Die Hitlerjugend in Köln

Willi Spiertz (Köln)

Kölner DJ-Jungzug, 1939. (Privatbesitz Willi Spiertz)

1. Einleitung

Der grö­ß­te Teil der deut­schen Jun­gen und Mäd­chen ge­hör­te wäh­rend der Zeit der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ge­walt­herr­schaft von 1933 bis 1945, frei­wil­lig oder durch Zwang, der Hit­ler­ju­gend (HJ) an. Schon früh hat­te die na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche Füh­rung er­kannt, dass ih­re Zu­kunft in der Ju­gend lag. Die­se soll­te im Geist der neu­en Zeit welt­an­schau­lich er­zo­gen und kör­per­lich wehr­haft ge­macht wer­den. Viel­fäl­ti­ge An­ge­bo­te, wie Hei­ma­ben­de, Fahr­ten und La­ger, schu­fen - zu­nächst - ein Kli­ma von Ge­mein­schaft, Ka­me­rad­schaft und Ge­bor­gen­heit. Pro­pa­gan­da in Pres­se, Rund­funk und Film ta­ten ein Üb­ri­ges. Der Grund­satz Ju­gend muss von Ju­gend ge­führt wer­den, gab an­ge­pass­ten Ju­gend­li­chen die Mög­lich­keit, Füh­rer in der Hit­ler­ju­gend zu wer­den und an­de­re fast gleich­alt­ri­ge Ju­gend­li­che zu be­feh­li­gen. Erst viel spä­ter er­kann­ten die Jun­gen und Mäd­chen, dass sie - mit Diens­ten und Pflich­ten über­häuft - ih­rer Ju­gend be­raubt und für ei­nen sinn­lo­sen Krieg miss­braucht wor­den wa­ren. Heu­te sieht sich die­se Ju­gend, oft zu Un­recht, in der öf­fent­li­chen Dis­kus­si­on ei­ner Mit­schuld un­ter­wor­fen, die sie zu Er­klä­rungs­ver­su­chen - Schuld­ein­ge­ständ­nis­sen oder Recht­fer­ti­gun­gen – ver­an­lasst.

Die meis­ten die­se Zeit be­tref­fen­den Au­to­bio­gra­fi­en spie­geln die Aus­ein­an­der­set­zung der Au­to­ren und Au­to­rin­nen mit ih­rer da­ma­li­gen Rol­le. Das gilt auch für die Köl­ner Zeit­zeu­gen und –zeu­gin­nen, die von dem Ver­fas­ser in­ter­viewt wor­den sind. Dem ka­na­di­schen His­to­ri­ker Mi­cha­el Hans Ka­ter (ge­bo­ren 1937) ist un­be­dingt zu­zu­stim­men, wenn er bei HJ-Füh­rern in­so­weit ei­ne Schuld sieht, als sie den Kin­dern „be­wusst na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche Wer­te ver­mit­tel­ten und sie da­durch zu Ras­sen­hass und Kriegs­lüs­tern­heit auf­sta­chel­ten“. Der ehe­ma­li­ge Reichs­ju­gend­füh­rer Bal­dur von Schi­rach (1907–1974) über­nahm zwar im Nürn­ber­ger Pro­zess 1945/1946 die Ver­ant­wor­tung für die Er­zie­hung der Ju­gend, wies aber den Vor­wurf des eng­li­schen An­kla­ge­ver­tre­ters, er ha­be Mil­lio­nen deut­scher Kin­der ver­dor­ben, zu­rück. Auch von Schi­rachs Nach­fol­ger Ar­tur Axmann (1913–1996) stand für die Ir­re­füh­rung der Ju­gend nicht ein. Noch Ta­ge vor Kriegs­en­de ließ er von Hit­ler­jun­gen stra­te­gisch wich­ti­ge Brü­cken in Ber­lin schüt­zen, um sich selbst ab­set­zen zu kön­nen.

 

2. Entstehung und Organisation

Am 18.3.1922 grün­de­te Adolf Hit­ler (1889–1945) den Na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen (NS) - Ju­gend­bund, aus dem über die Schill­ju­gend und die Gro­ß­deut­sche Ju­gend­be­we­gung die Hit­ler­ju­gend her­vor­ging. Ih­ren Na­men er­hielt sie auf Vor­schlag des Her­aus­ge­bers des an­ti­se­mi­ti­schen Wo­chen­blat­tes Der Stür­mer, Ju­li­us Strei­cher (1885–1946), mit Ein­ver­ständ­nis Hit­lers. Ers­te Mäd­chen­grup­pen in­ner­halb des NS-Ju­gend­bun­des gab es seit 1923. Die­se so­ge­nann­ten Schwes­tern­schaf­ten wur­den 1927 erst­ma­lig als Mäd­chen­grup­pen der HJ be­zeich­net und 1930 in Bund Deut­scher Mä­del in der HJ (BDM) um­be­nannt. Or­ga­ni­sa­to­risch war die Hit­ler­ju­gend der Schutz­ab­tei­lung (SA) un­ter­stellt und fun­gier­te als de­ren Ju­gend­kampf­trup­pe. Reichs­füh­rer der Hit­ler­ju­gend war zu­erst Kurt Gru­ber (1904–1943), dann Adri­an von Ren­teln (1897–1946). Am 1.11.1931 über­nahm der erst 24-jäh­ri­ge Bal­dur von Schi­rach die neue Dienst­stel­le Reichs­ju­gend­füh­rer der Na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Deut­schen Ar­bei­ter­par­tei (NS­DAP). Mit der Lei­tung des BDM be­auf­trag­te er Eli­sa­beth Greiff-Wal­den, die noch im Lau­fe des Jah­res durch Ly­dia Gott­schew­ski (1906-1989) er­setzt wur­de. Kurz nach der „Macht­er­grei­fun­g“ Adolf Hit­lers am 30.1.1933 wur­de die Un­ter­stel­lung der HJ un­ter die SA auf­ge­ho­ben, die Hit­ler­ju­gend neu or­ga­ni­siert und von 1935 an zu ei­ner Glie­de­rung der NS­DAP er­klärt. Die bis da­hin exis­tie­ren­den ver­schie­de­nen Ju­gend­ver­bän­de wur­den nach­ein­an­der in die Hit­ler­ju­gend ein­ge­glie­dert be­zie­hungs­wei­se ver­bo­ten. Die Ein­be­zie­hung der Ju­gend­ver­bän­de brach­te der Hit­ler­ju­gend im Jah­re 1933 ei­nen au­ßer­ge­wöhn­li­chen Mit­glie­der­zu­wachs, von knapp 108.000 En­de 1932 auf rund 2,3 Mil­lio­nen En­de 1933.

Von 1936 an wur­den die 10-jäh­ri­gen Jun­gen je­weils am 19. April ei­nes Jah­res, dem Vor­tag von Hit­lers Ge­burts­tag, in das Jung­volk, die Un­ter­or­ga­ni­sa­ti­on der Hit­ler­ju­gend, auf­ge­nom­men. Sie hat­ten aus die­sem An­lass die Ver­pflich­tung ab­zu­ge­ben: „Ich ver­spre­che, in der HJ all­zeit mei­ne Pflicht zu tun in Lie­be und Treue zum Füh­rer und un­se­rer Fah­ne.“ Als Mit­glied des Jung­volks wa­ren sie Pimp­fe. Vom 15. Le­bens­jahr an trat der Pimpf vom Jung­volk zur HJ be­zie­hungs­wei­se das Jung­mä­del zum BDM über, was wie­der­um mit ei­ner fei­er­li­chen Ver­pflich­tung ver­bun­den war. Die Ent­wick­lung der Hit­ler­ju­gend fand ih­ren vor­läu­fi­gen Ab­schluss in dem "Ge­setz über die Hit­ler-Ju­gend" vom 1.12.1936. Das Ge­setz be­stimm­te die HJ ne­ben El­tern­haus und Schu­le zum selbst­stän­di­gen Er­zie­hungs­trä­ger der Ju­gend. Den Er­zie­hungs­auf­trag er­hielt der Reichs­ju­gend­füh­rer der NS­DAP, der da­mit of­fi­zi­ell zum Ju­gend­füh­rer des Deut­schen Rei­ches auf­stieg und die Stel­lung ei­ner obers­ten Reichs­be­hör­de ein­nahm. Die Auf­fas­sung von Schi­rachs, mit dem Ge­setz sei der Kampf um die Ei­ni­gung der deut­schen Ju­gend be­en­det, traf al­ler­dings nicht zu; erst durch die bei­den Durch­füh­rungs­ver­ord­nun­gen von März 1939 wur­de die Ju­gend­dienst­pflicht recht­lich be­grün­det und die Zwangs­mit­glied­schaft in der Hit­ler­ju­gend vom 10. Le­bens­jahr an fest­ge­schrie­ben. Die Hit­ler­ju­gend setz­te die Ju­gend­dienst­pflicht für al­le 10- bis 18-jäh­ri­gen Jun­gen und Mäd­chen wenn nö­tig mit­hil­fe der Po­li­zei durch. Die­se wur­de mit der "Ver­ord­nung zur Ju­gend­dienst­pflicht" von No­vem­ber 1942 of­fi­zi­ell er­mäch­tigt, ge­gen Ju­gend­li­che, die die Ver­ord­nung miss­ach­te­ten, vor­zu­ge­hen und Geld- oder Haft­stra­fen zu ver­hän­gen. Dass nicht al­le Ju­gend­li­chen von der HJ be­zie­hungs­wei­se dem BDM er­fasst wur­den, zeigt der stän­di­ge Kampf der HJ-Füh­rung ge­gen re­bel­li­sche Ju­gend­grup­pen, wie zum Bei­spiel die Köl­ner „Edel­wei­ßpi­ra­ten“.

