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Margareta Goussanthier (1899-1986), „Madame Buchela“, Seherin

„Buchela“ steht auf ihrem Grabstein auf dem Friedhof in Remagen – der Name, unter dem Margareta Goussanthier in der breiten Öffentlichkeit bekannt war. Die „Buchela“ war eine deutsche Wahrsagerin, zu deren Klientel viele Prominente gehörten, darunter auch Politiker. Die Vorhersagen der Buchela fanden in den 1950er-70er Jahren häufig ein Echo in den bundesdeutschen Medien.

Ihren Memoiren zur Folge erhielt sie den Kosenamen „Buchela“ (Betonung auf der ersten Silbe) von ihrem Vater, Adam Merstein (gestorben 1945), einem Musiker und Hausierer, nach der Buche, unter der sie zur Welt gekommen ist. Geboren am 12.10.1899 in Honzerath (heute Gemeinde Beckingen) im Saarland, zog sie als Kind mit ihrer Sinti-Familie von Ort zu Ort und half ihr, den Lebensunterhalt durch den Verkauf von Spitzendeckchen zu verdienen. Doch 1907 endete das „Zigeunerleben“ für die damals Achtjährige. Nachdem ihr Bruder Anton beim Reinigen der Pistole des Vaters tödlich verunglückt war, entzogen die Behörden den Eltern das Sorgerecht und die Tochter kam in das Waisenhaus der Borromäerinnen auch Barmherzige Schwestern vom hl. Karl Borromäus. Der Orden wurde als karitativer Frauenorden 1652 in Nancy gegründet. Im 19. Jahrhundert Entwicklung zur Ordenskongregation, die 1859 vom Papst anerkannt wurde in St. Wendel.

Schon vorher hatte Buchela bei sich die Gabe des „Sehens“, wie sie es in ihren Memoiren, die sie 1983 niederschreiben ließ, nennt, entdeckt; sie soll ein Erbe ihrer Großmutter gewesen sein. Bereits im Kindesalter habe sie den anderen Kindern für ein paar Pfennige die Zukunft offenbart und auch den Tod ihres Bruders vorhergesehen. Das sei jedoch der einzige Fall gewesen, in dem sie Einsicht in die Zukunft der ihr nahe stehenden Personen gehabt habe und in der Zeit im Waisenhaus sei ihr die Gabe sogar kurzzeitig abhanden gekommen.

Nachdem sie St. Wendel verlassen konnte, arbeitete sie um 1920 für kurze Zeit als Dienstmädchen in Lebach. Anschließend lebte sie mit ihrer Mutter, Josephine Merstein geborene Adel, in Köln, wo sie den Lebensunterhalt durch Hausieren verdiente und ab und an einem Käufer, der ihr gefiel, die Zukunft vorhersagte. Mit 23 Jahren heiratete sie den Sinto Adam Goussanthier (gestorben 1945). Das gemeinsame Kind starb bei der Geburt. Das Ehepaar Goussanthier zog hausierend durchs Land, bis es nach der Machtergreifung Bezeichnung für die Ernennung Adolf Hitlers (1889-1945) zum Reichskanzler am 30.1.1933 und die Übertragung der Regierungsgewalt auf die Nationalsozialisten. Die Machtergreifung bedeutete das endgültige Ende der demokratischen Weimarer Republik und den Beginn der Terrorherrschaft der NS-Diktatur. der Nationalsozialisten am 30.1.1933 gezwungen war, sich in Stotzheim, einem Stadtteil von Euskirchen, niederzulassen und nur noch heimlich hausieren konnte. Während der 1930er Jahre gerieten Sinti und Roma zunehmend in das Visier des nationalsozialistischen Regimes. Schon seit dem Kaiserreich hatte es Erlasse gegeben, die Sinti und Roma in ihren Freiheiten einschränkten, wie beispielsweise das bayerische „Gesetz zur Bekämpfung von Zigeunern, Landfahrern und Arbeitsscheuen“ von 1926. Nach dem 30.1.1933 verschärfte sich der Antiziganismus, und die bisher regional beschränkten Verordnungen wurden auf das gesamte Reich ausgedehnt. Nach Erlass des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ vom Juli 1933 wurden Zwangssterilisationen durchgeführt und die Nürnberger Gesetze fanden auch für Sinti und Roma Anwendung. Ab Dezember 1937, nach Inkrafttreten des sogenannten „Asozialenerlasses“, mussten sie in Sammellagern zu leben, von wo aus viele in die Vernichtungslager deportiert wurden und dort umkamen.nach oben

Die Auswirkungen der Maßnahmen gegen Sinti und Roma wie die des Zweiten Weltkriegs bekam auch Margareta Goussanthier zu spüren. Bei Kriegsausbruch 1939 wurde ihr Mann zur Wehrmacht eingezogen. Sie selbst wurde nicht deportiert, verlor jedoch fast alle ihre Angehörigen durch Krieg und Verfolgung. Ihre Mutter starb in Auschwitz, ihr Ehemann als Soldat im Lazarett kurz nach Kriegsende.

