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Reynette von Koblenz (gestorben zwischen Mai 1394 und Juli 1397), jüdische Geldhändlerin

Reynette (auch Reyne) von Koblenz führte eines der erfolgreichsten jüdischen Kreditunternehmen im Rheinland des späten 14. Jahrhunderts. Zu ihren Kunden zählten nicht nur Bauern und Bürger, sondern auch Stadtgemeinden, Adelige und sogar Reichsfürsten.

Ihr Name Reynette beziehungsweise Reyne deutet auf eine Herkunft aus der Gallo-Romania, also aus dem Gebiet des heutigen Frankreich hin. Vermutlich gehörte sie zu den Nachfahren jener Juden, die im Jahre 1306 vom französischen König Philipp IV. (1285-1314) aus dessen Kron- und Lehnslanden ausgewiesen worden waren. Einige der Vertriebenen konnten sich im Territorium des Trierer Erzbischofs, mithin auch in Koblenz und Umgebung niederlassen. Der Koblenzer Jude Bonenfant, zu deutsch "Gutkind", der im Jahre 1330 erstmals als Geldverleiher erscheint und zu dessen Familie Reynette später in verwandtschaftliche Beziehung trat, dürfte ebenfalls aus der Romania an den Rhein gekommen sein.

Bevor Reynette nach Koblenz kam, lebte sie gemeinsam mit ihrem Ehemann Leo beziehungsweise Lewe in dem kurtrierischen Amtsstädtchen Münstermaifeld. Vielleicht stammte auch Leo aus Frankreich und ist identisch mit "Lewen judeum gallicum", der im Januar 1333 von Gottfried von Sayn (1313-1354) in Vallendar aufgenommen wurde. In Münstermaifeld jedenfalls ist Leo erstmals im November 1355 als Jude des Trierer Erzbischofs nachgewiesen. Hier war er noch im April 1358 gemeinsam mit Reynette in der Geld- und Pfandleihe tätig. Nur wenig später zog es das Ehepaar nach Koblenz. Bereits im März 1361 gewährte Leo als Koblenzer "Judenbürger" der Stadt Andernach einen Kredit in Höhe von 200 Gulden.

Das hochverschuldete kurkölnische Andernach war dringend auf das jüdische Kapital angewiesen. In Andernach selbst und sogar in der Metropole Köln lebten damals seit der Pestverfolgung von 1349 keine Juden mehr. Nur in der mit Andernach verbündeten Stadt Koblenz gab es eine größere jüdische Niederlassung, und so dürften wohl die Koblenzer Stadtväter die Kredithilfen nach Andernach vermittelt haben. Reynettes Ehemann Leo engagierte sich alsbald voll im Andernach-Geschäft. Für die Zeit von 1361 bis 1365 sind allein ein Dutzend Schuldverschreibungen Andernachs gegenüber Leo erhalten. Dem standen für denselben Zeitraum nur fünf Anleihen der Stadt gegenüber, die nicht von Leo stammten und die auch in der Höhe nur einen Bruchteil von seinen Krediten ausmachten. Das in diesen Anfangsjahren von Leo und Reynette gemeinsam erwirtschaftete Kapital bildete den Grundstock für jenes überaus erfolgreiche Kreditunternehmen, das Reynette seit Leos Tod im Jahre 1365 oder 1366 alleine weiterführte und beträchtlich ausbaute. 1372 bezifferten sich ihre Forderungen gegenüber der Andernacher Stadtgemeinde auf die bereits außergewöhnliche Höhe von 8000 Gulden. Kein anderer rheinischer Jude wäre damals in der Lage gewesen, eine derartige Summe aufzubringen.