Der aus der Ar­bei­ter­klas­se stam­men­de Ar­tur Axmann lös­te im Au­gust 1940 Bal­dur von Schi­rach als Reichs­ju­gend­füh­rer ab. Reichs­re­fe­ren­tin­nen für den Bund Deut­scher Mä­del wa­ren von 1934 bis 1936 Tru­de Bürk­ner-Mohr (1902-1989) und ab 1937 Jut­ta Rü­di­ger (1910-2001).

Die of­fi­zi­el­le Grün­dungs­fei­er der Köl­ner Hit­ler­ju­gend fand am 28.4.1932 in der Stadt­schän­ke, An­tons­gas­se, statt. Der Kreis der Grün­dungs­mit­glie­der muss sehr klein ge­we­sen sein, denn an­läss­lich ei­nes Be­su­ches Bal­dur von Schi­rachs führ­te die HJ am 4.2.1933 ei­nen Wer­be­marsch durch Köln durch. Ge­biets­jung­volk­füh­rer Ernst Ul­la­now­ski konn­te En­de 1933 stolz ver­kün­den, dass das Jung­volk im Jah­re 1933 im Ge­biet Mit­tel­rhein von 150 auf 40.000 Jun­gen an­ge­wach­sen war. Das war wohl we­ni­ger auf die Wer­be­maß­nah­men als viel­mehr auf die auch in Köln sich zei­gen­den Aus­wir­kun­gen der Zer­schla­gung der be­ste­hen­den Ju­gend­ver­bän­de zu­rück­zu­füh­ren. Die stei­gen­de Mit­glie­der­zahl brach­te es mit sich, dass in al­len Köl­ner Stadt­tei­len Hei­me her­ge­rich­tet, re­qui­riert oder neu ge­baut wur­den. Bei­spiels­wei­se re­no­vier­te die Hit­ler­ju­gend die Kel­ler­räu­me des Gym­na­si­ums am Han­sa­ring, be­setz­te die Se­ve­rin­stor­burg, be­schlag­nahm­te das Ju­gend­heim der So­zia­lis­ti­schen Ar­bei­ter­ju­gend in Dünn­wald oder bau­te in Zoll­stock und Mül­heim neue Häu­ser. Im Jah­re 1939 stan­den der HJ in Köln 315 Hei­me zur Ver­fü­gung.

Mit Wir­kung vom 1.7.1933 an wur­de die Hit­ler­ju­gend neu ge­glie­dert.

Deut­sches Jung­volk: Jun­gen von 10 – 14 Jah­ren,

Hit­ler­ju­gend: Jun­gen von 14 – 18 Jah­ren,

Jung­mä­del (Kü­ken ab 1931): Mä­del von 10 – 14 Jah­ren,

Bund Deut­scher Mä­del: Mä­del von 14 – 17 Jah­ren,

BDM-Werk Glau­be und Schön­heit (ab 1.1.1938): Mä­del von 17 – 21 Jah­ren.

Das ge­sam­te Deut­sche Reich war 1940 in fünf Ober­ge­bie­te, 42 Ge­bie­te und 223 Ban­ne ein­ge­teilt. Ein Ge­biet ent­sprach ei­nem NS­DAP-Gau. Zum Ober­ge­biet 3 – West ge­hör­te un­ter an­de­rem das Ge­biet (der Gau) Köln-Aa­chen. Es be­stand nach meh­re­ren Um­or­ga­ni­sa­tio­nen seit dem 1.1.1937 aus 16 Ban­nen be­zie­hungs­wei­se Jung­ban­nen. In Köln gab es für die HJ und das Deut­sche Jung­volk je drei Ban­ne: Bann Köln-Ost, Bann Köln-Nord und Bann Köln-Süd. Je­der Bann hat­te fünf Un­ter­ban­ne be­zie­hungs­wei­se Stäm­me. Der Bann Köln-Ost war bei­spiels­wei­se un­ter­teilt in die Un­ter­ban­ne: Poll, Hö­hen­berg, Kalk, Mül­heim und Stamm­heim. Der Un­ter­bann in Kalk be­stand aus vier Ge­folg­schaf­ten, ei­ne Ge­folg­schaft be­zie­hungs­wei­se ein Fähn­lein aus drei oder vier Scha­ren be­zie­hungs­wei­se Jung­zü­gen. Im Bann Köln-Süd gab es in Zoll­stock drei Fähn­lein und An den Sie­ben­bur­gen un­ter­hielt das Fähn­lein 13 drei Jung­zü­ge.

Kölner BDM-Mädel auf Fahrt, 1938. (Privatbesitz Willi Spiertz)

 

3. Jugenderziehung

Die NS-Füh­rung sah es als ei­ne ih­rer wich­tigs­ten Auf­ga­ben an, die ge­sam­te Ju­gend ent­spre­chend der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Staats­idee kör­per­lich, geis­tig und sitt­lich zu er­zie­hen. Er­zie­hung in die­sem Sin­ne war oh­ne zeit­li­che Be­gren­zung. Sie soll­te die Schul­zeit über­dau­ern und so­gar das gan­ze Le­ben er­fas­sen. Hit­ler sprach es in sei­ner im Völ­ki­schen Be­ob­ach­ter ab­ge­druck­ten Re­de am 2.12.1938 in Rei­chen­berg deut­lich aus:

„Die­se Ju­gend, die lernt ja nichts an­de­res als deutsch den­ken, deutsch han­deln. Und wenn nun die­ser Kna­be und die­ses Mäd­chen mit ih­ren zehn Jah­ren in un­se­re Or­ga­ni­sa­tio­nen hin­ein­kom­men und dort nun so oft zum ers­ten­mal über­haupt ei­ne fri­sche Luft be­kom­men und füh­len, dann kom­men sie vier Jah­re spä­ter vom Jung­volk in die Hit­ler­ju­gend, und dort be­hal­ten wir sie wie­der vier Jah­re, und dann ge­ben wir sie erst recht nicht zu­rück in die Hän­de un­se­rer al­ten Klas­sen- und Stan­des­er­zeu­ger, son­dern dann neh­men wir sie so­fort in die Par­tei oder in die Ar­beits­front, in die SA oder in die SS, in das NSKK und so wei­ter. Und wenn sie dort zwei Jah­re oder an­dert­halb Jah­re sind und noch nicht ganz Na­tio­nal­so­zia­lis­ten ge­wor­den sein soll­ten, dann kom­men sie in den Ar­beits­dienst und wer­den dort wie­der sechs und sie­ben Mo­na­te ge­schlif­fen, al­le mit ei­nem Sym­bol, dem deut­schen Spa­ten. Und was dann nach sechs oder sie­ben Mo­na­ten noch an Klas­sen­be­wu­ßt­sein oder Stan­des­dün­kel da oder da noch vor­han­den sein soll­te, das über­nimmt dann die Wehr­macht zur wei­te­ren Be­hand­lung auf zwei Jah­re. Und wenn sie dann nach zwei oder drei oder vier Jah­ren zu­rück­keh­ren, dann neh­men wir sie, da­mit sie auf kei­nen Fall rück­fäl­lig wer­den, so­fort wie­der in SA, SS und so wei­ter. Und sie wer­den nicht mehr frei, ihr gan­zes Le­ben.“

Die Zie­le der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Er­zie­hung wa­ren da­mit um­ris­sen. Der Weg dort­hin führ­te über die welt­an­schau­li­che Schu­lung und die kör­per­li­che Er­tüch­ti­gung, die ne­ben der so­ge­nann­ten Kul­tur­ar­beit den Ju­gend­li­chen an den Hei­ma­ben­den ein­trai­niert wur­den.

3.1 Der Heimabend

Der Hei­ma­bend fand ein­mal wö­chent­lich, in der Re­gel mitt­wochs, für die Dau­er von zwei Stun­den statt. Hin­zu kam in Form des Sport­diens­tes die kör­per­li­che Er­tüch­ti­gung an ei­nem an­de­ren Wo­chen­tag. Der Hei­ma­bend, so der West­deut­sche Be­ob­ach­ter, sei „ein­zig und al­lein Waf­fen­schmie­de und Vor­be­rei­tungs­zeit für den po­li­ti­schen Kampf im grau­en All­ta­g“. Die Teil­nah­me an den Hei­ma­ben­den und am Sport­dienst war Pflicht. „Wir hat­ten An­tre­ten“ und „Wir nann­ten das Ap­pel­l“, er­in­ner­ten sich die Köl­ner Zeit­zeu­gin­nen.

Der Hei­ma­bend wur­de in den HJ-Hei­men oder sons­ti­gen da­für zur Ver­fü­gung ste­hen­den Räu­men ab­ge­hal­ten. In ih­nen hat­ten Ord­nung und Dis­zi­plin zu herr­schen. Da­für sorg­te die "Be­nut­zungs­ord­nung für HJ-Hei­me", die un­ter an­de­rem das Haus­recht und die Sau­ber­keit re­gel­te, zum Bei­spiel: „Je­dem Jun­gen bzw. Mä­del ist klar, daß das Heim kein Rum­mel­platz ist, son­dern ei­ne Dienst­stel­le der Hit­ler­ju­gend“. Für die Aus­ge­stal­tung des Heim­rau­mes galt, dass das Bild des „Füh­rer­s“ im Mit­tel­punkt des Rau­mes zu ste­hen hat­te. Wäh­rend des Hei­ma­bends war der Dienst­an­zug zu tra­gen. Die Hit­ler­ju­gend trug in An­leh­nung an die SA brau­ne Uni­for­men, das Jung­volk war schwarz­braun uni­for­miert. Hin­zu ka­men Kop­pel, Dreieck­tuch mit Le­der­kno­ten, Schul­ter­rie­men und als Kopf­be­de­ckung Müt­ze be­zie­hungs­wei­se Schiff­chen. Die Mäd­chen tru­gen zu ei­nem blau­en Rock ei­ne wei­ße Blu­se mit Hals­tuch und Kno­ten, wei­ße Söck­chen, brau­ne Schu­he und ei­ne brau­ne Klet­ter­wes­te. Das Tra­gen von Schmuck wie Hals­ket­ten, lan­gen Ohr­rin­ge oder Arm­rei­fen war ver­bo­ten. Wie ernst die HJ-Füh­rung ih­re Uni­form­vor­schrif­ten nahm, zeigt sich dar­in, dass sie für die Dau­er des Köl­ner Kar­ne­vals ein ab­so­lu­tes Uni­form­ver­bot für HJ und BDM ver­häng­te.