Auch ihre wirtschaftliche Lage war nach 1945 schwierig. Im zerstörten Nachkriegsdeutschland war der Bedarf an Spitzendeckchen, die sie wieder zu verkaufen begann, gering, weshalb sie sich mit dem Verkauf ihrer Ware auf wohlhabendere Haushalte beschränkte und ihren Kunden, wenn sie es wünschten, auch in den Augen las. Zu jenen sollen 1949 die Fürstin Eva Esfandiary Bakhtiary (1906-1994) und ihre Tochter Soraya (1932-2001) gehört haben, der die Buchela die Heirat mit einem gekrönten Haupt voraussagte. Als Soraya 1951 Mohammad Reza Pahlevi von Persien (1919-1980, Schah 1941-1979) heiratete, sah man die Weissagung als erfüllt an. Ihre hellseherischen Dienste sprachen sich herum. Besonders beliebt war sie bei ihren Kunden für die Eigenschaft, nur das „Gute“ preiszugeben. „Das Schlechte, ich sah es und behielt es für mich“, sagte sie später.

1953 machte die damals 54-Jährige Schlagzeilen, als der von ihr prophezeite Wahlsieg der CDU/CSU eintrat. Sie erhielt Beinamen wie die „Seherin von Bonn“ oder die „Pythia vom Rhein“ und zählte zunehmend prominente Zukunftssuchende zu ihrer Klientel. Dazu gehörten nach ihren Angaben Konrad Adenauer, Edward Kennedy (1932-2009) oder Marika Kilius (geboren 1943). Der Pabel-Verlag begann Kalender mit Voraussagen der Wahrsagerin zu veröffentlichen und sie selbst publizierte zwei Werke über die Kunst des Sehens.

Zwischen 1958 und 1961 wohnte Madame Buchela in Bodendorf (heute Bad Bodendorf); 1960 bezog sie ihr „Hexenhäuschen“ – wie sie es taufte – in Remagen, dessen Türen sowohl für Angehörige ihrer Familie als auch für Ratsuchende stets geöffnet waren. Sie nahm ihre Neffen Wolfgang, Peter und Josef bei sich auf. Peter hatte das Konzentrationslager Ursprünglich als „Schutzhaftlager“ verwendet, wurden die vom NS-Regime während des "Dritten Reiches" errichteten Lager zur Internierung missliebiger Personen (zum Beispiel Juden, Zigeuner, demokratische und kommunistische Politiker, Geistliche, NS-Widerstandskämpfer, Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter, Behinderte und sogenannte Asoziale) genutzt. Als wichtiges Instrumente des Staatsterrors wurden bis Kriegsbeginn sieben KZ errichtet, bis 1945 22 Hauptlager mit zahlreichen Außenlagern und Außenkommandos. Neben der Nutzung als Arbeitslager dienten einige der KZ ab 1941 als Vernichtungslager. überlebt und litt an Alkoholproblemen, während der homosexuelle Wolfgang als Exzentriker bekannt war.

Besondere Berühmtheit erlangte sie, als sie im Soldatenmordfall Lebach - einem spektakulären Mord an vier Soldaten im dortigen Bundeswehrstandort - am 25.4.1969 den entscheidenden Hinweis auf die Täter gab, nachdem sie den Fahnungsaufruf in der Fernsehsendung „Aktenzeichen XY...ungelöst“ gesehen hatte. Sie hatte zwei Männer wieder erkannt, die sie zuvor aufgesucht und behauptetet hatten, die Fürstin Esfandiary habe sie geschickt. Das hatte das Misstrauen der 70-Jährigen geweckt und sie hatte sich das Kennzeichen des Wagens der beiden notiert, welches sie an die Polizei weitergeben konnte.

Nachdem ihr Neffe Wolfgang Merstein 1976 kurz nach seinem 50. Geburtstag ermordet in seinem Zimmer aufgefunden worden war, zog sie sich weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück, obwohl ihre Voraussagen immer wieder Gegenstand der Medien waren. Auch die Vermögensverhältnisse der „Pythia vom Rhein“ waren ein beliebtes Thema der Presse, da bekannt war, dass sie für ihre Dienste keinen festen Preis verlangte, sondern ihre Klienten selbst entscheiden ließ, wie viel sie zahlen wollten. Zudem tat sie sich durch wohltätige Spenden hervor und stand auch sonst im Ruf der Großzügigkeit.

