Becker-Jákli, Barbara (Bearb.), Eberhard von Groote. Tagebuch 1815–1824. Erster Band 1815 (Publikationen der Gesellschaft für Rheinische Geschichtskunde 82), Düsseldorf 2015

419 S., ISBN 978-3-7700-7644-4, 49 Euro

Willi Spiertz (Köln)

Der an­spre­chend und mit do­ku­men­ta­ri­scher Gründ­lich­keit ge­stal­te­te Band er­laubt in ei­ner vor­bild­lich his­to­risch-kri­ti­schen Edi­ti­on ganz er­staun­li­che Ein­bli­cke und Ein­sich­ten in die Le­bens­um­stän­de ei­nes rhei­ni­schen Ade­li­gen und da­mit ins we­nig be­schau­li­che vor­märz­li­che Bie­der­mei­er. Das Kon­zept des Werks do­ku­men­tiert sich in dem hier be­han­del­ten ers­ten Band, dem wei­te­re fol­gen sol­len.

In der aus­führ­li­chen - 34 Sei­ten um­fas­sen­den - Ein­lei­tung zeich­net die Her­aus­ge­be­rin zu­nächst an­hand der um­fang­reich vor­han­de­nen Li­te­ra­tur das Le­ben des Köl­ner Ade­li­gen Eber­hard von Groo­te nach, wo­bei sie lo­bens­wer­ter­wei­se auf ei­ne brei­te Dar­stel­lun­g ­des­sen Le­bens­leis­tung ver­zich­tet.

Eber­hard Ed­ler von Groo­te zu Ken­de­nich nahm in der Ge­schich­te Kölns zu Be­ginn des 19. Jahr­hun­derts ei­ne her­aus­ra­gen­de Rol­le ein. Er ent­stamm­te ei­ner al­ten, be­reits Mit­te des 16. Jahr­hun­derts aus Flan­dern emi­grier­ten Adels­fa­mi­lie, die so­wohl durch wirt­schaft­li­che Po­tenz als auch po­li­ti­sches En­ga­ge­ment die Ge­schi­cke ih­rer neu­en Hei­mat­stadt Köln mit­be­stimm­te und im Sin­ne ih­res ka­tho­lisch-aris­to­kra­ti­schen Sit­ten­ko­dex so­zia­le Ver­ant­wor­tung durch gro­ßzü­gi­ge Stif­tun­gen im kirch­li­chen und kul­tu­rel­len Be­reich be­wies. Ge­bo­ren im Jahr der Fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­on 1789, ver­brach­te Groo­te sei­ne frü­he Kind­heit in Köln, be­vor sich sei­ne Mut­ter und die Ge­schwis­ter mit­samt ei­ner an­sehn­li­chen Die­ner­schaft auf An­ord­nung des Va­ters, vor der fran­zö­si­schen Be­sat­zung flie­hend, 1794 ins kur­k­öl­ni­sche Arns­berg be­ga­ben. Nach sei­ner Rück­kehr im Jah­re 1802 be­such­te Eber­hard von Groo­te im An­schluss an die Pri­vat­aus­bil­dung durch ei­nen geist­li­chen Haus­leh­rer von 1807 an die Se­kun­dar­schu­le, stu­dier­te ab 1809 in Köln und Hei­del­berg Rechts- und Geis­tes­wis­sen­schaf­ten (oh­ne Pro­mo­ti­ons­ab­schluss!) und ver­fass­te im An­schluss an sein Stu­di­um et­li­che Wer­ke phi­lo­so­phi­schen und poe­ti­schen Cha­rak­ters. Sei­ne schrift­stel­le­ri­schen und phi­lo­lo­gi­schen In­ter­es­sen, die er bis zum Le­bens­en­de ver­folg­te, führ­ten un­ter an­de­rem zu den Edi­tio­nen von Gott­frieds von Straß­burg Tris­tan mit der Fort­set­zung Ul­richs von Tür­heim (1816–1821), Plei­ers Tan­da­reis und Flor­di­bel (1827) und Des Meis­ters Go­de­frit Ha­gen Reim­chro­nik der Stadt Köln aus dem 13. Jahr­hun­dert (1834), die ihm im letzt­ge­nann­ten Jahr die Eh­ren­dok­tor­wür­de der Uni­ver­si­tät Bonn ein­brach­ten. Wei­te­re Edi­tio­nen folg­ten, wie die Lie­der Mus­kat­blut’s (1853), Wier­straats Reim­chro­nik der Stadt Neuss (1855) und die Pil­ger­fahrt des Rit­ters Ar­nold von Harff (1860), al­le drei bis heu­te noch die ma­ß­geb­li­chen Edi­tio­nen der be­tref­fen­den Tex­te bzw. Tex­tœu­vres. Da­ne­ben brach­te Groo­te im­mer wie­der ei­ge­ne Dich­tung her­vor, wie 1824 das von Fried­rich Schnei­der ver­ton­te Ora­to­ri­um Die Sünd­fluth.

