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Heinrich Glasmeier (1892-1945), Archivar, NS-Rundfunkintendant

Heinrich Glasmeier war Historiker, westfälischer Adelsarchivar mit bedeutenden Verdienste um das nichtstaatliche Archivwesen, Intendant des Reichssenders Köln (1933-1937), Reichsrundfunkintendant und Generaldirektor der Reichs-Rundfunk-Gesellschaft (1937-1945).

Porträt Heinrich Glasmeier (Bildvergrößerung öffnet im neuen Fenster, 107KB)
Heinrich Glasmeier, undatierte Aufnahme. (Westdeutscher Rundfunk, Historisches Archiv / Sammlung Hahn)

Heinrich Glasmeier stammte aus Dorsten in Westfalen. Hier wurde er am 5.3.1892 als ältestes von zehn Kindern des Drogisten Bernhard Glasmeier und seiner Frau Christine, geborene Thering, in eine strenggläubige katholische Familie geboren. Seine Vorfahren waren Handwerker und Bauern. Nach dem Besuch der Volksschule (1898-1902) wechselte Glasmeier auf das Gymnasium Petrinum in Dorsten, wo er im Februar 1911 das Abitur ablegte. An den Universitäten Münster und München studierte er Geschichte, Deutsch und Philosophie, maßgeblich gefördert von seinem gleichnamigen Patenonkel Heinrich Glasmeier (geboren 1860), der 27 Jahre als Pfarrer an der Aegidikirche in Münster wirkte. Während des Studiums war Glasmeier in Münster Mitglied der Korporation „Cimbria“.

Seinen ursprünglichen Berufswunsch „Philologie“ gab er zugunsten der Geschichtswissenschaft, insbesondere der Mediävistik und Archivwissenschaft auf. Glasmeier promovierte schließlich im Jahre 1920 in Münster bei Aloys Meister (1866-1925) mit einer Arbeit zum Thema „Das Geschlecht von Merveldt zu Merfeld. Ein Beitrag zur Familien- und Stammesgeschichte der Münsterschen Ritterschaft“. Einen Tag nach Abschluss des Promotionsverfahrens heiratete er in Münster Maria Hövener (geboren 1898), die Tochter eines Oberregierungsrates. Aus der Ehe gingen die Töchter Irma, Jutta und Mechthild sowie der im Kindesalter verstorbene Sohn Elmar hervor.

Schon vor dem Ersten Weltkrieg wandte sich Glasmeier der Archivpraxis zu, die seinen Werdegang bestimmen sollte: Von 1913-1920 war Glasmeier in erster Anstellung Gräflich von Merveldt’scher Archivar in Lembeck bei Dorsten. Am 2.8.1914 trat er als Kriegsfreiwilliger in das Paderborner Husarenregiment 8 ein. Die Wahl des elitären Truppenteils dürfte wahrscheinlich auf seine bis dahin geknüpften Adelskontakte zurückzuführen sein. Als Oberleutnant der Reserve und dekoriert mit dem Eisernen Kreuz I. und II. Klasse wurde er 1918 demobilisiert und nahm sein Studium wieder auf. 1919 schloss sich Glasmeier dem Freikorps Lichtschlag an, außerdem war er Mitglied der Schwarzen Reichswehr.

Betriebsappell Glasmeier (Bildvergrößerung öffnet im neuen Fenster, 192KB)
Betriebsappell der Mitarbeiterschaft des WDR am 1. Mai 1933 vor dem Funkhaus Dagobertstraße, Ansprache Heinrich Glasmeier in SS-Uniform (Mitte), links Personalchef Otto Barlage, rechts WERAG-Prokurist Paul Korte. (Westdeutscher Rundfunk, Historisches Archiv)
Betriebsappell der Mitarbeiterschaft des WDR am 1. Mai 1933 vor dem Funkhaus Dagobertstraße, Ansprache Heinrich Glasmeier in SS-Uniform (Mitte), links Personalchef Otto Barlage, rechts WERAG-Prokurist Paul Korte. (Westdeutscher Rundfunk, Historisches Archiv)
Betriebsappell der Mitarbeiterschaft des WDR am 1. Mai 1933 vor dem Funkhaus Dagobertstraße, Ansprache Heinrich Glasmeier in SS-Uniform (Mitte), links Personalchef Otto Barlage, rechts WERAG-Prokurist Paul Korte. (Westdeutscher Rundfunk, Historisches Archiv)
Betriebsappell der Mitarbeiterschaft des WDR am 1. Mai 1933 vor dem Funkhaus Dagobertstraße, Ansprache Heinrich Glasmeier in SS-Uniform (Mitte), links Personalchef Otto Barlage, rechts WERAG-Prokurist Paul Korte. (Westdeutscher Rundfunk, Historisches Archiv)

