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Johann Friedrich Wilberg (1766-1846), Pädagoge

Johann Friedrich Wilberg war ein Lehrer und bedeutender Vertreter der pädagogischen Aufklärung. Als Schulinspektor und Leiter einer „Höheren Bürgerschule“ wirkte er viele Jahre in Elberfeld (heute Stadt Wuppertal).

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Johann Friedrich Wilberg, Gemälde von Heinrich Christoph Kolbe (1771-1836), um 1820.

Johann Friedrich Wilberg kam am 5.11.1766 in Ziesar, das nach dem 30-jährigen Krieg brandenburgisch geworden war, zur Welt. Er wuchs im lutherischen Haushalt des Großvaters, der Küster, Kantor und Lehrer in Karow (heute Stadt Jerichow) war, auf. Als der invalide Vater 1778 eine Stelle am „königlichen Baukomptoir“ in Potsdam erhalten hatte, nahm er seinen Sohn zu sich. Nach seinem frühen Tod lebte Wilberg erneut in Karow beim Onkel, der inzwischen die Lehrerstelle bekleidete. Gelegentlich half er diesem beim „Schulehalten“ und begann dann eine Lehre bei einem Schneidermeister in Brandenburg.

Der Knabe hatte schon immer viel gelesen. Der Versuch, eine Freistelle für ein Studium in Halle zu bekommen, schlug fehl, doch ein Pfarrer in den Dörfern der Familie von Rochow war auf ihn aufmerksam geworden und vermittelte ihn an die berühmte Schule Friedrich Eberhard von Rochows (1734-1805) in Reckahn. Der Freiherr hatte früh den Zusammenhang zwischen der Bildung des Landvolks und der Verbesserung der Landwirtschaft erkannt. Überzeugt davon, dass auch Bauernkinder bildungsfähig seien, hatte er 1773 eine Schule auf seinem Gut Reckahn gegründet, in der die herkömmlichen zugunsten aufklärerischer Lehrinhalte zurücktraten und die Kinder mit Liebe und Verständnis anstatt mit Prügel erzogen wurden. Seine Schulreform ergänzte von Rochow mit dem Buch „Der Kinderfreund“ (1776), dem ersten deutschen Volksschullesebuch.

Wilberg hospitierte in Reckahn, absolvierte das Lehrerseminar in Berlin und ging dann an die Schule Philips von der Recke (1751-1840), eines Vetters von Rochows, auf dem Gut Overdyk in Hamme (Bochum) in der Grafschaft Mark. Dort baute er eine ähnliche Musterschule auf, wie sie in Reckahn bereits betrieben wurde. Die Bedeutung der neuen Schule wurde sogar in Berlin erkannt, Wilberg erhielt eine der seltenen königlichen „Gnadenschulstellen“ mit einem Beitrag des Königs zum Lehrergehalt. Während seiner Zeit auf dem Gut heiratete er 1797 Johanna Lumberg (1772-1835) mit der er vier Kinder hatte und 38 Jahre zusammen war.

Wilberg wirkte auf dem Gut von der Reckes bis 1802, tatkräftig unterstützt von seinem Herrn und einer von diesem gegründeten „Gesellschaft der Freunde der Lehrer und Kinder in der Grafschaft Mark“, die eine allgemeine Reform der Landschulen in Gang bringen und Wilbergs Schule als Nukleus einer umfassenderen pädagogischen Neuordnung des Schulwesens, fast als Motor der Aufklärung nutzen wollte. Die betroffenen Bauern begegneten ihr allerdings zunächst mit Misstrauen und Ablehnung, die jedoch langsam überwunden wurden, weil Wilberg den „Industrieunterricht“ einführte, indem er zum Beispiel die Kinder das Stricken lehrte und sie während des Unterrichts stricken ließ. Die Produkte – Strümpfe, Handschuhe, Mützen usw. - wurden verkauft und trugen ein wenig zum Unterhalt der Schule bei.