„Wäh­rend der Pimpf mehr spie­le­risch in die For­de­run­gen des Ge­mein­schafts­le­bens hin­ein­wächst, ist die kör­per­li­che Er­tüch­ti­gung und welt­an­schau­li­che Schu­lung des Hit­ler­jun­gen schon die Vor­be­rei­tung für sei­ne vol­le Wehr­fä­hig­keit“, for­mu­lier­te Rein­hold Saut­ter 1942 in sei­nem Buch „Hit­ler-Ju­gend“. Die so­ge­nann­te welt­an­schau­li­che Schu­lung wäh­rend des Hei­ma­bends war Grund­la­ge für die ge­sam­te Er­zie­hung der Hit­ler­ju­gend. Der Füh­rer des Ge­bie­tes Köln-Aa­chen wies mit Ge­biets­be­fehl vom 20.1.1941 dar­auf hin, dass die welt­an­schau­li­che Schu­lung auf kei­nen Fall zu kurz kom­men darf und min­des­tens ei­ne Stun­de wö­chent­lich ab­zu­hal­ten sei. Hin­ter dem Be­griff der welt­an­schau­li­chen Schu­lung ver­steck­te sich die Ver­mitt­lung der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ideo­lo­gie. Der Er­zie­hungs­po­li­ti­ker des „Drit­ten Rei­ches“, HJ-Bann­füh­rer Ru­dolf Ben­ze (ge­bo­ren 1888), brach­te es auf den Punkt: „Zwei Ge­bo­te gel­ten für das Le­ben und die Er­zie­hung je­des Deut­schen: ‚Deutsch­land, Deutsch­land über al­les’ und ‚Ich bin nichts, mein Volk ist al­les!’“

Die Reichs­ju­gend­füh­rung gab zur ein­heit­li­chen Ge­stal­tung der welt­an­schau­li­chen Schu­lung "Blät­ter für die Hei­ma­bend­ge­stal­tung" her­aus. Die­se ent­hiel­ten ge­naue An­lei­tun­gen für die Durch­füh­rung des Hei­ma­bends und er­schie­nen vier­zehn­tä­gig. Die The­men wa­ren dem Jah­res­lauf und dem Al­ter der Ju­gend­li­chen an­ge­passt. Für das Ge­biet Köln-Aa­chen gab zum Bei­spiel der Füh­rer­dienst für den Mo­nat Fe­bru­ar 1939 als The­men für die Hit­ler­ju­gend vor: 75 Mil­lio­nen Deut­sche le­ben auf 550.000 qkm und Deutsch­land war grö­ßer. Ein­ge­lei­tet wur­de die welt­an­schau­li­che Schu­lung in der Re­gel mit ei­nem kur­zen po­li­ti­schen Wo­chen­be­richt, in dem die ak­tu­el­len Er­eig­nis­se an­hand von Zei­tungs­aus­schnit­ten er­ör­tert wur­den. Es folg­ten klei­ne Vor­trä­ge über deut­sche Ge­schich­te, Ras­se­hy­gie­ne und das deut­sche Bau­ern­tum. Fer­ner er­hiel­ten die Ju­gend­li­chen von ih­ren Füh­rern Auf­ga­ben für die Hei­ma­bend­ge­stal­tung. Bei­spiels­wei­se soll­ten sie et­was über den „Mär­ty­rer der HJ“, Her­bert Nor­kus (1916–1932), der als Hit­ler­jun­ge von Kom­mu­nis­ten er­mor­det wor­den war, er­zäh­len. Die äl­te­ren Ju­gend­li­chen hör­ten die "Stun­de der jun­gen Na­ti­on", die mitt­wochs 30 Mi­nu­ten lang über al­le deut­schen Sen­der aus­ge­strahlt wur­de.

Die kör­per­li­che Er­tüch­ti­gung um­fass­te die Grund­schu­le der Lei­bes­übun­gen. Für die Jun­gen be­deu­te­te das Bo­den­tur­nen, Frei­rin­gen, Bo­xen, Kurz­stre­cken-, Ge­län­de- und Hin­der­nis­lauf, Hoch- und Weit­sprung, Ku­gel­sto­ßen, Keu­len­wurf und Schwim­men, da­mit „der deut­sche Jun­ge der Zu­kunft schlank und rank .., flink wie [ein] Wind­hund, zäh wie Le­der und hart wie Krupp­stahl“ sei, wie Adolf Hit­ler es for­mu­lier­te. Für die Mäd­chen galt das Wort der BDM-Reichs­re­fe­ren­tin Tru­de Bürk­ner-Mohr: „Straff, aber nicht stramm - herb, aber nicht derb.“ Dem­entspre­chend be­stand die BDM-Kör­per­schu­le aus Übun­gen mit Ball und Seil, Tur­nen, Be­we­gungs­spie­len, Lauf, Wurf, Sprung, Schwim­men, Roll­schuh­lau­fen und Wan­dern. Der Mäd­chen­sport soll­te den Kör­per der Mäd­chen stäh­len, denn nur ge­sun­de Frau­en­kör­per könn­ten die Er­hal­tung der deut­schen Ras­se ga­ran­tie­ren, so die BDM-Füh­rung.

Ei­nen we­sent­li­chen Teil der kör­per­li­chen Er­tüch­ti­gung bil­de­te die Weh­r­er­tüch­ti­gung. Sie er­streck­te sich auf den Ge­län­de­dienst und die Schie­ßaus­bil­dung. Frei nach dem Mot­to Je­der Jun­ge muß ge­län­de­gän­gig wer­den! be­stand der Ge­län­de­dienst aus Be­schrei­ben und Be­ur­tei­len des Ge­län­des, Seh- und Hör­übun­gen, Kar­ten­kun­de, Ori­en­tie­rung im Ge­län­de, Skiz­ze zeich­nen, Ent­fer­nungs­schät­zen, Kom­pass­be­nut­zung, Tar­nen und Täu­schen. Die Schie­ßaus­bil­dung be­gann bei den elf­jäh­ri­gen Jun­gen, die mit dem Luft­ge­wehr l_ie­gend auf­ge­legt_ und lie­gend frei­hän­dig auf Schei­ben schos­sen, und setz­te sich bei den äl­te­ren Hit­ler­jun­gen im Schie­ßen mit dem Klein­ka­li­ber­ge­wehr ste­hend frei­hän­dig fort. Nach Mei­nung des Ab­tei­lungs­lei­ters in der Reichs­ju­gend­füh­rung, Hel­mut Stell­recht (1898-1987), soll­te je­dem deut­schen Jun­gen schon ab zehn Jah­ren die Büch­se „so selbst­ver­ständ­lich in der Hand lie­gen wie der Fe­der­hal­ter“.

Die kör­per­li­che Er­tüch­ti­gung be­rei­te­te auf die Pimp­fen- be­zie­hungs­wei­se Jung­mä­del­pro­be vor, die ne­ben sport­li­chen Leis­tun­gen von den Jun­gen die Teil­nah­me an ei­ner Fahrt, die Kennt­nis des "Horst-Wes­sel"- be­zie­hungs­wei­se des "Fah­nen­lie­des" der HJ und des Schwert­wor­tes des Jung­volks (Jung­volk­jun­gen sind hart, schweig­sam und treu. Jung­volk­jun­gen sind Ka­me­ra­den. Des Jung­volk­jun­gen Höchs­tes ist die Eh­re) ver­lang­te. Für die Mäd­chen wa­ren au­ßer den sport­li­chen Leis­tun­gen und der Teil­nah­me an ei­ner Fahrt Ge­schick­lich­keits­übun­gen ge­for­dert (zwei Rol­len vor­wärts, da­nach Auf­ste­hen oh­ne Hil­fe der Hän­de, zwei Rol­len rück­wärts, durch ein sprin­gen­des Seil lau­fen). Nach der Pimp­fen­pro­be er­hiel­ten die Jun­gen ein Fahr­ten­mes­ser mit der Auf­schrift Blut und Eh­re und die Mäd­chen nach der Jung­mä­del­pro­be das Hals­tuch mit Kno­ten zur Uni­form.

