Xaveria Rudler

Erste Generaloberin der Barmherzigen Schwestern vom heiligen Karl Borromäus in Trier (1811-1886)

Anja Ostrowitzki

Xaveria Rudler, Porträtfoto.

Xa­ve­ria Rud­ler ge­stal­te­te als ers­te Lei­te­rin die Ent­wick­lung und Aus­brei­tung der Trie­rer Bor­ro­mäe­rin­nen, ei­ner ka­tho­li­schen re­li­giö­sen Frau­en­genos­sen­schaft (Kon­gre­ga­ti­on), die sich vor­ran­gig in der Kran­ken- und Ar­men­pfle­ge be­tä­tig­te, und am Auf­bau der mo­der­nen sta­tio­nä­ren Kran­ken­pfle­ge im Rhein­land mit­wirk­te.

Kla­ra Rud­ler, so der bür­ger­li­che Na­me, wur­de am 28.5.1811 in Gueb­wil­ler im El­sass ge­bo­ren. Sie war das fünf­te Kind von ins­ge­samt sie­ben Kin­dern des Frie­dens­rich­ters François Xa­vier Rud­ler und sei­ner Ehe­frau An­na Ma­ria ge­bo­re­ne Hei­nemann aus Köln. Ihr Gro­ßva­ter François Jo­seph Rud­ler (1757-1837) hat­te als Re­gie­rungs­kom­mis­sar im fran­zö­sisch be­setz­ten links­rhei­ni­schen Ge­biet die na­po­leo­ni­schen Re­for­men durch­ge­führt, dar­un­ter die Tren­nung von Staat und Kir­che, und die Auf­he­bung der Klös­ter und Stif­te ein­ge­lei­tet.

Nach dem Be­such der Ele­men­tar­schu­le wech­sel­te das 13-jäh­ri­ge Mäd­chen 1824 an das Pen­sio­nat der Barm­her­zi­gen Schwes­tern vom hei­li­gen Karl Bor­ro­mä­us in Lun­é­vil­le, um dort ei­ne hö­he­re Schul­bil­dung zu er­wer­ben. Vier Jah­re spä­ter wähl­te Kla­ra Rud­ler selbst ein Le­ben als Bor­ro­mäe­rin und trat als Pos­tu­lan­tin in das No­vi­zi­at in Nan­cy ein. Dort am Ur­sprungs­ort der Ge­nos­sen­schaft be­fand sich nicht nur die zen­tra­le Aus­bil­dungs­stät­te für die jun­gen Schwes­tern. Im Mut­ter­haus hat­te auch die Ge­ne­ral­obe­rin ih­ren Sitz, die al­len lo­ka­len Obe­r­innen vor­ge­setzt war, und die Ge­nos­sen­schaft ins­ge­samt lei­te­te. Nach Ab­lauf des Pro­be­jah­res emp­fing die No­vi­zin am 8.9.1830 das Or­dens­kleid und den Na­men Ma­ria Xa­ve­ria. Ih­re ewi­gen Ge­lüb­de leg­te sie am 15.10.1833 ab.

