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Johann Adam Schall von Bell (1592-1666), Jesuit

Johann Adam Schall von Bell hatte im 17. Jahrhundert als Berater am chinesischen Kaiserhof eine Stellung inne, die ihm in der Geschichte des „Reiches der Mitte" einen für einen Europäer bis heute einzigartigen Einfluss sicherte. Dass er sich in außergewöhnlicher und in seiner Zeit durchaus umstrittener Weise chinesischer Lebensart und Weltabschauung anzupassen vermochte, stellt ihn als bedeutenden Vertreter der Jesuitenmission in eine Reihe mit Matteo Ricci (1552-1610) und dem Flamen Ferdinand Verbiest (1623-1688).

Geboren am 1.5.1592, möglicherweise in Köln, stammte Johann Adam Schall von Bell aus einem seit der Mitte des 16. Jahrhunderts in der kurkölnischen Herrlichkeit Bezeichnung für ein Territorium, dessen Inhaber den Titel Herr führt, wenn reichsunmittelbar Reichsherrschaft. (Unterherrschaft Auch Unterherrlichkeit, Form einer Kleinstherrschaft von Adel und seltener Kirche, die vor allem im Rheinland und Westfalen seit dem Spätmittelalter bis in die Frühe Neuzeit bestand. In den Herrschaften Kurköln, Jülich, Kleve, Berg, Geldern und Moers gab es in dieser Zeit über 180 davon. Die Unterherren besaßen in ihren Herrschaftsterritorien die Gerichtsbarkeit und zeichneten sich deswegen durch eine hohe Selbstständigkeit aus. Dennoch blieb die Lehnsabhängigkeit vom Landesherren bestehen. Ab 1564 bis 1792 versammelten sich die Unterherren auf Unterherrentagen, auf denen sie ihren Anteil an den Landessteuern verhandelten und gelegntlich auch Gravamina (Beschwerden) an den Landesherren formulierten.   ) Lüftelberg (heute Stadt Meckenheim) sesshaften Zweig des Rittergeschlechts Schall von Bell. Aus der vierten Ehe seines fünfmal verheirateten Vaters Heinrich Degenhardt (gestorben circa 1607) mit Maria Scheiffarth von Merode gingen drei Söhne hervor. Der älteste, Johann Reinhardt (um 1590-1660), der 1619 in das Hildesheimer Domkapitel aufgenommen wurde, überließ dem jüngsten Bruder Heinrich Degenhardt die Unterherrschaft Auch Unterherrlichkeit, Form einer Kleinstherrschaft von Adel und seltener Kirche, die vor allem im Rheinland und Westfalen seit dem Spätmittelalter bis in die Frühe Neuzeit bestand. In den Herrschaften Kurköln, Jülich, Kleve, Berg, Geldern und Moers gab es in dieser Zeit über 180 davon. Die Unterherren besaßen in ihren Herrschaftsterritorien die Gerichtsbarkeit und zeichneten sich deswegen durch eine hohe Selbstständigkeit aus. Dennoch blieb die Lehnsabhängigkeit vom Landesherren bestehen. Ab 1564 bis 1792 versammelten sich die Unterherren auf Unterherrentagen, auf denen sie ihren Anteil an den Landessteuern verhandelten und gelegntlich auch Gravamina (Beschwerden) an den Landesherren formulierten.   . Als Amtmann von Rheinbach sollte dieser während der Hexenprozesse in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts eine umstrittene Rolle spielen, Der zweitgeborene, Johann Adam, befand sich zu dieser Zeit bereits auf dem Seeweg nach China.

Mit seinen Brüdern hatte er wohl ab 1603 das Tricoronatum Auch Dreikönigsgymnasium, eine der ältesten Schulen des Rheinlands und die älteste Schule in Köln. Sie wurde 1450 als „Bursa Cucana“ von Johannes von Kuyck als Vorbereitungsschule für ein Studium an der Universität Köln gegründet. 1552 verlor die Burse ihr Haus am Eigelstein, woraufhin die Stadt ihr ein neues Haus in der Maximinenstraße bereitstellte. Dort wurde das Stadtwappen mit drei Kronen angebracht, was zum Namen „Tricoronatum“ führte. Nachdem sich der Rektor der Schule Jakob Leichius 1556 dem Protestantismus anschloss, übernahm der Jesuit Johannes Rhetius die Leitung und ermöglichte die Anbindung der Schule an den Jesuitenorden, der bis zu seiner Auflösung 1773 für die Schule verantwortlich war. Mit dem Umzug an Marzellen änderte sich die Bezeichnung in Marzellengymnasium, wo unter napoleonischer Herrschaft auch die auf Kosten des Gymnasiums und der Kölner Universität gegründete „Zentralschule“ ihren Sitz bekam. In preußischer Zeit wurde das Tricoronatum unter dem Namen „Königlich Kölnisches Gymnasium an Marzellen“ wieder aufgebaut. Seit 1911 wurde die Schule im Türmchenswall beherbergt und trug von da an den Titel „Dreikönigsgymnasium“. Schließlich zog die Schule 1977 an ihren heutigen Standort in der Escher Straße im Stadtteil Bilderstöckchen. (Dreikönigsgymnasium), das Gymnasium der Jesuiten in Köln besucht und reiste, noch nicht 17 Jahre alt, nach Rom, um die Aufnahme in das Collegium Germanicum zu erbitten, die ihm aufgrund der Fürsprache des Kölner Koadjutors Ferdinand von Bayern, der den Jesuiten nahe stand, gewährt wurde. Nach Abschluss seiner Studien – neben der Theologie auch der Mathematik, die für sein weiteres Leben von entscheidender Bedeutung werden sollte – trat er am 21.10.1611 in den Jesuitenorden ein und empfing 1617 die Priesterweihe. Die Berichte der Jesuitenmissionare Matteo Ricci und Nicolas Trigault (1575-1618) erweckten in ihm den Wunsch, in Asien tätig zu werden. Auf sein Gesuch hin wurde er im Frühjahr 1618 nach China entsandt und erreichte am 15.7.1619 den Bestimmungshafen Macao, der den Portugiesen als Handelsposten überlassen worden war.

