Walter Kaesbach

Kunsthistoriker (1879-1961)

Lothar Weiß (Frechen)

Walter Kaesbach anlässlich der Verleihung des goldenen Ehrenrings der Stadt Mönchengladbach an seinem 76. Geburtstag. (Stadtarchiv Mönchengladbach)

Wal­ter Kaes­bach präg­te als Di­rek­tor der Kunst­aka­de­mie Düs­sel­dorf von 1924 bis 1933 de­ren Ruf als För­de­rin der Mo­der­ne. Er un­ter­stütz­te die Künst­ler des Ex­pres­sio­nis­mus und stif­te­te sei­ne Pri­vat­samm­lung sei­ner Hei­mat­stadt Mön­chen­glad­bach.

Wal­ter Carl Jo­seph Kaes­bach wur­de am 18.1.1879 in Mön­chen­glad­bach als Sohn des Ge­richts­se­kre­tärs und spä­te­ren Syn­di­kus der Han­dels­kam­mer Carl (Karl) Jo­sef Kaes­bach (1839-1928) und sei­ner Ehe­frau An­na Pe­tro­nella, ge­bo­re­ne Hüls­mann (1844-1892), in ei­ne ka­tho­li­sche Kauf­manns­fa­mi­lie hin­ein ge­bo­ren. Der Bild­hau­er Ru­dolf Kaes­bach (1873-1955) war ei­ner sei­ner drei Brü­der. Sei­nen ein­zi­gen Sohn, den 1917 un­ehe­lich ge­bo­re­nen Wal­ter Joa­chim Kaes­bach, ge­bo­re­ner Pas­sen­heim, ad­op­tier­te er im Jahr 1923. Von 1931 bis zu sei­nem Le­bens­en­de wohn­te er mit sei­ner Le­bens­ge­fähr­tin Mar­ga­re­te Pau­li­ne (Pau­la) Heß (1909-1991) zu­sam­men, die seit 1930 sei­ne Haus­häl­te­rin war.

Nach dem Ab­itur auf der städ­ti­schen Ober­re­al­schu­le Rhe­ydt (heu­te Stadt Mön­chen­glad­bach) be­gann Kaes­bach ab 1899 das Stu­di­um, zu­nächst der Na­tio­nal­öko­no­mie und dann der Kunst­ge­schich­te un­ter an­de­rem in Leip­zig und Ber­lin, das der Va­ter fi­nan­zi­ell gro­ßzü­gig un­ter­stütz­te. Kaes­bach wur­de 1905 in Straß­burg bei dem be­kann­ten Kunst­his­to­ri­ker Ge­org G. J. Dehio (1850-1932) zum Dr. phil. pro­mo­viert. Die Be­kannt­schaft mit dem Kunst­mä­zen Karl Ernst Ost­haus (1874-1921) in Ha­gen in West­fa­len brach­te ihn in Kon­takt mit der mo­der­nen Kunst. Hier lern­te er auch den Ma­ler Chris­ti­an F. Rohlfs (1849-1938) ken­nen. Von 1906 an ar­bei­te­te Kaes­bach in der Na­tio­nal­ga­le­rie Ber­lin als Vo­lon­tär bei Hu­go von Tschu­di (1851-1911) und ab 1919 als wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter un­ter Lud­wig Jus­ti (1876-1957).

