Amalie von Lassaulx

Erste Oberin des Bonner Johanneshospitals (1815-1872)

Anja Ostrowitzki (Bonn)

Amalie (Sr. Augustine) von Lassaulx, Porträtfoto.

Ama­lie (Sr. Au­gus­ti­ne) von Las­saulx lei­te­te als ers­te Obe­rin den Auf­bau des von Bor­ro­mäe­rin­nen ge­führ­ten Jo­han­nes­hos­pi­tals in Bonn. Da sie sich wei­ger­te, das Dog­ma von der päpst­li­chen Un­fehl­bar­keit (1870) an­zu­er­ken­nen, wur­de sie aus der Kon­gre­ga­ti­on aus­ge­schlos­sen. Sie ge­hör­te zur alt­ka­tho­li­schen Be­we­gung, aus der nach ih­rem Tod die alt­ka­tho­li­sche Kir­che her­vor­ging.

Ama­lie von Las­saulx wur­de am 19.10.1815 in Ko­blenz als Kind des Kreis­bau­meis­ters Jo­hann Clau­di­us von Las­saulx und sei­ner Ehe­frau An­na Ma­ria ge­bo­re­ne Mül­ler (1780-1855) ge­bo­ren. Das Mäd­chen, das als leb­haft be­schrie­ben wird, wuchs mit fünf äl­te­ren Ge­schwis­tern auf. Es lieb­te mit dem Eis­lau­fen ei­ne für Mäd­chen da­mals noch ganz un­üb­li­che Sport­art. Nach der Ele­men­tar­schu­le be­such­te es ei­ne pri­va­te hö­he­re Töch­ter­schu­le. Im kul­ti­vier­ten und gast­frei­en El­tern­haus er­hielt Ama­lie durch die Fa­mi­lie und de­ren zahl­rei­che Be­su­cher ei­ne viel­sei­ti­ge Bil­dung. Prä­gend war über­dies die Be­geg­nung mit den Bor­ro­mäe­rin­nen, die seit 1826 in Ko­blenz das Bür­ger­hos­pi­tal führ­ten. Die­se ka­tho­li­sche re­li­giö­se Frau­en­genos­sen­schaft (Kon­gre­ga­ti­on) war be­son­ders in der Kran­ken- und Ar­men­pfle­ge tä­tig. Der Ro­man­ti­ker Cle­mens Bren­ta­no, auch ein Gast im Hau­se Las­saulx, hat sie mit sei­nem Buch über die „Barm­her­zi­gen Schwes­tern“ be­kannt ge­macht und jun­ge Frau­en zur Nach­ah­mung an­ge­regt.

Ama­lie dach­te zu­nächst nicht an ein Or­dens­le­ben, son­dern ver­lob­te sich mit ei­nem jun­gen Arzt. Nach ei­ni­ger Zeit in­des lös­te sie die Ver­lo­bung aus Ent­täu­schung über den Cha­rak­ter des Man­nes. Der Wunsch, sich ei­ner ca­ri­ta­ti­ven Auf­ga­be zu wid­men, ließ sie bei den Bor­ro­mäe­rin­nen um Auf­nah­me bit­ten. In de­ren Le­bens­kon­zept tra­fen sich ih­re re­li­giö­se Über­zeu­gung und be­ruf­li­che In­ter­es­sen. Die 25-Jäh­ri­ge trat 1840 in das No­vi­zi­at in Nan­cy ein. Nach Ab­lauf des Pro­be­jah­res emp­fing sie das Or­dens­kleid und den Or­dens­na­men Au­gus­ti­ne. Im Mut­ter­haus wur­de sie zur Apo­the­ke­rin aus­ge­bil­det. Am 17.9.1843 leg­te sie ih­re ewi­gen Ge­lüb­de ab. Da­mals ar­bei­te­te sie be­reits im Spi­tal in Aa­chen, wo sie sich mit Jo­seph Hu­bert Rein­kens an­freun­de­te, spä­ter ihr Bio­graph und ers­ter alt­ka­tho­li­scher Bi­schof.

1849 über­nah­men die Bor­ro­mäe­rin­nen für den Bon­ner Hos­pi­tal­ver­ein die Kran­ken­pfle­ge und in­ne­re Ver­wal­tung im neu­en Bür­ger­hos­pi­tal zum hei­li­gen Jo­han­nes Bap­tist. Sr. Au­gus­ti­ne wur­de zur ers­ten Haus­obe­rin be­stimmt. Ne­ben dem Lei­tungs­amt be­trieb sie die Hos­pi­tal­apothe­ke und half in der Pfle­ge. Rasch in­te­grier­te sie sich in die ge­bil­de­te Bon­ner Ge­sell­schaft. Sie stand mit Män­nern, dar­un­ter ei­ni­ge Geist­li­che, und Frau­en in Kon­takt, die ih­ren li­be­ra­len Ka­tho­li­zis­mus teil­ten. Der Kreis för­der­te das Hos­pi­tal durch Stif­tun­gen, be­freun­de­te Pries­ter hiel­ten die Mes­se und wirk­ten als Seel­sor­ger.

