Wilhelm Schmidtbonn

Schriftsteller (1876-1952)

Pia Heckes (Bonn)

Wilhelm Schmidtbonn, undatiertes Porträtfoto von Becker & Maass, Berlin. (Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn)

Die Wer­ke des Bon­ner Schrift­stel­lers Wil­helm Schmidtbonn ge­hör­ten zwi­schen 1900 und 1930 zu den häu­fig auf­ge­führ­ten Büh­nen­stü­cken in Deutsch­land. Wäh­rend der zeit­wei­se am Düs­sel­dor­fer Schau­spiel­haus wir­ken­de Schmidtbonn als Lo­kal­au­tor und en­ger Freun­d Au­gust Ma­ckes in Bonn nach wie vor be­kannt ist, ge­riet er über Bonn hin­aus weit­ge­hen­d in Ver­ges­sen­heit. 

Am 6.2.1876 wur­de Wil­helm Schmidt, der sich spä­ter Schmidtbonn nann­te, in Bonn am Markt­platz als zwei­tes Kind des Pelz- und Hu­t­händ­lers Jo­hann Mar­tin Schmidt (1830-1890) und des­sen Ehe­frau Wil­hel­mi­ne Char­lot­te, ge­bo­re­ne Pe­ters (1836-1911) ge­bo­ren. Sei­ne äl­te­re Schwes­ter war die Künst­le­rin Hen­ri­et­te Schmidt-Bonn (1873-1946). In ei­ner frü­hen Fas­sung ei­nes bio­gra­phi­schen Tex­tes schreibt er: Mei­ne Ge­burts­stadt er­schien mir in der Ju­gend als ei­ne der schöns­ten und be­deut­sams­ten Städ­te der Welt. Die­ses Ge­fühl hat sich bis in Al­ter bei mir be­wahrt, al­ler­dings war es durch man­che Um­stän­de be­grün­det. Und dann folgt ei­ne lie­be vol­le Be­schrei­bung des al­ten Bonn. Die Ro­man­tik der rhei­ni­schen Land­schaft, die Welt der Sa­gen und Lie­der, die Welt de­s Ernst Mo­ritz Arndt, der Sim­rocksLud­wig van Beet­ho­vens - das sind die Wur­zeln, aus ­de­nen er sei­ne dich­te­ri­sche Kraft schöpf­te. 

Nach dem Ab­bruch der Gym­na­si­al­aus­bil­dung und ei­ner nicht zu En­de ge­brach­ten klas­si­schen Mu­sik­aus­bil­dung am Köl­ner Kon­ser­va­to­ri­um ver­such­te der jun­ge Schmidtbonn si­ch auf Wunsch sei­ner El­tern 1896 als Lehr­ling in ei­ner Buch­hand­lung. Er brach die Leh­re je­doch ab, um zu schrei­ben, und fand in dem Bon­ner Ger­ma­nis­tik­pro­fes­sor Bert­hold Litz­mann (1857-1926), der mit Cla­ra Schu­mann be­kannt war, ei­nen Freund und För­de­rer. Zwi­schen 1897 und 1905 folg­ten Auf­ent­hal­te in Ber­lin, Göt­tin­gen und Inns­bruck. 

Sein frü­hes Schau­spiel „Mut­ter Land­stras­se" wur­de zu­erst 1901 in Dres­den un­ter Ernst Lewin­ger (1851-1937) ur­auf­ge­führt, 1904 in Ber­lin mit Max Rein­hardt (1873-1943), was Schmidtbonn da­zu ver­an­lass­te zu schrei­ben: Mein Le­ben war ein Mär­chen ge­wor­den. Ein Mär­chen, das Schmidtbonn sich auf sei­nen Wan­der­schaf­ten in den Ber­gen er­schaf­fen hat­te, ein Mär­chen vom aben­teu­er­lich ge­schei­ter­ten Sohn, der ins vä­ter­li­che Haus zu­rück­keh­ren will und dort nichts fin­det als Ab­leh­nung und die bit­te­re Kon­fron­ta­ti­on mit sei­nem wirt­schaft­li­chen Ab­stieg. Ein Va­ter-Sohn-Kon­flikt, wie er dra­ma­ti­scher kaum dar­zu­stel­len war, brach­te Schmidtbonn den ers­ten gro­ßen Thea­ter­er­folg. Das Pu­bli­kum er­leb­te Schmidtbonn, wie er schreibt, tief er­grif­fen und zu Trä­nen ge­rührt, wäh­rend die zeit­ge­nös­si­sche Kri­tik das Stück ver­riss. 

