Theodor Lerner

Polarforscher (1866-1931)

Andrea Rönz (Linz am Rhein)

Theodor Lerner, Porträtfoto, vor 1931. (Familienbesitz)

Theo­dor Ler­ner war ein aus Ant­wei­ler (Ei­fel) stam­men­der Po­lar­for­scher und Jour­na­list. Er nahm als For­scher und Be­richt­er­stat­ter zwi­schen 1896 und 1914 an sie­ben Ark­tis-Ex­pe­di­tio­nen teil, dar­un­ter die ers­te Über­win­te­rung von Men­schen auf Spitz­ber­gen. 1898/1899 schei­ter­te die von ihm ge­plan­te An­ne­xi­on der Bä­ren­in­sel für das Deut­sche Reich.

Ler­ner wur­de am 10.4.1866 in Ant­wei­ler an der Ahr als Sohn des dor­ti­gen Bür­ger­meis­ters Ju­li­us Ler­ner (ge­stor­ben 1923) und des­sen Frau Ma­ria Mag­da­le­na ge­bo­re­ne Men­gel­bier (ge­stor­ben 1924) ge­bo­ren. 1871 zog die Fa­mi­lie nach Linz am Rhein, wo der Va­ter bis 1910 Stadt­bür­ger­meis­ter war. Theo­dor Ler­ner be­such­te dort zu­nächst die ka­tho­li­sche Volks­schu­le und ab 1876 das Lin­zer Pro­gym­na­si­um (heu­te Mar­ti­nus-Gym­na­si­um). Die klas­si­sche alt­phi­lo­lo­gi­sche Aus­rich­tung der Schu­le ent­sprach sei­nen Ta­len­ten je­doch nicht, so dass er nach we­ni­gen Jah­ren auf ein Gym­na­si­um nach Düs­sel­dorf (zwi­schen­zeit­lich auch auf das Gym­na­si­um in Neu­wied) wech­sel­te. In Düs­sel­dorf wur­de kurz vor dem Ab­itur Ler­ners Zu­ge­hö­rig­keit zu ei­ner ver­bo­te­nen Schü­ler­ver­bin­dung be­kannt, wes­halb er die Schu­le ver­las­sen muss­te.

Theo­dor Ler­ner be­gann dar­auf­hin ein Ju­ra-Stu­di­um in Würz­burg. Er trat der dor­ti­gen Bur­schen­schaft Cim­bria bei und er­warb sich schon bald den Ruf ei­nes her­vor­ra­gen­den Fech­ters. Nach we­ni­gen Se­mes­tern wech­sel­te Ler­ner an die Uni­ver­si­tät Bonn, be­en­de­te sein Stu­di­um der Rech­te, der Me­di­zin und der Na­tio­nal­öko­no­mie je­doch oh­ne Ab­schluss. Auch das an­schlie­ßen­de Vo­lon­ta­ri­at bei der Bür­ger­meis­te­rei in Linz brach Ler­ner nach kur­zer Zeit ab.

Er zog statt­des­sen nach Bre­men und un­ter­nahm von dort aus als Zahl­meis­ter­an­wär­ter meh­re­re Schiffs­rei­sen nach Eng­land, Spa­ni­en und Süd­ame­ri­ka. Be­reits als Her­an­wach­sen­den in Linz hat­te die Schiff­fahrt Theo­dor Ler­ner fas­zi­niert. Er hat­te je­de freie Mi­nu­te am Rhein ver­bracht und Freund­schaft mit den Schif­fern ge­schlos­sen. So­gar bei Eis­gang war der gu­te Sport­ler im Rhein ge­schwom­men. Es folg­ten Rei­sen in die USA als Tel­ler­wä­scher, Koh­len­trim­mer oder Ver­tre­ter für Würz­bur­ger Hof­bräu. Fahr­ten auf Fisch­damp­fern nach Nor­we­gen und Is­land be­geis­ter­ten ihn für die Ark­tis. Zwi­schen­durch kehr­te Ler­ner mehr­fach nach Deutsch­land zu­rück, un­ter an­de­rem, um ei­nen ein­jäh­ri­gen Mi­li­tär­dienst ab­zu­leis­ten.

