und Äm­ter aus dem ihn un­ter­stüt­zen­den Bünd­nis weg, und 1476/1477 star­ben mit sei­nem Bru­der Fried­rich und Karl dem Küh­nen sei­ne wich­tigs­ten Un­ter­stüt­zer. Im März 1478 wur­de er von Trup­pen Her­manns von Hes­sen ge­fan­gen ge­nom­men, die ihn je­doch recht mil­de be­han­del­ten. Ihm wur­de so­gar der Be­halt des Erz­bi­schof­s­ti­tels und ei­ne an­ge­mes­se­ne Pen­si­on an­ge­bo­ten, wenn er frei­wil­lig re­si­gnier­te. Die­ses Vor­ge­hen zeigt, dass so­wohl die Be­völ­ke­rung als auch die Land­stän­de trotz al­ler Ver­wer­fun­gen ei­nen nicht zu un­ter­schät­zen­den Re­spekt vor der na­tür­li­chen Ord­nung und ih­rem er­wähl­ten Herrn ge­gen­über heg­ten. Ru­precht wil­lig­te schlie­ß­lich im Sep­tem­ber 1479 ein, und ob­wohl in der Haft er­zwun­gen, war die­ser Kon­sens als Er­geb­nis für die Be­tei­lig­ten von un­ge­heu­rer Wich­tig­keit, dies si­cher­lich auch im Lich­te der Tat­sa­che, dass Ru­precht als geist­li­cher Ober­hir­te durch­aus zu über­zeu­gen ver­mocht und sich Ver­diens­te et­wa bei der Klos­ter­re­form und der Diö­ze­san­ver­wal­tung er­wor­ben hat­te. Auch an per­sön­li­cher Fröm­mig­keit man­gel­te es Ru­precht of­fen­bar nicht, und an­ders als bei­spiels­wei­se sein Vor­vor­gän­ger Fried­rich von Saar­wer­den be­folg­te er die ri­tu­el­len Kon­se­quen­zen, die sich für ihn aus dem Kir­chen­bann er­ga­ben.

Prak­ti­sche Aus­wir­kun­gen hat­te die­ser zwi­schen Ru­precht und Her­mann von Hes­sen aus­ge­han­del­te Kon­sens je­doch nicht mehr, denn noch wäh­rend die Land­stän­de und der zum Stifts­ver­we­ser auf­ge­stie­ge­ne Hes­se auf die not­wen­di­ge apos­to­li­sche Be­stä­ti­gung der Ver­ein­ba­rung war­te­ten, starb Ru­precht von der Pfalz am 16.7.1480 in sei­nem Ge­fäng­nis auf der Burg Blan­ken­stein bei Gla­den­bach. Sein Tod ent­le­dig­te die Ku­rie und auch den Kai­ser­hof der Ver­pflich­tung zu ent­schei­den, ob das Dom­ka­pi­tel über­haupt recht­mä­ßig ge­han­delt ha­be, das sich den Vor­wurf ge­fal­len las­sen muss­te, es ha­be selbst die Re­gie­rung des Erz­stifts an sich rei­ßen wol­len und des­we­gen Ru­prechts Haft in die Län­ge ge­zo­gen. Ver­letz­te Ei­tel­kei­ten wer­den si­cher ei­ne Rol­le ge­spielt ha­ben, denn ei­ne Bei­set­zung Ru­prechts im Köl­ner Dom, die ihm ei­gent­lich zu­ge­stan­den hät­te, zu­mal nach sei­nem Tod auch der päpst­li­che Bann ge­löst wur­de, lehn­te das Ka­pi­tel ab. Der Stifts­ver­we­ser und Nach­fol­ger Her­mann von Hes­sen er­rich­te­te ihm dar­auf­hin ein präch­ti­ges Grab­mal im Bon­ner Müns­ter.

Literatur

Gil­liam, H., Der Neus­ser Krieg. Wen­de­punkt der eu­ro­päi­schen Ge­schich­te, in: Neuss, Bur­gund und das Reich, Neuss 1975.
Jans­sen, Wil­helm, Der Ver­zicht des Erz­bi­schofs Ru­precht von der Pfalz auf das Erz­bis­tum Köln um die Jah­res­wen­de 1478/89, in: Voll­rath, Han­na/Wein­fur­ter, Ste­fan (Hg.), Köln. Stadt und Bis­tum in Kir­che und Reich des Mit­tel­al­ters. Fest­schrift für Odi­lo En­gels zum 65. Ge­burts­tag, Köln [u.a.] 1993, S. 659-700.
Jans­sen, Wil­helm, Das Erz­bis­tum Köln im spä­ten Mit­tel­al­ter 1191-1515, 1. Teil (Ge­schich­te des Erz­bis­tums Köln, 2.1), Köln 1995, S. 277-287.
Nei­di­ger, Bern­hard, Erz­bi­schö­fe, Lan­des­her­ren und Re­form­kon­gre­ga­tio­nen, in: Rhei­ni­sche Vier­tel­jahrs­blät­ter 54 (1990), S. 19-77.
Wid­der, El­len, Kar­rie­re im Wind­schat­ten. Zur Bio­gra­phie Ru­prechts von Köln (1427-1478), in: Wid­der, El­len/Mer­siow­sky, Mark/Jo­ha­n­ek, Pe­ter (Hg.), Ves­ti­gia Mo­nas­te­ri­en­sia. West­fa­len – Rhein­land – Nie­der­lan­de, Bie­feld 1995, S. 29-72.

Online

Gro­ten, Man­fred, „Ru­precht von der Pfal­z“, in: Neue Deut­sche Bio­gra­phie 22 (2005), S. 286-287. [On­line]
Ul­rich, Adolf,„Ru­precht von der Pfal­z“, in: All­ge­mei­ne Deut­sche Bio­gra­phie 29 (1889), S. 729-730. [On­line]

 
Zitationshinweis

Bitte geben Sie beim Zitieren dieses Beitrags die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Bock, Martin, Ruprecht von der Pfalz, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/ruprecht-von-der-pfalz/DE-2086/lido/57cd2407f12682.33601366 (18.07.2018)