Die zahl­rei­chen Fahr­ten (Wo­chen­end- und Groß­fahr­ten) und La­ger wa­ren un­zer­trenn­bar mit den The­men­be­rei­chen der Hei­ma­ben­de ver­bun­den. Hier konn­ten die Jun­gen und Mäd­chen stö­rungs­frei­er als an den Hei­ma­ben­den oh­ne je­de Kon­troll­funk­ti­on des El­tern­hau­ses be­ein­flusst wer­den. In den La­gern re­gel­te ei­ne La­ger­ord­nung die ge­naue Ein­hal­tung mi­li­tä­ri­scher Dis­zi­plin, von der Aus­rich­tung der Zel­te bis zum Wach­dienst. Es gab ei­nen La­ger­lei­ter, Geld­ver­wal­ter, Schreib-, Ge­rä­te- und Ver­pfle­gungs­wart so­wie ei­ne Zelt- und Wa­ch­ord­nung. Das La­ger konn­te nur mit Ur­laubs­schein ver­las­sen und der ver­ein­bar­ten Pa­ro­le be­tre­ten wer­den. Den­noch ha­ben die Köl­ner Zeit­zeu­gen und -zeu­gin­nen die Fahr­ten und La­ger­auf­ent­hal­te in po­si­ti­ver Er­in­ne­rung be­hal­ten. Der In­ter­view­part­ner Hans St. be­rich­te­te von ei­nem La­ger­er­leb­nis be­son­de­rer Art: „Wir sind im La­ger ge­we­sen, an der Ag­ger. Dort war ein gro­ßes Zelt­la­ger, sechs Wo­chen lang. Ich such­te mir ei­nen Platz, da sag­te der Fähn­lein­füh­rer, komm leg’ dich hier ne­ben mich. Nachts hat er mich befum­melt.“ Hans St. war nicht der Ein­zi­ge, der sol­cher­art be­läs­tigt wur­de. Al­lein in Köln sind für das Jahr 1934 17 Fäl­le nach­ge­wie­sen, in de­nen sitt­li­che Ver­feh­lun­gen an Hit­ler­jun­gen vor­ge­kom­men sind. Mit Schrei­ben vom 26.8.1935 zeich­ne­te die Staats­po­li­zei­stel­le Köln ein er­schüt­tern­des Bild sitt­li­cher Ver­feh­lun­gen im Jung­volk der HJ, in­dem sie dem Ober­prä­si­den­ten der Rhein­pro­vinz neun ent­spre­chen­de Ver­neh­mungs­pro­to­kol­le aus nur zwei Ta­gen zur Kennt­nis brach­te. Für die Reichs­ju­gend­füh­rung war Ho­mo­se­xua­li­tät ei­ne Form der Ent­ar­tung und galt als 'Volks­zer­stö­rung' und aso­zia­le Er­schei­nung.

Kölner BDM-Mädel beim Ernteeinsatz, 1941. (Privatbesitz Willi Spiertz)

 

Ne­ben der welt­an­schau­li­chen Schu­lung und der kör­per­li­chen Er­tüch­ti­gung war die kul­tu­rel­le Ar­beit wei­te­rer Be­stand­teil des Hei­ma­bends, wo­bei Le­sen, Er­zäh­len, Sin­gen, Spie­len und Wer­ken im Mit­tel­punkt stan­den. So soll­ten die Ju­gend­li­chen mit den Kul­tur­wer­ken des deut­schen Vol­kes ver­traut ge­macht wer­den. Wel­che Be­deu­tung Reichs­ju­gend­füh­rer Ar­tur Axmann dem bei­maß, mach­te er mit fol­gen­der Aus­sa­ge deut­lich: „Je tie­fer die Ju­gend in die hei­li­gen Be­rei­che der deut­schen Kul­tur ein­zu­drin­gen ver­mag, um so ent­schlos­se­ner wird sie auf dem Schlacht­feld in Deutsch­land die Hei­mat ih­rer See­le zu ver­tei­di­gen wis­sen.“ Der Ein­fluss auf die Schrift­tums-, Film-, Rund­funk- und Mu­sik­ar­beit sind Bei­spie­le für die NS-Kul­tur­ar­beit. Es wur­den ge­schicht­li­che Ge­denk­ta­ge, Reichs­sport­wett­kämp­fe, Reichs­mu­sik­ta­ge, Reichs­thea­ter­ta­ge und der Reichs­be­rufs­wett­kampf ge­fei­ert. Das so­ge­nann­te HJ-Fei­er­jahr hat­te fol­gen­den Ver­lauf: 24.1. Blut­op­fer/Mär­ty­rer“ Her­bert Nor­kus, 30.1. Tag der Macht­er­grei­fung, 20.4. Füh­rers Ge­burts­tag, Auf­nah­me­tag in die HJ, 1.5. Tag der Ar­beit, Mai Tag der deut­schen Mut­ter (Mut­ter­kreuz­ver­lei­hung), 21.6. Som­mer­son­nen­wen­de, Sep­tem­ber Tag des Bau­ern/ Ern­te­dank­fest, No­vem­ber Ge­denk­tag der „To­ten der Be­we­gun­g“, Hit­ler-Putsch, De­zem­ber Win­ter­son­nen­wen­de. Dar­über hin­aus sah die ört­li­che HJ-Füh­rung im­mer wie­der An­läs­se zu Fei­ern und Kund­ge­bun­gen. In Köln bei­spiels­wei­se die "Wo­che der HJ" oder die "Wo­che der Pimp­fe und Jung­mä­del", die Ein­wei­hung des Gau­hau­ses der HJ in der Quen­tel­stra­ße und sei­ne Tau­fe auf den Na­men „Schi­rach-Haus“, die Mas­sen­kund­ge­bung der HJ, des Jung­volks und des BDM im Ju­ni 1934 auf dem Neu­markt, die Fei­er­stun­de an­läss­lich des Ab­mar­sches ei­ner Ab­ord­nung der HJ zum Reichs­par­tei­tag nach Nürn­berg am 21.8.1935 auf dem Rat­haus­platz oder die Über­ga­be der äl­tes­ten HJ-Fah­ne des Rhein­lan­des durch Stabs­füh­rer Hart­mann Lau­ter­ba­cher (1909–1988) im Ja­nu­ar 1937 im Gür­ze­nich.

Die NS-Ju­gend­füh­rung be­haup­te­te, mit ih­rer Schrift­tums­ar­beit das 'gu­te' Buch för­dern zu wol­len. Da­für prä­sen­tier­te sie das Ju­gend­schrif­ten­ver­zeich­nis "Das Buch der Ju­gend". Mit Bei­trä­gen in Ta­ges­zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten wie "Der Pimpf", "Die Hit­ler­ju­gend", "Jun­ge Welt", "Wil­le und Macht", "Das Deut­sche Mä­del", "Das Jun­ge Deutsch­land", "Ju­gend und Hei­mat" und "Die jun­ge Dorf­ge­mein­schaft" bau­te sie die Ju­gend­pres­se prak­tisch zu ih­rem Mo­no­pol aus.Die NS-Ju­gend­füh­rung be­haup­te­te, mit ih­rer Schrift­tums­ar­beit das 'gu­te' Buch för­dern zu wol­len. Da­für prä­sen­tier­te sie das Ju­gend­schrif­ten­ver­zeich­nis "Das Buch der Ju­gend". Mit Bei­trä­gen in Ta­ges­zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten wie "Der Pimpf", "Die Hit­ler­ju­gend", "Jun­ge Welt", "Wil­le und Macht", "Das Deut­sche Mä­del", "Das Jun­ge Deutsch­land", "Ju­gend und Hei­mat" und "Die jun­ge Dorf­ge­mein­schaft" bau­te sie die Ju­gend­pres­se prak­tisch zu ih­rem Mo­no­pol aus.

Vor­le­se- und Er­zähl­a­ben­de hat­ten das Er­leb­nis der Ge­mein­schaft zu stär­ken, den Sinn für 'gu­te' Bü­cher zu we­cken und die rhe­to­ri­sche Aus­drucks­kraft der Ju­gend­li­chen zu schu­len. Grund­la­ge für das freie Er­zäh­len war an ers­ter Stel­le das Mär­chen, das nach Mei­nung der Reichs­ju­gend­füh­rung in sei­ner Schlicht­heit und An­spruchs­lo­sig­keit am bes­ten das Bild der deut­schen Volks­see­le wie­der­gab.

Es gab kei­ne Ver­an­stal­tung der Hit­ler­ju­gend, bei der nicht ge­sun­gen wur­de, sei es beim Sport, Wan­dern, Fei­ern oder am Hei­ma­bend. Au­ßer­dem wird viel ge­sun­gen, sel­ten schön, doch meis­tens grell, denn das stärkt die schwa­chen Lun­gen und da­zu das Trom­mel­fell, hei­ßt es iro­nisch in ei­nem Jung­volklied. Das zeigt, wel­che Be­deu­tung die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten dem Sin­gen bei­ma­ßen. Das Lied­gut der Hit­ler­ju­gend lässt sich in drei Ka­te­go­ri­en ein­tei­len: das Kampf­lied, das po­li­ti­sche Lied so­wie das Volks­lied. An ers­ter Stel­le stand das Kampf­lied, wie bei­spiels­wei­se das von Bal­dur von Schi­rach ge­tex­te­te „Uns­re Fah­ne flat­tert uns vor­an“ oder das be­rühmt-be­rüch­tig­te Lied des völ­kisch - na­tio­na­lis­ti­schen Dich­ters und HJ-Bann­füh­rers Hans Bau­mann (1914–1988) „Es zit­tern die mor­schen Kno­chen“ mit dem Vers „Heu­te ge­hört uns Deutsch­land und mor­gen die gan­ze Welt“. Ne­ben das Kampf- und das po­li­ti­sche Lied trat das Volks­lied, in dem al­te Volks- und Wan­der­wei­sen wie­der auf­leb­ten. Das ent­sprach der NS-Ideo­lo­gie von Volk und Brauch­tum. Im Ei­gen­ver­ständ­nis der Köl­ner Zeit­zeu­gen und Zeit­zeu­gin­nen hat­ten al­le Lie­der ei­nen un­po­li­ti­schen Cha­rak­ter.