Reynette blieb bis gegen Ende der 1370er Jahre die wichtigste Darlehenspartnerin der Stadt Andernach, und noch bis 1389 gewährte sie hier kleinere Darlehen. Das Schwergewicht ihrer Aktivitäten hatte sie inzwischen aber rheinaufwärts verlagert, wo sie mit dem Grafen Adolf von Nassau (1353-1390) einen Geschäftspartner gewonnen hatte, der seit den 1370er Jahren im Kampf um seine Anerkennung als Mainzer Erzbischof dauernd auf flüssige Geldmittel angewiesen war. Reynette konnte mehrere tausend Gulden in diese Geschäftsbeziehung investieren, für die ihr von Adolf Einnahmen aus dem mainzischen Zoll in Oberlahnstein als Sicherheiten angewiesen wurden.nach obenReynettes herausragende Stellung auf dem Koblenzer Kapitalmarkt tritt am deutlichsten im nüchternen Vergleich der Zahlen zutage. Bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts lag das Schwergewicht der jüdischen Kreditgeschäfte in der Moselregion noch eindeutig auf der Kathedralstadt Trier. Den bis zu diesem Zeitpunkt ermittelten 95 Geldgeschäften stadttrierischer Juden standen nur 22 ihrer Koblenzer Glaubensgenossen gegenüber. Ein gänzlich anderes Bild bietet sich für den Zeitraum nach 1350, also für die Phase zwischen der Pestverfolgung und der Vertreibung der Juden aus dem Erzstift Bezeichnet die weltlichen Territorien eines Erzbischofs in seiner Funktion als Landesherr. im Jahre 1418. Während für Trier insgesamt nur noch 64 Kreditoperationen zu erschließen sind, stieg die Zahl der in Koblenz nachweislich getätigten jüdischen Darlehen auf 132 an. Von diesen gingen allein 60 Kredite, mithin mehr als 45 Prozent, auf das Konto von Reynette. Noch klarer wird die absolut dominierende Position dieser Jüdin, wenn man sich vor Augen hält, dass allein zehn der insgesamt 14 Koblenzer Darlehen, die sich in der Größenordnung über 1000 Gulden bewegten, von ihr finanziert wurden. An Reynettes Selbständigkeit änderte sich auch nichts, als sie spätestens 1377 Moses, den Sohn des Jakob aus der einflussreichen Familie Bonenfant heiratete. Moses verfügte wie sein Vater über rabbinische Kenntnisse, seinen Lebensunterhalt aber verdiente er sich nicht als Lehrer, sondern mit kleineren Geldgeschäften.

Trotz ihrer wirtschaftlichen Unabhängigkeit und ihrer enormen finanziellen Leistungskraft war Reynette ihren männlichen Glaubensgenossen und Berufskollegen nicht vollauf gleichgestellt. So führte sie kein eigenes Siegel, sondern benutzte bis zu ihrer Wiederverheiratung das Siegel ihres ersten Mannes Leo. Ihren zweiten Mann hat sie wohl geheiratet, weil sie sich von einer Verbindung mit der einflussreichsten Koblenzer Judenfamilie größere rechtliche Sicherheit und soziale Reputation erwartete. Nach außen hin aber blieb sie der eindeutig dominierende Teil dieser Partnerschaft. Nichts vermag dies deutlicher zu unterstreichen als die Tatsache, dass sich Moses in der Öffentlichkeit bisweilen nach seiner Frau benennen ließ.

Schon unmittelbar nach dem Tod ihres ersten Mannes hatte sich Reynette um Verwandtschaftsbeziehungen zur Familie Bonenfant bemüht, als sie ihre Tochter Mede mit Jakob Bonenfant, also mit ihrem späteren Schwiegervater, verheiraten wollte. Entgegen den Plänen ihrer Mutter zog es Mede jedoch vor, statt des alten Witwers das Weite zu suchen. Erst Anfang 1390 kehrte sie, inzwischen verheiratet, in Erwartung der Erbschaft ihrer Mutter wieder in das Trierer Erzstift Bezeichnet die weltlichen Territorien eines Erzbischofs in seiner Funktion als Landesherr. zurück. Die erzbischöflichen Auflagen für das Erbe waren für sie allerdings nicht akzeptabel. Sie verzichtete auf ihre Erbansprüche und zog es statt dessen vor, als freie Jüdin in Köln und später in Bingen zu leben. Ihr Ehemann Lieser zog nach dem Tode seiner Schwiegermutter im Juli 1397 nach Koblenz, wo er für sich und seine noch unmündige Tochter Trinlin das Erbe Reynettes antrat. Lieser konnte an die Leistungen seiner Schwiegermutter in keiner Weise anknüpfen. Nicht ein einziges Geldgeschäft ist von ihm überliefert. Mit Reynettes Tod war die nur ein Menschenalter währende Blütezeit der zweiten Koblenzer Judengemeinde ein für allemal vorbei.

