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Johann Anton Friedrich Baudri (1804–1893), Weihbischof des Erzbistums Köln (1850-1893)

Johann Anton Friedrich Baudri war jahrzehntelang einer der einflussreichsten Geistlichen der Erzbistums Köln. Er vertrat konsequent die streng kirchliche Richtung, der er in enger Verbundenheit mit Erzbischof Johannes Kardinal von Geissel im Erzbistum Köln zum Siege verhalf.

Der Nachruf der Kölnischen Volkszeitung vom 30.6.1893 beschreibt Weihbischof Baudri treffend als die „wohl populairste Persönlichkeit in Köln“. Es war ein langer Weg, den der Sohn einer kleinbürgerlichen katholischen Familie aus der Diasporastadt Elberfeld (heute Stadt Wuppertal) bis dahin beschritten hatte.

Baudri kam als Kind der Eheleute Laurenz Baudri (1771–1851) und dessen Ehefrau Gertrud geborene Wiertzfeld (auch Wirtzfeld, 1769–1856) am 20.2.1804 zur Welt. Der Vater, ein gebürtiger Franzose aus dem Städtchen Tanu in der Normandie, übte den Beruf eines tapissier (Dekorateur) aus. Die Mutter, aus einer weitverzweigten rheinischen Familie stammend, war in Düsseldorf geboren. Über die frühe Schulzeit Baudris liegen keine gesicherten Nachrichten vor. Das Bonner Gymnasium besuchte er 1818–1821, ohne das Abitur abzulegen. Die Genehmigung zum Studium der Theologie erwarb er durch die Zulassungsprüfung an der katholisch-theologischen Fakultät Lateinisch, bezeichnet fachlich nach den Hauptwissenschaften gegliederte Lehr- und Verwaltungseinheiten einer Hochschule. der Universität Bonn.

1819 war der gefeierte Theologe Georg Hermes von Münster nach Bonn auf den Lehrstuhl für Dogmatik berufen worden. Seine philosophisch-theologischen Deduktionen, die eine Versöhnung der katholischen Offenbarungslehre mit der deutschen idealistischen Philosophie (Autonomie der Vernunft) anstrebten, fielen bei den meisten Studenten auf fruchtbaren Boden. Hermes fand in Erzbischof Ferdinand August Graf Spiegel einen ihm wohlgesonnen Oberhirten und Protektor. Die spätere Indizierung seiner Schriften durch Rom (September 1835) hat die schon vorhandenen Parteiungen unter dem  Kölner Klerus zusätzlich verschärft. Im Schatten von Hermes stand der 1818 nach Bonn berufene Dogmatiker und Moraltheologe Franz-Joseph Seber (1777–1827). Aus der Schule des irenischen Michael Sailer (1751–1832) kommend, vertrat Seber eine die Aufklärung überwindende, traditionsgebundene Lehre. Diese entsprach den romantisierenden Neigungen des jungen Studiosus Baudri mehr als die kühl-nüchterne hermesianische Theologie. So wurde bei ihm schon früh der Boden für seine antihermesianische und ultramontane Richtung bereitet.

Die Jahre seiner Seelsorgetätigkeit – 1827 Kaplan in Mülheim an der Ruhr, 1830 Pfarrer in Lennep (heute Stadt Remscheid) und 1834 Pfarrer in Barmen (heute Stadt Wuppertal), seit 1839 Landdechant von Elberfeld mit der 1840 erfolgten endgültigen Beauftragung zum Schulpfleger durch den preußischen Staat – waren durch die zunehmenden Arbeiterzuwanderungen infolge der Industrialisierung geprägt, zusätzlich erschwert durch die Diasporasituation seiner Pfarrgemeinden. Das Verhältnis zu den protestantischen Amtsgenossen blieb dank seines toleranten und friedlichen Charakters ungetrübt, was in den evangelischen Kreisen wie auch bei den staatlichen Behörden positiv vermerkt worden war. Trotz der Belastung des Pfarr- und Dechantenamtes ließ sein Interesse an der theologischen Wissenschaft nicht nach. Seine (gedruckten) Predigten waren geradezu ein Spiegelbild seiner seelsorgerischen Praxis und Muster homiletisch fundierter Kanzelberedsamkeit. Die Mitarbeit beim streng kirchlich orientierten „Katholik“ brachte ihn in die Nähe des ultramontanen Kreises um das Mainzer Priesterseminar, an dem auch der spätere Kölner Erzbischof von Geissel seine Ausbildung zum Priester erfahren hatte.