Dort blieb er bis 1622, da eine antieuropäische Gruppe von Palastbeamten die Weiterreise in die Hauptstadt verhinderte. In diesem Jahr wurde Macao zudem von einer niederländischen Flotte belagert, deren Angriff von der portugiesischen Besatzung unter tatkräftiger Mithilfe der Jesuiten zurückgeschlagen wurde. Die internen Machtverschiebungen am chinesischen Kaiserhof zu diesem Zeitpunkt ermöglichten es Schall nunmehr, die Genehmigung für eine Weiterreise nach Beijing zu erhalten. In den Jahren 1623 bis 1627 beschäftigte er sich dort weiter intensiv mit der chinesischen Sprache, Schrift und Literatur. Vor allem aber waren es Abhandlungen für verschiedene Ministerien und den Hof, besonders mathematisch-astronomische Arbeiten, die seinen Einfluss begründeten: 1624 verfasste er einen ersten Traktat über eine Mondfinsternis, 1626 (gedruckt 1630) schrieb er – 17 Jahre nach der Konstruktion Galileo Galileis (1564-1642) – über die europäische Erfindung des Fernrohrs und seine Bedeutung für die Astronomie, aber auch für militärische Operationen.

1630 wurde er nach dem Tode seines europäischen Vorgängers Johann Terrenz Schreck (1576-1630) als Direktor in das Kalenderamt Kaiserlich Mathematisch-Astronomisches-Amt Peking, zuständig für die Leitung der kaiserlichen Sternwarte und die Überwachung des chinesischen Kalenders. berufen. Die entscheidende Bedeutung, die seine Tätigkeit bei der Kalenderreform und die „erneuerte" (westliche) Astronomie dort gewann, ist nur mit Blick auf das konfuzianische Ideal zu verstehen, das auf eine Übereinstimmung des Ablaufs des Lebens mit der Natur zielt: Der Termin eines Reiseantritts wie eine Entscheidung von größter politischer Tragweite richteten sich gleichermaßen nach der Bestimmung von günstigen und ungünstigen Tagen des Kalenders. Der nicht zuletzt daraus leicht ableitbare Vorwurf, Teile des von Johann Adam herausgegebenen Kalenderwerks seien abergläubische Sterndeuterei, führte später zur Anklage von Seiten seiner jesuitischen Gegner in Rom, die jedoch 1664 abgewiesen wurde.nach obenDie chinesische Astronomie hatte eine lange Tradition und war den europäischen Wissenschaften keineswegs in allen Gebieten unterlegen. Wenn auch das heliozentrische Weltbild des Nicolaus Kopernikus (1473-1543) nach der Verurteilung Galileo Galileis durch die römische Kirche nicht von den Jesuiten übernommen wurde, so gaben ihnen jedoch ihre mathematisch exakten Berechnungsmethoden einen deutlichen Vorsprung. Darauf vor allem ist der Einfluss Johann Adams – über einschneidende politische Veränderungen dieser Zeit hinaus – zurückzuführen. Die wohl bekannteste Abbildung Schalls stellt ihn denn auch mit den dazu verwendeten Instrumenten dar. Auf Befehl des Kaisers Chu’ng-zhen (Regierungszeit  1628-1644) wurde in der Palaststadt eine eigene astronomische Station eingerichtet. Dort beobachtete dieser im Jahre 1638 mit einem von Johann Adam überreichten Fernrohr eine Sonnen- und Mondfinsternis, ein Vorgang, der dessen Stellung weiter festigte, wie auch der ihm 1642 übermittelte Auftrag, nach westlichem Vorbild Geschützrohre zu gießen – ein Befehl, der zu moralischen Bedenken des Jesuitenpaters führte, die ihm jedoch nicht halfen.

