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Carl Lehr (1842-1919), Oberbürgermeister von Duisburg (1879-1914)

Dr. iur. Carl Eduard Friedrich Lehr wird zu den bedeutenden Duisburger Oberbürgermeistern gerechnet; er hat in seiner fast 35-jährigen Amtszeit in der Phase der Hochindustrialisierung die Entwicklung Duisburgs zur modernen Industrie-Großstadt und ihren urbanen Ausbau betrieben und begleitet.

Lehr wurde am 15.1.1842 als Sohn des evangelischen Rechtsanwalts und Justizrats Carl Lehr und seiner Frau Marianne Henriette, geborene Bender, in Meschede geboren und wuchs in Siegen auf. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Herford und der Reifeprüfung 1861 studierte er von 1861 bis 1864 zunächst Theologie, dann Jura in Bonn (dort trat der der Burschenschaft Bezeichnung einer von ehemaligen Teilnehmern an den Befreiungskriegen gegründeten, sich ab 1815 an den deutschen Universitäten ausbreitenden studentischen Nationalbewegung. 1819 auf Grundlage der Karlsbader Beschlüsse verboten. Alemannia bei) und Berlin. 1864 wurde er Auskultator beim Kammergericht Berlin, 1870 Gerichtsassessor Heute teilweise veraltete Bezeichnung für den Richter oder Staatsanwalt auf Probe vor der Einstellung auf Lebenszeit; Voraussetzung ist das zweite juristische Staatsexamen, die so genannte Befähigung zum Richteramt. und, nach Teilnahme am Deutsch-Französischen Krieg 1870/1871, Kreisrichter in Kirchhundem, 1874 Kreisrichter in Duisburg und am 1.10.1879 Richter am neu eingerichteten Landgericht Duisburg. Schon zuvor, am 5.8.1879, war er zum Bürgermeister gewählt worden. Nach Eingang der königlichen Bestätigung durch Kabinettsordre siehe Kabinettsorder vom 17.9.1879 und der Entlassung aus dem Justizdienst zum 1.11.1879 fand am 11.11.1879 die Amtseinführung statt. Am 14.2.1881 wurde ihm der Titel Oberbürgermeister verliehen. Am 19.3.1891 erfolgte die einstimmige Wiederwahl, am 21.1.1903 erlebte er als einziger Duisburger Oberbürgermeister seine einstimmige Wiederwahl auf Lebenszeit. Seit 1892 war er Mitglied des preußischen Herrenhauses auf Lebenszeit, am 26.7.1904 wurde er zum Geheimen Regierungsrat ernannt, seit 1908 gehörte er dem Rheinischen ProvinziallandtagDie Errichtung von Provinzialständen in Preußen wurde 1823 angeordnet. Der Errichtung dieser neuen "Stände" lag ein neuer Ständebegriff zugrunde, wonach sich die Stände durch Grundbesitz qualifizierten und waren nach dem Grundeigentum abgestufte Besitzklassen waren. Jeder Stand hatte eigene Vertreter zu wählen, für die aber im Sinne repräsentativer Körperschaften Weisungsfreiheit und Allgemeinverantwortung gefordert wurden. Das monarchische Prinzip und die Souveränität des Monarchen blieben unangetastet, womit die Bürokratie ihre überragende Bedeutung behielt und deren Beamte weiterhin den eigentlich staatstragenden "Stand" bildeten. Die Kompetenzen der Landtage beschränkten sich auf das Petitionsrecht, auf reine Beratungsfunktionen und die Übernahme weniger Verwaltungsaufgaben. Dem Gesetz  folgten acht Gesetze für die Errichtung von Landtagen in den einzelnen Provinzen, das für den Rheinischen Provinziallandtag erschien am 27.3.1824, zu seiner ersten Sitzung trat der Rheinische Provinziallandtag aber erst am 29.10.1826 zusammen. an. Zu seinem 70. Geburtstag am 15.1.1912 verlieh die Stadt ihm das Ehrenbürgerrecht. Am 30.1.1914 legte er aus Gesundheitsgründen sein Amt nieder und wurde zum 30.6.1914 in den Ruhestand versetzt. Dienstwohnung und Theaterloge standen ihm aber weiterhin zur Verfügung.

Verheiratet war er seit dem 31.8.1880 mit Marie Oechelhäuser, Tochter des Kommerzienrates Adolf Oechelhäuser und seiner Ehefrau Lina. Vielfach hochgeehrt starb er am 7.2.1919 in Duisburg. Sein Grab befindet sich auf dem Alten Friedhof am Sternbuschweg.