Im Deutsch-Dä­ni­schen Krieg 1864 eben­so wie im Krieg 1866 wur­den die Bor­ro­mäe­rin­nen zur Kriegs­kran­ken­pfle­ge her­an­ge­zo­gen. Sr. Au­gus­ti­ne er­leb­te die Schre­cken bei­der Krie­ge an der Front. Aus Böh­men kehr­te sie mit ei­nem Herz- und Lun­gen­lei­den nach Bonn zu­rück.

1870 er­hob das Ers­te Va­ti­ka­ni­sche Kon­zil die Un­fehl­bar­keit des Paps­tes in Glau­bens- und Sit­ten­fra­gen zum Dog­ma. Im Ka­tho­li­zis­mus hat­te sich da­mit die ul­tra­mon­ta­ne Rich­tung durch­ge­setzt, die die Kir­che auf Rom aus­rich­ten, kle­ri­ka­li­sie­ren und von der mo­der­nen Welt ab­gren­zen woll­te. Die Kon­zils­ent­schei­dung rief un­ter Theo­lo­gen und ge­bil­de­ten Lai­en brei­ten Wi­der­stand her­vor. Bonn ge­hör­te zu den Haupt­or­ten die­ser kirch­li­chen Op­po­si­ti­on, die sich als Be­wah­re­rin der al­ten ka­tho­li­schen Leh­re ver­stand und in der Se­zes­si­on der Alt­ka­tho­li­ken mün­de­te. Sr. Au­gus­ti­ne be­schäf­tig­te sich von je­her mit theo­lo­gi­schen und kir­chen­po­li­ti­schen Fra­gen. In der li­be­ra­len Augs­bur­ger All­ge­mei­nen Zei­tung ver­folg­te sie die Ar­ti­kel des Münch­ner Theo­lo­gen und Kir­chen­his­to­ri­kers Ignaz von Döl­lin­ger (1799-1890), der ei­ne lehr­amt­li­che Un­fehl­bar­keit des Paps­tes ver­warf. Sie ver­stand sich als ent­schie­de­ne Ka­tho­li­kin, an das neue Dog­ma aber, konn­te sie nicht glau­ben.

Die Amts­kir­che setz­te das Dog­ma mit mas­si­vem Druck durch. Pries­ter, die die Un­ter­wer­fung ver­wei­ger­ten, wur­den we­gen Hä­re­sie sus­pen­diert und ex­kom­mu­ni­ziert. Da­von wa­ren auch ei­ni­ge der Pro­fes­so­ren be­trof­fen, die bis da­hin im Jo­han­nes­hos­pi­tal die Mes­se ge­fei­ert hat­ten und wei­ter­hin im Hau­se ver­kehr­ten. Die­se Be­su­che zo­gen ei­ne De­nun­zia­ti­on bei der Or­dens­lei­tung nach sich. Dar­auf­hin un­ter­zog die Trie­rer No­vi­zen­meis­te­rin Sr. Au­gus­ti­ne im Ok­to­ber 1871 ei­ner Ge­sin­nungs­prü­fung. Da die­se er­klär­te, sie sei dem al­ten ka­tho­li­schen Glau­ben treu, glau­be je­doch we­der an die Un­be­fleck­te Emp­fäng­nis (Dog­ma von 1854) noch an die päpst­li­che Un­fehl­bar­keit, es­ka­lier­te der Kon­flikt. Im No­vem­ber 1871 muss­te sich Sr. Au­gus­ti­ne vor der Ge­ne­ral­obe­rin Mech­til­de de Ro­ziè­re (1810-1872) und der Trie­rer Pro­vin­zi­al­obe­rin Xa­ve­ria Rud­ler er­neut recht­fer­ti­gen. Sie beug­te sich nicht, so dass sie im No­vem­ber 1871 ih­res Am­tes ent­ho­ben wur­de. Die Ab­set­zung er­reg­te über Bonn hin­aus öf­fent­li­ches Auf­se­hen. Denn Sr. Au­gus­ti­ne ge­noss ho­hes An­se­hen, nicht nur we­gen ih­rer Ver­diens­te um das Hos­pi­tal und die Be­dürf­ti­gen, son­dern als klu­ge Per­sön­lich­keit. An­ge­bo­te, bei Freun­den oder Ver­wand­ten un­ter­zu­kom­men, schlug sie aus, um ih­rer Pro­fess treu zu blei­ben. Sie woll­te die Kon­gre­ga­ti­on nicht ver­las­sen. Da es ihr Ge­sund­heits­zu­stand nicht er­laub­te, mit den bei­den Obe­r­innen nach Nan­cy zum Ge­ne­ral­mut­ter­haus zu rei­sen, durf­te sie ein Zim­mer im Hos­pi­tal der Bor­ro­mäe­rin­nen in Val­len­dar be­zie­hen. Mit der dor­ti­gen Haus­obe­rin Hed­wig Cor­ne­li­us (1822-1887) war sie be­freun­det. Den Mit­schwes­tern blieb Sr. Au­gus­ti­nes theo­lo­gi­scher Stand­punkt un­ver­ständ­lich. Sie selbst er­war­te­te, dass das Un­fehl­bar­keits­dog­ma ei­nes Ta­ges zu­rück­ge­zo­gen wer­de. Im De­zem­ber 1871 wur­de Ama­lie von Las­saulx von der Ge­ne­ral­obe­rin we­gen Un­beug­sam­keit aus der Kon­gre­ga­ti­on aus­ge­schlos­sen. Da­mit ein­her ging die An­ord­nung, das Or­dens­kleid ab­zu­le­gen.