Die für Groo­te ein­schnei­dens­te Pha­se sei­nes Le­bens, für die er ge­rühmt wur­de, die ihm aber gleich­wohl nicht die Chan­ce auf ei­ne An­stel­lung im Staats­dienst und des­we­gen man­che Ver­bit­te­rung brach­te, war sein „Feld­zug 1815“, d.h. die Teil­nah­me als Frei­wil­li­ger am zwei­ten Frank­reich­feld­zug der Preu­ßi­schen Ar­mee, ein­schlie­ß­lich der Be­set­zung von Pa­ris. Da­bei durf­te er sich – von ihm selbst fast un­be­merkt – zu den Sie­gern von Wa­ter­loo zäh­len, was nicht nur sei­nen Pa­trio­tis­mus be­frie­dig­te, son­dern ihm auch Ge­le­gen­heit ver­schaff­te, mit ei­ner ei­gens von Blü­cher aus­ge­stell­ten Voll­macht die von den fran­zö­si­schen Trup­pen zu­vor kon­fis­zier­ten Kunst­schät­ze nach Köln zu­rück­zu­ho­len. Der be­rühm­tes­te die­ser Schät­ze war Ru­bens‘ Kreu­zi­gung Pe­tri; das Ge­mäl­de konn­te in ei­ner Art Tri­umph­zug nach Köln ge-bracht wer­den. Wäh­rend die­ser Zeit ge­wann Groo­te – ganz im Sin­ne sei­ner Stan­des­be­wusst­heit – so­gar die Nä­he zum preu­ßi­schen Kron­prin­zen, dem spä­te­ren Kö­nig Fried­rich Wil­helm IV. Auf kom­mu­na­ler Ebe­ne muss­te er man­che her­be Nie­der­la­ge ein­ste­cken. So wa­ren we­der sei­ne in meh­re­ren Streit­schrif­ten ge­äu­ßer­ten Be­mü­hun­gen für ei­ne Neu­grün­dung der Köl­ner Uni­ver­si­tät noch sei­ne Be­stre­bun­gen, ei­ne Kunst­samm­lung in Köln ein­zu­rich­ten, von Er­folg ge­krönt. Auch ge­lang ihm we­der ein be­ruf­li­cher Auf­stieg bei der Köl­ner Re­gie­rung noch das Amt  des Köl­ner Ober­bür­ger­meis­ters, das ei­ni­ge sei­ner Vor­fah­ren in­ne­hat­ten. Im­mer­hin war er zwi­schen 1826 und 1845 Ab­ge­ord­ne­ter des Rhei­ni­schen Land­tags, seit 1831 zu­dem Stadt­rat in Köln und über­nahm im sel­ben Jahr die wohl ein­fluss­reichs­te sei­ner vie­len öf­fent­li­chen Auf­ga­ben, näm­lich die Prä­si­dent­schaft der Köl­ner Ar­men­ver­wal­tung, die ihn zu der für­sorg­li­chen Schrift „Das Wai­sen­haus zu Köln am Rhei­ne“ ver­an­lass­te (1835). In die­ser Pe­ri­ode war er dar­über hin­aus ma­ß­geb­lich an Grün­dung und Ent­wick­lung des Köl­ni­schen Kunst­ver­eins (1839) und des Köl­ner Zen­tral-Dom­bau­ver­eins (1842) be­tei­ligt.

Der Ein­lei­tung der Edi­ti­on folgt als Schwer­punkt der Ar­beit das Ta­ge­buch von 1815, auf­ge­teilt in drei Ab­schnit­te, de­nen je­weils Vor­be­mer­kun­gen zum bes­se­ren Ver­ständ­nis vor­an­ge­hen. Sieht man von den vie­len Tri­via­li­tä­ten bei den Ta­ge­buch­ein­tra­gun­gen (z.B. „ Ich ge­he spa­zi­ren/ zum Con­zert/ bald zu Tisch“, „Nach Tisch ge­he ich …“,  „Ich blei­be zu Hau­se“, „Ich schrei­be mei­ne Brie­fe zu­rech­t“, „Mir ist un­wohl/ hy­po­chond­rich“) ab, die zu le­sen man schon In­ter­es­se ha­ben muss, so bie­tet sich dem Le­ser ei­ne ein­drucks­vol­le Schil­de­rung der Vor­gän­ge im be­setz­ten Pa­ris. Die An­mer­kun­gen zum Ta­ge­buch sind wis­sen­schaft­lich sehr sorg­fäl­tig mit recht de­tail­lier­ten Per­so­nen­an­ga­ben ge­hal­ten, wo­bei ver­ständ­li­cher­wei­se nicht al­le Na­men iden­ti­fi­ziert wer­den konn­ten.

Dem Haupt­teil der Ar­beit fol­gen in in­halt­li­chem Zu­sam­men­hang mit dem Ta­ge­buch ste­hen­de „Brie­fe und Schrif­ten“, die Groo­te im Lau­fe des Jah­res 1815 ge­schrie­ben hat. Li­te­ra­tur­ver­zeich­nis, Orts- und Per­so­nen­re­gis­ter run­den das ge­lun­ge­ne Werk ab, wo­bei das um­fang­rei­che Per­so­nen­re­gis­ter die Ar­beit zu ei­ner, bei sol­chen An­läs­sen im­mer gern apo­stro­phier­ten, „Fund­gru­be“ macht, als die man sie wird nüt­zen kön­nen. Den Ab­schluss bil­den fünf Re­pro­duk­tio­nen aus dem Ta­ge­buch.

Es bleibt zu wün­schen, dass auch die noch aus­ste­hen­den Bän­de bald zu Ver­öf­fent­li­chung ge­lan­gen.

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Spiertz, Willi, Becker-Jákli, Barbara (Bearb.), Eberhard von Groote. Tagebuch 1815–1824. Erster Band 1815 (Publikationen der Gesellschaft für Rheinische Geschichtskunde 82), Düsseldorf 2015, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Verzeichnisse/Literaturschau/becker-j%25C3%25A1kli-barbara-bearb.-eberhard-von-groote.-tagebuch-1815%25E2%2580%25931824.-erster-band-1815-publikationen-der-gesellschaft-fuer-rheinische-geschichtskunde-82-duesseldorf-2015/DE-2086/lido/57d26312ee0fd8.23147563 (abgerufen am 17.09.2019)