Zu Beginn seiner Amtszeit war Duisburg eine Provinzstadt mit circa 39.000 Einwohnern, die, erst 1873 kreisfrei geworden, in der Phase der Hochindustrialisierung begriffen war und in den letzten sechs Jahrzehnten ihre Einwohnerzahl versechsfacht hatte. Bei seiner Pensionierung 1914 war die Phase der Industrialisierung und Urbanisierung weitgehend abgeschlossen, und Lehr hinterließ seinem Nachfolger Karl Jarres eine der bedeutendsten Industrie- und Handelsstädte mit dem größten Binnenhafen der Welt und 253.000 Einwohnern und zugleich eine moderne, urbane Großstadt.

1824 hatte die Industrialisierung mit einer Schwefelsäurefabrik begonnen, seit der Mitte des Jahrhunderts etablierte sich die Eisenindustrie, die mit zahlreichen Werken bald zum beherrschenden Wirtschaftszweig wurde, der mehr als die Hälfte der Arbeitnehmer beschäftigte. Vor allem am Rheinufer reihten sich die Werke der Großeisenindustrie mit Hochofen-, Stahl- und Walzwerken sowie Maschinen- und Brückenbauunternehmen.

1846 hatte Duisburg über die Köln-Mindener Eisenbahngesellschaft den Anschluss an das wachsende Eisenbahnnetz erreicht, die Rheinische und die Bergisch-Märkische Eisenbahngesellschaft waren in den 1860er Jahren gefolgt. Seit 1874 gab es eine Eisenbahnbrücke als erste feste Rheinbrücke, 1885 wurde ein Zentralbahnhof errichtet.nach oben

Von 1828 bis 1832 hatte ein privater "Rhein-Kanal-Aktienverein" eine Kanalverbindung zum Rhein hergestellt, um Anschluss an die Rheinschifffahrt zu gewinnen. Ergänzt wurde sie durch den 1844 fertiggestellten Ruhrkanal sowie durch entsprechende Hafenanlagen. Als in den 1880er Jahren weitere Investitionen erforderlich wurden, insbesondere die Anlage eines Hafenbahnhofs, traf die Stadt die wohl wichtigste Entscheidungen in der Amtszeit Lehrs und erwarb 1889 die gesamten Kanal- und Hafenanlagen, da sie in den Häfen „den hervorragendsten Faktor ihrer Entwicklung" erkannte. Umfangreiche Ausbaumaßnahmen folgten in den nächsten Jahren, zeitweise überrundete der Umschlag der Duisburger Häfen den der Ruhrorter. Da auch Ruhrort umfangreiche Hafenerweiterungen plante, drohte hier ein kontraproduktiver Wettbewerb, den Lehr frühzeitig vorhersah. Zu der Zusammenlegung der beiden Hafenanlagen unter einer gemeinsame Verwaltung, für die er - zunächst vergeblich - plädiert hatte, kam es dann 1905, mit Lehr als Vorsitzendem des Hafenbeirats. Zusammen mit den Privathäfen der Industriebetriebe bildeten die Häfen nun das größte Binnenhafensystem der Welt. Noch im selben Jahr wurden auch die beteiligten Städte Duisburg, Ruhrort und Meiderich zu einer Gesamtstadt mit 183.000 Einwohnern vereinigt.

Zu den zahlreichen Maßnahmen der Infrastrukturverbesserung, die in Lehrs Amtszeit getätigt wurden, zählte der Aufbau eines zunächst privaten Straßenbahnsystems, das ab 1881 nicht nur das eigene Stadtgebiet erschloss, sondern auch Verbindungen zu den Nachbarstädten schuf, zunächst nach Ruhrort, dann nach Broich (1904 zu Mülheim), später auch zum linksrheinischen Homberg. Zu diesem System gehörte auch die 1899 eingerichtete Kleinbahn nach Düsseldorf, die 1913 in städtischen Besitz überging und später als D-Bahn bekannt wurde.

Den neuen Verkehrsbedürfnissen wurde auch das Straßensystem angepasst durch Ausbauten und Verbreiterungen, mit breiten Durchbrüchen durch das kleinteilige mittelalterliche Straßenraster. Zu der Eisenbahnbrücke von 1874 trat 1912 eine weitere, 1907 wurde als dritte Rheinbrücke eine Straßenbrücke zwischen Ruhrort und Homberg errichtet. Im selben Jahr wurde die Brückenverbindung nach Ruhrort erneuert (1914 wurde sie Oberbürgermeister-Lehr-Brücke genannt), bereits 1904 wurde die Straßenbrücke über die Ruhr nach Meiderich dem Verkehr übergeben. Die neuen Straßenbrücken dienten auch dem Straßenbahnverkehr. 1912 wurde mit städtischer Unterstützung ein Flughafen eröffnet.