Ihr Schicksal spiegelt den keineswegs untypischen Verlauf eines jüdischen Frauenlebens im Spätmittelalter. Erwerbstätige jüdische Frauen gab es schon seit jeher. Nicht selten sorgten diese ganz allein für den Unterhalt einer Familie, um ihren Ehemännern auf diese Weise ein lebenslanges und ungestörtes Talmud Hebräisch, Lernen, Studium, grundlegendes Werk der nachbiblischen jüdischen Literatur. Gemäß der jüdischen Überlieferung wurde Moses auf dem Sinai nicht nur die "schriftliche Lehre" der Tora, sondern auch die "mündliche Lehre“ offenbart. Diese wurde um das Jahr 200 n. Chr. schriftlich niedergelegt (Mischna, hebräisch Wiederholung). In den folgenden Jahrhunderten wurde die Mischna diskutiert und kommentiert. Hieraus entstand die Gemara, hebräisch Vollendung. Mischna und Gemara zusammen ergeben den Talmud. - und Thora-Studium zu ermöglichen.

Seit dem 14. Jahrhundert aber gewann der Beruf der Geldhändlerin im deutschen Reichsgebiet zunehmend an Bedeutung, nachdem er in Frankreich schon seit längerer Zeit verbreitet war. In manchen Städten stieg der Anteil der Frauen unter den jüdischen Geldverleihern auf mehr als ein Viertel, wobei die beachtliche Zahl an Witwen besonders auffällig ist. Im Hintergrund dieser Entwicklung, die für viele jüdische Frauen größere Freiräume schuf und ihnen insgesamt mehr Selbständigkeit brachte, stand ein Wandel im jüdischen Erb- und Eherecht, der wiederum als eine Reaktion auf veränderte rechtliche Rahmenbedingungen der jüdischen Existenz zu bewerten ist. Dass die jüdischen Frauen die sich ihnen bietenden neuen Chancen konsequent und überaus erfolgreich zu nutzen wussten, zeigt der Lebensweg Reynettes von Koblenz auf eindrucksvolle Weise.

 nach obenLiteratur

Ziwes, Franz-Josef, Die jüdische Gemeinde im mittelalterlichen Koblenz. "Yre gude ingesessen burgere", in: Geschichte der Stadt Koblenz, Band 1: Von den Anfängen bis zum Ende der kurfürstlichen Zeit, Stuttgart 1992, S. 247-257.

Ziwes, Franz-Josef, Zum jüdischen Kapitalmarkt im spätmittelalterlichen Koblenz, in: Hochfinanz im Westen des Reiches 1150-1500, hg. von Friedhelm Burgard, Alfred Haverkamp, Franz Irsigler und Winfried Reichert, Trier 1996, S. 49-74.

Ziwes, Franz-Josef, Reynette - eine jüdische Geldhändlerin im spätmittelalterlichen Koblenz, in: Koblenzer Beiträge zur Geschichte und Kultur. Neue Folge 4, Koblenz 1994, S. 25-40.

Ziwes, Franz-Josef, Reynette von Koblenz. Jüdisches Frauenleben im späten Mittelalter, in: Porträt einer europäischen Kernregion. Der Rhein-Maas-Raum in historischen Lebensbildern, hg. von Franz Irsigler und Gisela Minn, Trier 2005, S. 138-146.

 

9.10.2012

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Franz-Josef Ziwes (Sigmaringen) 
 

       
 

       
 
 Im frühen 14. Jahrhundert in Frankreich entstandene Illustration zum Buch Ruth (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 132KB)

Im frühen 14. Jahrhundert in Frankreich entstandene Illustration zum alttestamen-tarischen Buch Ruth. Darstellung der biblischen Gestalten in zeitgenössischer Tracht französischer Juden. Ähnlich kann man sich wohl auch Reynettes äußeres Erscheinungsbild vorstellen, Original im Musée Condé, Chantilly. (Bildarchiv Foto Marburg)