Allgaier, Karl, Bauschulte, Meinolf, Wollgarten, Richard, Neuer Aachener Sprachschatz auf der Grundlage des Werkes von Will Hermanns: Öcher Platt – Hochdeutsch, hg. vom Verein Öcher Platt e.V., Verein für Mundart und Volkskunde seit 1907, Aachen 2010

850 S., ISBN 978-3981384406, 63 Euro

Peter Honnen (Bonn)

Der „Neue Aa­che­ner Sprach­schat­z“ ist nicht nur des­halb neu, weil er ge­ra­de er­schie­nen, son­dern weil er ei­ne neue, über­ar­bei­te­te Aus­ga­be des al­ten „Aa­che­ner Sprach­schat­zes“ von Will Her­manns von 1970 ist. Die­ses be­rühm­te Wör­ter­buch, ei­ner der mar­kan­tes­ten Punk­te in der rhei­ni­schen Wör­ter­buch­land­schaft, ist seit Jah­ren ver­grif­fen, ei­ne Neu­auf­la­ge tat schon lan­ge Not.

Zwei wei­te­re Mo­ti­ve ha­ben den Ver­ein „Öcher Platt e.V.“ zu die­ser Neu­be­ar­bei­tung be­wegt. Das ei­ne wird im Gruß­wort an­ge­spro­chen: „Wör­ter er­hal­ten ver­än­der­te Be­deu­tun­gen, neue Be­grif­fe kom­men hin­zu. Die Auf­ga­be der Wör­ter­bü­cher ist es, dies zeit­nah fest­zu­hal­ten.“ Das Vor­wort selbst han­delt von dem zwei­ten, für die Au­to­ren of­fen­bar zen­tra­len Mo­tiv, der Schrei­bung. Um ei­ne „grö­ßt­mög­li­che An­näh­rung der Schreib­wei­se an die tat­säch­li­che Aus­spra­che un­ter Be­rück­sich­ti­gung der Wort­her­kunf­t“ zu er­rei­chen, wur­de das von Her­manns ver­wen­de­te Sys­tem be­hut­sam über­ar­bei­tet, auch um der leicht ge­än­der­ten Aus­spra­che (vor al­lem im Vo­ka­lis­mus) ge­recht zu wer­den. Die Au­to­ren er­hof­fen sich da­von ei­nen leich­te­ren Zu­gang zur und ei­ne ge­wis­se Nor­mie­rung der ge­schrie­be­nen Mund­art, die das öf­fent­li­che In­ter­es­se an Mund­art­li­te­ra­tur und -do­ku­men­ta­tio­nen wie­der be­flü­geln soll – in die­sem Fall hät­te sich die Mü­he auf je­den Fall ge­lohnt.

Auch die Wort­ar­ti­kel wur­den ent­schlackt. Ver­wei­se auf Laut- und Aus­spra­che­va­ri­an­ten sind ge­tilgt wor­den, weg­ge­fal­len sind al­le ety­mo­lo­gi­schen An­ga­ben (bei Her­manns wa­ren das in der Re­gel fran­zö­si­sche oder nie­der­län­di­sche Ver­gleichs­for­men) und vie­le, aber nicht al­le Ver­wei­se in­ner­halb des Wör­ter­buchs. Ge­blie­ben sind zum Bei­spiel die li­te­ra­ri­schen Ver­wei­se, die man­gels Li­te­ra­tur­lis­te nun nicht auf­ge­löst wer­den kön­nen. Hin­zu­ge­kom­men ist da­ge­gen ein er­freu­lich aus­führ­li­ches Re­gis­ter, das vie­le fei­ne Be­deu­tungs­nu­an­cen er­fasst und so die Ar­beit mit dem Wör­ter­buch deut­lich er­leich­tert. Da­zu muss­ten die hoch­deut­schen Be­deu­tungs­an­ga­ben be­ar­bei­tet und stan­dar­di­siert wer­den, ei­ne si­cher müh­se­li­ge Ar­beit. Ge­ra­de die zu­künf­ti­gen Le­ser und Le­se­rin­nen wer­den den Au­to­ren da­für sehr dank­bar sein.