Zu Xa­ve­ria Rud­lers ers­tem Ein­satz­ort nach der Pro­fess be­stimm­ten die Obe­ren die hö­he­re Mäd­chen­schu­le in Saar­louis. Die­se An­ord­nung stell­te die jun­ge Frau vor ei­ne schwie­ri­ge Her­aus­for­de­rung, denn we­der emp­fand sie ei­ne Nei­gung für das Lehr­fach, noch be­herrsch­te die Fran­zö­sin an­fangs flie­ßend Deutsch. Über 13 Jah­re hin­weg wirk­te sie in Saar­louis als Leh­re­rin. 1846 wur­de sie aus dem Schul­dienst ab­be­ru­fen und da­mit be­auf­tragt, ei­ne Nie­der­las­sung in Ber­lin zu grün­den. Für die Or­ga­ni­sa­ti­on der Bor­ro­mäe­rin­nen ist cha­rak­te­ris­tisch, dass sie au­ßer dem Stamm­sitz kei­ne Im­mo­bi­li­en be­sa­ßen. Sie grün­de­ten ih­re Nie­der­las­sun­gen, in­dem ei­ne Grup­pe von min­des­tens drei Schwes­tern für ei­nen Trä­ger - ganz gleich, ob Pfar­rei, Bis­tum, Kom­mu­ne oder Ver­ein - die Lei­tung ei­ner An­stalt über­nahm. Die ge­nau­en Um­stän­de wur­den in ei­nem Ver­trag ge­re­gelt. Je­der Fi­lia­le stand ei­ne Haus­obe­rin vor. In der preu­ßi­schen Haupt­stadt be­gan­nen Xa­ve­ria Rud­ler, als ers­te Haus­obe­rin, und drei Schwes­tern das St. Hed­wig-Kran­ken­haus auf­zu­bau­en. Mit drei Bet­ten in äu­ßers­ter Ar­mut er­öff­net, bot das Hos­pi­tal 1847 be­reits 40 Pfle­ge­plät­ze. Um die wach­sen­de Ar­beit zu be­wäl­ti­gen, wur­den Zug um Zug im­mer mehr Schwes­tern nach Ber­lin ge­sandt. Nicht nur die Tat­kraft der Pio­nie­rin­nen, son­dern auch die öf­fent­li­che An­er­ken­nung, die die Bor­ro­mäe­rin­nen da­mals ge­nos­sen, und die At­trak­ti­vi­tät ih­rer Le­bens­form für jun­ge Frau­en sind an der Ent­wick­lung des Ber­li­ner Kran­ken­hau­ses ab­zu­le­sen: der 1854 ein­ge­weih­te Neu­bau zähl­te 250 Bet­ten.

  ­Zahl­rei­che Ein­trit­te deutsch­spra­chi­ger Frau­en, eben­so wie die Bit­ten vie­ler Ge­mein­den in Preu­ßen um Pfle­ge­per­so­nal für ih­re Hos­pi­tä­ler, be­wo­gen die Ge­ne­ral­obe­rin, ein ei­ge­nes deut­sches No­vi­zi­at ein­zu­rich­ten. Sie be­trau­te da­mit Xa­ve­ria Rud­ler, die in Ber­lin ih­re Füh­rungs­qua­li­tä­ten un­ter Be­weis ge­stellt hat­te. Der Trie­rer Bi­schof Wil­helm Ar­nol­di hat­te den Plan für ein Pro­vin­zi­al-Mut­ter­haus und No­vi­zi­at in Trier mit gro­ßem Nach­druck be­trie­ben. Er hat­te bei Kö­nig Fried­rich Wil­helm IV. (1795-1861, Re­gent­schaft 1840-1858) die er­for­der­li­che Ge­neh­mi­gung und Aus­stat­tung mit Kor­po­ra­ti­ons­rech­ten er­wirkt. Xa­ve­ria Rud­ler wur­de im Herbst 1849 nach Trier ver­setzt und zur ers­ten Pro­vin­zi­al­obe­rin er­nannt. Ganz im Sin­ne der preu­ßi­schen Re­gie­rung wur­de da­mit die Ab­hän­gig­keit der deut­schen Häu­ser von der fran­zö­si­schen Lei­tung ge­lo­ckert. Denn das Ge­ne­ral-Mut­ter­haus in Nan­cy muss­te von da an den Ab­schluss von Ver­trä­gen über Grün­dungs­vor­ha­ben in Preu­ßen nach Trier de­le­gie­ren. Den­noch bil­de­te das Pro­vin­zialat in Trier nur ei­ne Zwi­schen­in­stanz mit be­schränk­ten Be­fug­nis­sen. So blie­ben die Ein­heit der Ge­nos­sen­schaft (seit 1859: Kon­gre­ga­ti­on) ge­wahrt und die zen­tra­le Lei­tung durch das Ge­ne­ral-Mut­ter­haus in Nan­cy weit­ge­hend er­hal­ten.