Die In­ter­view­part­ner und -part­ne­rin­nen er­zähl­ten mit Be­geis­te­rung auch von ih­ren Bas­tel­nach­mit­ta­gen, an de­nen sie Spiel­zeug für kin­der­rei­che Fa­mi­li­en her­stell­ten. Nach Kriegs­be­ginn half die­se Ar­beit, den Aus­fall der Spiel­zeug­in­dus­trie zu kom­pen­sie­ren. Stolz ver­kün­de­te der "West­deut­sche Be­ob­ach­ter", dass die Hit­ler­ju­gend des Gau­es Köln-Aa­chen für Weih­nach­ten 1942 ins­ge­samt 198.934 Spiel­zeu­ge und 12.000 Blei­sol­da­ten her­ge­stellt ha­be. Zum Weih­nachts­fest 1943 konn­te Ober­bann­füh­rer Wer­ner Wall­ra­be auf dem Köl­ner Neu­markt in den Rui­nen ei­nes frü­he­ren Kauf­hau­ses ver­kün­den, dass HJ und BDM 45.000 Spiel­zeu­ge für Köl­ner Kin­der pro­du­ziert hät­ten.

Auch der Ju­gend­film war in den Dienst der HJ ge­stellt. In den Ju­gend­film­stun­den wur­den Fil­me wie "Der Marsch zum Füh­rer", "Glau­be und Schön­heit" und vor al­lem "Hit­ler­jun­ge Quex" ge­zeigt. Die­ser Film, aus­ge­stat­tet mit dem Prä­di­kat künst­le­risch be­son­ders wert­voll, dien­te in her­vor­ra­gen­der Wei­se der Ver­ein­nah­mung der deut­schen Ju­gend für die NS-Ideo­lo­gie. Die Rund­funk­ar­beit der Hit­ler­ju­gend be­stand in der Ge­stal­tung des Schul­funks und in der wö­chent­li­chen "Stun­de der Na­ti­on", die zu hö­ren für HJ-und BDM-Mit­glie­der Pflicht war. In der So­zi­al­ar­beit stell­te sich die HJ-Füh­rung den Ju­gend­li­chen als um­fas­sen­de Für­sor­geinsti­tu­ti­on dar. Be­rufs­be­ra­tung, Ar­beits­schutz, Ju­gend­schutz, Ju­gend­ver­tre­tung in Be­trieb und Schu­le, all das wa­ren ih­re Ar­beits­fel­der.

Ent­spre­chend der HJ-Pa­ro­le Ihr habt die Pflicht, ge­sund zu sein, ver­füg­te die Reichs­ju­gend­füh­rung ab 1938 jähr­li­che Ge­sund­heits­ap­pel­le. Die Un­ter­su­chungs­er­geb­nis­se wur­den in ei­nen Ju­gend­ge­sund­heits­bo­gen ein­ge­tra­gen, der Grund­la­ge für den Ge­sund­heits­pass der HJ war. Das Ziel al­ler Ge­sund­heits­maß­nah­men galt wehr­po­li­ti­schen Ge­sichts­punk­ten be­zie­hungs­wei­se dem Er­halt der Ras­se.

Wei­te­rer As­pekt der Hei­ma­ben­de wa­ren die Ord­nungs­übun­gen. Der Ord­nungs­dienst soll­te die Hit­ler­jun­gen zur Man­nes­zucht, zum Ge­hor­sam und zur Un­ter­ord­nung er­zie­hen und leh­ren, Kom­man­dos zu be­fol­gen. Die Aus­bil­dungs­vor­schrif­ten der Hit­ler­ju­gend un­ter­schie­den die An­kün­di­gungs­kom­man­dos, zum Bei­spiel Still­ge­stan­den! und Rührt Euch!, von den Wen­de­kom­man­dos, wie Links/rechts um!, Hin­le­gen! und den Marsch­kom­man­dos, bei­spiels­wei­se Im Gleich­schritt marsch!. Für die BDM-Mä­del gab es zu­nächst ähn­li­che Kom­man­dos, die dann spä­ter in Wei­sun­gen um­be­nannt wur­den. Es gab die Wei­sun­gen Still­ge­stan­den!, Mä­del geht! oder Rechts/links wen­den!. Be­stand­teil des Ord­nungs­diens­tes war auch das Ler­nen des "Deut­schen Gru­ßes". Die Ju­gend­li­chen hat­ten durch Er­he­bung des rech­ten Ar­mes und An­le­gen der lin­ken Hand an den Ober­schen­kel so­wie dem Ruf „Heil Hit­ler!“ zu grü­ßen.

3.2 Die Sondereinheiten der HJ

Wie im ge­sam­ten Deut­schen Reich, so be­stand auch in Köln die Mög­lich­keit, Dienst in den Son­der­ein­hei­ten der HJ zu ver­rich­ten. Be­reits am 30.3.1933 mel­de­te die "Köl­ni­sche Zei­tung", dass die Hit­ler­ju­gend ne­ben der Ma­ri­ne-Ab­tei­lung auch ei­ne Flie­ger­grup­pe ins Le­ben ge­ru­fen ha­be, die über acht Se­gel­flug­zeu­ge und ei­ne Werk­statt in Köln-Sülz ver­fü­ge. Un­ter der Lei­tung des Kriegs­flie­gers Heinz Vin­ke (1920–1944) wur­de in Köln die ers­te HJ-Flie­ger-Schu­le Deutsch­lands ge­grün­det. Sie bil­de­te zu­nächst 50 Jun­gen theo­re­tisch und im Bau von Se­gel­flug­mo­del­len und Se­gel­flug­zeu­gen aus. Die selbst ge­bau­ten Se­gel­flug­zeu­ge wur­den am 30.4.1933 auf dem Köl­ner Neu­markt auf die Na­men Adolf Hit­ler, Her­mann Gö­ring und Her­bert Nor­kus ge­tauft. Am glei­chen Tag wur­de die Ge­biets­flie­ger-Vor­schu­le I der Köl­ner Hit­ler­ju­gend er­öff­net. Für die prak­ti­sche Flug­aus­bil­dung ent­stand in Quit­tels­bach (Ei­fel) die Flie­ger­schu­le I.

Al­len Köl­ner Ma­ri­ne-HJ-Ein­hei­ten stan­den die Boots­häu­ser der Ma­ri­ne-HJ des Ban­nes Köln-Süd (217) am Rhein bei Ro­den­kir­chen zur Ver­fü­gung.

Am 30.8.1934 rief die Ge­biets­füh­rung Köln-Aa­chen, Ab­tei­lung Mo­tor­sport­aus­bil­dung, al­le in­ter­es­sier­ten Jun­gen über 16 Jah­re zum Bei­tritt in die Mo­tor-HJ auf. Die kom­men­den Mel­de­fah­rer der Köl­ner Mo­tor-HJ wur­den - wie auch an­ders­wo - theo­re­tisch und mo­tor­tech­nisch aus­ge­bil­det. Be­reits am 8.11.1935 konn­ten 50 aus­ge­bil­de­te Hit­ler­jun­gen fei­er­lich auf dem Neu­markt in das Na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche Kraft­fah­rer­korps ein­ge­glie­dert wer­den. Im Ge­biet Köln-Aa­chen ge­hör­ten 1938 4.000 Jun­gen der Mo­tor-HJ an.

Zur all­ge­mei­nen Über­sicht des Nach­rich­ten­diens­tes ver­an­stal­te­te die Ge­biets­füh­rung Köln-Aa­chen En­de März 1934 ei­ne Ein­füh­rungs­ver­an­stal­tung für die Köl­ner Nach­rich­ten-HJ. Auf ei­ner Ta­gung der Nach­rich­ten-HJ im Ju­ni 1939 in Köln gab der Ge­biets­in­spek­teur die Richt­li­ni­en über die Aus­bil­dung im Rah­men der vor­mi­li­tä­ri­schen Er­tüch­ti­gung be­kannt, wo­bei er be­son­ders die ka­me­rad­schaft­li­che Zu­sam­men­ar­beit der Nach­rich­ten-HJ mit der Nach­rich­ten-SA her­vor­hob.

Be­reits seit Mai 1933 be­stand in Köln ei­ne Rei­ter-HJ. Am 20.9.1933 rief der "West­deut­sche Be­ob­ach­ter" in­ter­es­sier­te Hit­ler­jun­gen im Al­ter von 16 bis 18 Jah­ren auf, sich zum Ap­pell der Rei­ter-HJ in der Dü­re­ner Stra­ße 400 bei Ma­jor Kurt Lotz (1912–2005) zu mel­den. An­fangs lieh die Rei­ter-HJ ih­re Pfer­de bei der Köl­ner Rei­ter-SA, aber schon im No­vem­ber 1933 konn­te sie sich öf­fent­lich bei Be­hör­den, Land­wir­ten und Fuhr­un­ter­neh­mern be­dan­ken, die Reit- und Zug­pfer­de zur Ver­fü­gung ge­stellt hat­ten. Im Ja­nu­ar 1935 über­ließ die Stadt Köln der Rei­ter-HJ ei­nen Teil der sich im Ver­fall be­find­li­chen Ar­til­le­rie-Ka­ser­ne in Köln-Riehl, in der die Rei­ter-HJ sich not­dürf­tig ei­ne Reit­hal­le und Un­ter­künf­te für Pfer­de und Wach­mann­schaft her­rich­te­te. Zu die­sem Zeit­punkt war sie rund 50 Mann stark, die sich zu je acht Jun­gen den Wach­dienst teil­ten. Wäh­rend des Wach­diens­tes, der je­weils ei­ne Wo­che dau­er­te, schlie­fen die Jun­gen in der Ka­ser­ne und ver­rich­te­ten dort - ne­ben ih­rer Schul- oder Be­rufs­aus­bil­dung - Stall-, Kü­chen- und Haus­dienst. Mit der Rhein­land­be­frei­ung 1936 muss­te die Rei­ter-HJ die Rieh­ler Ka­ser­ne an die Reichs­wehr ab­ge­ben und sie­del­te in das leer ste­hen­de, eben­falls ver­fal­le­ne Gut Pe­ters­hof nach Köln-Mün­gers­dorf um. Ne­ben den Hit­ler­jun­gen war hier noch Platz für 60 Pimp­fe, die die HJ im Wach­dienst un­ter­stütz­ten.

