Salentin von Isenburg

Erzbischof und Kurfürst von Köln (1567-1577)

Martin Bock (Frechen)

Salentin von Isenburg, Porträt, Kupferstich, um 1570. (Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn)

Sa­len­tin von Isen­burg war si­cher­lich der welt­lichs­te un­ter den Köl­ner Erz­bi­schö­fen des 16. Jahr­hun­derts. Schon vor sei­ner Wahl stand fest, dass er die Kur­wür­de nur so­lan­ge über­neh­men wür­de, bis er aus dy­nas­ti­schen Grün­den als Lan­des­herr in sei­ne klei­ne Graf­schaf­t Isen­burg-Grenzau zu­rück­keh­ren ­müss­te. Den­noch ging er die wäh­rend und durch die Re­gie­run­gen sei­ner Vor­gän­ger an­ge­häuf­ten Pro­ble­me de­s Erz­stifts tat­kräf­tig an un­d ­schaff­te ei­ne zu­min­dest vor­über­ge­hen­de Sta­bi­li­sie­rung.

An­ge­sichts der wech­sel­haf­ten und kir­chen­po­li­tisch schwie­ri­gen Re­gie­run­gen nach 1556 dräng­ten bei der an­ste­hen­den Neu­wahl so­wohl Kai­ser und Papst als auch das Her­zog­tum Bay­ern, das ei­ne kon­se­quen­te Se­kun­do­ge­ni­tur-Po­li­tik für sei­ne Prin­zen ver­folg­te, auf Mit­spra­che. Der Papst ver­wen­de­te sich für den Augs­bur­ger Bi­schof Kar­di­nal Ot­to von Wald­burg (Epis­ko­pat 1543-1573), was der Kai­ser in bes­se­rer Kennt­nis der Mehr­heits­ver­hält­nis­se im Köl­ner Dom­ka­pi­tel je­doch nicht un­ter­stütz­te. Ihm lag al­ler­dings auch an ei­ner ka­tho­li­schen Lö­sung, um das kon­fes­sio­nel­le Gleich­ge­wicht im Reich nicht zu ge­fähr­den. Die im Dom­ka­pi­tel ver­ein­ten Ad­li­gen schlie­ß­lich woll­ten sich die Chan­cen künf­ti­ger Pfrün­den nicht ver­bau­en, oh­ne sich für oder ge­gen ei­ne be­stimm­te Kir­chen­po­li­tik ver­ein­nah­men zu las­sen. Die­se li­ber­tä­re und kon­fes­sio­nell kaum be­stimm­te Hal­tung war ein Kenn­zei­chen des Reich­sa­dels über­haupt. Dass die Wahl am 23.12.1567 auf Sa­len­tin von Isen­burg fiel, kann da­her als Kom­pro­miss aus al­len Po­si­tio­nen ver­stan­den wer­den, der nicht zu viel Scha­den an­rich­ten wür­de.

Sa­len­tin ent­stamm­te ei­ner Sei­ten­li­nie des weit ver­zweig­ten Gra­fen­ge­schlechts der Isen­bur­ger, die vor­nehm­lich im Wes­ter­wald be­gü­tert wa­ren. Schon zum Zeit­punkt sei­ner Ge­burt im Jahr 1538 war der Fort­be­stand der Dy­nas­tie nur schwach ge­si­chert: sei­ne El­tern, Graf Hein­rich von Isen­burg (1522-1552) und Mar­ga­re­te von Wert­heim (ge­stor­ben 1538), hat­ten drei Söh­ne (Jo­hann, Sa­len­tin und An­ton) und zwei Töch­ter, wo­bei der äl­tes­te Sohn früh ver­starb. Da­mit rück­te der schon in ei­ne geist­li­che Lauf­bahn ge­ge­be­ne Jo­hann in der Erb­fol­ge an die ers­te Stel­le, starb aber be­reits im Jahr 1565. Trotz der fa­mi­li­en­po­li­tisch in­sta­bi­len Si­tua­ti­on er­hielt auch Sa­len­tin im Jahr 1548 sei­ne ers­ten geist­li­chen Pfrün­den als Dom­herr in Mainz und Straß­burg; Köln folg­te 1552. Am Köl­ner Ge­re­on­stift hat­te er 1562-1567 das De­ka­nat in­ne, dar­in wohl sei­nen On­kel Ger­lach von Isen­burg (ge­stor­ben 1562) be­er­bend. Nach der Rück­tritts­an­kün­di­gun­g Fried­richs IV. von Wied wur­de er im Au­gust 1567 zum Sub­de­kan des Köl­ner Dom­ka­pi­tels und da­mit in ei­ne ge­eig­ne­te Aus­gangs­po­si­ti­on für die Nach­fol­ge im Erz­bis­tum ge­wählt.

