Carl Sonnenschein

Studenten- und Großstadtseelsorger (1876-1929)

Wolfgang Löhr (Mönchengladbach)

Carl Sonnenschein, Porträtfoto. (Landesarchiv NRW Abteilung Rheinland)

Carl Son­nen­schein ar­bei­te­te ab 1906 in Mön­chen­glad­bach beim „Volks­ver­ein für das ka­tho­li­sche Deutsch­land", dem grö­ß­ten So­zi­al­ver­band, den der deut­sche Ka­tho­li­zis­mus je her­vor­ge­bracht hat. Für ihn bau­te er das „Se­kre­ta­ri­at So­zia­ler Stu­den­ten­ar­beit" auf, das Stu­den­ten mit der Ar­beits­welt be­kannt und sie auf die mit der In­dus­tria­li­sie­rung ver­bun­de­nen so­zia­len Pro­ble­me auf­merk­sam ma­chen woll­te. En­de 1918 ging er nach Ber­lin, wo er sich den Ruf ei­nes „Groß­stadt­a­pos­tels" er­warb. 

Am 15.7.1876 wur­de Son­nen­schein in Düs­sel­dorf als Sohn des Klemp­ners und In­stal­la­teurs Ernst Son­nen­schein (1844-1878) und sei­ner Frau Ma­ri­a Lüt­ge­nau (1852-1901) ge­bo­ren. Nach sei­nem Ab­itur 1894 ging er zum Stu­di­um der ka­tho­li­schen Theo­lo­gie nach Bonn, wur­de aber schon nach­ ei­nem Se­mes­ter vom Erz­bis­tum Köln nach Rom an das von den Je­sui­ten ge­lei­te­te Stu­di­en­in­sti­tut „Col­le­gi­um Ger­ma­ni­cum et Hun­ga­ri­cum" ent­sandt un­d ­stu­dier­te an der dor­ti­gen päpst­li­chen Uni­ver­si­tät „Gre­go­ria­na". 1897 schloss er sei­ne phi­lo­so­phi­schen und 1900 sei­ne theo­lo­gi­schen Stu­di­en je­weils mit dem Dok­tor­grad ab, den man oh­ne schrift­li­che Ar­beit in ei­ner Art Streit­ge­spräch er­warb. Am 28.10.1900 wur­de er in Rom zum Pries­ter ge­weiht. Wäh­rend sei­ner rö­mi­schen Jah­re hat­te er ge­lernt, flie­ßend ita­lie­nisch zu spre­chen und hat­te Kon­takt zu den füh­ren­den Ver­tre­tern der ita­lie­ni­schen christ­li­chen De­mo­kra­tie ge­fun­den. Von 1898 bis 1901 wirk­te er an de­ren Zeit­schrift „Cul­tu­ra So­cia­le" mit. Hier be­rich­te­te er un­ter dem Pseud­onym Lu­jo Saa­len­stein u.a. über Deutsch­land. Sein gan­zes Le­ben blieb er jour­na­lis­tisch tä­tig und ver­fass­te über 200 Zei­tungs­ar­ti­kel. 

1900 or­ga­ni­sier­te Son­nen­schein den ers­ten in­ter­na­tio­na­len ka­tho­li­schen Stu­den­ten­kon­gress in Rom, auf dem mit päpst­li­cher Er­laub­nis über die im Ka­tho­li­zis­mus um­strit­te­ne christ­li­che De­mo­kra­tie ge­spro­chen wur­de. Auch die füh­ren­den Kräf­te die­ser Be­we­gung, der ita­lie­ni­sche Geist­li­che Ro­mo­lo Mur­ri (1870-1944) und der fran­zö­si­sche Po­li­ti­ker Marc Sangnier (1873-1950), der Grün­der der christ­lich-de­mo­kra­ti­schen Be­we­gung „Le Sil­lon" in Frank­reich, nah­men dar­an teil. Bei­de ge­rie­ten spä­ter mit der ka­tho­li­schen Kir­che in Kon­flikt. 

1902 kam Son­nen­schein in das Köl­ner Erz­bis­tum zu­rück und be­gann sei­nen seel­sor­ge­ri­schen Dienst als Ka­plan an der Pfar­re St. Ja­kob in Aa­chen. Von dort wech­sel­te er 1903 nach St. Ma­ri­en in Köln-Nip­pes und 1904 an die Herz-Je­su-Pfar­re in Wup­per­tal-El­ber­feld. 1905 griff er in den Strei­k ­der Ar­bei­ter beim Rat­haus­neu­bau in Rem­scheid ein und ver­hin­der­te, dass Ita­lie­ner als Streik­bre­cher ein­ge­setzt wur­den. Ein ge­gen ihn an­ge­streng­tes Er­mitt­lungs­ver­fah­ren wur­de schlie­ß­lich ein­ge­stellt. 