Am 1.5.1920 erhielt er eine Anstellung als Herzoglich von Croyscher Archivar in Dülmen und 1923 als Gräflich Landsbergscher Gesamtarchivar auf Schloss Velen. Seine Verdienste um das nichtstaatliche Archivwesen in Westfalen sind bedeutend. Am 1.1.1924 wurde Glasmeier der erste Direktor der Vereinigten Westfälischen Adelsarchive und 1926 Leiter der Archivberatungsstelle der Provinz Westfalen, die Vorbild wurde für die 1929 gegründete Archivberatungsstelle der Rheinprovinz. Das Resümee des Archivars Norbert Reimann über Glasmeiers Tätigkeit als Archivar lautet: „Am nachhaltigsten waren aber zweifellos die zehn Jahre seines Wirkens als Adelsarchivar und Leiter der Archivberatungsstelle in Westfalen. Hier hat er durch unermüdlichen Einsatz, Ideenreichtum, Organisationstalent und Verbundenheit mit der Geschichte und Kultur Westfalens Initiativen entfaltet, die dauerhaft Bestand hatten [...] Ohne Heinrich Glasmeier – das darf wohl unterstellt werden – gäbe es die nichtstaatliche Archivpflege im Bundesland Nordrhein-Westfalen in ihrer heute als vorbildlich angesehenen Weise vermutlich nicht.“ (1)

Verdienste um die Geschichte Westfalens erwarb sich Heinrich Glasmeier auch durch sein Engagement im Fachreferat Geschichte des Westfälischen Heimatbundes (WHB) und durch seine ausgedehnte publizistische Tätigkeit zu genealogischen, archivkundlichen oder militärhistorischen Themen.

Am 1.2.1932 trat Glasmeier, dessen wirtschaftliche Situation nach dem Brand von Schloss Velen im April 1931 labil war, in die NSDAP ein (Mitgliednummer 891.960). Am 1.5.1932 avancierte er zum Gaukulturwart von Westfalen-Nord, am 1. Oktober wurde er Gaugeschäftsführer. Das Schlüsselereignis für seine weitere Karriere im NS-Staat liegt im Lippischen Wahlkampf vom Januar 1933. Im Rahmen der von der NSDAP zur „Durchbruchsschlacht“ hochstilisierten Wahlkampagne machte Glasmeier Bekanntschaft mit Adolf Hitler (1889-1945) und dem Reichsführer Höchster Dienstgrad der SS. Entsprach dem Rang eines Generalfeldmarschalls der Wehrmacht. SS  Heinrich Himmler (1900-1945). Am 7.1.1933 wurde er in die SS aufgenommen (Nr. 53.406). Glasmeier blieb Hitler bis zum Jahre 1945 in unverbrüchlicher Treue verbunden, während Hitlers Protektion den Grundstein für Glasmeiers Aufstieg im „Dritten Reich“ bildete.