Der neue Erz­bi­schof war auf der ei­nen Sei­te ein auf­rich­ti­ger, ja ge­ra­de­zu kämp­fe­ri­scher Ka­tho­lik. An­de­rer­seits un­ter­hielt er bes­te Be­zie­hun­gen et­wa zum mehr­heit­lich pro­tes­tan­tisch ori­en­tier­ten Wet­ter­au­er Gra­fen­ver­ein, des­sen Söh­ne da­mit wei­ter­hin gu­te Aus­sich­ten auf Pfrün­den im Erz­stift hat­ten. Und schlie­ß­lich war klar, dass Sa­len­tin, der nach dem Tod sei­nes Bru­ders Jo­hann die Lan­des­herr­schaft in Isen­burg-Grenzau über­nom­men hat­te, bei der nächs­ten pas­sen­den Ge­le­gen­heit von sei­nem geist­li­chen Amt re­si­gnie­ren wür­de, um ei­ne Fa­mi­lie zu grün­den und für den Fort­be­stand sei­ner Fa­mi­lie Sor­ge zu tra­gen. Das Dom­ka­pi­tel hat­te da­mit al­so auf der ei­nen Sei­te ein sei­nem Stand ent­spre­chen­des, deut­li­ches Si­gnal an die ka­tho­li­schen Kräf­te ge­ge­ben, sich aber gleich­zei­tig al­le Mög­lich­kei­ten ent­ge­gen ei­ner kon­fes­si­ons­po­li­tisch ein­deu­ti­gen Ver­or­tung of­fen ge­hal­ten.

