Walter Gorrish

Schriftsteller (1909–1981)

Helmut Müller-Enbergs (Berlin)

Walter Gorrish in seinem Arbeitszimmer in Berlin-Wilhelmsruh, Porträtfoto, August 1950. (Bundesarchiv, Bild 183-T00099, Foto: Horst Sturm)

Wal­ter Gor­rish war von 1949 bis 1981 frei­schaf­fen­der Schrift­stel­ler und Sze­na­rist in der DDR. 

Ge­bo­ren wur­de Wal­ter Kai­ser – das Pseud­onym Gor­rish nahm er erst spä­ter an – am 22.11.1909 in Wup­per­tal-Bar­men als Sohn ei­nes Bau­ar­bei­ters. Die Volks­schu­le be­such­te er in Bar­men, lern­te an­schlie­ßend den Be­ruf des Stucka­teur-Mo­del­leurs, in dem er auch tä­tig wur­de. Mit 18 Jah­ren trat er 1928 in den Kom­mu­nis­ti­schen Ju­gend­ver­band Deutsch­lands (KJVD), 1931 in die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei Deutsch­lands (KPD) ein. Nach der „Macht­er­grei­fun­g“ der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten emi­grier­te er zu­nächst in die Nie­der­lan­de, von dort nach Bel­gi­en und Frank­reich. Wäh­rend des Spa­ni­schen Bür­ger­kriegs ent­sand­te ihn sei­ne Par­tei von 1936 bis 1939 als In­ter­bri­ga­dist nach Spa­ni­en, wo er als Of­fi­zier Ad­ju­tant von Lud­wig Renn (1889-1979), des Chefs des Stabs der XI. In­ter­na­tio­na­len Bri­ga­de war. Mit der Auf­lö­sung der In­ter­na­tio­na­len Bri­ga­den kehr­te er nach Frank­reich zu­rück, wo er 1939 in­ter­niert und im Ju­ni 1940 an das Deut­sche Reich aus­ge­lie­fert wur­de. Der Volks­ge­richts­hof klag­te ihn we­gen „Vor­be­rei­tung zum Hoch­ver­ra­t“ an und ver­ur­teil­te ihn zu drei Jah­ren Zucht­haus. Nach Ver­bü­ßung der Haft wur­de er 1943 zu ei­ner „Be­wäh­rungs­ein­heit“ der Wehr­macht ein­ge­zo­gen, der ins­be­son­de­re „Wehr­un­wür­di­ge“ und „Kriegs­tä­ter“ an­ge­hör­ten und die als Straf­di­vi­si­on 999 be­kannt wur­de; bei ei­nem Ein­satz 1944 auf der Krim lief er zur Ro­ten Ar­mee über. 

1945 kehr­te Wal­ter Gor­rish nach Deutsch­land zu­rück und war als Of­fi­zier we­sent­lich am Auf­bau der Deut­schen Volks­po­li­zei (DVP) in der So­wje­ti­schen Be­sat­zungs­zo­ne be­tei­ligt. Das Mit­glied der KPD trat der So­zia­lis­ti­schen Ein­heits­par­tei Deutsch­lands (SED) bei und gab 1949 den Dienst bei der DVP zu­guns­ten des Da­seins ei­nes frei­schaf­fen­den Schrift­stel­lers auf. Ne­ben­her ge­hör­te er dem Vor­stand des Deut­schen Schrift­stel­ler­ver­ban­des, von 1963 bis 1967 dem Zen­tral­ko­mi­tee der SED so­wie dem So­li­da­ri­täts­ko­mi­tee des spa­ni­schen Vol­kes an. 

Wal­ter Gor­rish ver­fass­te zahl­rei­che Ro­ma­ne, Er­zäh­lun­gen und Film­dreh­bü­cher, in de­nen er aus mar­xis­tisch-le­ni­nis­ti­scher Per­spek­ti­ve zu­meist sei­ne Er­leb­nis­se in Spa­ni­en und Frank­reich ver­ar­bei­te­te. Sein Ro­man „Um Spa­ni­ens Frei­heit“, der den Spa­ni­schen Bür­ger­krieg idea­li­siert, aber im­mer­hin be­son­ders die so­zia­le La­ge in Spa­ni­en be­han­delt, er­schien zu­erst 1946 im Auf­bau-Ver­lag in Ber­lin, er­reich­te drei Auf­la­gen mit 20.000 Ex­em­pla­ren, und er­schien in un­ga­ri­scher und pol­ni­scher Über­set­zung im Jah­re 1951 und so­gar 1977 und 1980 in der Bun­des­re­pu­blik, wo er von links­ge­rich­te­ten Ver­la­gen als Raub­druck zu­letzt un­ter dem Ti­tel „Tö­te mich, ich will le­ben“ er­schien. Un­ter ei­nem an­de­ren Ti­tel, „Mich dürs­te­t“ – ver­filmt un­ter der Re­gie von Karl Pa­ry­la – wur­de er 1956 ei­ne Art Best­sel­ler. Der Auf­bau-Ver­lag druck­te vier Auf­la­gen, der Deut­sche Mi­li­tär­ver­lag, wo der Ro­man eben­falls er­schien, brach­te gleich 45.000 Ex­em­pla­re her­aus. Nach „Die drit­te Ku­gel“ (1950) war Gor­rish mit „Die tö­nern­de Spur“, im glei­chen Jahr im Auf­bau-Ver­lag ver­öf­fent­licht, ein ähn­li­cher Er­folg be­schie­den. Der Ro­man er­hielt meh­re­re Auf­la­gen und wur­de ins Rus­si­sche und ins Mol­daui­sche über­setzt. Gor­rish hat dar­in mit dem jü­di­schen Arzt Achim ei­ne an­ti­fa­schis­ti­sche Fi­gur ge­zeich­net, de­ren po­li­ti­sche Ein­stel­lung im Spa­ni­schen Bür­ger­krieg wur­zelt und in ei­nem fran­zö­si­schen In­ter­nie­rungs­la­ger han­delt. Nach dem Aben­teu­er­ro­man „Als der Mor­gen grau­te“ und „Wind­stär­ke Nul­l“ (bei­des 1953 pu­bli­ziert), hat­te Wal­ter Gor­rish mit „En­gel im Fe­ge­feu­er“ im Jah­re 1971 ei­nen ähn­li­chen Er­folg. Der Ro­man soll­te meh­re­re Nach­auf­la­gen er­le­ben und auch auf Rus­sisch er­schei­nen.