Amtseinführung Glasmeier (Bildvergrößerung öffnet im neuen Fenster, 195KB)
Amtseinführung Heinrich Glasmeiers (3. v.r.) am 24. April 1933 im Funkhaus Dagobertstraße in Köln durch Reichsminister Joseph Goebbels (3. v.l.) im. Intendanzbüro mit Sendeleiter Rundfunkkommissar Gustav Krukenberg (1. v.l.) und Propagandaamtschef Toni Winkelnkemper (4. v.r.). (Westdeutscher Rundfunk, Historisches Archiv/ Sammlung Hahn)

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Im März 1933 wurde die Intendanz der Westdeutschen Rundfunk GmbH in Köln durch die Kündigung von Ernst Hardt vakant. Am 24. April wurde Glasmeier im Kölner Funkhaus von Reichspropagandaminister Joseph Goebbels in sein Amt (1) Dienst, (2) im Territorialstaat vom Mittelalter bis zum Ende des Alten Reiches Verwaltungsbezirk, kleinste Verwaltungseinheit, (3) seit den 1920er Jahren bis zur 1975 abgeschlossenen kommunalen Neugliederung Bezeichnung für einen Gemeindezusammenschluss, (4) Bezeichnung für Zunft. eingeführt.

Glasmeier gehörte zwar seit Januar 1933 nominell dem (nicht mehr tagenden) Programmbeirat des Senders an, verfügte jedoch weder über die nötige Expertise noch über die benötigte verwaltungstechnische Erfahrung. Sein Führungsstil am Sender trug vorbürokratisch-gutsherrliche Züge. Resultat der mangelnden fachlichen Aufsicht sowie der Personalpolitik des Jahres 1933, bei der Teile der Mitarbeiter durch fachfremde Parteigenossen ersetzt wurden, war eine Destabilisierung des Betriebes, die 1933/1934 in einen Betrugsskandal mündete. Glasmeier wurde im Zuge der Affäre für zehn Monate vom Dienst suspendiert. Die Verantwortung für das von der Revision offengelegte Missmanagement lehnte er ab. Die Affäre wurde schließlich nach „politischer Opportunität“ geregelt, Glasmeier kehrte 1935 „rehabilitiert“ an den Sender zurück.

Glasmeier in SS-Uniform (Bildvergrößerung öffnet im neuen Fenster, 119 KB)
Heinrich Glasmeier in SS-Uniform auf dem Titelblatt der Programmzeitschrift der WERAG vom 23. April 1933. (Westdeutscher Rundfunk, Historisches Archiv)

Am 19.3.1937 wurde er schließlich, obwohl er nicht die erste Wahl von Goebbels war, als Reichsintendant des Deutschen Rundfunks und Generaldirektor der Reichs-Rundfunk-Gesellschaft (RRG) in Berlin bestätigt. Sein Spielraum war freilich begrenzt, eingeengt durch Friktionen mit dem Dreierdirektorium der RRG, der Abteilung Rundfunk innerhalb des Reichspropagandaministeriums und den Anweisungen von Propagandaminister Goebbels selbst. Ab 1939 wurden die Befugnisse der RRG durch die Einrichtung einer Rundfunkkommandostelle im Propagandaministerium und die Überführung der Zuständigkeit für Nachrichten und Unterhaltung (die den weitaus größten Teil des Programms des Großdeutschen Rundfunks ausmachten) ins Ministerium weiter beschnitten. Glasmeier, der von November 1939 bis März 1940 als Nachrichtenoffizier in Bad Godesberg (heute Stadt Bonn) eingesetzt wurde, blieben nur noch wenige administrative und repräsentative Aufgaben. Vor dem Hintergrund der Demontage Französisch, Abbau, besonders von Maschinen- und Industrieanlagen und insbesondere deren Abtransport ins Ausland zur Wiedergutmachung von Kriegsschäden. Nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg von den Siegermächten gegen Deutschland angewandt. der RRG erklärt sich Glasmeiers Hinwendung zu einem Großprojekt, das sich Hitlers höchster Wertschätzung erfreute: den Ausbau des 1941 säkularisierten Augustinerchorherrenstiftes St. Florian bei Linz an der Donau zu einer Produktionsstätte des Großdeutschen Rundfunks und zu einer Bruckner-Gedenkstätte mit eigens zu schaffenden Klangkörpern wie dem Reichs-Brucknerorchester. In St. Florian gab sich Glasmeier in quasi-feudaler Attitüde ab 1942 gigantomanen, immer realitätsfremder werdenden Plänen zum weiteren Ausbau des Stiftes und zu seiner Ausstattung mit Antiquitäten und Kunstwerken hin. An seinem Arbeitsplatz im Funkhaus in Berlin hielt er sich immer seltener auf. Da er sich nach wie vor der Wertschätzung Hitlers erfreute, wurden Vorstöße zu seiner Kündigung innerhalb des Propagandaministeriums niedergeschlagen. Kurz vor dem Einmarsch der US-Truppen in St. Florian Anfang Mai 1945 machte sich Glasmeier auf den Weg an die Front zwischen Graz und Wiener Neustadt. Seitdem gilt er als verschollen. Heinrich Glasmeier wurde am 5.5.1950 vom Amtsgericht Münster für tot erklärt.

