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Paul Silverberg (1876-1959), Unternehmer

Paul Silverberg war die prägende Persönlichkeit des rheinischen Braunkohlenreviers im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts und einer der einflussreichsten Unternehmer der Weimarer Republik Bezeichnung des präsidialen und parlamentarischen Regierungssystems in Deutschland zwischen 1919 und 1933. Gebräuchliche Bezeichnung der gesamten Epoche deutscher Geschichte zwischen dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Benannt nach dem Tagungsort der verfassungsgebenden Nationalversammlung in Weimar. .

Paul Silverberg erblickte am 6.5.1876 als zweites von vier Kindern und einziger Sohn von Adolf (1845-1903) und Theodora Silverberg (1853-1924), geborene Schönbrunn, in Bedburg das Licht der Welt. Sein Vater stammte aus einer traditionsreichen jüdischen Familie und war in Bedburg als Textil- und Braunkohlenunternehmer tätig. Auch Paul Silverberg war zunächst jüdischen Glaubens, konvertierte aber 1895 zum Protestantismus.

Von 1895 bis 1898 studierte Silverberg – inspiriert von seinem Schwager, dem Bonner Professor Ernst Landsberg (1860-1927) – in München und Bonn Jura und diente zwischenzeitlich 1895/ 1896 als Einjährig Freiwilliger Unteroffizier beim „1. Schweren Reiter-Regiment Prinz Carl von Bayern". Nach dem Studium war Silverberg Referendar in Grevenbroich und Köln; spätestens dort lernte er seinen langjährigen Wegbegleiter und Freund Konrad Adenauer kennen. 1902 wurde Silverberg an der Universität Bonn mit einer Arbeit zum Erbrecht promoviert. 1903 ließ er sich als Rechtsanwalt in Köln nieder, heiratete im selben Jahr die Beamtentochter Johanna Pauline Stieger, mit der er eine Tochter, Louise (1905-1969), hatte; 1917 ließ sich das Paar scheiden. Silverberg plante eine Habilitation Lateinisch, Erwerb der Lehrberechtigung an Universitäten und Hochschulen; Voraussetzungen sind die Promotion, die Habilitationsschrift (eine hervorragende wissenschaftliche Arbeit), der Vortrag vor der Fakultät mit Disputation sowie eine Probevorlesung. , doch als sein Vater im Herbst 1903 starb, folgte er diesem als Generaldirektor der Fortuna AG für Braunkohlenbergbau und Brikettfabrikation in Bedburg nach.

Silverberg drängte rasch darauf, das Unternehmen zu vergrößern, und betrieb die Fusion mit den Braunkohlenproduzenten Donatus und Gruhlwerk, die schließlich 1908 in der Gründung der Rheinischen Aktiengesellschaft für Braunkohlenbergbau und Brikettfabrikation (RAG) mündete. Das neue Unternehmen, dem Silverberg vorstand, verlegte seinen Sitz nach Köln und schloss 1910 mit der Stadt einen Stromliefervertrag über dreißig Jahre, der 1912 in Kraft trat. Die neu gegründete RAG-Tochter Rheinisches Elektrizitätswerk im Braunkohlenrevier AG (REW) produzierte günstigeren Strom als die Konkurrenz – allen voran als die benachbarte Rheinisch-Westfälische Elektrizitätswerke AG (RWE), mit der RAG / REW aber schließlich seit 1920 zusammenarbeitete. Die RAG stieg 1924 beim damals größten selbständigen Steinkohlenproduzenten – der Harpener Bergbau AG in Dortmund – mit dem Ziel ein, einen rheinisch-westfälischen braun- und steinkohlenbasierten Energieverbund aufzubauen.

Silverberg galt seit Beginn der 1920er Jahre als „Beherrscher der Braunkohle" und verfügte in der Arbeiterschaft über hohes Ansehen, weil er sich volksnah und kooperativ gab. 1926 wechselte er in den Aufsichtsrat der RAG, ließ sich aber vorher zusichern, weiterhin strategische Entscheidungen für das Unternehmen treffen zu können, das eines der rentabelsten deutschen Großunternehmen seiner Zeit war.