HJ-Feld­sche­re gab es in Köln seit An­fang 1934. Un­ter Lei­tung des Ban­n­arz­tes von Bann 16 (Köln-Ost) tra­fen sich et­wa 15 Köl­ner Jun­gen re­gel­mä­ßig im Evan­ge­li­schen Kran­ken­haus in Kalk. Dort er­war­ben sie me­di­zi­ni­sche Grund­kennt­nis­se, ins­be­son­de­re in Ers­ter Hil­fe.

Mit Wir­kung vom 1.5.1934 an wur­de im ge­sam­ten HJ-Ober­ge­biet West ein Strei­fen­dienst, ge­kenn­zeich­net mit schwar­zer Arm­bin­de und dem gel­ben Auf­druck HJ-Strei­fen­dienst, als HJ-Son­der­heit ein­ge­rich­tet, der als Nach­wuchs­or­ga­ni­sa­ti­on für SS und Po­li­zei ge­dacht war.

3.3 Das Wehrertüchtigungslager

Im Mai 1942 er­hielt die Hit­ler­ju­gend ei­ne wei­te­re Auf­ga­be: Die vor­mi­li­tä­ri­sche Ju­gend­er­zie­hung in Weh­r­er­tüch­ti­gungs­la­gern. Die bis­he­ri­ge Aus­bil­dung im Schieß- und Ge­län­de­dienst reich­te den na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Macht­ha­bern zur Vor­be­rei­tung auf den Kriegs­ein­satz nicht aus. Zu die­sem Zweck wur­den im Gau Köln-Aa­chen die 16- bis 18-jäh­ri­gen Jun­gen in Wo­chen­end­schu­lun­gen zu­sam­men­ge­fasst und im Ge­län­de- und Schie­ß­dienst so­wie im Kar­ten­le­sen aus­ge­bil­det. Auf­ga­be die­ser vor­mi­li­tä­ri­schen Ju­gend­er­zie­hung, an der bis En­de Ok­to­ber 1939 im Gau Köln-Aa­chen et­wa 18.000 Hit­ler­jun­gen teil­ge­nom­men hat­ten, soll­te vor al­lem sein, der Wehr­macht gut vor­ge­bil­de­te jun­ge Men­schen zur Ver­fü­gung zu stel­len. Die Aus­bil­dung fand als Teil der Ju­gend­dienst­pflicht wäh­rend drei­wö­chi­ger Kur­se in neu er­rich­te­ten Weh­r­er­tüch­ti­gungs­la­gern der Hit­ler­ju­gend statt. Al­le 17- und 18-jäh­ri­gen, ab 1943 auch al­le 16-jäh­ri­gen und ab 1944/1945 so­gar die 15-jäh­ri­gen Jun­gen, be­rei­te­ten sich nun­mehr in ka­ser­nier­ten Kur­sen auf den sol­da­ti­schen Ein­satz in ju­gend­ge­mä­ßer Form, so der "West­deut­sche Be­ob­ach­ter", vor.

Im HJ-Ge­biet Köln-Aa­chen er­öff­ne­te Ge­biets­füh­rer Heinz Ho­hoff (1910–1943) am 11.5.1942 im ehe­ma­li­gen Ar­beits­dienst­la­ger Schlei­den mit 200 Teil­neh­mern den ers­ten Lehr­gang zur Weh­r­er­tüch­ti­gung. Er be­ton­te, sein grö­ß­ter Stolz sei, „am En­de die­ses Jah­res dem Füh­rer die rest­lo­se Vor­aus­bil­dung al­ler Sieb­zehn­jäh­ri­gen in der Weh­r­er­tüch­ti­gung mel­den zu kön­nen“. Im La­ger tru­gen die Jun­gen ih­re HJ-Uni­form und wäh­rend des Ge­län­de­diens­tes das Dril­lich­zeug der Wehr­macht. Es war stren­ge Dis­zi­plin ein­zu­hal­ten, leich­te Über­tre­tun­gen der La­ger­ord­nung wur­den hart be­straft, mit Zu­recht­wei­sung vor der Front, Ver­bot der Teil­nah­me an be­son­de­ren Ver­an­stal­tun­gen, Aus­gangs­ver­bot bis zu ei­ner Wo­che oder Stu­ben­ar­rest bis zu drei Ta­gen. Wich­tigs­ter Teil der Weh­r­er­tüch­ti­gung war der Ge­län­de­dienst. Die Jun­gen soll­ten ler­nen, er­teil­te Auf­trä­ge ge­nau aus­zu­füh­ren und sich ge­wohn­heits­mä­ßig rich­tig zu ver­hal­ten. Im Ein­zel­nen sah der Ge­län­de­dienst Ge­län­de­be­schrei­bung, Seh- und Hör­übun­gen, Kar­ten­kun­de, Skiz­zen­zeich­nen, Ent­fer­nungs­schät­zen, Tar­nen, Mel­de­we­sen, Späh­dienst, Si­che­rung, Dun­kel­heits­übung, Be­we­gung nach Zei­chen und Kom­pass, Ge­län­de­spiel, Ord­nungs­übun­gen so­wie Keu­lenziel­wurf vor. Im Schie­ß­dienst wur­den die Jun­gen kon­ven­tio­nell am Klein­ka­li­ber­ge­wehr aus­ge­bil­det. 1943 plan­te Hein­rich Himm­ler (1900-1945) aus den Ab­sol­ven­ten der Weh­r­er­tüch­ti­gungs­la­ger ei­ne SS-Pan­zer­di­vi­si­on Hit­ler-Ju­gend zu re­kru­tie­ren. An der In­va­si­ons­front im Ju­ni 1944 blie­ben von et­wa 10.000 17- bis 18-jäh­ri­gen Jun­gen, nur 600 üb­rig.

3.4 Weitere HJ- und BDM-Dienste

Au­ßer den schon be­schrie­be­nen hat­ten die Jun­gen und Mäd­chen in der Hit­ler­ju­gend ei­ne Viel­zahl wei­te­rer Diens­te zu ver­rich­ten. Da sind zu­nächst die Samm­lun­gen zu nen­nen. Für das Win­ter­hilfs­werk (WHW) und die Na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche Volks­wohl­fahrt (NSV) wur­de Geld er­bet­telt so­wie für die deut­sche Wirt­schaft Roh­ma­te­ri­al ge­sam­melt, wie Alt­pa­pier, Alt­me­tall, Lum­pen, Fla­schen, Fla­schen­kor­ken, Sil­ber­pa­pier oder Kno­chen­res­te. Mit Kriegs­be­ginn wei­te­ten sich die Samm­lun­gen un­ter an­de­rem auf Tee- und Heil­kräu­ter, Bee­ren, Pil­ze, Fall­obst, Laub, Buch­eckern, Ei­cheln, Kas­ta­ni­en und so­gar aus­ge­kämm­te Frau­en­haa­re aus. Die be­frag­ten Zeit­zeu­gen und -zeu­gin­nen er­in­ner­ten sich noch recht gut an ih­re Sam­mel­ein­sät­ze. In­ge F. er­zähl­te: „Da ging man über­all rund fürs Win­ter­hilfs­werk, für ver­schie­de­ne An­läs­se, und das fand ich toll und hab’ auch die Büch­se im­mer sehr voll ge­habt, so­dass ich den ers­ten Preis ge­kriegt ha­be.“

Da­ne­ben stand als wich­ti­ger Dienst der Ern­te­ein­satz. Galt es zu­nächst, den Bau­ern bei an­hal­ten­dem Re­gen­wet­ter bei der Ern­te­ein­brin­gung zu hel­fen, wei­te­te sich der Ern­te­ein­satz zum Pflicht­dienst für al­le Schü­ler und Schü­le­rin­nen vom 10. Le­bens­jahr an aus. Ab 1942 ging es nach der "Ver­ord­nung zum Kriegs­ein­satz der Ju­gend" in ge­schlos­se­nen Schul­klas­sen zur Si­che­rung der Er­näh­rung des deut­schen Vol­kes zum Ern­te­dienst. Am 27.2.1943 be­or­der­te die HJ-Füh­rung des Gau­es Köln-Aa­chen 117.540 Jun­gen und Mäd­chen zur Be­stel­lung der Fel­der in den Gro­ß­raum Köln.

Nach der De­vi­se nur ge­stal­te­te Frei­zeit ist wirk­li­che Frei­zeit, ver­voll­stän­dig­te ei­ne Rei­he wei­te­rer Diens­te die In­an­spruch­nah­me fast der ge­sam­ten Frei­zeit der Ju­gend­li­chen: Po­li­zei-, Feu­er­wehr- und Streu­di­ens­te so­wie Ur­laubs­ver­tre­tun­gen bei den Kom­mu­nen, Post- und Bahn­dienst, fer­ner Ver­pfle­gungs­aus­ga­be und Aus­tra­gen von Ge­stel­lungs­be­feh­len für die Wehr­macht, um nur ei­ni­ge zu nen­nen. Hin­zu ka­men die Sol­da­ten­be­treu­ung (bei­spiels­wei­se La­za­rett­be­su­che, Feld­post­brie­fe schrei­ben, Strümp­fe stop­fen) und die _BDM-Nach­bar­schafts­hilf_e be­zie­hungs­wei­se der HJ-Eh­ren­dienst für Kin­der­rei­che, Al­te und Sol­da­ten­frau­en. Al­le die­se Auf­ga­ben, die Reichs­ju­gend­füh­rer Axmann mit Front und Ju­gend ge­hö­ren zu­sam­men recht­fer­tig­te, mach­ten den HJ- und BDM-Dienst zur läs­ti­gen Pflicht­übung und lie­ßen die an­fäng­li­che Be­geis­te­rung in ei­nen Un­wil­len der Ju­gend über­ge­hen.