Die großen Probleme, vor die sich Geissel als Koadjutor (seit 1842) gestellt sah, hatten ihre Gründe primär in der tiefen Spaltung des Kölner Klerus und des Domkapitels, die teils aus der Vor- und Ausbildung (Alt-Kirchliche, Hermesianer oder Ultramontane), teils aus der Gegnerschaft gegen Erzbischof Clemens August Freiherr von Droste herrührten. Baudri hatte sich explizit keiner der Richtungen angeschlossen. Diese Tatsache und die Mitarbeit beim „Katholik“ ließen Geissel, auf der intensiven Suche nach geeigneten und loyalen Mitarbeitern, schon früh auf Baudri stoßen. Im August 1843 berief er den tüchtigen Landdechanten in das Domkapitel. Mit Recht hat Norbert Trippen die Berufung als „den personalpolitisch glücklichsten Griff“ Geissels bezeichnet (Trippen, Domkapitel, S. 110). Mit der wenige Monate später erfolgten Ernennung zum Generalvikariatsrat harrte auf Baudri eine dreifache Aufgabe: Als Sekretär des Erzbischofs war er mit allen Entscheidungen, besonders im personellen Bereich, vertraut. Wenn seine Gegner später von einem „Geissel-Baudry´schen System“ sprachen, so zielte das namentlich auf die Personalpolitik, die als Hebel zur Durchsetzung des Ultramontanismus diente. Die Einbindung in die Diözesanverwaltung verlangte von ihm Mitarbeit in der bischöflichen Gerichtsbarkeit, und als Synodalexaminator war er zuständig für die Prüfung der jungen Geistlichen. Schließlich hatte er noch die einem Domherrn auferlegten liturgischen Dienste zu verrichten. Baudris Bestellung zum Generalvikar am 1.11.1846 war der Lohn für seine bedingungslose Unterstützung Geissels.

Die Widerstände im Klerus brachen im Kontext der Revolution 1848 mehr oder minder offen aus. Die Adresse von 31 Düsseldorfer Geistlichen an den Erzbischof, initiiert von dem ultramontanen Bilker Pfarrer Anton Joseph Binterim (1779–1855) kritisierte eine Reihe von Missständen in der Verwaltung und Organisation der Erzdiözese – gemeint waren vor allem die Gerichtsbarkeit und das Synodalexamen. Die Kritik traf zunächst den Generalvikar. Dies nahm dessen Bruder, der Maler Friedrich Baudri zum Anlass, ohne Namensnennung wohl offensichtlich in höherem Auftrag eine scharfe Gegenerklärung im „Katholik“ zu veröffentlichen. Der Angriff auf den bei der römischen Kurie und den Nuntiaturen als Informant hochgeschätzten Binterim und die Düsseldorfer Geistlichen wurde geradezu als absurd empfunden. Bei der Eskalation des Streites bewies Baudri keine glückliche Hand. Schließlich wurden die Auseinandersetzungen zwischen der Kölner geistlichen Behörde nur notdürftig beigelegt. Ein Ruhmesblatt für Baudris Wirken war diese Affäre nicht.

Der weiteren Laufbahn hatte sie allerdings keinen Abbruch getan. Die Teilnahme an der Würzburger Bischofskonferenz im Oktober 1848 war nicht nur eine ehrenvolle Auszeichnung, sondern machte ihn als Verfechter der streng kirchlichen Linie weit über Köln hinaus bekannt. In Rom galt er als persona grata, bei den staatlichen Behörden stand er (noch) wegen seiner Toleranz gegenüber den Protestanten und als Vorkämpfer von Ruhe und Ordnung während der Revolution in gutem Ansehen. Der Wunsch Geissels, Baudri als Weihbischof an seiner Seite zu sehen, hatte weder von Rom noch von der preußischen Regierung in Berlin Widerstände zu befürchten. Am 25.2.1850 wurde Baudri im Kölner Dom zum Weihbischof konsekriert.

Das aufblühende katholische Vereinswesen fand in dem Weihbischof einen starken Förderer. Hier ist neben dem Borromäusverein (1844) vor allem der christliche Kunstverein (1853) zu nennen, denen die Sorge und Obhut Baudris galt. Die Gründung und der Ausbau des Diözesanmuseums wäre ohne die ideelle und materielle Hilfe gemeinsam mit seinem Bruder Friedrich nicht möglich gewesen. Großes Interesse zeigte der Weihbischof an den nationalen Katholikenversammlungen (Katholikentagen), deren Bedeutung für die Rückwirkung der ultramontanen Richtung er früh erkannt hatte. Vom 8. in Linz an der Donau 1853 bis zum 14. Katholikentag in Aachen 1862 hat er alle Generalversammlungen besucht. In den späteren Jahren versäumte er es nicht, wenn auch bedingt durch die Zeitumstände unregelmäßig, an den großen Tagen des deutschen Katholizismus teilzunehmen.