1896 und 1897 war Theo­dor Ler­ner auf Spitz­ber­gen an den Vor­be­rei­tun­gen zur Ex­pe­di­ti­on des Schwe­den Sa­lo­mon Au­gust An­drée (1854-1897) be­tei­ligt, der mit zwei wei­te­ren Män­nern den Nord­pol in ei­nem Was­ser­stoff-Bal­lon über­que­ren woll­te. Als Be­richt­er­stat­ter für ei­nen Ber­li­ner Ver­lag hielt er die deut­sche Öf­fent­lich­keit über das viel­be­ach­te­te Un­ter­neh­men auf dem Lau­fen­den. Nach­dem die schwe­di­sche Ex­pe­di­ti­on ver­schol­len war, lei­te­te Ler­ner 1898 auf dem ehe­ma­li­gen Fisch­damp­fer „Hel­go­land" ei­ne mit Hil­fe der Reichs­ma­ri­ne aus­ge­rüs­te­te For­schungs­rei­se um Spitz­ber­gen auf der ver­geb­li­chen Su­che nach den Bal­lon­fah­rern. Im sel­ben Jahr be­an­spruch­te er die auf hal­bem Weg zwi­schen Nord­kap und Spitz­ber­gen ge­le­ge­ne Bä­ren­in­sel für das Deut­sche Reich, die er auf­grund ih­rer Koh­le­vor­kom­men und als ge­eig­ne­ten Stütz­punkt für die deut­sche Hoch­see­fi­sche­rei aus­er­ko­ren hat­te. Doch da Russ­land eben­falls An­sprü­che auf die Bä­ren­in­sel er­hob, ver­sag­te das Deut­sche Reich Ler­ner 1899 die Un­ter­stüt­zung. In Nor­we­gen ver­spot­te­te man den ver­hin­der­ten Ko­lo­ni­al­herrn dar­auf­hin als „Ne­bel­fürst".

Theo­dor Ler­ner kehr­te nach Deutsch­land zu­rück und hei­ra­te­te 1902 in Ber­lin die Schrift­stel­le­rin Il­se von Stach (1879-1941). Die Ehe wur­de nach nur we­ni­gen Jah­ren ge­schie­den. Im Som­mer 1906 reis­te er im Auf­trag sei­nes Ber­li­ner Ver­lags wie­der nach Spitz­ber­gen, um über die Ex­pe­di­ti­on des Ame­ri­ka­ners Wal­ter Well­man (1858-1934) zu be­rich­ten, der den Nord­pol mit ei­nem Luft­schiff über­que­ren woll­te. Vor Nord­spitz­ber­gen nahm sein Schiff die Pas­sa­gie­re des ha­va­rier­ten fran­zö­si­schen Tou­ris­ten­damp­fers „Ile de Fran­ce" auf. Ler­ner rühm­te die­se Be­geg­nung spä­ter als „deutsch-fran­zö­si­sche Ver­brü­de­rung auf dem 80. Brei­ten­grad". Well­mans Pol­que­rung hat­te un­ter­des­sen auf den Som­mer 1907 ver­scho­ben wer­den müs­sen. Auch beim zwei­ten Ver­such war Ler­ner wie­der vor Ort. Dies­mal stieg das Luft­schiff auf, stürz­te je­doch nach nur we­ni­gen Ki­lo­me­tern wie­der ab. Ler­ner mach­te sich so­fort auf die Su­che nach den In­sas­sen und konn­te die­se auch tat­säch­lich bald von ei­nem Glet­scher­feld zu­rück­füh­ren.

