Kulturpolitik der Rheinischen Provinzialverwaltung 1920 bis 1945. Tagung am 18. und 19. Juni 2018 im LVR-LandesMuseum Bonn in Kooperation mit dem LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte (Beihefte der Bonner Jahrbücher, Band 59), Darmstadt 2019

199 S., ISBN 978-3-8053-5222-2, 15 Euro

René Schulz (Bonn)

Kul­tur­po­li­tik ist äl­ter als der Be­griff“, hielt Karl Ditt in sei­ner gro­ßen Stu­die über die kul­tu­rel­len Ak­ti­vi­tä­ten des Pro­vin­zi­al­ver­ban­des West­fa­len zwi­schen Wei­mar und Hit­ler fest.[1] Und in der Tat ist der heu­te so ge­läu­fi­ge wie selbst­ver­ständ­li­che Be­griff der „Kul­tur­po­li­ti­k“ ein zu Be­ginn des 20. Jahr­hun­derts auf­kom­men­der Ter­mi­nus der mo­der­nen Po­li­tik- und Ver­wal­tungs­spra­che, der sei­nen wirk­li­chen Durch­bruch erst in der Wei­ma­rer Re­pu­blik er­ziel­te. Gleich­sam wer­den die Pro­vin­zi­al­ver­bän­de – hö­he­re Kom­mu­nal­be­hör­den, wel­che der preu­ßi­sche Staat seit den 1870/80er Jah­ren in sei­nen Pro­vin­zen ge­grün­det hat­te – in der Be­trach­tung Preu­ßens als „Kul­tur­staa­t“ meist sträf­lich ver­nach­läs­sigt, ob­wohl sie nach dem Um­bruch zur Re­pu­blik ne­ben In­te­gra­ti­ons­funk­tio­nen auch zu­neh­mend kul­tu­rel­le Auf­ga­ben wie die För­de­rung von Kunst und Wis­sen­schaft aus­füll­ten. So fehlt für die kul­tu­rel­len Ak­ti­vi­tä­ten des Rhei­ni­schen Pro­vin­zi­al­ver­ban­des, des­sen Auf­ga­ben nach 1945 im We­sent­li­chen vom Land­schafts­ver­band Rhein­land (LVR) über­nom­men wur­den, nach wie vor ei­ne mit Ditts Stu­die ver­gleich­ba­re Dar­stel­lung.

Kei­nen Er­satz für ei­ne sol­che, aber ei­ne ge­wich­ti­ge Etap­pe auf dem Weg zu die­ser Dar­stel­lung bil­det der in den Bei­hef­ten der Bon­ner Jahr­bü­cher er­schie­ne­ne Sam­mel­band „Kul­tur­po­li­tik der Rhei­ni­schen Pro­vin­zi­al­ver­wal­tung 1920 bis 1945“, der die Er­trä­ge der gleich­na­mi­gen Ta­gung im LVR-Lan­des­Mu­se­um Bonn vom Ju­ni 2018 nun zu­gäng­lich macht. In sieb­zehn Bei­trä­gen wid­met sich der Band der ge­sam­ten Band­brei­te der Kul­tur­po­li­tik, wie sie der rhei­ni­sche Pro­vin­zi­al­ver­band spä­tes­tens mit dem Um­bruch zur Wei­ma­rer De­mo­kra­tie und auch noch im Drit­ten Reich un­ter ent­spre­chen­der Ver­schie­bung der po­li­tisch-ideo­lo­gi­schen Vor­zei­chen ent­wi­ckel­te. Da­bei knüpft er nicht nur an die For­schungs­an­stren­gun­gen des LVR zu sei­ner Ver­gan­gen­heit und der Ge­schich­te sei­ner Vor­gän­ger­in­sti­tu­ti­on an, son­dern nimmt auch jün­ge­re Im­pul­se aus der Pro­ve­ni­en­z­for­schung und ak­tu­el­len Ar­bei­ten zum Kul­tur­schutz im Zwei­ten Welt­krieg auf – zwei zu­letzt in der brei­te­ren Öf­fent­lich­keit viel dis­ku­tier­te The­men. Da­mit wei­tet er den bis­her üb­li­chen Rah­men der his­to­ri­schen Be­trach­tung auf wei­te­re Ge­bie­te von Kul­tur­po­li­tik aus, zu de­nen mo­men­tan in­ten­siv ge­forscht wird und die span­nen­de Er­ge­nis­se er­war­ten las­sen.

