August Sander

Fotograf (1876-1964)

Gabriele Conrath-Scholl (Köln)

August Sander, Selbstporträt von 1925. (Die Photographische Sammlung/SK Stiftung-Kultur – August Sander Archiv, Köln)

Au­gust San­der war ein Fo­to­graf, der zwi­schen 1911 und 1942 aus­ge­hend von sei­ner Licht­bild­werk­statt in der Dü­re­ner Stra­ße in Köln-Lin­den­thal ge­wirk­t hat. Mit sei­ner kom­mer­zi­el­len Tä­tig­keit ver­band er ein his­to­ri­sches und künst­le­ri­sches In­ter­es­se, das er ver­stärkt seit den 1920er Jah­ren ver­wirk­lich­te. Durch sei­ne Schwarz­weiß­fo­to­gra­fi­en, vor al­lem aus der Wei­ma­rer Zeit, er­lang­te er Welt­ruhm, so dass er heu­te als ei­ner der gro­ßen Weg­be­rei­ter ei­ner sach­li­chen, kon­zep­tori­en­tier­ten Fo­to­gra­fie gilt, die bis in die Ge­gen­wart von gro­ßer Be­deu­tung ist. 1931 no­tier­te Au­gust San­der für ei­nen von ihm im West­deut­schen Rund­funk in Köln ge­hal­te­nen Vor­trag den Satz: „Das We­sen der ge­sam­ten Pho­to­gra­phie ist do­ku­men­ta­ri­scher Art." – ei­ne Kern­aus­sa­ge, die für sei­ne Ar­beits­auf­fas­sung durch­ge­hend ma­ß­geb­lich war.

Au­gust San­der wur­de am 17.11.1876 in Her­dorf im Wes­ter­wald als ei­nes von sie­ben Kin­dern des Gru­ben­zim­mer­manns Au­gust San­der se­ni­or (1846-1906) und des­sen Ehe­frau Jus­ti­ne, ge­bo­re­ne Jung (1845-1919) ge­bo­ren. Sein In­ter­es­se für die Fo­to­gra­fie weck­te in frü­her Ju­gend der Sie­ge­ner Fo­to­graf Hein­rich Schmeck, der auf der Her­dor­fer Ei­sen­erz­gru­be, für die San­der von 1890-1896 als Hal­den­jun­ge ar­bei­te­te, fo­to­gra­fier­te. Wäh­rend sei­nes zwei­jäh­ri­gen Mi­li­tär­diens­tes in Trier (1897-1899) ab­sol­vier­te San­der ei­ne Aus­bil­dung bei dem Fo­to­gra­fen Ge­org Jung. Nach ei­ni­gen Wan­der­jah­ren, die ihn un­ter an­de­rem nach Ber­lin, Leip­zig und Dres­den führ­ten, leb­te Au­gust San­der von 1901 bis 1909 in Linz an der Do­nau (Ös­ter­reich), wo er seit 1902 ein Ate­lier be­trieb. Im sel­ben Jahr hei­ra­te­te er An­na Sei­ten­ma­cher (1878-1957), mit der er vier Kin­der hat­te, un­ter an­de­rem Gun­ther San­der (1907-1987), wel­cher spä­ter eben­falls als Fo­to­graf in Köln wirk­te. 1910 über­sie­del­te San­der mit sei­ner Fa­mi­lie nach Köln.