Mit Aus­bruch des Krie­ges zeig­te sich, dass sämt­li­che Diens­te in der Hit­ler­ju­gend von An­fang an auf ei­nen Krieg aus­ge­rich­tet wa­ren. Un­mit­tel­bar nach Kriegs­be­ginn wur­de ei­ne Son­der­ab­tei­lung Luft­schutz­hel­fer-HJ ge­grün­det. Al­le Hit­ler­jun­gen, ab 1941 auch die Jung­volk­jun­gen und Jung­mä­del, wa­ren im Luft­schutz-Selbst­schutz zu un­ter­wei­sen. Nach Flie­ger­an­grif­fen hat­ten sie beim Lö­schen, bei der Ber­gung von Ver­wun­de­ten und To­ten (!), der Nach­rich­ten­über­mitt­lung und der Ver­pfle­gungs­aus­ga­be für Flie­ger­ge­schä­dig­te zu hel­fen. Von Ja­nu­ar 1943 an mach­ten die 15- bis 17-jäh­ri­gen Schü­ler aus wei­ter­füh­ren­den Schu­len, kurz vor Kriegs­en­de auch die Mäd­chen, Blitz­mä­del ge­nannt, un­ter Auf­sicht der HJ als Luft­waf­fen­hel­fer Dienst an den Flak­bat­te­ri­en. Mit Fort­schrei­ten des Krie­ges sank die Al­ters­stu­fe für die Wehr­pflich­ti­gen im­mer wei­ter, so­dass schon 16-jäh­ri­ge Jun­gen zum re­gu­lä­ren Wehr­dienst oder zum Volks­sturm ein­be­ru­fen wur­den. Der Volks­sturm, mit Füh­rer­er­lass vom 25.9.1944 be­foh­len, um­fass­te al­le waf­fen­fä­hi­gen Män­ner im Al­ter von 16 bis 60 Jah­ren. Die­se soll­ten, mit Pan­zer­fäus­ten und al­ten Ge­weh­ren aus­ge­rüs­tet, die Hei­mat ver­tei­di­gen.

Die vom Wehr­dienst bis da­hin ver­schon­ten Köl­ner Jun­gen wur­den im Rah­men der Ju­gend­dienst­pflicht zum Bau­ein­satz West­wall her­an­ge­zo­gen, we­nig spä­ter auch die Mäd­chen, was be­deu­te­te, dass sie Pan­zer­grä­ben und –sper­ren an­zu­le­gen hat­ten. Da­zu muss­ten sie sich am 5.1.1945 auf der Ber­li­ner Stra­ße in Köln-Mül­heim mel­den. HJ-Ober­bann­füh­rer Wer­ner Wall­ra­be droh­te al­len, die sich ver­wei­gern soll­ten, Straf­ver­fol­gung an. In der letz­ten Pha­se des Krie­ges nah­men auf Be­fehl Axmanns Hit­ler­jun­gen, die zum Teil noch un­ter 14 Jah­re alt wa­ren, ak­tiv an den Ab­wehr­kämp­fen teil, ein Be­weis da­für, dass der Krieg oh­ne Kin­der­sol­da­ten nicht mehr zu füh­ren war. Im März 1945 rief Axmann in Zu­sam­men­ar­beit mit der SS die Hit­ler­ju­gend so­gar zur Teil­nah­me an der Ak­ti­on Wer­wolf auf, um im Un­ter­grund Sa­bo­ta­ge­ak­te aus­füh­ren zu las­sen, ein ein­deu­ti­ger Ver­stoß ge­gen die Gen­fer Kon­ven­tio­nen. In Köln er­schoss bei­spiels­wei­se ein 17-jäh­ri­ger Wer­wolf-Hit­ler­jun­ge hin­ter­rücks ei­nen ukrai­ni­schen Ar­bei­ter, als die­ser sei­ne Not­durft ver­rich­te­te.

Kölner HJ-Musikzug, 1937. (Privatbesitz Willi Spiertz)

 

4. Das Landjahr

Im Gau Köln-Aa­chen be­stan­den meh­re­re Land­jahr­la­ger. Da­von gal­ten dem "West­deut­schen Be­ob­ach­ter" für die Jun­gen die Burg Hau­sen bei Heim­bach und für die Mäd­chen das La­ger bei Nideg­gen - bei­de in der Ei­fel - als be­son­ders er­wäh­nens­wert, was aber nicht be­deu­te­te, dass dort auch die Köl­ner Ju­gend­li­chen hin­ge­schickt wur­den. Ih­re Ein­satz­or­te soll­ten mög­lichst weit von der Hei­mat ent­fernt sein, da­mit der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche Ein­fluss un­ge­stört blieb. El­tern­be­su­che im La­ger wa­ren ver­bo­ten und Hei­mat­ur­laub gab es nicht. Die Köl­ner Schü­ler und Schü­le­rin­nen wur­den in ers­ter Li­nie in den Be­zir­ken Kös­lin, Stet­tin und Pots­dam ein­ge­setzt. „Mit­ten im schö­nen Pom­mern­land ... lie­gen ver­teilt die La­ger der Köl­ner Land­jahr­mä­del“, schrieb der "West­deut­sche Be­ob­ach­ter". Die recht­li­che Grund­la­ge für die Ein­be­ru­fung zum Land­jahr war das preu­ßi­sche Ge­setz über das Land­jahr. Das Ge­setz ver­pflich­te­te al­le Ju­gend­li­chen nach Ab­lauf der acht­jäh­ri­gen Schul­pflicht zur Teil­nah­me am Land­jahr. Das Pro­to­koll der Leh­rer­kon­fe­renz der Volks­schu­le Sieg­bur­ger Stra­ße in Köln-Deutz vom 2.12.1935 ver­merkt hier­zu bei­spiels­wei­se: „Das Land­jahr ist nicht mit dem 9. Schul­jahr oder ei­ner Art Land­hil­fe zu ver­wech­seln. Nur die kör­per­lich und geis­tig bes­ten Kin­der wer­den aus­ge­sucht, die bei der Rück­kehr die Keim­zel­len ih­rer Or­ga­ni­sa­ti­on wer­den sol­len.“ Das Land­jahr dau­er­te acht Mo­na­te und um­fass­te den Zeit­raum vom 15. April bis 15. De­zem­ber. Von 1935 an wur­den jähr­lich 30.000 Jun­gen und Mäd­chen in die Land­jahr­la­ger be­or­dert. Das NS-Re­gime sah sich vor die Auf­ga­be ge­stellt, ei­ner­seits den all­ge­mei­nen Ar­beits­markt zu ent­las­ten, in­dem es für mög­lichst vie­le Ju­gend­li­che den Ein­tritt in den Be­ruf hin­aus­schob, und an­de­rer­seits den Ar­beits­kräf­te­man­gel in der Land­wirt­schaft ein­zu­däm­men.

Im HJ-Ge­biet Köln-Aa­chen gab es 16 Land­dienst­la­ger, in die je La­ger mit 60 bis 80 Jun­gen be­zie­hungs­wei­se Mäd­chen un­ter­ge­bracht wur­den. Es herrsch­te stren­ge mi­li­tär­ähn­li­che Dis­zi­plin. Beim Be­such des Köl­ner Mä­del­la­gers Do­ro­the­en­hof in Pom­mern sah der Re­por­ter des "West­deut­schen Be­ob­ach­ters" zum Bei­spiel die „Glä­ser, Zahn­bürs­ten, Haar­käm­me und Bürs­ten ... al­le fein ex­akt aus­ge­rich­tet auf ei­nem lan­gen Wand­bret­t“. Die Ju­gend­li­chen hat­ten täg­lich sechs Stun­den zu ar­bei­ten und wur­den fünf Stun­den welt­an­schau­lich ge­schult. Wäh­rend der prak­ti­schen Tä­tig­keit un­ter­stütz­ten die Jun­gen die Bau­ern bei der Ern­te, beim Aus­jä­ten von Un­kraut oder an­de­ren Ar­bei­ten. Die Mäd­chen leis­te­ten Feld­ar­beit und hal­fen im bäu­er­li­chen Haus­halt.

Kölner BDM-Führerinnen beim Landjahrtreffen in Hildesheim, 1937. (Privatbesitz Willi Spiertz)

 

5. Die Kinderlandverschickung

Die Kin­der­land­ver­schi­ckung, von den Na­tio­nal­so­zia­lis­ten als so­zi­al­po­li­ti­sche Tat ers­ten Ran­ges ge­prie­sen, war kei­ne na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche Er­fin­dung. Un­ter ge­nau die­ser Be­zeich­nung wur­de schon um 1900 Ber­li­ner Stadt­kin­dern ein Land­auf­ent­halt er­mög­licht. Mit der „Macht­er­grei­fun­g“ in­ten­si­vier­te die NS­DAP die Kin­der­land­ver­schi­ckung. Ih­re Un­ter­or­ga­ni­sa­tio­nen NSV, HJ und BDM be­müh­ten sich ver­stärkt um Land­fa­mi­li­en, die be­reit wa­ren, Fe­ri­en­kin­der für vier bis sechs Wo­chen auf ei­ge­ne Kos­ten auf­zu­neh­men. An­fangs wa­ren die Fe­ri­en­or­te in un­mit­tel­ba­rer Nä­he des Hei­mat­or­tes, für Köl­ner Kin­der zum Bei­spiel das Ber­gi­sche Land oder die Ei­fel, spä­ter ging es nach Meck­len­burg, Pom­mern, Schle­si­en, Bay­ern und Sach­sen. Ver­schickt wur­den Kin­der im Al­ter von sie­ben bis 16 Jah­ren aus so­zia­len und ge­sund­heit­li­chen Grün­den, wie der "West­deut­sche Be­ob­ach­ter" schrieb. Für 1934 wa­ren al­lein aus dem Ge­biet Mit­tel­rhein 10.000 be­dürf­ti­ge Kin­der für ei­ni­ge Wo­chen aufs Land ge­bracht wor­den. Die na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche Pres­se ver­säum­te es nicht, die gro­ßzü­gi­ge Land­ver­schi­ckungs­ak­ti­on her­vor­zu­he­ben. So be­schrieb bei­spiels­wei­se der "West­deut­sche Be­ob­ach­ter" die Ab­fahrt ei­nes Kin­der­trans­por­tes mit den pa­the­ti­schen Wor­ten: Aus der Hal­le roll­te der Zug, der kost­ba­re Last barg: die Zu­kunft des deut­schen Vol­kes.