Der Kölner Dombau war Baudri ein besonderes Anliegen; am 16.8.1848 ließ er sich trotz seiner hohen Belastungen im Amt (1) Dienst, (2) im Territorialstaat vom Mittelalter bis zum Ende des Alten Reiches Verwaltungsbezirk, kleinste Verwaltungseinheit, (3) seit den 1920er Jahren bis zur 1975 abgeschlossenen kommunalen Neugliederung Bezeichnung für einen Gemeindezusammenschluss, (4) Bezeichnung für Zunft. des Generalvikars in den Vorstand des Zentral-Dombauvereins wählen. Infolge der Berufung zum Domdechanten am 1.10.1853 war ihm ein weiterer, einflussreicher Zugang bei den Verhandlungen um den Dombau eröffnet worden.

Baudris konsequent verfolgte ultramontane Linie wurde von Rom mit der Ernennung zum päpstlichen Hausprälaten und Thronassistenten mit den Rechten und Privilegien eines comes Lateinischen für „Begleiter“,"Gefährte" „Gefolge“; urspr. ein römischer Amtstitel, gewann es im Laufe der Zeit mehrere Bedeutungen, u.a.  für Statthalter und Mitglieder des kaiserlichen Rats. Seit dem Mittelalter lateinisch für "Graf" Romanus (6.5.1857) gewürdigt; in Berlin und bei den regionalen und lokalen preußischen Behörden verlor er wegen seines hinhaltenden Widerstandes gegen die staatlichen Eingriffe in das kirchliche Leben die frühere Anerkennung. Er galt nunmehr als persona ingrata, mit der Folge, dass er bei den Bischofskandidaturen in Paderborn (1856), Trier (1864), Köln (1864 und 1865) und Freiburg (1868) von der Regierung regelmäßig abgelehnt wurde, obwohl er mehrfach bei Abwesenheit oder Krankheit Geissels in den 1850er und 1860er Jahren die Fähigkeit bewiesen hatte, eine große Diözese zu leiten. Eine besondere Herausforderung stellte sich ihm nach dem Tode Geissels am 8.9.1864, als das Domkapitel ihn zum Kapitularvikar wählte. 20 Monate dauerte die Vakanz bis zur Wahl und Ernennung eines neuen Erzbischofs. Baudri hatte in dieser Zeit eine der größten Diözesen Deutschlands zu verwalten und zusätzlich wegen der Erledigung der Dompropstei die Wahlhandlung zu leiten. Infolge der Gegnerschaft bei der regierungsfreundlichen Minorität im Domkapitel und der unnachgiebigen Haltung der Berliner Regierung bei den von der Mehrheit gestützten Listenvorschlägen hatte er ohnehin einen schweren Stand, den er durch die eine oder andere Ungeschicklichkeit zusätzlich belastet hatte. Zum Schluss fiel die Wahl nach langwierigen Verhandlungen zwischen Rom, Köln und Berlin auf den Bischof von Osnabrück, Paulus Melchers.

Der 1871 von der preußischen Regierung ausgelöste Kulturkampf Krise des Deutschen Kaiserreiches unter Reichskanzler Otto von Bismarck und der römisch-katholischen Kirche sowie der politisch-parlamentarischen Vertretung der katholischen Bevölkerung des Reiches (insbesondere der Zentrumspartei) zwischen 1871 und 1891. Streitpunkte waren die Aufhebung der katholischen Abteilung des preußischen Kultusministeriums durch Bismarck, das Festhalten der Kirche am Unfehlbarkeitsdogma, die Einführung der Zivilehe sowie die Repressionen gegen katholische Geistliche und der Einfluss des Staates auf die Kirche. Nach dem "Kanzelparagraphen" 1871 (Änderung des Strafgesetzbuches, wonach es Geistlichen aller Religionen verboten war, sich in Ausübung ihres Amtes in öffentlichen Stellungnahmen politisch zu äußern, galt bis 1953), dem Verbot der Jesuitenniederlassungen 1872 und der Einführung der staatlichen Schulaufsicht, bildeten die sogenannten Maigesetze 1873 (staatliche Kontrolle von Ausbildung und Einstellung der Geistlichen) den Höhepunkt des Kulturkampfes. Die Verschärfung der Bestimmungen über die Verwaltung des Kirchenvermögens beendete 1878 die  Kulturkampfgesetzgebung. Die 1886 und 1887 erlassenen "Friedensgesetze" führten schließlich zur Beilegung des Konflikts. schlug auch dem Erzbistum Köln tiefe Wunden. Nach der Verhaftung und Flucht Melchers in die Niederlande übernahm Baudri wiederum die Leitung der Erzbistums. Der Verfolgungsdruck machte auch vor der Person des Weihbischofs nicht Halt. Zwischen 1873 und 1876 wurde er fünfmal wegen angeblicher Amtsanmaßung verurteilt, 1874 wurde sein Mobiliar zwangsweise öffentlich versteigert, zwei Jahre später musste er auf behördliche Anordnung seine Wohnung Auf der Burgmauer verlassen. Während er sein 25-jähriges Bischofsjubiläum am 24.2.1874 in aller Stille begangen hatte, ließ es sich das „katholische Köln“ nicht nehmen, ihn zum goldenen Priesterjubiläum am 26.4.1877 mit einer künstlerisch ausgestatteten Adresse zu ehren; die 1.031 Unterschriften und zahllose Deputationen machten das Fest zu einer Demonstration gegen den kulturkämpferischen Liberalismus Lateinisch, Bezeichnung einer geistigen Strömung und einer politischen Philosophie, deren Anhänger die Freiheiten des Individuums in den Vordergrund ihrer politischen Forderungen stellten und den durch geistige oder staatlichen Institutionen ausgeübten Zwang ablehnen. in Köln.