Im Juli 1986 wechselte sie mit 87 Jahren den Wohnort von Remagen nach Oberwinter. Der Ortswechsel zog einen erbitterten Rechtsstreit zwischen der Familie, insbesondere der Adoptivtochter Helma Goussanthier, und einer Bekannten Buchelas, Carla Wiedeking, nach sich, der man vorwarf, Madame Buchela in Oberwinter festzuhalten. Die Freundin dagegen gab an, der Seherin Schutz vor deren Familie bieten zu wollen, die Buchela wegen ihres Geldes ausnutzen wolle. In dem Haus auf der Rheinhöhe wurde sie von der Außenwelt völlig abgeschirmt. Ein richterlicher Beschluss entschied letzten Endes, die körperlich geschwächte Frau nicht nach Remagen zurück zu holen, solange dies nicht deren ausdrücklicher Wille sei. Zudem machte ihr die befreundete Astrologin Ruth Zucker das Angebot, mit ihr nach Israel zu gehen. Doch dazu kam es nicht mehr, da die „Seherin von Bonn“ im Oktober 1986 wegen eines Herz-Lungenleidens in das Bonner Malteserkrankenhaus eingeliefert wurde, wo sie nach vier Wochen verstarb. Der Verdacht der Tötung, den Carla Wiedeking kurz darauf gegen eine Angehörige der Familie äußerte, wurde von der Staatsanwaltschaft fallen gelassen.

Ihren Ruhm verdankte Margareta Goussanthier ihrer „Gabe“, die ihr sowohl glühende Anhänger als auch erbitterte Kritiker einbrachte. Ihre Verbindung mit den gesellschaftlichen und politischen Spitzen der jungen Bundesrepublik und mit dem schillernden persischen Kaiserpaar ließ sie immer wieder in die Schlagzeilen der Boulevardpresse geraten. Wer immer sie aber persönlich erlebt hat, war von ihrer Großzügigkeit und Bescheidenheit beeindruckt.


Autobiographie

Buchela: Ich aber sage euch. Das Vermächtnis der großen Seherin, Hamburg/München 1983.

Zeitungsartikel (Auswahl)
Ranft, Ferdinand, "Die Leute lieben mich eben“. Die Seherin von Bonn empfängt Besuch aus aller Welt – Politische Prognosen für 1969, in: Die Zeit 3.1.1969.

Jakob, Hans Karl/Rademacher, Ralf, Unter einer Buche wurde sie geboren (Die Seherin vom Rhein: Buchela), in: Express 8.9.1986; Glück im Spiel und neue Liebe. Das sagte die Buchela schon als Kind voraus, in: Express 9.9.1986; „Soraya du wirst Kaiserin!“, in: Express 10.9.1986; Plötzlich zwei Mörder vor der Tür, in: Express 11.9.1986; Neffe Wolfgang, der Hauptmann von Remagen, in: Express 15.9.1986; Dieses Verbrechen konnte die Seherin nicht voraussehen. Freund erstach ihren Neffen, in: Express 16.9.1986; Lebensabend bei bester Freundin. Die Wahrsagerin kehrt nie mehr nach Remagen zurück, in: Express 20.9.1986.

Bodenstein, Joe F., Die Pythia vom Rhein nach Israel eingeladen. Die Heilkraft Jerusalems soll der Buchela helfen, Astrologin Ruth Zucker aus Haifa: „Friede an heiligen Stätten“, in: Rhein-Zeitung 24.10.1986.

Kaes, Wolfgang, „Sie ist eine starke Frau mit Lebenswillen“. Israelische Astrologin zum Befinden der krebskranken Buchela, in: Rhein-Zeitung 25.10.1986.

Die „Seherin von Bonn“ starb 87jährig, in: General-Anzeiger (Bonn) 10.11.1986; Wahrsagerin Madame Buchela ist tot. „Pythia vom Rhein“ starb 87jährig im Malteserkrankenhaus, in: General-Anzeiger (Bonn) 10.11.1986.

Frau Buchela, die „Seherin von Bonn“, ist tot. Politiker suchten ihren Rat, Längst nicht alle Voraussagen trafen ein, in: Rhein-Sieg-Anzeiger 10.11.1986.
Ermittlungen im Fall Buchela. Vorwurf der Tötung erhoben, in: General-Anzeiger (Bonn) 7.6.1988.

Der Fall Buchela. Keine Spur von Gift, Verfahren eingestellt, in: Rhein-Zeitung 27.7.1988.

Literatur

Buchela (eigentlich Margarethe Goussanthier, geb. Merstein), in: Koehler-Lutterbeck, Ursula/Siedentopf, Monika, Frauen im Rheinland. Außergewöhnliche Biographien aus der Mitte Europas, Köln 2004, S. 215-218.

Ginzler, Hildegard, Die Seherin Madame Buchela (1899-1986). Ein Leben zwischen Buche und Birke, in: Kreisverwaltung Ahrweiler (Hg.): Heimatjahrbuch für den Kreis Ahrweiler 2000, Ahrweiler 1999, S. 153.

Schopf, Roland, Zigeuner, Sinti, Roma und wir anderen. Bemerkungen zu problembesetzten Beziehungen, in: Schopf, Roland (Hg.), Sinti, Roma und wir anderen. Beiträge zu problembesetzten Beziehungen, Münster/Hamburg 1994, S. 9-24.

4.7.2014

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Lydia  Becker  (Bonn) 
 

       
 

       
 

 Margareta Goussanthier (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 111KB)

Margareta Goussanthier, 1962. (Kreisarchiv Ahrweiler)