Nach Aus­bruch des Krie­ges wei­te­te sich die Kin­der­land­ver­schi­ckung aus. Der "West­deut­sche Be­ob­ach­ter" ver­kün­de­te un­ter der Über­schrift „So wird für un­se­re Kin­der ge­sorgt!“ pro­pa­gan­dis­tisch, dass sich Tau­sen­de Fa­mi­li­en be­reit er­klärt hät­ten, „klei­ne und grö­ße­re Pfleg­lin­ge in lie­be­vol­le Ob­hut zu neh­men“ und da­mit „des Füh­rers Wunsch, daß die vor­beu­gen­de und auf­bau­en­de Für­sor­ge für un­se­re Ju­gend auf die­sem Ge­bie­te durch den Krieg kei­ner­lei Sto­ckung er­fah­ren dür­fe, ... so sei­ne schnel­le und um­fas­sen­de Er­fül­lun­g“ ge­fun­den ha­be.

Mit Fort­schrei­ten des Krie­ges er­gab sich die Not­wen­dig­keit, die Kin­der aus luft­ge­fähr­de­ten Ge­bie­ten zu schüt­zen. Da­zu eig­ne­te sich am bes­ten die be­reits be­ste­hen­de Kin­der­land­ver­schi­ckung, die jetzt die Be­zeich­nung „Er­wei­ter­te Kin­der­land­ver­schi­ckun­g“ er­hielt. Mit die­sem Ter­mi­nus konn­te der ei­gent­li­che Grund der nun fol­gen­den Ver­schi­ckungs­ak­ti­on ver­schlei­ert wer­den, sug­ge­rier­te er doch le­dig­lich ei­ne Aus­wei­tung der bis­he­ri­gen Er­ho­lungs­maß­nah­men. Die NSV, die für die bis zehn­jäh­ri­gen Kin­der ver­ant­wort­lich war, brach­te die Kin­der, wie schon bei der Er­ho­lungs­ver­schi­ckung, in Pfle­ge­fa­mi­li­en un­ter. Mit Er­rei­chen des 10. Le­bens­jah­res wur­den die land­ver­schick­ten Kin­der der Zu­stän­dig­keit der Hit­ler­ju­gend über­ge­ben. Die Kin­der ka­men im All­ge­mei­nen in La­ger, nur in Not­fäl­len in Pfle­ge­fa­mi­li­en.

Von Mit­te No­vem­ber 1940 an be­gan­nen auch im Gau Köln-Aa­chen die ers­ten Pla­nun­gen für die „Er­wei­ter­te Kin­der­land­ver­schi­ckung“. Kri­te­ri­en für die Aus­wahl wa­ren un­ter an­de­rem die An­zahl der Ge­schwis­ter und ei­ne Be­ur­tei­lung über die Teil­nah­me am HJ-Dienst. Am 27.1.1941 war es dann so­weit. Vom Bahn­hof Deutz-Tief fuhr der ers­te Zug mit Köl­ner Kin­dern in die „Er­wei­ter­te Kin­der­land­ver­schi­ckun­g“. Auf­nah­me­ge­bie­te für die Köl­ner Kin­der wa­ren zu­nächst Dör­fer und Klein­städ­te in Ober­schle­si­en oder West­preu­ßen, spä­ter auch an der Ost­see, in Schle­si­en, Sach­sen, Thü­rin­gen, im All­gäu, Schwarz­wald und Su­de­ten­land. Für Kin­der, die nicht bei Ver­wand­ten oder Pfle­ge­fa­mi­li­en un­ter­ka­men, er­folg­te die Un­ter­brin­gung in Ju­gend­her­ber­gen oder in an­de­ren ge­eig­ne­ten Häu­sern, wie Kur­hei­men, Klös­tern, Ho­tels, Gast­stät­ten und Pen­sio­nen, die da­für re­qui­riert wor­den wa­ren. Die Kos­ten für die sechs­mo­na­ti­ge „Er­wei­ter­te Kin­der­land­ver­schi­ckun­g“ fi­nan­zier­te der Reichs­haus­halt. Die La­ger­un­ter­brin­gung der Ju­gend­li­chen, ver­knüpft mit der In­sti­tu­ti­on Schu­le, bot den na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Er­zie­hungs­po­li­ti­kern wie­der­um die Mög­lich­keit, Ju­gend­li­che in ih­rem Sin­ne to­tal zu er­zie­hen. Das Le­ben im La­ger war streng re­gle­men­tiert und der Ta­ges­ab­lauf in ei­nem Dienst­plan fest­ge­schrie­ben. „Das war ei­ne re­gel­rech­te vor­mi­li­tä­ri­sche Aus­bil­dun­g“, er­läu­ter­te der Köl­ner Zeit­zeu­ge Jo­sef K. im In­ter­view.

Als be­reits das En­de des Krie­ges ab­zu­se­hen war, kam hek­ti­sche Be­we­gung in die Ver­schi­ckungs­ak­ti­on. Trans­port­pro­ble­me so­wie der Man­gel an Quar­tie­ren und La­ger­lei­tern herrsch­ten vor. Muss­ten bis­her in­fol­ge von Bom­ben­an­grif­fen nur ein­zel­ne Schu­len in Köln ge­schlos­sen wer­den, ord­ne­te der Köl­ner Gau­lei­ter Jo­sef Grohé am 30.9.1944 die Schlie­ßung al­ler Schu­len im links­rhei­ni­schen Köln an. Bei Kriegs­en­de wa­ren die Kin­der, die sich noch in den KLV-La­gern be­fan­den, der an­rü­cken­den Front oft schutz­los aus­ge­lie­fert.

6. Ergebnis

Mit­hil­fe der in­ter­view­ten Zeit­zeu­gen und -zeu­gin­nen konn­te Ge­schich­te, wie sie im „Drit­ten Reich“ in Köln er­lebt wur­de, um­ris­sen wer­den. Al­le In­ter­view­part­ner und -part­ne­rin­nen er­in­nern und be­ken­nen sich noch heu­te ger­ne zu ih­ren Ak­ti­vi­tä­ten in der Hit­ler­ju­gend: zu Fahr­ten, Sport, Sin­gen, Bas­teln und Wer­ken, zum Teil auch zu Ern­te­ein­sät­zen und Sam­mel­ak­tio­nen. Das al­les war mehr als po­pu­lär, wur­de als un­po­li­tisch und at­trak­tiv emp­fun­den und mit den Wer­ten Ka­me­rad­schaft, Ge­mein­schaft und Sport­lich­keit in Ver­bin­dung ge­bracht. Ne­ga­ti­ve Er­leb­nis­se, wie welt­an­schau­li­cher Un­ter­richt oder mi­li­tä­ri­scher Drill, wer­den zum Teil ver­drängt, nur bruch­stück­haft er­zählt oder ins Po­si­ti­ve um­ge­wan­delt. Si­cher ha­ben die meis­ten da­mals zehn- bis 18-jäh­ri­gen Ju­gend­li­chen nicht durch­schau­en kön­nen und dür­fen, in wel­chem Um­fang sie Teil ei­ner na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Dik­ta­tur wa­ren. Die im­mer wie­der be­schwo­re­ne Volks­ge­mein­schaft er­leb­ten sie in Lie­dern, Fei­ern und ge­mein­sa­men Sport­wett­kämp­fen, die aber haupt­säch­lich, den Jun­gen und Mäd­chen un­be­wusst, der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Be­ein­flus­sung dien­ten. Selbst bei der vor­mi­li­tä­ri­schen Er­zie­hung gab es Teil­be­rei­che, die bei den Jun­gen sehr be­liebt wa­ren, wie das Ge­län­de­spiel. Und ob­wohl die Mäd­chen an das Weib­lich­keits­ide­al - sau­ber, ge­sund und froh - her­an­ge­führt wer­den soll­ten, sa­hen sie erst­mals im BDM die Chan­ce, sich vom El­tern­haus los­zu­lö­sen. Die na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche Er­zie­hung hat zwei­fels­oh­ne den jun­gen Men­schen ei­ne Mög­lich­keit der Eman­zi­pa­ti­on ge­bo­ten, aber über das En­de des „Drit­ten Rei­ches“ hin­aus auch Spu­ren hin­ter­las­sen.

Quellen und Literatur

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Kölner BDM-Mädel im KLV-Lager, 1941. (Privatbesitz Willi Spiertz)

 
Zitationshinweis

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Spiertz, Willi, Die Hitlerjugend in Köln, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-hitlerjugend-in-koeln/DE-2086/lido/57d13231879c78.44365045 (16.07.2018)