Am 29.3.1905 hei­ra­te­te er die Ti­ro­le­rin Lui­se Treu­er (ge­stor­ben 1967), der er sein Le­ben lang ver­bun­den blieb. Ab 1906 ar­bei­te­te er als Dra­ma­turg bei Loui­se Du­mont in Düs­sel­dorf un­d gab die Thea­ter­zeit­schrift „Mas­ken" her­aus. Im glei­chen Jahr ent­stand der Ro­man „Der Heils­brin­ger". 

Von 1906 bis zum Tod Ma­ckes war die Be­zie­hung zwi­schen dem Dich­ter und dem Ma­ler sehr eng. Eli­sa­beth Erd­mann-Ma­cke (1888-1978) schil­dert zahl­rei­che Epi­so­den die­ser Freund­schaft in ih­rem Buch „Er­in­ne­run­gen an Au­gust Ma­cke" (1962). Schmidtbonn wur­de in der Düs­sel­dor­fer Zeit zum vä­ter­li­chen Freund und wich­tigs­ten Be­ra­ter Au­gust Ma­ckes, wie Ma­cke selbst und Eli­sa­beth Erd­mann-Ma­cke mehr­fach deut­lich mach­ten. In die­se Zeit der in­ten­si­ven Aus­ein­an­der­set­zung mit dem jun­gen Ma­cke fällt auch Schmidtbonns grö­ß­ter Er­folg: Das Büh­nen­stück „Der Graf von Glei­chen", ein Schau­spiel, das auf zahl­rei­chen Büh­nen in Deutsch­land auf­ge­führt wur­de und als Pu­bli­kums­er­folg Schmidtbonns Ruhm mehr­te. 

Die Jah­re mit Au­gust Ma­cke und Max Rein­hardt wa­ren ei­ne aus­ge­las­se­ne, über­mü­ti­ge Zeit, die von schrift­stel­le­ri­schem Er­folg ge­prägt war. Hei­ter­keit und ei­ne Leich­tig­keit des Le­bens schei­nen die Zeit be­herrscht zu ha­ben. So schreibt Eli­sa­beth Erd­mann-Ma­cke über ei­ne Epi­so­de auf ei­ner Rei­se nach Bel­gi­en, die Schmidtbonn und Ma­cke ge­mein­sam ge­macht hat­ten: ...Aus Au­gusts Er­zäh­lun­gen muss ich an­neh­men, dass es in dem Ho­tel recht lus­tig zu­ge­gan­gen ist. Es wohn­ten dort auch ver­schie­de­ne jun­ge wohl­be­kann­te Da­men aus Bonn, die durch ih­re mol­li­ge Kör­per­fül­le das Wohl­ge­fal­len der drei er­weck­ten, und Wil­helm Schmidtbonn konn­te es nicht las­sen, die jüngs­te von ih­nen beim Ba­den so ganz ver­se­hent­lich in die Wa­den zu knei­fen, dann un­ter Was­ser zu ver­schwin­den und die Schuld ... Au­gust zu­zu­schie­ben. Schmidtbonn stand den gan­zen Tag mit ei­nem fa­bel­haft ge­nau­en Feld­ste­cher am Da­men­bad und be­ob­ach­te­te. Schmidtbonn er­leb­te den Ers­ten Welt­krieg als Kriegs­be­richt­er­stat­ter in Frank­reich und Ser­bi­en. 1914 fiel sein Freund Ma­cke in Frank­reich. Ein li­te­ra­risch in­ter­es­san­tes Werk ge­lang ihm erst wie­der 1918/1919 mit dem ge­müt­vol­len Hun­de­buch „Die Flucht zu den Hilf­lo­sen". Die­ses Buch bot für Ste­fan Zweig (1881-1942), der eben­falls ein Hun­de­lieb­ha­ber war, An­lass, Schmidtbonn die No­vel­le „Die Au­gen des ewi­gen Bru­ders" zu wid­men. Zu Zweig und sei­ner da­ma­li­gen Frau Frie­de­ri­ke von Win­ter­nitz (1882-1971) pfleg­te Schmidtbonn seit ei­nem Win­ter­auf­ent­halt in Ba­den bei Wien ei­ne freund­schaft­li­che Be­zie­hung, die Zweig viel be­deu­tet ha­ben muss und die wohl von be­son­de­rer In­ten­si­tät und ge­gen­sei­ti­ger Be­wun­de­rung ge­prägt war, wenn man die No­vel­le von 1923 da­für als Be­weis nimmt. Die Jah­re von et­wa 1909/1910 bis min­des­tens 1923 wa­ren von ei­nem en­gen künst­le­ri­schen wie freund­schaft­li­chen Kon­takt zu Zweig und des­sen in­tel­lek­tu­el­lem Um­kreis ge­prägt. Über den Dra­ma­tur­gen des Deut­schen Thea­ters in Ber­lin, Bert­hold Val­len­tin (1877-1933), der ge­mein­sam mit Fried­rich Wol­ters (1876-1930) den „Lich­ter­fel­der Ge­or­ge­kreis" do­mi­nier­te, be­stand Kon­takt zum Kreis um Ste­fan Ge­or­ge (1868-1933).