Wal­ter Gor­rish schrieb 1960 die Er­zäh­lung und das viel be­ach­te­te Dreh­buch zu „Fünf Pa­tro­nen­hül­sen“, die Re­gie führ­te Frank Bey­er. In dem Film spiel­te Er­win Ge­schon­neck die Rol­le des Kom­mis­sar Wit­ting, Ar­min Mu­el­ler-Stahl den Fran­zo­sen Pier­re und Man­fred Krug den Po­len Oleg. Vor der Ku­lis­se des Spa­ni­schen Bür­ger­kriegs for­dert Gor­rish als ethisch-mo­ra­li­sche Ma­xi­me die un­ein­ge­schränk­te So­li­da­ri­tät zur DDR, für die man Ent­beh­run­gen auf sich neh­men müs­se – im Film ist es der Durst, in der Ge­gen­wart die Man­gel­wirt­schaft. 

Wei­te­re Dreh­bü­cher ver­fass­te er 1958 zu „Jahr­gang 21“ und 1962 zu „Kö­nigs­kin­der“, aber­mals ver­filmt un­ter der Re­gie von Frank Bey­er. 1960 schloss er das Büh­nen­ma­nu­skript „Re­vol­te der Ge­füh­le“ ab, das auch als Film­spiel aus­ge­strahlt wur­de und mit dem Trak­to­ris­ten Ge­org Ben­der ei­nen „Re­pu­blik­flüch­ti­gen“ und des­sen Er­fah­run­gen in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land be­schreibt. „En­gel im Fe­ge­feu­er“ er­schien 1964 zu­erst als Film. Das Dreh­buch schrieb er zu­sam­men mit sei­ner Frau Edith Gor­rish, die selbst Dreh­bü­cher ver­fass­te wie zu „Schwar­zer Zwie­back“; das Buch selbst ging erst­ma­lig 1971 in Druck, er­leb­te meh­re­re Nach­auf­la­gen und er­schien 1976 auch auf Rus­sisch. 

Wal­ter Gor­rish starb am 19.1.1981 und wur­de in Ber­lin-Pan­kow be­stat­tet. 

Werke (Auswahl)

Um Spa­ni­en­s Frei­heit. Ro­man, Ber­lin 1946; auf Un­ga­risch Szépi­ro­dal­mi, Könyv­ki­adó, Bu­da­pest 1951; auf Pol­nisch Za wol­ność Hisz­pa­nii, Wyd. mi­nis­terstwa obro­ny nar­odo­wej Pra­sa, War­schau 1951; als Raub­druck im Ver­lag Mor­gen­son­ne o.O. 1977 und im Ver­lag Kämp­fen­de Ju­gend, Köln 1977.

Die drit­te Ku­gel, Ber­lin 1950.

Die tö­nern­de Spur, Ber­lin 1950, 1958. Ekoul pašilor, Ed. de stat Kar­t­ja mol­do­ven­jas­kè, Kiši­nèu 1964; Zvučaščij sled zd. in­o­st­ran­noj li­te­ra­tu­ry, Mos­kau 1961.

Als der Mor­gen grau­te, Ber­lin 1953.

Wind­stär­ke Null, Ber­lin 1953.

Mich dürs­tet, Auf­bau-Ver­lag, Ber­lin 1956; Ver­lag des Mi­nis­te­ri­ums für Na­tio­na­le Ver­tei­di­gung, Ber­lin 1956; Deut­schen Mi­li­tär­ver­lag, Ber­lin 1970.

Fünf Pa­tro­nen­hül­sen. Ei­ne Er­zäh­lung in Bil­dern, Ber­lin 1960.

Re­vol­te der Ge­füh­le, Hen­schel Ver­lag, Ber­lin 1960.

En­gel im Fe­ge­feu­er. Er­zäh­lung, Auf­bau-Ver­lag, Ber­lin 1971; An­gel v či­sti­lišče po­vest' Iz­da­tel'stvo Pro­gress, Mos­kau 1976.

Tö­te mich, ich will le­ben, Guhl-Ver­lag, Ber­lin 1980.

Literatur

As­holt, Wolf­gang/Rei­ne­cke, Rü­di­ger/Schlun­de, Su­san­ne (Hg.), Der Spa­ni­sche Bür­ger­krieg in der DDR, Frank­furt/Main 2009.

Hei­mann, Tho­mas, Bil­der von Bu­chen­wald. Die Vi­sua­li­sie­rung des An­ti­fa­schis­mus in der DDR (1945–1990), Köln 2005.

Poss, In­grid/ War­ne­cke, Pe­ter (Hg.), Spur der Fil­me. Zeit­zeu­gen über die ­De­fa. Ber­lin 2006.

 
Zitationshinweis

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Müller-Enbergs, Helmut, Walter Gorrish, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/walter-gorrish/DE-2086/lido/57c6d47eb413d6.16595609 (25.05.2018)