Kaes­bach un­ter­nahm meh­re­re Stu­di­en­rei­sen ins Aus­land. Er be­tei­lig­te sich 1911 an der Um­bau­kam­pa­gne der Na­tio­nal­ga­le­rie nach den Kri­te­ri­en der Mu­se­ums­re­form­be­we­gung. 1912 be­such­te Kaes­bach die „In­ter­na­tio­na­le Aus­stel­lung des Son­der­bun­des West­deut­scher Kunst­freun­de und Künst­ler“ in Köln, von der ent­schei­den­de Im­pul­se für die Mo­der­ne aus­gin­gen. Zu Be­ginn des Ers­ten Welt­kriegs 1914 mel­de­te er sich frei­wil­lig als Kran­ken­pfle­ger und wur­de in ei­ner Sa­ni­täts­ab­tei­lung in Flan­dern (Bel­gi­en) ein­ge­setzt, wo er mit meh­re­ren Künst­lern Kon­tak­te be­gann, die er spä­ter fort­setz­te. 1916 or­ga­ni­sier­te Kaes­bach die ers­te Kunst­aus­stel­lung an der West­front in Re­thel (Ar­den­nen, Bel­gi­en). Nach dem En­de des Kriegs­diens­tes 1918 war er bis 1919 am Auf­bau der „Ga­le­rie der Le­ben­den“ im Ber­li­ner Kron­prin­zen­pa­lais be­tei­ligt. Als Di­rek­tor des Städ­ti­schen (An­ger)Mu­se­ums in Er­furt konn­te Kaes­bach in den Jah­ren 1920-1924 ein Mu­se­um im mo­der­nen Stil auf­bau­en und sein Netz­werk wich­ti­ger Be­zie­hun­gen aus­bau­en. Für die An­käu­fe fand er gro­ße Un­ter­stüt­zung bei der Fa­mi­lie des jü­di­schen Schuh­fa­bri­kan­ten Al­fred Hess (1879-1931).

Sei­ne Pri­vat­samm­lung von 97 zeit­ge­nös­si­schen Wer­ken, vor­wie­gend der deut­schen Ex­pres­sio­nis­ten, über­trug er durch den „Kunst­ver­ein der Dr.-Wal­ter-Kaes­bach-Stif­tung e. V.“ der Stadt Mön­chen­glad­bach für ei­ne Aus­stel­lung, die 1922 er­öff­net wur­de. Die an­ge­mes­se­ne dau­er­haf­te Prä­sen­ta­ti­on der Samm­lung be­rei­te­te der Stadt je­doch gro­ße Mü­he, zu­mal die Wer­ke der zeit­ge­nös­si­schen Kunst auf viel­fa­che Ab­leh­nung stie­ßen; erst 1928 fand die Samm­lung ih­ren end­gül­ti­gen Stand­ort. Im Zu­ge der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Kam­pa­gne „Ent­ar­te­te Kunst“ 1937 wur­de der grö­ß­te Teil der Samm­lung be­schlag­nahmt, nach Ber­lin ge­bracht, weit un­ter Wert ver­kauft oder ver­nich­tet. Als Tei­ler­satz schenk­te Kaes­bach 1954 an­läss­lich sei­nes 75. Ge­burts­ta­ges der Stadt Mön­chen­glad­bach sei­ne neu an­ge­leg­te Samm­lung von Aqua­rel­len und Zeich­nun­gen von Hein­rich Nau­en. Mit der Er­nen­nung zum Di­rek­tor der tra­di­ti­ons­rei­chen Staat­li­chen Kunst­aka­de­mie Düs­sel­dorf am 10.10.1924 be­gann der wich­tigs­te Ab­schnitt im Wir­ken Kaes­bachs im Rhein­land. Auf Vor­schlag des preu­ßi­schen Kul­tus­mi­nis­ters be­zie­hungs­wei­se Staats­se­kre­tärs Carl Hein­rich Be­cker (1876-1933) wur­de er als Nach­fol­ger des Ma­lers Fritz Ro­eber (1851-1924) ein durch­set­zungs­star­ker Ver­tre­ter der Re­form der in Er­star­rung ver­har­ren­den Kunst­hoch­schu­len und Aka­de­mi­en in Preu­ßen (laut Be­cker „geis­ti­ge An­ti­ken­kam­mern“). Sei­ne Be­ru­fung als ers­ter Nicht­künst­ler in der Aka­de­mie­ge­schich­te zum Vor­ge­setz­ten eta­blier­ter Künst­ler und Leh­rer war höchst um­strit­ten, da ihm der Ruf ei­nes en­er­gi­schen, pro­gres­si­ven Mo­der­ni­sie­rers vor­aus­eil­te. Für Kaes­bach galt es, nach der Schlie­ßung von Aka­de­mi­en aus Spar­zwän­gen, die Exis­tenz der ein­zi­gen noch ver­blie­be­nen preu­ßi­schen Kunst­aka­de­mie ne­ben Ber­lin zu si­chern. Ein neu­es Aus­bil­dungs­kon­zept, er­wei­tert um die Be­rei­che Städ­te­bau, Wer­bung und Büh­nen­kunst, soll­te die Be­rufs­chan­cen der Aka­de­mie­ab­sol­ven­ten in ei­ner Zeit gro­ßer wirt­schaft­li­cher Not ver­bes­sern. Die Zahl der Schü­ler wur­de ver­rin­gert, die Leh­rer­aus­bil­dung er­wei­tert und die Aka­de­mie­räu­me er­hiel­ten ei­ne Mo­der­ni­sie­rung. We­gen der bes­se­ren kon­ser­va­to­ri­schen Be­treu­ung ließ Kaes­bach 1932 die Kunst­samm­lun­gen der Aka­de­mie auf das Städ­ti­sche Mu­se­um Düs­sel­dorf über­tra­gen. Mit ver­stärk­ter Öf­fent­lich­keits­ar­beit warb er für die Aka­de­mie. Im Ja­nu­ar 1932 stan­den erst­mals sämt­li­che Ate­liers für das Pu­bli­kum of­fen, wie es noch bis heu­te wäh­rend der „Rund­gän­ge“ ge­schieht. Kaes­bach ge­lang es, mit An­na Si­mons (1871-1951) ei­ne an­ge­se­he­ne Schrift­künst­le­rin und meh­re­re Ver­tre­ter der Mo­der­ne als Leh­rer zu ge­win­nen, wie Hein­rich Cam­pen­donk, Wal­ter von We­cus (1893-1977), Wer­ner Heu­ser (1880-1964), Alex­an­der Zschok­ke (1894-1981), Cle­mens Holz­meis­ter (1886-1983), Paul Klee (1879-1940) und Ewald Ma­ta­ré.