Es ging Wilberg nicht darum, neue Kenntnisse zu vermitteln. Vielmehr wollte er die Voraussetzung zum Erwerb derartiger Kenntnisse schaffen, die Kinder für eine geistige Fragehaltung öffnen, ihren Verstand schulen und in ihnen eine kritische Distanz zu den tradierten Formen ihres Lebens erzeugen. Die Schülerinnen und Schüler – die Koedukation wurde beibehalten - sollten Dinge vergleichen, Zusammenhänge erkennen, Schlüsse ziehen und überhaupt den Herausforderungen des Lebens mit Rationalität begegnen, weil ihr Lehrer davon überzeugt war, dass die Wirklichkeit eine rationale Struktur habe.

nach oben1802 folgte Wilberg einem Ruf nach Elberfeld, wo er Inspektor des neuen städtischen Armenhauses wurde. Die bisher den Kirchengemeinden vorbehaltene Fürsorge für die Armen wurde deren wachsender Zahl in der Stadt nicht mehr gerecht. Die Kommune übernahm diese Aufgabe; mit dem Armenhaus war eine Schule verbunden, deren Leitung Wilberg ebenfalls übernahm. Nach weiteren zwei Jahren beriefen ihn wohlhabende Bürger der Stadt, die mit den Leistungen der örtlichen Lateinschule unzufrieden waren, zum Leiter ihrer neuen „Privat-Lehranstalt für die Kinder aus den höheren Ständen“, wo anstatt Latein und Griechisch moderne Fremdsprachen, kaufmännisches Rechnen und die „Realien“ gelehrt wurden. Das Schulgeld war beträchtlich, es garantierte, dass die „höheren Stände“ unter sich blieben. So diente die Schule, die schon bald einen vorzüglichen Ruf erwarb, auch als Vehikel der Absonderung des Großbürgertums vom „gemeinen Volk“, sie bestätigte die soziale Ordnung der Stadt und tat einen Schritt hin zur engen Verbindung von Besitz und Bildung, die das Bürgertum im 19. Jahrhundert kennzeichnen sollte. Wilberg wurde der Lehrer der Reichen - eine bemerkenswerte Abwendung von den egalitären Idealen der Aufklärung.
Doch er blieb auch der Bildung der ärmeren Volksschichten, der Elementarschule und ihren Problemen, verbunden. Schon in Hamme hatte er begonnen, ein privates Lehrerseminar einzurichten und auch in Elberfeld wurde dies ein wichtiges Anliegen. 1806 begann Wilberg an Samstagnachmittagen „Unterhaltungen“, zu denen er alle Lehrer der Stadt und ihrer Umgebung einlud, zuerst in sein Haus, später in die lutherische Pfarrschule. Diese „Unterhaltungen“ fielen auf einen ungemein fruchtbaren Boden, meist erschienen über 40, oft zwischen 50 und 60 Lehrer.

Die Treffen, 28 Jahre lang veranstaltet, entwickelten sich zu einem Forum gegenseitiger Kontaktaufnahme zwischen Angehörigen eines Berufs, dessen gesellschaftliches Ansehen gering, dessen Angehörige oft von materieller Not gezeichnet und dessen Arbeit von Vereinzelung bestimmt war. Vielen Lehrern vermittelten sie häufig die ersten didaktischen und methodischen Kenntnisse, trugen zur Selbstverständigung und zur Ausbildung ihres Standesbewusstseins bei und machten ihnen die Bedeutung ihrer Arbeit bewusst. Zwischen 1818 und 1820 nahm auch Adolph Diesterweg, der spätere Direktor der Lehrerseminare in Moers und Berlin, an den Treffen teil.

Inzwischen wurde auch die Politik auf Wilberg aufmerksam. Er wurde zum „Schulpfleger“ für den Bezirk Elberfeld bestellt, ein Ehrenamt, das in anderen Orten der Pfarrer ausübte. Der Schulpfleger musste alle Schulen regelmäßig visitieren, Bericht erstatten und Anregungen zur Verbesserung des Schulwesens geben. An den kommunalpolitischen Entscheidungen war er aber nicht beteiligt, die wurden in Elberfeld von einem Großbürgertum getroffen, das in wichtigen Teilen an der Weiterentwicklung der alten reformierten Lateinschule zum Gymnasium interessiert war und das Wilbergsche Bürger-Institut dabei als hinderlich empfand.