Im Jahr 1926 er­hielt Schmidtbonn den Preis der Ge­sell­schaft der Bü­cher­freun­de Chem­nitz. In die­sem Zu­sam­men­hang ent­stand ein buch­künst­le­risch aus­drucks­voll ge­stal­te­tes Buch „Ju­gend am Rhein" in num­me­rier­ter und si­gnier­ter Auf­la­ge. Im No­vem­ber des glei­chen Jah­res wur­de er in die Preu­ßi­sche Dich­ter­aka­de­mie be­ru­fen, ein vor­läu­fi­ger Hö­he­punkt sei­nes Wir­kens. 

1935 ent­stand sein wohl ro­man­tischs­tes Werk, ge­prägt vom Heim­weh an den Rhein: „Der drei­ecki­ge Markt­platz", ei­ne Lie­bes­er­klä­rung an sei­ne Hei­mat­stadt Bonn. 1936 folg­te „An ei­nem Strom ge­bo­ren", ei­ne Samm­lung von kür­ze­ren Tex­ten, die ganz in der Tra­di­ti­on sei­nes „Wun­der­bau­mes" stan­den. Die bei­den Bü­cher be­grün­de­ten Schmidtbonns Ruhm als Hei­mat­dich­ter, auch wenn die­ser Ruf ihm nicht ge­recht wur­de. Im­mer­hin brach­ten ihm die­se bei­den Ver­öf­fent­li­chun­gen gro­ße An­er­ken­nung ein; 1941 er­hielt er den Rhei­ni­schen Li­te­ra­tur­preis und 1943 die Beet­ho­ven­me­dail­le der Stadt Bonn. Be­reits 1936 war ihm die Eh­ren­dok­tor­wür­de der Uni­ver­si­tät Bonn ver­lie­hen wor­den. 

Seit 1935 ar­bei­te­te er an sei­nem Al­ters­werk, der „Al­ber­tus­le­gen­de", ei­nem Ro­man über das Le­ben des gro­ßen Ge­lehr­ten Al­ber­tus Ma­gnus; das Buch konn­te erst 1948 er­schei­nen und war ein li­te­ra­ri­sches Ver­mächt­nis, mit des­sen Hil­fe Schmidtbonn ver­such­te, die Wirr­nis­se der jün­ge­ren Ver­gan­gen­heit an­hand der Bio­gra­phie des be­deu­ten­den Theo­lo­gen und Phi­lo­so­phen auf­zu­ar­bei­ten und ein geis­ti­ges Ge­gen­ge­wicht zu fal­schen Pro­phe­ti­en zu schaf­fen. Das Buch er­schien kurz vor der Wäh­rungs­re­form und fand des­halb ei­ne nur klei­ne Le­ser­schaft. Für Schmidtbonn war dies ei­ne bit­te­re Er­fah­rung. Schmidtbonns gro­ße The­men wa­ren die Su­che nach Glück und das, was er den hef­ti­gen Wunsch nach der „Be­frei­ung von der Lü­ge" nann­te. Schmidtbonn neig­te nicht zu ei­nem in­tel­lek­tu­ell ge­färb­ten Zy­nis­mus, er war hoch­sen­si­bel, hu­mor­voll, warm­her­zig, skep­tisch und leicht ent­flamm­bar in je­der Hin­sicht, wie aus den Schil­de­run­gen von Eli­sa­beth Erd­mann-Ma­cke her­vor geht. 