Silverbergs unternehmerische Tätigkeiten beschränkten sich aber nicht auf die Kernunternehmen RAG und Harpen. Er war in die Sanierung des Stinnes-Konzerns, der Bedburger Wollindustrie AG sowie von Hapag und Lloyd eingebunden; er strukturierte ferner an maßgeblicher Stelle die Bank für deutsche Industrieobligationen um, vermittelte für die Vereinigte Stahlwerke AG Ehemaliger deutscher Montankonzern, der 1926 durch Fusion von Eisen-, Stahl- und Bergwerksgesellschaften entstand, in den 1930er Jahren zu einem der grössten deutschen Konzerne wurde, zur Zeit des Nationalsozialismus eine wichtige Rolle bei der Aufrüstung spielte und nach dem Zweiten Weltkrieg zerschlagen wurde. , beriet die Deutsche Reichsbahn und die Deutsche Bank, zu der er ein besonders vertrauensvolles Verhältnis pflegte. Gerade in Bankierskreisen genoss Silverberg aufgrund seiner kaufmännischen Weitsicht hohes Ansehen; 1932 stieg er nach dem Tod von Louis Hagen als Teilhaber beim kriselnden Kölner Bankhaus A. Levy ein, das er aber in Zusammenarbeit mit Robert Pferdmenges vom Bankhaus Sal. Oppenheim & Cie. nur noch still liquidieren konnte. nach oben1931 saß Paul Silverberg in 61 Aufsichts- und Verwaltungsräten. Neben den gerade erwähnten sind ferner die Mandate bei der AG für Bergbau, Blei- und Zinkfabrikation zu Stolberg und in Westfalen, bei der Gelsenkirchener Bergwerks AG, der Deutschen Maschinenbau AG, dem RWE, bei der Siemens-Schuckert-Werke AG und den Vereinigten Elektrizitätswerken Westfalen hervorzuheben. Silverberg war einer der best vernetzten und einflussreichsten Unternehmer seiner Zeit und ein idealtypischer Vertreter (und Verfechter) des kooperativen Kapitalismus.

Als Interessenvertreter propagierte Silverberg stets die „staatsfreie" Wirtschaft, wie besonders an seinem Kampf gegen die Sozialisierung der Schlüsselindustrien 1920 deutlich wird, den er mit seinem Freund Hugo Stinnes erfolgreich bestritt. Zuvor hatte er sich vor allem in den Gemeinschaftsorganisationen des rheinischen Braunkohlenbergbaus – Interessenverbänden und Syndikat Kartell, bei dem sich die Vertragspartner zu gemeinsamer Organisation (etwa für den Vertrieb oder die Beschaffung) verpflichten. – engagiert. Nach und nach beschäftigte er sich aber auch mit allgemeinen wirtschaftspolitischen Fragen. Zu seinen Hauptarbeitsgebieten gehörten die Verkehrs- und Finanzpolitik. Seit 1922 saß er im Vorstand, seit 1923 im Präsidium des Reichsverbands der deutschen Industrie (RDI), ehe er 1930 stellvertretender Vorsitzender wurde; auch im Deutschen Industrie- und Handelstag, der Vereinigung Deutscher Arbeitgerberverbände und dem Verein zur Wahrung der gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen in Rheinland und Westfalen bekleidete er Spitzenpositionen. Ferner gehörte er der Ruhrlade an, einem exklusiven Zusammenschluss von 12 Ruhrindustriellen. Im Oktober 1932 wurde er zum Präsidenten der Industrie- und HandelskammerAbkürzung IHK, Selbstverwaltungsorgan der Gewerbetreibenden einer Region. (IHK) zu Köln gewählt.

Silverberg vertrat politisch gemäßigte Standpunkte. Einem größeren Kreis wurde er durch seine „Dresdner Rede" bekannt. Anlässlich der Mitgliederversammlung des RDI sorgte er für einiges Aufsehen (und Kritik), als er zum ersten erklärte, die deutschen Unternehmer stünden „restlos auf staatsbejahendem Boden", und zum zweiten anregte, mit Arbeiterschaft und Sozialdemokratie zu kooperieren. Seine realpolitische Haltung brachte ihm auch bei Politikern Ansehen ein; insbesondere der Kölner Oberbürgermeister Adenauer und Reichskanzler Bezeichnet (1) im alten  Deutschen Reich (bis 1806) den Reichserzkanzler (das Amt lag seit 965 beim Erzbischof von Mainz), (2) im Norddeutschen Bund 1867-1871 den vom Bundespräsidum, das der König von Preußen inne hatte,  bestimmten Bundeskanzler, (3) im Deutschen Reich 1871-1918 den Reichskanzler, den höchsten, vom Kaiser ernannten Regierungsbeamten und Vorsitzenden des Bundesrats, (3) 1919-1945 den deutschen Ministerpräsidenten, der (4) in der Bundesrepublik Deutschland seit 1949 wieder Bundeskanzler heißt. Heinrich Brüning (1885-1970) vertrauten auf seinen Rat. Brüning wollte ihn 1931 gar zum Verkehrsminister machen; jedoch waren Silverbergs Bedingungen nicht durchsetzbar, wie er überhaupt seine politischen Vorstellungen selten umsetzen konnte.