Glasmeier Büro (Bildvergrößerung öffnet im neuen Fenster, 97 KB)
Heinrich Glasmeier, undatierte Aufnahme. (Westdeutscher Rundfunk, Historisches Archiv)

 

Anmerkung

(1) Reimann, Heinrich Glasmeier, S. 182-183.

 

Werke

Das Geschlecht von Merveldt zu Merfeld. Ein Beitrag zur Familien- und Stammesgeschichte der Münsterschen Ritterschaft, Bocholt 1931.

Geschichte des Kürassier-Regiments von Driesen (Westf.) Nr. 4, Oldenburg 1932.

 

Herausgabe

Bildwiedergaben ausgewählter Urkunden und Akten zur Geschichte Westfalens. 7 Bände, Velen 1930-1932.

Freiherr vom Stein: sein Leben und Wirken in Bildwiedergaben ausgewählter Urkunden und Akten, Münster 1931.

 

Literatur
Bernard, Birgit, Die Amtseinführung des ersten NS-Intendanten des Westdeutschen Rundfunks, Heinrich Glasmeier, durch Joseph Goebbels am 24.4.1933, in: Geschichte in Köln 48 (2001), S. 105-134.

Bernard, Birgit, Korruption im NS-Rundfunk. Die Affäre um die „Bunten Abende“ des Reichssenders Köln, in: Geschichte im Westen 23 (2008), S. 173-203.

Bernard, Birgit, Reisen durch deutsche Grenzlande. Die Exkursionen der Rundfunkintendanten durch Westdeutschland und Ostpreußen im Sommer 1937, in: Geschichte im Westen 20 (2005), S. 155-172.

Bernard, Birgit, Der Reichssender Köln, in: Am Puls der Zeit. 50 Jahre WDR, Band 1. Die Vorläufer 1924-1955, hg. v. Petra Witting-Nöthen, Köln 2006, S. 87-155.

Fasse, Norbert, Katholiken und NS-Herrschaft im Münsterland: das Amt Velen-Ramsdorf 1918-1945, Bielefeld 1996.

Fischer, Eugen Kurt, Das Brucknerstift St. Florian. Ein Beitrag zur  Rundfunkgeschichte im Dritten Reich, in: Publizistik 5 (1960), S. 159-164.

Kreczi, Hanns, Das Bruckner-Stift St. Florian und das Linzer Reichs-Bruckner-Orchester (1942-1945), Graz 1986.

Löhr, Wolfgang, Glasmeier, Heinrich Josef Alois, in: Koß, Siegfried/Löhr, Wolfgang (Hg.). Biographisches Lexikon des KV (Kartellverband katholischer deutscher Studentenvereine) 1865 gegründeter deutscher Korporationsverband nicht farbentragender Studentenverbindungen. Ihren Ursprung nahmen sowohl KV, als auch CV (farbentragend) in dem 1863 gegründeten Kartell katholischer Studentenverbindungen. Der KV widmete sich weniger der Untermauerung des studentischen Brauchtums, als der religiös-kulturellen Arbeit. , Band 6, Köln 1998, S. 55-56.

Reimann, Norbert, Heinrich Glasmeier, in: Westfälische Lebensbilder 17 (2005), S. 154-184.

 

3.3.2015

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Birgit  Bernard (Köln/Heidelberg)