Die in Köln glanzvoll gefeierte Domvollendung 1880 nutzte der Weihbischof, Kaiser Wilhelm I. (Regentschaft als Prinzregent ab 1858, als König von Preußen ab 1861, als Deutscher Kaiser 1871-1888) und Kaiserin Augusta (1811–1890) unter dem Portal des Domes empfangend auf die traurige Lage der ihres Oberhirten beraubten Kölner Kirche hinzuweisen. Das wurde von den Kulturkämpfern als Affront – von der Mehrheit der Katholiken als mutiger Schritt betrachtet. In den folgenden Jahren erlebte er noch die (formale) Beendigung des Kulturkampfes im Erzbistum Köln durch die von ihm vorgenommene Inthronisation des Bischofs von Ermland, Philippus Krementz, am 15.12.1885, zum Erzbischof von Köln. Bei der Feier der Firmung von 2.000 Jugendlichen in der Pfarrkirche von (Köln-) Kalk am 5.4.1886 brach der 82-jährige Baudri zusammen. Zu seinem 60-jährigen Priesterjubiläum am 26.4.1887 erreichten ihn zahlreiche Glückwünsche, selbst von Seiten der preußischen Regierung. Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte er zurückgezogen, doch „wenn die kleine gebeugte Gestalt sich auf der Straße zeigte, entblößten sich alle Häupter“ (Kölnische Volkszeitung Ab 1868 durch Josef Bachem herausgegebene katholisch ausgerichtete Kölner Tageszeitung, die 1941 eingestellt wurde. vom 30.6.1893) und erwiesen ihm ihre Reverenz. Am 29.6.1893 verstarb der Weihbischof, tausende Kölner begleiteten seine sterblichen Überreste vom Kölner Dom zu seinem Begräbnisplatz in der Minoritenkirche.

Quellen
Gierse, Ludwig/Heinen, Ernst (Bearb.), Friedrich Baudri Tagebücher 1854– 1871, 1. Band: 1854–1857; 2. Band: 1858–1862, Düsseldorf 2006, 2009.

Literatur
Baudri, Johann, Der Erzbischof von Köln Johannes Cardinal von Geissel und seine Zeit, Köln 1881.

Trippen, Norbert, Das Domkapitel und die Erzbischofwahlen in Köln 1821–1929, Köln/Wien 1972.

Hegel, Eduard, Das Erzbistum Köln zwischen der Restauration des 19. Jahrhunderts und der Restauration des 20. Jahrhunderts 1815–1962 (Geschichte des Erzbistums Köln 5), Köln 1987, S. 145–147.

Linn, Heinrich, Ultramontanismus in Köln. Domkapitular Baudri an der Seite Erzbischofs Geissel während des Vormärz, Siegburg 1987.

Oepen, Joachim, Das katholische Köln. Eine Glückwunschadresse für den Kölner Weihbischof Baudri 1877, in: Finger, Heinz/Haas, Reimund/Scheidgen, Hermann-Josef (Hg.), Ortskirche und Weltkirche in der Geschichte. Kölnische Kirchengeschichte zwischen Mittelalter und Zweitem Vatikanum. Festschrift für Norbert Trippen, Köln/Weimar/Wien 2011, S. 437–464.

11.6.2013

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Ernst  Heinen  (Köln)  
 

       
 

       
 

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Johann Anton Friedrich Baudri, 1915, Porträtfoto.

   

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Friedrich Baudri, Porträtfoto. (Rheinisches Bildarchiv Köln)