In­halt­lich hat sich im Wör­ter­buch re­la­tiv we­nig ge­än­dert. Das wird die Lieb­ha­ber des „Aa­che­ner Sprach­schat­zes“ von Her­manns freu­en, die­je­ni­gen, die sich die im Gruß­wort ver­spro­che­ne Ak­tua­li­sie­rung er­hofft ha­ben, da­ge­gen ein we­nig ent­täu­schen. Der Wort­be­stand ist an­näh­rend gleich ge­blie­ben, of­fen­sicht­lich ist nichts weg­ge­fal­len und kein Ein­trag wur­de als ver­al­tet oder als nicht mehr ge­bräuch­lich ge­kenn­zeich­net. Da­ge­gen sind ei­ni­ge Er­gän­zun­gen hin­zu­ge­kom­men, et­wa die Wort­ar­ti­kel sto­cke (stop­pen), stock­stiif (stock­steif), stro­eßav (die Stra­ße hin­un­ter), Ni­ckel­plai (leuch­ten­de Glat­ze) oder Plüntsch­je (Fehl­ge­burt). Man muss nach den Neu­ein­trä­gen je­doch in­ten­siv su­chen, ei­ne Ken­zeich­nung wä­re hier für ei­nen Ver­gleich sehr hilf­reich ge­we­sen.

Auf­fäl­li­ger sind die Um­stel­lun­gen: So ist zum Bei­spiel der ehe­ma­li­ge Wort­ar­ti­kel fu­ul (faul) in das At­tri­but full und das Prä­di­ka­ti­vum fu­ul auf­ge­spal­tet wor­den, ge­nau so wie das Ad­jek­tiv hauv in hauve und houv. Of­fen­bar ha­ben auch laut­li­che Grün­de bei der Wahl die­ses Ver­fah­rens ei­ne Rol­le ge­spielt. Auch Di­mi­nu­ti­ve, die bei Her­mann noch im Wort­ar­ti­kel in­te­griert wa­ren, sind nun lem­ma­ti­siert, das gilt auch für die Stei­ge­rungs­for­men der Ad­jek­ti­ve oder so­gar Fle­xi­ons­for­men (stöd­der steht ihr). Selbst Laut­va­ri­an­ten ei­nes Wor­tes wur­den in ein­zel­ne Wort­ar­ti­kel auf­ge­teilt, so et­wa On­dogt und Ond­öügt (Nichts­nut­zig­keit).

Un­ter dem Strich ist der „Neue Aa­che­ner Sprach­schat­z“ der al­te „Aa­che­ner Sprach­schat­z“ von Will Her­manns in neu­em Ge­wand – und über Mo­de kann man ge­nau so we­nig strei­ten wie über die Be­deu­tung die­ses Wör­ter­buchs. Es ist und bleibt so­wohl für die Sprach­wis­sen­schaft als auch für die Lieb­ha­ber des Aa­che­ner Dia­lekts die wich­tigs­te und in­for­ma­tivs­te Quel­le, trotz oder we­gen al­ler Neue­run­gen. Selbst die Be­sit­zer des „al­ten“ Her­manns soll­ten die An­schaf­fung des neu­en schon al­lein we­gen des aus­führ­li­chen Re­gis­ters ins Er­wä­gung zie­hen. Den Au­to­ren sei hier aus­drück­lich da­für ge­dankt, dass sie die­sen Klas­si­ker un­ter den rhei­ni­schen Mund­art­wör­ter­bü­chern wie­der zu­gäng­lich ge­macht ha­ben.

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Honnen, Peter, Allgaier, Karl, Bauschulte, Meinolf, Wollgarten, Richard, Neuer Aachener Sprachschatz auf der Grundlage des Werkes von Will Hermanns: Öcher Platt – Hochdeutsch, hg. vom Verein Öcher Platt e.V., Verein für Mundart und Volkskunde seit 1907, Aachen 2010, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Verzeichnisse/Literaturschau/allgaier-karl-bauschulte-meinolf-wollgarten-richard-neuer-aachener-sprachschatz-auf-der-grundlage-des-werkes-von-will-hermanns-%25C3%2596cher-platt-%25E2%2580%2593-hochdeutsch-hg.-vom-verein-%25C3%2596cher-platt-e.v.-verein-fuer-mundart-und-volkskunde-seit-1907-aachen-2010/DE-2086/lido/57d26bd37d8882.61636770 (abgerufen am 23.08.2019)