Die schnell wachsende Bevölkerung und häufige Epidemien veranlassten neue sanitäre Einrichtungen als "polizeiliche Gemeindeanstalten" mit Anschlusszwang. Dazu gehörte der Ausbau des Trinkwassernetzes, ein umfassendes Kanalisationssystem mit Kläranlage ebenso wie ein zentrales Schlachthaus, die Straßenreinigung und die Müllabfuhr. Außerdem wurde eine moderne Badeanstalt eröffnet.

Eine zunächst privat geführte "Gas-Erleuchtungs-Gesellschaft" wurde ab 1880 im Sinne der öffentlichen Daseinsvorsorge in städtisches Eigentum überführt und mit dem städtischen Wasserwerk verbunden. 1889 wurde ein städtisches Elektrizitätswerk, zunächst nur zur Versorgung des Hafens, in Betrieb genommen. Ab 1903 folgte ein Werk zur Versorgung der ganzen Stadt.

Dem Bestreben, Duisburg als mehr denn eine Industrie-Agglomeration erscheinen zu lassen, entsprachen repräsentative Neubauten und kulturelle Einrichtungen. So konnte 1902 ein repräsentatives neues Rathaus eingeweiht werden, die gleich daneben befindliche gotische Salvatorkirche wurde renoviert, der Turm erhöht und mit einem Helm versehen. Von hier aus bildete die Königstraße die Hauptverbindung zum Bahnhof und wurde zur repräsentativen Prachtstraße ausgebaut. Seit 1905 gab es hier ein Bismarck-Denkmal. Das Landgericht von 1876 bekam 1911/1912 einen neuen Trakt, gegenüber befand sich bereits die städtische Tonhalle. Sie war 1887 auf Lehrs persönliche Initiative, aber mit privaten Mitteln errichtet worden, eine Theatergemeinschaft mit Düsseldorf ermöglichte neben Musik- auch Theateraufführungen, für die sie allerdings weniger geeignet war. Daher wurde 1902, wieder auf Initiative Lehrs, ein Theaterbauverein ins Leben gerufen, der die Gelder wiederum aus privater Hand akquirierte und 1912 einen Theaterneubau nahe der Tonhalle ermöglichte, nicht direkt an der Königstraße, aber mit Sichtachse über den König-Heinrich-Platz hinweg, der über einem aufgelassenen Friedhof angelegt wurde. Aus einer privaten Musikkapelle wurde eine städtische mit städtischem Musikdirektor, Keimzelle der Duisburger Philharmoniker. 1901 konnte auch eine städtische Bibliothek eröffnet werden. Eine private Sammlung prähistorischer Urnen veranlasste die Gründung des halbstädtischen Museumsvereins mit Lehr als Vorsitzendem. 1902 wurde im Rathaus ein historisch orientiertes Museum eröffnet, aus dem sowohl das heutige Kultur- und Stadthistorische Museum als auch das Wilhelm-Lehmbruck-Museum hervorgingen. Der Initiator des Museums, Gymnasialprofessor Heinrich Averdunk (1840-1927), Verfasser der ersten wissenschaftlichen Stadtgeschichte, wurde auch mit der Ordnung und Verzeichnung des städtischen Archivs betraut, das ebenfalls im Rathaus untergebracht wurde.

Jenseits der Repräsentativbauten konnte das weitgehend unkontrollierte Wuchern privater Bautätigkeit, das ein höchst unvorteilhaftes Nebeneinander von Industrie und Wohnbebauung mit Auswirkungen bis heute zeitigte, nur mühsam eingedämmt werden. Erst nach der Jahrhundertwende kam es zur Durchsetzung einer stringenten Bauordnung.

National und patriotisch denkend war Lehr ein Anhänger der preußischen Königshauses, so dass entsprechende Feiern mit großem Aufwand begangen wurden. So trat er auch für die Beibehaltung des umstrittenen Sedantages ein, der alljährlich als großes Volksfest auf dem Kaiserberg gefeiert wurde, als das beste Mittel zur Hebung des Patriotismus.

Insgesamt ist Lehrs Amtszeit von Weitblick und Umsicht im Hinblick auf die Erfordernisse des Industriezeitalters gekennzeichnet, wobei die Grundbedürfnisse der Bevölkerung möglichst durch öffentliche, städtische Daseinsvorsorge gesichert werden sollten.

Literatur

Cinka, Peter, Träger kommunaler Entscheidungsprozesse in Duisburg in der Zeit von 1890 bis 1919, Duisburg 1992, S. 299-305.

Romeyk, Horst, Die leitenden staatlichen und kommunalen Verwaltungsbeamten der Rheinprovinz 1816-1945, Düsseldorf 1994, S. 599.

Online

Carl Lehr auf der Homepage der Stadt Duisburg.

19.9.2014

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Hans Georg  Kraume  (Duisburg) 
 

       
 

       
 

 Carl Lehr (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 386KB)

Carl Lehr, Porträtfoto. (Stadtarchiv Duisburg)