In der Rheinlandfrage agierte er als Vermittler zwischen Adenauer und Stinnes sowie bei den Verhandlungen mit französischen Industriellen und befürwortete eine Lösung, nach der das Rheinland im Reichsverbund verbleiben konnte. Politisch gehörte er dem nationalliberalen Spektrum an und saß für die „Deutsche Volkspartei" (DVP) seit 1929 im Rheinischen ProvinziallandtagDie Errichtung von Provinzialständen in Preußen wurde 1823 angeordnet. Der Errichtung dieser neuen "Stände" lag ein neuer Ständebegriff zugrunde, wonach sich die Stände durch Grundbesitz qualifizierten und waren nach dem Grundeigentum abgestufte Besitzklassen waren. Jeder Stand hatte eigene Vertreter zu wählen, für die aber im Sinne repräsentativer Körperschaften Weisungsfreiheit und Allgemeinverantwortung gefordert wurden. Das monarchische Prinzip und die Souveränität des Monarchen blieben unangetastet, womit die Bürokratie ihre überragende Bedeutung behielt und deren Beamte weiterhin den eigentlich staatstragenden "Stand" bildeten. Die Kompetenzen der Landtage beschränkten sich auf das Petitionsrecht, auf reine Beratungsfunktionen und die Übernahme weniger Verwaltungsaufgaben. Dem Gesetz  folgten acht Gesetze für die Errichtung von Landtagen in den einzelnen Provinzen, das für den Rheinischen Provinziallandtag erschien am 27.3.1824, zu seiner ersten Sitzung trat der Rheinische Provinziallandtag aber erst am 29.10.1826 zusammen., wo er unter anderem den Sonderausschuss leitete, der den Zusammenbruch der Landesbank der Rheinprovinz untersuchte.

Gegen Ende der Weimarer Republik Bezeichnung des präsidialen und parlamentarischen Regierungssystems in Deutschland zwischen 1919 und 1933. Gebräuchliche Bezeichnung der gesamten Epoche deutscher Geschichte zwischen dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Benannt nach dem Tagungsort der verfassungsgebenden Nationalversammlung in Weimar. näherte sich Silverberg der politischen Rechten an und ließ der NSDAP über Gregor Strasser (1892-1934) Geld zukommen, von dem er hoffte, er könne die Parteilinie zugunsten einer wirtschaftsfreundlichen Politik beeinflussen. Silverberg gehörte zu den politisch indifferenten Industriellen in der Endphase der Weimarer Zeit, keineswegs aber zu den entschlossenen Befürwortern einer Regierungsbeteiligung der NSDAP.

Zeitlich, aber nicht ursächlich fielen der Machtantritt der Nationalsozialisten und Silverbergs Rückzug aus der Wirtschaft zusammen: Er hatte zu keinem Zeitpunkt die Aktienmehrheit der RAG verfügt, sondern stets darauf vertraut, dass die Aktionäre ihn an seinen Leistungen als Unternehmer messen. Lange war diese Unternehmenspolitik mit breit gestreutem Aktienkapital erfolgreich gewesen, doch seit Mitte 1932 gab es mit Friedrich Flick (1883-1972) einen Großaktionär, der schließlich mit Hilfe des RWE und von Fritz Thyssen die Aktienmehrheit der RAG übernahm. Dabei spielten unternehmerische Erwägungen, (mögliche) Veränderungen des Aktienrechts sowie persönliche Vorbehalte gegen Silverberg eine Rolle, der sich mit seiner oftmals rigorosen Art nicht nur Freunde gemacht hatte. Zum 31.3.1933 schied Silverberg aus der RAG und in der Folge aus sämtlichen Aufsichtsräten und Verbandsgremien aus; politische Zwänge spielten nur eine beschleunigende Rolle.

Silverberg emigrierte zur Jahreswende 1933/1934 nach Lugano in die Schweiz und wurde 1936 Liechtensteinischer Staatsbürger. Nach dem Krieg lehnte er es trotz der Bitten Adenauers ab, zur RAG zurückzukehren. Anlässlich seines 75. Geburtstags erhielt Silverberg 1951 zahlreiche Ehrungen und wurde unter anderem zum Ehrenpräsidenten der IHK Köln und des Bundesverbands der Deutschen Industrie ernannt. Silverberg starb am 5.10.1959; seine Beerdingung fand in einer schlichten Zeremonie in Bedburg statt.

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Literatur

Gehlen, Boris, Paul Silverberg (1876-1959). Ein Unternehmer, Stuttgart 2007.

Kellenbenz, Hermann, Paul Silverberg (1876-1959), in: Rheinisch-Westfälische Wirtschaftsbiographien 9, Münster 1967, S. 103-132.

Mariaux, Franz, Paul Silverberg. Reden und Schriften, Köln 1951.

Mosse, Werner E., Zwei Präsidenten der Kölner Industrie- und Handelskammer: Louis Hagen und Paul Silverberg, in: Bohnke-Kollwitz, Jutta u.a. (Hg.): Köln und das rheinische Judentum. Festschrift Germania Judaica 1959-1984, Köln 1984, S. 308-340.

Neebe, Reinhard, Großindustrie, Staat und NSDAP 1930-1933. Paul Silverberg und der Reichsverband der Deutschen Industrie in der Krise der Weimarer Republik, Göttingen 1981.

 

30.9.2010

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Boris Gehlen (Bonn) 
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Paul Silverberg, Porträtfoto. (Bundesarchiv)