Am 28.1.1872 ist Ama­lie von Las­saulx in Val­len­dar ge­stor­ben. Im Wis­sen, dass ihr ein ka­tho­li­sches Be­gräb­nis ver­wei­gert wer­den wür­de, hat­te sie ver­fügt, im Fa­mi­li­en­grab in Wei­ßen­thurm bei­ge­setzt zu wer­den. Da­mit ent­las­te­te sie Hed­wig Cor­ne­li­us. Pro­fes­sor Franz Hein­rich Reusch (1825-1900), bis zu sei­ner Sus­pen­si­on Ama­li­es Beicht­va­ter, be­te­te in bür­ger­li­cher Klei­dung am Grab und wür­dig­te die Ver­stor­be­ne. Im Sarg trug Ama­lie von Las­saulx kein Or­dens­ge­wand. In der Pres­se wur­den die Bor­ro­mäe­rin­nen des­we­gen dif­fa­miert, sie hät­ten der aus­ge­sto­ße­nen Schwes­ter den Ha­bit zu Leb­zei­ten ge­ra­de­zu vom Leib ge­ris­sen, um die Kri­ti­ke­rin in den ei­ge­nen Rei­hen zu ent­eh­ren. Tat­säch­lich hat­te die Kran­ke das schwe­re Ge­wand erst zwei Ta­ge vor ih­rem Tod aus ei­ge­nem An­trieb ge­gen be­que­me­re Klei­dung ge­tauscht. Denn Hed­wig Cor­ne­li­us hat­te sich sou­ve­rän über die An­wei­sung der Ge­ne­ral­obe­rin hin­weg­ge­setzt und Sr. Au­gus­ti­ne bis zu­letzt als Mit­schwes­ter re­spek­tiert.

Literatur

Ber­lis, An­ge­la, Das Or­dens­kleid der Bor­ro­mäe­rin Ama­lie Au­gus­ti­ne von Las­aulx (1815-1872), Mit­tel der Dis­zi­pli­nie­rung oder Sym­bol des Pro­tests, in: Hart­lieb Eli­sa­beth [u.a.] (Hg.), Das neue Kleid: fe­mi­nis­tisch-theo­lo­gi­sche Per­spek­ti­ven auf geist­li­che und welt­li­che Ge­wän­der, Sulz­bach 2010, S. 119-131.

En­nen, Edith, Ama­lie von Las­saulx, in: Jahr­buch für west­deut­sche Lan­des­ge­schich­te 19 (1993), S. 461-472.

Ho­i­nin­gen-Hue­ne, Chris­ti­ne Frei­in von, Er­in­ne­run­gen an Ama­lie von Las­aulx, Schwes­ter Au­gus­ti­ne, Obe­rin der Barm­her­zi­gen Schwes­tern im St. Jo­han­nis­hos­pi­tal zu Bonn, 4. Auf­la­ge, Go­tha 1891.

Rein­kens, J[ohann] H[ubert], Ama­lie von Las­aulx, Ei­ne Be­ken­ne­rin, Bonn 1878.

 
Zitationshinweis

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Ostrowitzki, Anja, Amalie von Lassaulx, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/amalie-von-lassaulx/DE-2086/lido/57c93dba9c6930.93465839 (07.12.2018)