Wilberg scheint von den politischen und konfessionellen Konflikten in der Stadt spürbar beansprucht worden zu sein. Er wurde mürrisch und reizbar, wenn dem Urteilen von Schülern zu folgen ist, „fast immer böse, und es vergeht keine Stunde, wo er nicht schlägt und brummt,“ so Eduard Colsman 1826 in einem Brief. Unbekannt blieb, dass Wilberg schon 1814, vor allem aber nach den Karlsbader Beschlüssen 1819 als Zensor von in Elberfeld erscheinenden Zeitungen tätig war. Wie viele Aufklärer war er ein Gegner der Revolution und glaubte stattdessen an die Entwicklung von Staat und Gesellschaft hin zu einer gottgewollten Ordnung. Dabei erfülle die Schule eine wichtige Aufgabe, sie zeige diese Ordnung, weise auf Handlungsräume und wirke sozial und politisch stabilisierend. Nach wie vor hielt Wilberg den preußischen Staat und seinen Monarchen für den Inbegriff politischer Vernunft.

Auch an anderer Stelle diente Wilberg einem Anliegen des preußischen Königs. 1835 versuchte er, im prononciert reformierten Elberfeld eine unierte Kirchengemeinde zu gründen. Im benachbarten Barmen war dies bereits 1822 geglückt, allerdings mit Unterstützung reicher Fabrikanten, vor allem der Familie Engels. In Elberfeld scheiterte der Versuch, vornehmlich am Widerstand der reformierten Gemeinde.
Enttäuscht zog Wilberg 1839 nach Bonn, in die Nachbarschaft von Ernst Moritz Arndt. Er starb am 30.12.1846 und wurde auf dem „Alten Friedhof“ in Bonn begraben.

 

Schriften (Auswahl)
Lesebuch für Kinder, die gern verständiger und besser werden wollen, Hamm 1793
Einige Gedanken, den Schullehrern gewidmet, in: Der deutsche Schulfreund Jahrgang 9 (1794), S. 38-40.

Der Märkische Lehrer- und Kinderfreund, ein Handbuch für Lehrer in Bürger- und Landschulen, 2 Bände, Dortmund 1795/96.

Auszüge aus Tagebüchern einer Schule nebst Aufsätzen pädagogischen Inhalts. Ein Handbuch für Lehrer, 2 Bände, Elberfeld 1811/12.

Der Schulmeister Lebrecht, wie er über sein Amt dachte und darin wirkte, Elberfeld 1820.

Aufsätze über Unterricht und Erziehung für Lehrer und Eltern, 2 Bände, Essen 1824.
Ueber das Armenwesen, Elberfeld 1834.
Erinnerungen aus meinem Leben, nebst Bemerkungen über Erziehung, Unterricht und verwandte Gegenstände, Essen 1836.

Gedanken und Urtheile des Vetters Christian über Leben und Wirken im Mittelstande. Nebst Mittheilungen aus seinem schriftlichen Vermächtnisse, Essen 1843.

 

 

Literatur

Diesterweg, Adolph/Heuser, Peter/Fuchs, Friedrich Adolf, Johann Friedrich Wilberg, der „Meister an dem Rhein“, Essen 1847.

Langenberg, Eduard, Johann Friedrich Wilberg. Sein Leben und seine Schriften. Eine Gedenkschrift zur Feier seines 100. Geburtstages, Elberfeld 1866.

Heinemann, Manfred/Rüter, Wilhelm, Landschulreform als Gesellschaftsinitiative. Philip von der Reck, Johann Friedrich Wilberg und die Tätigkeit der „Gesellschaft der Freunde der Lehrer und Kinder in der Grafschaft Mark“ (1789-1815), Göttingen 1975.

Wittmütz, Volkmar, Schule der Bürger. Die höhere Schule im Wuppertal 1800-1850, Wuppertal 1981.

Wittmütz, Volkmar, Johann Friedrich Wilberg. Der „Meister an dem Rhein“, in: Adolph Diesterweg. Wissen im Aufbruch. Katalog zur Ausstellung zum 200. Geburtstag, Weinheim 1990, S. 168-175

Wittmütz, Volkmar, Johann Friedrich Wilberg in Elberfeld. Pädagogik zwischen Philanthropismus und Zensur, in: Geschichte im Wuppertal 4 (1995), S. 8-19.

 

Online

Sander, "Wilberg, Johann Friedrich" in: Allgemeine Deutsche Biographie 44 (1898), S. 518-519. [Online]

 

 

14.11.2016
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Volkmar Wittmütz (Köln)