In dem Wis­sen, un­ter den ge­ge­be­nen Um­stän­den der best­mög­li­che Kan­di­dat zu sein, ent­wi­ckel­te Sa­len­tin ein gro­ßes Selbst­be­wusst­sein, das ihn auch, an­ders als sei­nen Vor­gän­ger Fried­rich von Wied, ei­nen im­mer­hin sechs­jäh­ri­gen Kampf um die apos­to­li­sche Be­stä­ti­gung sei­nes Epis­ko­pats durch­ste­hen ließ. Wäh­rend Pi­us IV. (Pon­ti­fi­kat 1559-1565) und Pi­us V. (Pon­ti­fi­kat 1566-1572) noch ri­go­ros auf dem Tri­den­ti­ni­schen Glau­benseid be­stan­den hat­ten, ak­zep­tier­te Gre­gor XIII. (Pon­ti­fi­kat 1572-1585) ei­ne ei­gens für Sa­len­tin for­mu­lier­te und vom Nun­ti­us Kas­par Grop­per (1519-1594), ei­nem ehe­ma­li­gen Köl­ner Dom­her­ren, aus­ge­han­del­te Ei­des­for­mel, die ihm den Sta­tus quo als gleich­zei­ti­ger Erz­bi­schof und welt­li­cher Lan­des­herr er­mög­lich­te, oh­ne die Pries­ter­wei­he zu emp­fan­gen und da­mit auf die dy­nas­ti­sche Ab­si­che­rung sei­ner Herr­schaft zu ver­zich­ten. Gre­gors Zu­ge­ständ­nis­se gin­gen so­gar so weit, Sa­len­tin im April 1574 auch noch als Ad­mi­nis­tra­tor des Bis­tums Pa­der­born an­zu­er­ken­nen. So er­folg­reich Sa­len­tins Po­li­tik ge­gen­über der Ku­rie war, so sehr hat­te er das Dom­ka­pi­tel ge­gen sich auf­ge­bracht. Da­bei griff er Vor­stö­ße sei­ner bei­den Vor­gän­ger auf und woll­te so­wohl die recht­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen für ei­ne ef­fi­zi­en­te Lan­des­herr­schaft im Erz­stift Köln ver­bes­sern als auch das Dom­ka­pi­tel mit in die Ver­ant­wor­tung für die Sa­nie­rung der ma­ro­den Fi­nan­zen neh­men. So for­der­te er et­wa die Her­aus­ga­be der Stadt Zons, die seit 1463 an das Dom­ka­pi­tel ver­pfän­det war und mit ih­rem Zoll rei­che Ein­künf­te ga­ran­tier­te. Das Ka­pi­tel wei­ger­te sich, aber Sa­len­tin be­saß ge­nug Chuz­pe, die Fes­tung kur­zer­hand mit ei­ge­nen Trup­pen zu be­set­zen. In der Fol­ge führ­te er ei­nen jah­re­lan­gen Rechts­streit vor dem Wie­ner Reichs­hof­rat ge­gen sein ei­ge­nes Dom­ka­pi­tel, den er am En­de ver­lor und der das zer­rüt­te­te Ver­hält­nis zwi­schen bei­den Sei­ten be­sie­gel­te. Dem­entspre­chend we­nig emp­fäng­lich wa­ren die Dom­her­ren für Sa­len­tins Plan, den Her­zo­g Ernst von Bay­ern zu sei­nem Nach­fol­ger in Köln zu wäh­len, wäh­rend in­ Pa­der­born der auch in Köln als Kan­di­dat ge­han­del­te Her­zog Hein­rich von Sach­sen-Lau­en­burg (1550-1585) zum Zu­ge kom­men soll­te, der al­ler­dings Pro­tes­tant war. Mit die­ser Lö­sung woll­te Sa­len­tin bei­den Kon­fes­si­ons­par­tei­en ge­fal­len, schei­ter­te aber am hef­ti­gen Wi­der­stand des Köl­ner Dom­ka­pi­tels, das sich in sei­ner Wahl­frei­heit nicht be­schrän­ken las­sen woll­te und an­stel­le von Ernst am 5.12.1577 Geb­hard Truch­sess von Wald­burg zu­m Erz­bi­schof und Kur­fürs­ten wähl­te. Es ist be­zeich­nend, dass Sa­len­tin, der zwei Mo­na­te zu­vor, am 13. Sep­tem­ber, sei­nen Rück­tritt er­klärt hat­te, zu sei­nem Ab­schieds­mahl kei­nen ein­zi­gen Dom­herrn ein­ge­la­den hat­te.