Wäh­rend der ers­ten zehn Amts­jah­re nahm Pro­vin­zi­al­obe­rin Xa­ve­ria Rud­ler in Per­so­nal­uni­on auch das wich­ti­ge Amt der No­vi­zen­meis­te­rin wahr. In die­ser Zeit leis­te­ten 201 Frau­en ih­re Ge­lüb­de in Trier. Die­se Per­so­nal­stär­ke er­mög­lich­te es den Bor­ro­mäe­rin­nen, an vie­len Or­ten Ein­rich­tun­gen zur Kran­ken­pfle­ge, Al­ten- und Wai­sen­für­sor­ge zu über­neh­men. Haupt­säch­lich brei­te­ten sie sich in der Rhein­pro­vinz aus, be­son­ders im Trie­rer Bis­tum. Im Deutsch-Dä­ni­schen Krieg 1864 muss­ten sie erst­mals Kriegs­kran­ken­pfle­ge leis­ten, eben­so wäh­rend der Krie­ge 1866 und 1870/1871. Xa­ve­ria Rud­ler wur­de da­für mit dem kai­ser­li­chen „Ver­dienst­kreuz für Frau­en und Jung­frau­en“ ge­ehrt.

Der Deutsch-Fran­zö­si­sche Krieg be­las­te­te nicht nur Xa­ve­ria Rud­ler per­sön­lich, war sie doch in Frank­reich auf­ge­wach­sen und be­vor­zug­te zeit­le­bens die fran­zö­si­sche Spra­che, son­dern die bi­na­tio­na­le Kon­gre­ga­ti­on über­haupt. Der Wunsch, den die Pro­vin­zi­al­obe­rin in ei­nem Rund­schrei­ben vom 11.1.1871 an die Schwes­tern ih­rer Pro­vinz aus­drück­te, er­wies sich als ver­geb­lich: Wel­che Zer­würf­nis­se auch un­ter den Na­tio­nen statt­fin­den mö­gen, mit dem Mut­ter­hau­se zu Nan­cy und un­se­ren fran­zö­si­schen Schwes­tern blei­ben wir durch die Ban­de ei­ner hei­li­gen und un­auf­lös­li­chen Lie­be ver­eint. (Zi­tiert nach Hamm, Franz (Hg.), Mut­ter Xa­ve­ria Rud­ler, S. 155-156).

Die Ein­heit der Kon­gre­ga­ti­on ließ sich nicht hal­ten. Auf Druck der preu­ßi­schen Re­gie­rung wur­de das Trie­rer Pro­vin­zi­al­mut­ter­haus mit sei­nen Fi­lia­len am 18.9.1872 durch die Ku­rie ver­selbst­stän­digt. Da­mit fiel der bis­he­ri­gen Pro­vin­zi­al­obe­rin Xa­ve­ria Rud­ler das Amt der ers­ten Ge­ne­ral­obe­rin der Barm­her­zi­gen Schwes­tern vom hei­li­gen Karl Bor­ro­mä­us in Trier zu. In den fol­gen­den Jah­ren hat­te sie sich mit den Aus­wir­kun­gen des Kul­tur­kamp­fes in Preu­ßen aus­ein­an­der zu set­zen. Mehr­fach pro­tes­tier­te sie mit Ein­ga­ben an den Kul­tus­mi­nis­ter ge­gen staat­li­che Ein­grif­fe in die Au­to­no­mie der Kon­gre­ga­ti­on. Ei­ne Für­spre­che­rin fand sie in der Kai­se­rin Au­gus­ta (1811-1890), mit der Xa­ve­ria Rud­ler kor­re­spon­dier­te. Auf dem Hö­he­punkt des Kon­flikts zwi­schen Staat und ka­tho­li­scher Kir­che un­ter­sag­te ein Ge­setz vom Mai 1875 den Or­den und Kon­gre­ga­tio­nen je­de Be­tä­ti­gung in Un­ter­richt und Er­zie­hung. Die Barm­her­zi­gen Schwes­tern wa­ren da­her ge­zwun­gen, sich auf die Kran­ken­pfle­ge zu kon­zen­trie­ren. Er­zie­hungs­an­stal­ten, wie et­wa die gro­ßen Wai­sen­häu­ser in Köln, Kre­feld, un­d Aa­chen, e­ben­so wie die klei­nen in Kreuz­nach (heu­te Stadt Bad Kreuz­nach), Dü­ren, Kar­den und Bit­burg, muss­ten auf­ge­ge­ben wer­den. Die klug agie­ren­de Ge­ne­ral­obe­rin führ­te die Kon­gre­ga­ti­on oh­ne grö­ße­re Nach­tei­le durch die Jah­re bis zur po­li­ti­schen Bei­le­gung des Kul­tur­kamp­fes. Ein wich­ti­ges Mit­tel der Lei­tung und Seel­sor­ge war ein in­ten­si­ver Brief­kon­takt mit den Schwes­tern in den Fi­lia­len im Land.