Wie erfolgreich Schall zusammen mit nur einem weiteren Jesuiten und einem Bruder als Missionar wirkte, weist die Größenordnung der sich zum Christentum Bekennenden in Beijing aus: Von 400 im Jahre 1635 stieg die Zahl der jährlichen Taufen bis 1638 auf 875. Wenn sie in den Folgejahren rückläufig war, so ist dies auf die politischen Veränderungen zurückzuführen, die durch die sich im Nordosten des Reiches ausdehnende Macht der Mandschu ausgelöst wurden und 1644 zur Eroberung von Beijing führten. Das Ende der Ming-Dynastie und der Beginn der Mandschu-Herrschaft (Ch'ing-Dynastie) kennzeichnet die chinesische Geschichte des 17. Jahrhunderts. Da die Eroberer aber die vorhandenen Strukturen und konfuzianischen Anschauungen übernahmen, wurde die Kontinuität weitgehend gewahrt – und damit auch die Stellung Schalls, der noch im gleichen Jahr 1644 zum Direktor des Astronomischen Amtes ernannt wurde. In diesen Jahren wurde der 1658 zum Mandarin erster Klasse ernannte T'ang Jo-wang (so lautete der chinesische Name Johann Adams) als Ratgeber und väterlicher Freund des erst 7-jährigen ersten Kaisers der Ch'ing-Dynastie, Shun-chih (Regierungszeit 1651-1661), der 1651 offiziell die Regierung übernahm, zu einer der einflussreichsten Personen am Hofe. Konnte er den Kaiser auch nicht zum Christentum bekehren, so führte seine in der chinesischen Geschichte ungewöhnliche Position doch zu einem Höhepunkt der Jesuitenmission. Die ihm 1653 verliehene Ehrenbezeichnung „Die Geheimnisse des Himmels ergründender Lehrer" belegt seine Bedeutung für das Reich in den Augen der Mandschu.

Der frühe Tod des Kaisers im Jahre 1661 schien zunächst alle Erfolge zunichte zu machen. Während der innenpolitischen Wirren der Folgejahre wurden die Jesuiten von ihren chinesischen Rivalen angeklagt. 1664 wurde Johann Adam, der einen Schlaganfall erlitten hatte, unter der Anschuldigung des Hochverrats in den Kerker geworfen und im folgenden Jahr schließlich zur höchsten Strafe der chinesischen Rechtsprechung verurteilt: bei lebendigem Leib in Stücke geschnitten zu werden. Ein Erdbeben im April 1665 und ein Feuer im kaiserlichen Palast bewirkten jedoch – da als Warnzeichen gedeutet –, dass das Urteil nicht vollstreckt wurde. Der schwerkranke, halb gelähmte Pater, der seine Sprache verloren hatte, wurde entlassen, starb jedoch bald darauf am 15.8.1666. Seinem Nachfolger Ferdinand Verbiest, seit 1660 die rechte Hand Johann Adams, gelang es schließlich nach dessen posthumer Rehabilitierung die unbestrittene Stellung der Jesuiten im Astronomischen Amt (1) Dienst, (2) im Territorialstaat vom Mittelalter bis zum Ende des Alten Reiches Verwaltungsbezirk, kleinste Verwaltungseinheit, (3) seit den 1920er Jahren bis zur 1975 abgeschlossenen kommunalen Neugliederung Bezeichnung für einen Gemeindezusammenschluss, (4) Bezeichnung für Zunft. wiederherzustellen. Der auf Schall zurückgehende Kalender blieb in China bis 1912 in Geltung.

 nach obenSchriften

Historica Narratio de initio et progressu Missionis Societatis Jesu apud Sinenses, Wien 1665 bzw. (mit einem zweiten Anhang) Regensburg 1672 (basierend auf der „Historia", den Lebenserinnerungen Schalls von 1660/1661).

Väth, Alphons, Johann Adam Schall von Bell SJ. Missionar in China, kaiserlicher Astronom und Ratgeber am Hofe von Peking 1592-1666, Köln 1933; Neuauflage mit einem Nachtrag und Index, Nettetal 1991, S. 355-370.

 

Literatur (Auswahl)

Collani, Claudia von, "Schall, Johann Adam S. von Bell", in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon 8 (1994), Sp. 1575-1582.

Malek, Roman (Hg.), Western Learning an Christianity in China. The Contribution and Impact of Johann Adam Schall von Bell SJ (1592-1666), 2 Bände, Nettetal 1998.

Penning, Wolf D., Schall von Bell zu Lüftelberg (1489/1540-1666). Quellen und Materialien zur Geschichte einer erzstiftisch-kölnischen Familie, in: Heimatblätter des Rhein-Sieg-Kreises, 66/67 (1998/1999), S. 7-59.

Väth, Alphons, Johann Adam Schall von Bell SJ. Missionar in China, kaiserlicher Astronom und Ratgeber am Hofe von Peking 1592-1666, Köln 1933; Neuauflage mit einem Nachtrag und Index, Nettetal 1991.

 

Online

Johann Adam Schall von Bell (Tabellarischer Lebenslauf auf der Website der Johann Adam Schall von Bell Gesellschaft Ruhrgebiet zur Föderung der Deutsch-Chinesischen Beziehungen e.V.).

 

14.3.2013

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Wolf D.  Penning (Herzogenrath) 
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 Johann Adam Schall von Bell (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 193KB)

Johann Adam Schall von Bell am chinesischen Kaiserhof. (Archiv des Erzbistums Köln)