1907/1908 er­warb sich Theo­dor Ler­ner Ruhm durch die ers­te Über­win­te­rung von Men­schen auf Spitz­ber­gen. Zu­sam­men mit dem Nor­we­ger Hjal­mar Jo­han­sen (1867-1913), dem Ge­fähr­ten Fri­dtjof Nan­sens (1861-1930) bei des­sen Vor­stoß zum Nord­pol 1895, ver­brach­te er die Po­lar­nacht in ei­ner Hüt­te auf Kap Bo­he­man. Ab April 1908 über­quer­ten die bei­den dann Nord­spitz­ber­gen über ei­ne Dis­tanz von et­wa 300 Ki­lo­me­tern – auch dies ei­ne Pio­nier­leis­tung. Auf der Rück­rei­se mit dem ös­ter­rei­chi­schen Ver­gnü­gungs­damp­fer „Tha­lia" be­geg­ne­te Ler­ner sei­ner spä­te­ren zwei­ten Ehe­frau Ly­dia Stolt­ze (1873-1954), Toch­ter des Frank­fur­ter Schrift­stel­lers Adolf Stolt­ze (1842-1933). Zu­rück in Deutsch­land kam es für kur­ze Zeit zu ei­ner Zu­sam­men­ar­beit Ler­ners mit den Luft­schiff­kon­struk­teu­ren Au­gust von Par­se­val (1861-1942) und Fer­di­nand Graf von Zep­pe­lin (1838-1917), die un­ab­hän­gig von­ein­an­der ei­ne Po­l­ex­pe­di­ti­on im Luft­schiff plan­ten.

1913 or­ga­ni­sier­te Ler­ner ei­ne Hilfs­ak­ti­on zur Ret­tung der ver­schol­le­nen Ark­tis-Ex­pe­di­ti­on von Her­bert Schrö­der-Stranz (1884-1912). Sepp All­gei­er (1895-1968), der spä­te­re Ka­me­ra­mann Le­ni Rie­fen­stahls (1902-2003), be­glei­te­te und ver­film­te die letzt­lich ver­geb­li­che Su­che Ler­ners nach der Ex­pe­di­ti­on. Be­reits im fol­gen­den Jahr brach Ler­ner im Auf­trag der Sencken­ber­gi­schen Na­tur­for­schen­den Ge­sell­schaft und der Stadt Frank­furt er­neut zu ei­ner For­schungs­rei­se nach Spitz­ber­gen auf. Der Aus­bruch des Ers­ten Welt­kriegs be­en­de­te die Ex­pe­di­ti­on je­doch vor­zei­tig. Ler­ner wur­de an die West­front ab­kom­man­diert und auf­grund gro­ßer Tap­fer­keit im Ver­lauf des Kriegs zum Leut­nant und Kom­pa­nie­füh­rer be­för­dert.

1926 war Ler­ner noch ein­mal an Ver­hand­lun­gen zur Durch­füh­rung ei­ner deutsch-rus­si­schen Ark­tis-Ex­pe­di­ti­on mit Flug­boo­ten der Fried­richs­ha­fe­ner Dor­nier-Wer­ke be­tei­ligt. Da er zu die­ser Zeit je­doch be­reits schwer herz­krank war, wur­den die Pla­nun­gen ein­ge­stellt. Theo­dor Ler­ner starb am 12.5.1931 in Frank­furt und wur­de auf dem dor­ti­gen Haupt­fried­hof bei­ge­setzt. Nach ihm sind die Ler­ner­in­seln im Nor­den von Spitz­ber­gen, das Lern­er­kap an der Nord­west­küs­te der zum Kö­nig-Karl-Land zäh­len­den Abe­lin­sel und der Ler­ner­weg auf der Bä­ren­in­sel be­nannt.

Werke

Po­lar­fah­rer. Im Ban­ne der Ark­tis, hg. von Frank Ber­ger, Zü­rich 2005.

Literatur

Mo­se­bach, Mar­tin, Der Ne­bel­fürst (Ro­man), Frank­furt a. M. 2001.

Pod­lech, Wil­helm, Theo­dor Ler­ner. Po­lar­for­scher in der Ark­tis, in: Hei­mat-Ka­len­der für den Kreis Neu­wied 1962, S. 40-42.

Rönz, An­drea, Theo­dor Edu­ard Ju­li­us Ler­ner (1866-1931), Po­lar­for­scher, in: Rhei­ni­sche Le­bens­bil­der 19 (2013), S: 197-220.

 
Zitationshinweis

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Rönz, Andrea, Theodor Lerner, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/theodor-lerner/DE-2086/lido/57c93f98cf4499.89117355 (26.04.2018)