Am 15.10.1883 fei­er­te sie in Trier ihr Gol­de­nes Pro­fess­ju­bi­lä­um. Seit ge­rau­mer Zeit schwer herz­krank, leg­te Ge­ne­ral­obe­rin Xa­ve­ria Rud­ler am 8.6.1884 nach 35 Jah­ren ihr Lei­tungs­amt nie­der. Die weit­ge­spann­te Kor­re­spon­denz mit den Mit­schwes­tern hielt sie auf­recht, so­weit es ih­re Kräf­te er­laub­ten. Ge­stor­ben ist sie am frü­hen Mor­gen des 24.5.1885 in Trier. Nicht nur zu Leb­zei­ten wur­de sie in der Kon­gre­ga­ti­on hoch ver­ehrt: 1914 er­schien ei­ne Le­bens­be­schrei­bung mit ha­gio­gra­phi­schen Zü­gen, die auf den Nach­wuchs der Bor­ro­mäe­rin­nen star­ken Ein­fluss aus­ge­übt ha­ben dürf­te. Dar­in wird Xa­ve­ria Rud­lers We­sen als streng und tem­pe­ra­ment­voll, zu­gleich auch als warm­her­zig, ge­win­nend und mit­füh­lend be­schrie­ben.

Literatur

Fle­cken­stein, Gi­se­la, Von der Mit­te des 19. Jahr­hun­derts bis zu den Kul­tur­kämp­fen, in: Klös­ter und Or­dens­ge­mein­schaf­ten, hg. v. Er­win Gatz un­ter Mit­wir­kung von Mar­cel Al­bert und Gi­se­la Fle­cken­stein, Frei­burg/Ba­sel/Wien 2006, S. 236-237.

Gatz, Er­win, Kir­che und Kran­ken­pfle­ge im 19. Jahr­hun­dert. Ka­tho­li­sche Be­we­gung und ka­ri­ta­ti­ver Auf­bruch in den preu­ßi­schen Pro­vin­zen Rhein­land und West­fa­len, Mün­chen/Pa­der­born/Wien 1971.

Hamm, Franz (Hg.), Mut­ter Xa­ve­ria Rud­ler, Ers­te Ge­ne­ral­obe­rin der Barm­her­zi­gen Schwes­tern vom hl. Karl Bor­ro­mä­us (Trier), 1811-1886, dar­ge­stellt von ei­ner Schwes­ter die­ser Kon­gre­ga­ti­on [= Schwes­ter Ma­ria v. Weichs zur Wen­ne], Trier 1914.

 
Zitationshinweis

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Ostrowitzki, Anja, Xaveria Rudler, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/xaveria-rudler/DE-2086/lido/57cd23bfdc1a58.09408547 (23.06.2018)