Al­ler­dings blieb der ehe­ma­li­ge Erz­bi­schof ein ein­fluss­rei­cher und wich­ti­ger Po­li­ti­ker und Feld­herr im Erz­stift. Nach sei­ner Hoch­zeit mit An­to­nia Wil­hel­mi­ne von der Mark-Aren­berg-Li­gne (1557-1626) am 10.12.1577 in Bonn kam er zu­nächst sei­nen dy­nas­ti­schen Pflich­ten nach und zeug­te zwei Söh­ne. Der jün­ge­re, Ernst (1584-1664), brach­te es im­mer­hin zum Ge­ne­ral der spa­ni­schen Ar­til­le­rie und Gou­ver­neur von Lu­xem­burg. Als sein Nach­fol­ger Geb­hard von Wald­burg ei­nen neu­er­li­chen Re­for­ma­ti­ons­ver­such in Kur­k­öln un­ter­nahm, bat Kai­ser Ru­dolf II. (Re­gie­rungs­zeit 1576-1612) den ehe­ma­li­gen Lan­des­herrn um Be­ob­ach­tung und Be­richt­er­stat­tung. Es muss für Sa­len­tin ei­ne be­son­de­re Ge­nug­tu­ung ge­we­sen sein, als das Dom­ka­pi­tel ihn ei­nen Mo­nat spä­ter er­such­te, sich um den Schutz der kur­k­öl­ni­schen Be­sit­zun­gen zu küm­mern. Im April 1583 über­nahm er als Ge­ne­ral­ver­wal­ter die Füh­rung der kur­k­öl­ni­schen Trup­pen, die er in man­che Schlacht ge­gen Geb­hard und sei­ne An­hän­ger führ­te. Über das mi­li­tä­ri­sche En­ga­ge­ment kehr­te er auch wie­der zu­neh­mend in die Lan­des­po­li­tik zu­rück: 1587 er­nann­te ihn Erz­bi­schof Ernst von Bay­ern zum Statt­hal­ter im Erz­stift, als der er 1594 am Reichs­tag zu Re­gens­burg teil­nahm. Er ließ sich al­ler­dings nicht nur für kur­k­öl­ni­sche Diens­te ver­ein­nah­men, son­dern trat auch als kai­ser­li­cher Kom­mis­sar bei Land­ta­gen auf, und be­setz­te da­mit ei­ne Schlüs­sel­po­si­ti­on an den Schnitt­stel­len von Reichs- und Lan­des­po­li­tik.

Sa­len­tin starb im ho­hen Al­ter von 78 Jah­ren am 19.12.1610 auf sei­nem Stamm­sitz, der Isen­burg, und wur­de in der Fa­mi­li­en­grabstät­te in der Ab­tei­kir­che von Rom­mers­dorf bei­ge­setzt. Für den Zu­stand der Köl­ner Kir­che im 16. Jahr­hun­dert ist es be­mer­kens­wert, dass aus­ge­rech­net der­je­ni­ge Herr­scher, der aus­schlie­ß­lich Kur­fürst und nur dem Ti­tel nach Erz­bi­schof war, sich die grö­ß­ten Ver­diens­te um die Wie­der­her­stel­lung ge­ord­ne­ter Ver­hält­nis­se er­wer­ben konn­te.

Literatur (Auswahl)

Bos­bach, Franz, Isen­burg, Sa­len­tin Graf von (um 1532-1610), in: Gatz, Er­win (Hg.), Die Bi­schö­fe des Hei­li­gen Rö­mi­schen Rei­ches 1448 bis 1648, Ber­lin 1996, S. 327-330.
Graff, Karl Hein­rich, Der Köl­ner Kur­fürs­t ­Sa­len­tin von Isen­burg, Köln 1937.
Kampschul­te, Hein­rich Jo­han­nes, Sa­len­tin von Isen­burg, frei­re­si­gnier­ter Chur­fürst und Erz­bi­schof von Köln so­wie Ad­mi­nis­tra­tor des Fürst­bis­tums Pa­der­born, in: Zeit­schrift für Va­ter­län­di­sche Ge­schich­te und Al­ter­tums­kun­de 32.2 (1874), S. 20-32.
Kohl, Wil­helm, „Sa­len­tin von Isen­burg", in: Bio­gra­phisch-Bi­blio­gra­phi­sches Kir­chen­le­xi­kon 17 (2000), Sp. 1186-1188.
Los­sen, Max, Der Köl­ni­sche Krieg, 2 Bän­de, Go­tha/Mün­chen 1882/1897.
Mo­li­tor, Hans­ge­org, Das Erz­bis­tum Köln im Zeit­al­ter der Glau­bens­kämp­fe 1515-1688 (Ge­schich­te des Erz­bis­tums Köln 3), Köln 2008, S. 192-208.

Salentin von Isenburg, Porträt, Kupferstich, um 1570. (Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn)

 
Zitationshinweis

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Bock, Martin, Salentin von Isenburg, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/salentin-von-isenburg/DE-2086/lido/57c941c3388031.60037803 (26.04.2018)