Da­bei be­weg­te sich Kaes­bachs Be­ru­fungs­po­li­tik im All­ge­mei­nen in­ner­halb des eta­blier­ten zeit­ge­nös­si­schen Spek­trums. Je­doch wur­de die Be­ru­fung Klees vom Bau­haus Des­sau im Jahr 1931 hef­tig dis­ku­tiert. Das Be­triebs­kli­ma an der Aka­de­mie litt stark un­ter den Be­ru­fun­gen und dem künst­le­ri­schen Rich­tungs­streit die­ser Jah­re. Je­doch fand Kaes­bach bis 1933 die vor­be­halt­lo­se Rü­cken­de­ckung durch das Preu­ßi­sche Kul­tus­mi­nis­te­ri­um in Ber­lin und den Re­gie­rungs­prä­si­den­ten in Düs­sel­dorf als Ku­ra­tor der Aka­de­mie. In der Aka­de­mie ver­band ihn nicht nur mit dem be­reits 1921 be­ru­fe­nen Pro­fes­sor und Ma­ler Hein­rich Nau­en ei­ne Freund­schaft.

Die be­ruf­li­che Kar­rie­re Kaes­bachs en­de­te ab­rupt mit der Macht­über­nah­me der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten 1933. Nach Hetz­pro­pa­gan­da, In­tri­gen und sei­nem ver­geb­li­chen kurz­zei­ti­gen Ver­such ei­nes Ar­ran­ge­ments mit den neu­en Macht­ha­bern wur­de er am 29.3.1933 des Am­tes ent­ho­ben und er­hielt Haus­ver­bot, um schlie­ß­lich am 6.4.1933 bei ei­ner er­heb­li­chen Kür­zung sei­ner Be­zü­ge zwangs­pen­sio­niert zu wer­den. An­stel­le Kaes­bachs über­nahm der kon­ser­va­ti­ve Tier­ma­ler Ju­li­us Paul Jung­hanns (1876-1958) für rund ein hal­bes Jahr die kom­mis­sa­ri­sche Lei­tung der Aka­de­mie, um ei­nen dras­ti­schen Per­so­nal­ab­bau durch­zu­set­zen. Kaes­bach ver­kauf­te sein Düs­sel­dor­fer Haus und zog mit sei­ner Le­bens­ge­fähr­tin Heß nach Hem­men­ho­fen (heu­te Ge­mein­de Gai­en­ho­fen) am Bo­den­see, um je­der­zeit bei Ge­fahr in Ver­zug mit ei­nem Boot in die freie Schweiz flüch­ten zu kön­nen. Dort hielt er Kon­tak­te zu sei­nen Künst­ler­freun­den und wid­me­te sich der Gar­ten­ar­beit.