Karl Ditt selbst macht mit sei­nem Auf­satz über die kul­tu­rel­len Ak­ti­vi­tä­ten der preu­ßi­schen Pro­vin­zi­al­ver­bän­de den Ein­stieg und wirft ein Licht auf die neo­ro­man­ti­schen Ur­sprün­ge re­gio­na­li­sier­ter Kul­tur­po­li­tik, wel­che an­fangs „die deut­sche Kul­tur als ein Mo­sa­ik […] re­gio­na­ler Stam­mes­kul­tu­ren“ (S. 3) be­trach­te­te und schlie­ß­lich seit den Zwan­zi­ger Jah­ren im Kiel­was­ser von „Volks­tums-“ und neue­rer Lan­des­ge­schich­te auf das po­li­tisch in­stru­men­ta­li­sier­ba­re Kon­zept von „Kul­tur­räu­men“ zu­rück­griff. Vie­le Pro­zes­se be­legt Ditt na­he­lie­gen­der­wei­se mit west­fä­li­schen Bei­spie­len, was auf der an­de­ren Sei­te aber auch das For­schungs­de­fi­zit – nicht nur zum rhei­ni­schen Pro­vin­zi­al­ver­band al­lein – ver­deut­licht. Wolf­gang Franz Wer­ner streicht in sei­nem Über­blick zur Kul­tur­po­li­tik des rhei­ni­schen Ver­ban­des den In­s­tu­men­tal­cha­rak­ter von Kul­tur zwi­schen De­mo­kra­tie und Dik­ta­tur her­aus, der sich im Lau­fe der Zeit von ei­nem „Mit­tel po­li­ti­scher Ver­tei­di­gung“ (S. 13) in der Kon­so­li­die­rungs­pha­se der Re­pu­blik zu ei­nem „Mit­tel der po­li­ti­schen Re­vi­si­on“ (S.15) so­wie der kul­tur­po­li­ti­schen Ex­pan­si­on des Ver­ban­des im Drit­ten Reich wan­del­te. Die­se Ex­pan­si­on kon­stan­tiert Hel­mut Rönz auch im Ver­hält­nis des Ver­ban­des zur Uni­ver­si­tät Bonn, de­ren Vor- und Früh­ge­schich­te ge­nau­so wie ih­re Volks­kun­de als jun­ge und ideo­lo­gisch ein­setz­ba­re Dis­zi­pli­nen in be­son­de­rer Gunst der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Kul­tur- und Wis­sen­schafts­för­de­rer bei der Pro­vin­zi­al­ver­wal­tung stan­den. Die kul­tur­po­li­ti­sche Ex­pan­si­on des Ver­ban­des mach­te je­doch an Pro­vinz- und Staats­gren­zen nicht halt, wie Tho­mas Mül­ler an­hand der ver­deck­ten Au­ßen­po­li­tik des Ver­ban­des in sei­nen wes­li­chen Nach­bar­staa­ten oder Kim Bu­res-Krem­ser, Su­san­ne Ha­endsch­ke und wei­te­re Au­to­ren in Form des wohl or­ga­ni­sier­ten Kunst- und An­ti­qui­tä­ten­raubs ver­an­schau­li­chen kön­nen. So er­warb al­lein das Wall­raf-Ri­ch­arz-Mu­se­um in den Jah­ren der NS-Dik­ta­tur 273 Ge­mäl­de, mit Hil­fe von Kunst­händ­lern wie dem be­kannt ge­wor­de­nen Hil­de­brand Gur­litt auch aus dem be­setz­ten Wes­ten. Dort war es vor al­lem der Pro­vin­zi­al­kon­ser­va­tor der Rhein­pro­vinz, Fran­zis­kus Graf Wolff Met­ter­nich, der den mi­li­tä­ri­schen Kunst­schutz als auch die Aus­fuhr­kon­trol­le in Frank­reich or­ga­ni­sier­te und dem Es­ther Heyer ein na­hes Por­trät sei­ner Per­son und Tä­tig­keit wid­met.

Der hoch­wer­ti­ge und den­noch er­schwing­lich ge­hal­te­ne Band ver­tieft das bis­he­ri­ge Wis­sen über die Kul­tur­po­li­tik des Rhei­ni­schen Pro­vin­zi­al­ver­ban­des um zahl­rei­che As­pek­te nach­hal­tig und es wird schwie­rig sein, bei sei­nem The­ma an ihm vor­bei­zu­kom­men. Auf ei­ni­gen The­men­fel­dern, de­ren Gren­zen und Aus­ma­ße im­mer noch schwer zu eru­ie­ren sind, wird al­ler­dings auch grö­ße­rer und sys­te­ma­ti­sche­rer For­schungs­be­darf deut­lich. Für ei­ne noch zu schrei­ben­de Ge­samt­dar­stel­lung der Kul­tur­po­li­tik des Ver­ban­des wird der Band je­den­falls ei­ne un­ent­behr­li­che Stüt­ze sein.

Anmerkungen
  • 1: Ditt, Karl: Raum und Volkstum. Die Kulturpolitik des Provinzialverbandes Westfalen 1923-1945, Münster 1988, S. 13.
Zitationshinweis

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Schulz, René, Kulturpolitik der Rheinischen Provinzialverwaltung 1920 bis 1945. Tagung am 18. und 19. Juni 2018 im LVR-LandesMuseum Bonn in Kooperation mit dem LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte (Beihefte der Bonner Jahrbücher, Band 59), Darmstadt 2019, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Verzeichnisse/Literaturschau/kulturpolitik-der-rheinischen-provinzialverwaltung-1920-bis-1945.-tagung-am-18.-und-19.-juni-2018-im-lvr-landesmuseum-bonn-in-kooperation-mit-dem-lvr-institut-fuer-landeskunde-und-regionalgeschichte-beihefte-der-bonner-jahrbuecher-band-59-darmstadt-2019/DE-2086/lido/5dce6e1ded8359.24219615 (abgerufen am 12.12.2019)