Auf­merk­sam­keit er­hielt Au­gust San­der vor al­lem durch das um 1924 ent­wor­fe­ne Werk Men­schen des 20. Jahr­hun­derts. Dar­in führ­te er meh­re­re Hun­dert sei­ner Por­traits von Men­schen un­ter­schied­li­cher Ge­sell­schafts­schich­ten und Be­rufs­grup­pen ent­spre­chend ei­nem von ihm an­ge­leg­ten Kon­zept zu­sam­men. Das Werk um­fasst ins­ge­samt 45 Map­pen, auf­ge­teilt in sie­ben Grup­pen un­ter den Ti­teln: Der Bau­er, Der Hand­wer­ker, Die Frau, Die Stän­de, Die Künst­ler, Die Groß­stadt und Die letz­ten Men­schen, wo­bei die­se letz­te Grup­pe Auf­nah­men von Kran­ken, Al­ten und Ver­stor­be­nen zeigt. Aus­schnit­te die­ses Kom­pen­di­ums wur­den erst­ma­lig 1927 in ei­ner Aus­stel­lung im Köl­ni­schen Kunst­ver­ein ge­zeigt und 1929 in San­ders ers­ter Buch­pu­bli­ka­ti­on un­ter dem Ti­tel „Ant­litz der Zeit" ver­öf­fent­licht. Mit die­sem 60 Por­traits um­fas­sen­den Bild­buch war es San­der in ein­zig­ar­ti­ger Wei­se ge­lun­gen, ein fa­cet­ten­rei­ches Ge­sell­schafts­por­trait sei­ner Zeit dar­zu­stel­len, das auf die Re­fle­xi­on des In­di­vi­du­el­len in Be­zie­hung zum Ty­pi­schen der je­wei­li­gen Ge­sell­schafts- und Be­rufs­grup­pe so­wie auf die Fra­ge der ge­gen­sei­ti­gen Be­ein­flus­sung von Mensch und Ge­mein­schaft ab­ziel­te. So­wohl das Tra­di­tio­nel­le als auch das Mo­der­ne und die Ver­än­de­rung be­ste­hen­der Ver­hält­nis­se wur­den in die­ser Bild­rei­he the­ma­ti­siert, oh­ne ei­ne Ge­sell­schafts­grup­pe zu be­vor­zu­gen. Der Schrift­stel­ler Al­fred Dö­blin (1878-1957) hat­te die Ein­füh­rung zu „Ant­litz der Zeit" ver­fasst und da­mit nicht zu­letzt auch zum Er­folg des Ban­des bei­ge­tra­gen.

Ver­glei­chen­de Fo­to­gra­fie und un­mit­tel­ba­re Be­ob­ach­tung sind die tref­fen­den Stich­wor­te, die San­ders me­tho­di­sche Vor­ge­hens­wei­se cha­rak­te­ri­sie­ren und auf sein Be­mü­hen um vor­ur­teils­freie und wirk­lich­keits­na­he Dar­stel­lung hin­deu­ten. Denn vor al­lem im Ne­ben­ein­an­der der Bild­rei­hen sah er die Mög­lich­keit, ty­pi­sche Phy­sio­gno­mi­en und Kör­per­spra­chen un­ter­schied­li­cher Be­rufs­stän­de, Ge­schlech­ter und Ge­ne­ra­tio­nen so­wie in­di­vi­du­el­le Er­schei­nungs­wei­sen her­vor­tre­ten zu las­sen.

Von der gro­ßen Re­so­nanz, die „Ant­litz der Zeit" er­hielt, zeu­gen vie­le Be­spre­chun­gen, so bei­spiels­wei­se von Kurt Tuchol­s­ky (1890-1935) oder Wal­ter Ben­ja­min (1892-1940), der be­son­ders auch auf die auf­klä­re­ri­sche Wir­kung des Por­trait­werks vor dem Hin­ter­grund der dro­hen­den na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Herr­schaft hin­wies, was sich heu­te wie ei­ne Vor­ah­nung auf das Kom­men­de liest. 1936 wur­den die Druck­stö­cke zu San­ders „Ant­litz der Zeit" von den Na­tio­nal­so­zia­lis­ten zer­stört und der wei­te­re Ver­trieb des Bu­ches ein­ge­stellt.

Par­al­lel zu sei­ner ex­ten­si­ven Por­trait­ar­beit wid­me­te sich Au­gust San­der seit jun­gen Jah­ren auch an­der­wei­ti­gen Mo­tiv­be­rei­chen wie der Land­schaft oder der Ar­chi­tek­tur und ent­warf eben­so für die­sen Teil sei­ner Ar­beit zahl­rei­che Bild­map­pen. An­sich­ten vom Nie­der­rhein, dem Ber­gi­schen Land, dem Sie­ben­ge­bir­ge, dem Wes­ter­wald oder der Ei­fel müs­sen hier ge­nannt wer­den, von de­nen er ei­ni­ge zwi­schen 1933 und 1935 in ver­schie­de­nen schma­len Bän­den pu­bli­zier­te, eben­so wie das um­fang­rei­che Werk „Köln wie es war", be­ste­hend aus 16 Map­pen und 412 Fo­to­gra­fi­en.