Nach En­de des Zwei­ten Welt­kriegs ver­an­stal­te­te die Stadt Über­lin­gen am Bo­den­see un­ter Kaes­bachs Ver­ant­wor­tung schon im Herbst 1945 die ers­te Aus­stel­lung ver­folg­ter und „ent­ar­te­ter“ Künst­ler mit dem pro­gram­ma­ti­schen Ti­tel „Deut­sche Kunst un­se­rer Zeit“. Bis zu sei­nem To­de un­ter­hielt er stän­di­ge Kon­tak­te ins Rhein­land, un­ter an­de­rem zum Lei­ter des Städ­ti­schen Mu­se­ums Mön­chen­glad­bach, Hein­rich Dat­ten­berg (1902-1986). Das En­ga­ge­ment Kaes­bachs für sei­ne Ge­burts­stadt und die mo­der­ne bil­den­de Kunst wur­de mit Aus­zeich­nun­gen ge­wür­digt. Die Stadt Mön­chen­glad­bach ver­lieh ihm 1954 den Gol­de­nen Eh­ren­ring, das Bun­des­ver­dienst­kreuz 1. Klas­se er­hielt er 1959 an­läss­lich der Voll­endung sei­nes 80. Le­bens­jah­res.
Mit Wal­ter Kaes­bach starb am 1.6.1961 in Kon­stanz am Bo­den­see ein För­de­rer der mo­der­nen Kunst, ins­be­son­de­re des Ex­pres­sio­nis­mus in Deutsch­land und ein Re­for­mer für ei­ne fort­schritt­li­che Künst­ler- und Kunst­leh­rer­aus­bil­dung an der Kunst­aka­de­mie Düs­sel­dorf für das Rhein­land.

Quellen

Ku­now­ski, Lo­thar von, Die Kunst­hoch­schu­le. Ei­ne Ein­füh­rung in Lehr­gang u. Zie­le, Düs­sel­dorf 1929.
Die Kunst­hoch­schu­le von heu­te, Kunst­aka­de­mie Düs­sel­dorf 1932.

Literatur

Bau­er, Chris­toph/Stark, Bar­ba­ra (Hg.), Wal­ter Kaes­bach – Men­tor der ­Mo­der­ne, Ka­ta­log zur Dop­pel­aus­stel­lung „Mo­der­ne am Bo­den­see. Wal­ter Kaes­bach und sein Kreis“, Lan­gen­wil 2008.
Feh­lemann, Sa­bi­ne, Wal­ter Kaes­bach, hg. von der Glad­ba­cher Bank AG von 1922, Mön­chen­glad­bach 1991.
Feh­lemann, Sa­bi­ne, Wal­ter Kaes­bach Stif­tung 1922-1937. Das Schick­sal ei­ner Samm­lung „ent­ar­te­ter“ Kunst, 2. Auf­la­ge, Mön­chen­glad­bach 1991.
Kla­pheck, An­na, Wal­ter Kaes­bach und die zwan­zi­ger Jah­re an der Düs­sel­dor­fer Kunst­aka­de­mie, Aus­ga­be der Staat­li­chen Kunst­aka­de­mie Düs­sel­dorf, er­schie­nen zum Tod Wal­ter Kaes­bachs am 1. Ju­ni 1961, Düs­sel­dorf 1961.
Weiß, Lo­thar, Wal­ter Kaes­bach (1879-1961), Kunst­his­to­ri­ker, in: Rhei­ni­sche Le­bens­bil­der 19 (2013), S. 221-252.
Wend­land, Ul­ri­ke, Bio­gra­phi­sches Hand­buch deutsch­spra­chi­ger Kunst­his­to­ri­ker im Exil. Le­ben und Werk der un­ter dem Na­tio­nal­so­zia­lis­mus ver­folg­ten und ver­trie­be­nen Wis­sen­schaft­ler, Band 1, Mün­chen 1999, S. 348-351.

 
Zitationshinweis

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Weiß, Lothar, Walter Kaesbach, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/walter-kaesbach/DE-2086/lido/57c9310d9c0586.93184123 (abgerufen am 20.08.2019)