Er starb am 3.7.1952 in Bad Go­des­berg (heu­te Stadt Bonn) an ei­nem Herz­schlag und wur­de in ei­nem Eh­ren­grab der Stadt Bonn auf dem Al­ten Fried­hof bei­ge­setzt. In Bonn und Düs­sel­dorf wur­den Stra­ßen nach ihm be­nannt, das Bon­ner Stadt­Mu­se­um und das Stadt­ar­chiv be­her­ber­gen ei­nen gro­ßen Teil sei­nes Nach­las­ses, den sei­ne Frau Lui­se nach ih­rem Tod im Jahr 1967 an die Stadt ver­füg­te. Sei­ne Büh­nen­wer­ke har­ren der Wie­der­ent­de­ckung, ins­be­son­de­re das Lust­spiel „Ma­ruf, der tol­le Lüg­ner" mit sei­ner phan­tas­ti­schen Sze­ne­rie wä­re ei­ne Be­rei­chung der heu­ti­gen Thea­ter­land­schaft. 

Nachlass

Der Nach­lass Wil­helm Schmidtbonns be­fin­det sich im Stadt­Mu­se­um Bonn so­wie im Stadt­ar­chiv Bonn.

Werke (Auswahl)

Mut­ter Land­stra­ße, das En­de ei­ner Ju­gend, Bonn 1901.
Der Heils­brin­ger, Ber­lin 1906.
Der Graf von Glei­chen, Ber­lin 1908.
Der ver­lo­re­ne Sohn, Ber­lin 1912.
Der Wun­der­baum, Ber­lin 1913.
Die Stadt der Be­ses­se­nen, Ber­lin 1915
Die Flucht zu den Hilf­lo­sen, Leip­zig 1919.
Rhei­ni­sche Leu­te: Er­zäh­lun­gen, Ber­lin 1926.
Ju­gend am Rhein, Chem­nitz (1926) 1933.
Der drei­ecki­ge Markt­platz, Bonn 1935 [Neu­er­schei­nung Bonn 2004].
An ei­nem Strom ge­bo­ren, Frank­furt a. M. 1935.
Al­ber­tus­le­gen­de, Köln 1948 [Neu­er­schei­nung un­ter dem Ti­tel: Al­ber­tus Ma­gnus: Pil­ger des Her­zens, hg. von Pia He­ckes und Pe­ter Wein­mann, Frank­furt a. M. 2008].

Literatur

Erd­mann-Ma­cke, Eli­sa­beth, Er­in­ne­run­gen an Au­gust Ma­cke, Stutt­gart 1962.
He­ckes, Pia, „Von der Not­wen­dig­keit, die Welt so­zi­al zu er­neu­ern... Wil­helm Schmidtbonn und der ‚Ma­gi­er von Köln’ – die Al­ber­tus­le­gen­de, ein li­te­ra­ri­sches Ver­mächt­nis", in: Bon­ner Ge­schichts­blät­ter 55/56 (2006), S. 234–256.
Metz­ger, Paul (Hg.), Wil­helm Schmidtbonn und Au­gust Ma­cke. Die Fas­zi­na­ti­on des neu­en Thea­ters, Bonn 1994.
Nie­sen, Jo­sef, Bon­ner Per­so­nen­le­xi­kon, 2. Auf­la­ge, Bonn 2008, S. 281-282.
Re­ber, Tru­dis E., Wil­helm Schmidtbonn und das deut­sche Thea­ter, Ems­det­ten 1969.

Wilhelm Schmidtbonn, undatiertes Porträtfoto von Becker & Maass, Berlin. (Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn)

 
Zitationshinweis

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Heckes, Pia, Wilhelm Schmidtbonn, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/wilhelm-schmidtbonn/DE-2086/lido/57c947a0747138.44617986 (26.04.2018)