Nicht zu­letzt steht San­ders Schaf­fen auch vor dem Hin­ter­grund ei­nes re­gen Aus­tauschs mit vie­len Künst­lern der 1920er Jah­re – ins­be­son­de­re mit den Köl­ner Pro­gessi­ven um Hein­rich Ho­er­le und Franz Wil­helm Sei­wert. Für sie über­nahm er fo­to­gra­fi­sche Ar­bei­ten wie et­wa Do­ku­men­ta­tio­nen von Gra­fi­ken, Ge­mäl­den und Skulp­tu­ren, aber auch Por­traits der Künst­ler selbst. Es ent­stan­den zum Bei­spiel be­mer­kens­wer­te Fo­to­gra­fi­en von Ot­to Dix (1891-1969) oder An­ton Rä­der­scheidt und von dem Bild­hau­er Ot­to Freund­lich (1878-1943). Aber auch wei­te­re Per­sön­lich­kei­ten aus dem künst­le­ri­schen Um­feld bann­te er viel­fach auf die fo­to­gra­fi­sche Plat­te. Da­von zeu­gen die Por­traits von der Kunst­his­to­ri­ke­rin Lui­se (Lou) Straus-Ernst– der ers­ten Frau von Max Ernst – mit Sohn Jim­my (1920-1984), von dem Ver­le­ger Kurt Ne­ven Du­Mont (1902-1967) oder dem Köl­ner Ober­bür­ger­meis­ter und Grün­dungs­vor­sit­zen­den der Deut­schen Ge­sell­schaft für Pho­to­gra­phie (DGPh) Ro­bert Gör­lin­ger (1888-1954), der die Fo­to­sze­ne in Köln sehr un­ter­stütz­te. Auch Auf­trag­ge­ber aus dem Be­reich der In­dus­trie und des Hand­werks so­wie ver­schie­de­ne Ar­chi­tek­ten schätz­ten die pro­fes­sio­nel­len Leis­tun­gen von Au­gust San­der. Aus die­sem Kon­text sind heu­te noch ei­ni­ge Auf­trags­ar­bei­ten er­hal­ten, so Fo­to­gra­fi­en die ehe­mals für die Köln-Bon­ner Fir­ma Klöck­ner-Mo­el­ler, für die Köl­ner Far­ben­fa­brik Her­big-Haar­haus, das Blei­berg­werk Me­cher­nich oder die Tuch­fa­brik Be­cker in Eus­kir­chen ent­stan­den sind.

Den Ent­wick­lungs­etap­pen der Fo­to­gra­fie hat­te Au­gust San­der in sei­ner ins­ge­samt rund 70-jäh­ri­gen Tä­tig­keit bei­na­he in je­der Be­zie­hung – sei es hin­sicht­lich der Tech­nik, der Wahl oder Kom­po­si­ti­on ei­nes Mo­tivs oder in Be­zug auf die Ver­wen­dung im je­wei­li­gen Zu­sam­men­hang - nach­ge­forscht. Sein Werk zeugt von ei­ner tie­fen Aus­ein­an­der­set­zung, die den Fo­to­gra­fen zu ei­ner klar de­fi­nier­ten Form im Um­gang mit sei­nem Me­di­um führ­te, die er als ex­ak­te Pho­to­gra­phie be­zeich­ne­te, de­ren Ur­sprung in den An­fän­gen der Fo­to­gra­fie liegt und in ab­so­lu­ter Na­tur­treue ein Bild sei­ner Zeit zu ge­ben sucht. – Mehr noch soll­te dar­aus re­sul­tie­ren: ein sin­gu­lä­res Werk von weit­rei­chen­der kunst- und kul­tur­his­to­ri­scher Di­men­si­on.

Die welt­weit grö­ß­te Samm­lung zum Werk Au­gust San­ders be­fin­det sich heu­te mit über 4.500 Ori­gi­nal­ab­zü­gen und rund 11.000 Ori­gi­nal­ne­ga­ti­ven in der Pho­to­gra­phi­schen Samm­lung/SK Stif­tung Kul­tur in Köln und wird der Öf­fent­lich­keit kon­ti­nu­ier­lich in Form von Pu­bli­ka­tio­nen und Aus­stel­lun­gen vor­ge­stellt. Dar­über hin­aus be­fin­den sich Fo­to­gra­fi­en von Au­gust San­der bei­spiels­wei­se im Mu­se­um Lud­wig Köln, im Köl­ni­schen Stadt­mu­se­um, im The Jean Paul Get­ty Mu­se­um Los An­ge­les und im The Mu­se­um of Mo­dern Art New York.

Au­gust San­der ver­starb am 20.4.1964 in Köln an den Fol­gen ei­nes Schlag­an­falls und wur­de auf dem Me­la­ten-Fried­hof bei­ge­setzt.

Werke (Auswahl)

Deut­schen­spie­gel. Men­schen des 20. Jahr­hun­derts. Ein­lei­tung von Hein­rich Lüt­zeler, Gü­ters­loh 1962.

Die Pho­to­gra­phi­sche Samm­lung/SK Stif­tung Kul­tur (Hg.), Men­schen des 20. Jahr­hun­derts: Ein Kul­tur­werk in Licht­bil­dern ein­ge­teilt in sie­ben Grup­pen, be­arb. und neu zu­sam­men­ge­stellt von Su­san­ne Lan­ge, Ga­brie­le Con­rath-Scholl, Gerd San­der, 7 Bän­de, Mün­chen 2002.

Köl­ni­sches Stadt­mu­se­um (Hg.), Au­gust San­der. Köln wie es war, Köln 1995 [Neue Aus­ga­be Köln 2009].

Rhein­land­schaf­ten. Pho­to­gra­phi­en 1929–1946, Text von Wolf­gang Kemp, Mün­chen 1974, 1981.

Literatur (Auswahl)

Die Pho­to­gra­phi­sche Samm­lung/SK Stif­tung Kul­tur (Hg.), Zeit­ge­nos­sen. Au­gust San­der und die Kunst­sze­ne der 20er Jah­re im Rhein­land, Göt­tin­gen 2000.

Die Pho­to­gra­phi­sche Samm­lung/SK Stif­tung Kul­tur/Lan­des­ga­le­rie Linz am Ober­ös­ter­rei­chi­schen Lan­des­mu­se­um (Hg.), Au­gust San­der. Lin­zer Jah­re, 1901–1909, Mün­chen 2005.

Gan­te­füh­rer An­ne, Der Pho­to­graph Au­gust San­der und sein künst­le­ri­sches Um­feld im Rhein­land, in: Breu­er, Die­ter (Hg.), Mo­der­ne und Na­tio­nal­so­zia­lis­mus im Rhein­land. Vor­trä­ge des in­ter­dis­zi­pli­nä­ren Ar­beits­krei­ses zur Er­for­schung der Mo­der­ne im Rhein­land, Pa­der­born 1997, S. 433-446.

Land, Rai­ner, Au­gust San­der. Men­schen des 20. Jahr­hun­derts, in: Jahr­buch des Rhein-Sieg-Krei­ses 18 (2003),S. 76-81.

Phil­ipp, Clau­dia Ga­brie­le, Au­gust San­ders Pro­jekt „Men­schen des 20. Jahr­hun­derts", - Re­zep­ti­on und In­ter­pre­ta­ti­on, Köln 1986.

Wil­helm, Jür­gen, Ar­ti­kel „San­der, Au­gust", in: Soé­ni­us, Ul­rich/Wil­helm, Jür­gen (Hg.), Köl­ner Per­so­nen­le­xi­kon, Köln 2008, S. 460.

Zel­ler, Tho­mas, On Au­gust San­der´s Rhi­ne land­scapes, in: En­vi­ron­men­tal his­to­ry 12 (2007), S. 394-398.

Online

Au­gust San­der (1876-1964) (In­for­ma­ti­on über Le­ben und Werk Au­gust San­ders auf der Web­site der Pho­to­gra­phi­schen Samm­lung der SK Stif­tung Kul­tur). [On­line]

Au­gust San­der – Her­dorfs be­rühm­ter Sohn (In­for­ma­ti­on über Le­ben und Werk Au­gust San­ders auf der Web­site der Stadt Her­dorf). [On­line]

Phil­ipp, Clau­dia Ga­brie­le, „San­der, Au­gust", in: Neue Deut­sche Bio­gra­phie 22 (2003), S. 417-418. [On­line]

 
Zitationshinweis

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Conrath-Scholl, Gabriele, August Sander, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/august-sander/DE-2086/lido/57c94223e30598.42372298 (22.08.2018)