Bei sei­nen geist­li­chen Vor­ge­setz­ten hat­te er sich da­mit un­be­liebt ge­macht. Des­halb war man froh, dass er 1906 zum „Volks­ver­ein für das ka­tho­li­sche Deutsch­land" nach Mön­chen­glad­bach ging. Hier rief er das Se­kre­ta­ri­at So­zia­ler Stu­den­ten­ar­beit ins Le­ben und mach­te sich zur Auf­ga­be, die Kluft zwi­schen Ar­bei­tern und Stu­den­ten zu über­win­den und die zu­künf­ti­gen Ärz­te, Leh­rer, Rechts­an­wäl­te, Rich­ter, In­ge­nieu­re und hö­he­ren Be­am­ten mit den Pro­ble­men der Ar­beits­welt in Kur­sen und durch Zeit­schrif­ten wie die „So­zia­len Stu­den­ten­blät­ter" und „Die Schild­ge­nos­sen" so­wie an­de­re Ver­öf­fent­li­chun­gen be­kannt zu ma­chen. Er hielt man­chen Stu­den­ten we­gen ih­res dün­kel­haf­ten Ver­hal­tens scho­nungs­los den Spie­gel vor. 

Wäh­rend des Ge­werk­schaft­streits in­ner­halb des deut­schen Ka­tho­li­zis­mus setz­te sich Son­nen­schein kom­pro­miss­los und wort­ge­wal­tig für die christ­lich-über­kon­fes­sio­nel­len Ge­werk­schaf­ten ein. Dar­auf­hin be­schul­dig­ten ihn die Geg­ner des „Volks­ver­eins" zu Un­recht, vom ge­bo­te­nen ka­tho­li­schen Glau­ben ab­zu­wei­chen und ver­däch­tig­ten ihn, ein Ab­trün­ni­ger zu sein. Mit dem Ge­ne­ral­di­rek­tor des „Volks­ver­eins", dem Geist­li­chen Au­gust Pie­per (1866-1942) be­kam er Schwie­rig­kei­ten, weil die­sem Son­nen­scheins im­pul­si­ve Art fremd blieb und er ihn für ei­nen flüch­ti­gen „Fas­sa­den­ma­ler" hielt. Zu ei­nem of­fe­nen Zer­würf­nis kam es aber nicht. 

Wäh­rend des Ers­ten Welt­kriegs ver­lor Son­nen­schein nicht an­ders als Pie­per sein Ge­spür für das rech­te Maß und ließ sich von der all­ge­mei­nen na­tio­na­len Kriegs­be­geis­te­rung an­ste­cken. 1915 wur­de er Vor­stands­mit­glied der Deutsch-Flä­mi­schen Ge­sell­schaft, wel­che die Fla­men in ih­rem Spra­chen­kampf un­ter­stütz­te. 

Nach der Be­set­zung der Stadt Mön­chen­glad­bach durch bel­gi­sche Trup­pen im No­vem­ber 1918 muss­te Son­nen­schein die Stadt flucht­ar­tig ver­las­sen. In Ber­lin fand er Zu­flucht. Sein In­ter­es­se für die stu­den­ti­sche Be­we­gung blieb er­hal­ten. 1921 wur­de er Mit­ar­bei­ter der in­ter­na­tio­na­len ka­tho­li­schen Stu­den­ten­or­ga­ni­sa­ti­on „Pax Ro­ma­na", an de­ren ers­tem Kon­gress er in Rom teil­nahm. 1922 über­nahm er das Amt des Ber­li­ner ka­tho­li­schen Stu­den­ten­seel­sor­gers. Au­ßer­dem schar­te er Stu­den­ten um sich, die er für prak­tisch-so­zia­le Tä­tig­kei­ten ge­wann, und die er durch sei­ne un­er­müd­li­che Tat­kraft be­geis­ter­te. 1925 kam es zum end­gül­ti­gen Bruch mit dem „Volks­ver­ein", der sei­ne Tä­tig­kei­ten nicht mehr wei­ter fi­nan­zie­ren woll­te. 

In der Groß­stadt Ber­lin ent­fal­te­te Son­nen­schein ei­ne rast­lo­se Ge­schäf­tig­keit. Er grün­de­te den „Kreis der Freun­de des Se­kre­ta­ri­ats So­zia­ler Stu­den­ten­ar­beit", das „All­ge­mei­ne Ar­beits­amt", den „Kreis ka­tho­li­scher Künst­ler", die „Ka­tho­li­sche Volks­hoch­schu­le", die „Aka­de­mi­sche Le­se­hal­le", den „Ge­schichts­ver­ein Ka­tho­li­sche Mark", den „Mär­ki­schen Was­ser­sport­ver­ein" u.a. Ab 1924 be­treu­te er das Ber­li­ner Kir­chen­blatt. Er war zu­dem po­li­tisch tä­tig und kan­di­dier­te bei den Reichs­tags­wah­len vom 20.5.1928 auf der Lis­te der Ber­li­ner Zen­trums­par­tei, oh­ne aber ge­wählt zu wer­den. Dem Kai­ser­reich trau­er­te er nicht nach und hat­te kei­ne Schwie­rig­kei­ten, sich zur Wei­ma­rer Re­pu­blik zu be­ken­nen. Die Fürs­ten­ent­schä­di­gung nach dem Ers­ten Welt­krieg lehn­te er ab und trat für ei­ne Zu­sam­men­ar­beit mit den So­zi­al­de­mo­kra­ten auf Reichs­ebe­ne ein. 

Son­nen­schein ver­stand es, das Ver­trau­en vie­ler Men­schen zu fin­den, für die er sich selbst­los ein­setz­te und de­ren Nö­te er zu lin­dern ver­such­te. Er führ­te ei­ne gro­ße Na­mens­kar­tei, auf der er ver­merk­te, wen er für was ein­set­zen konn­te. Son­nen­schein kam mit we­nig aus, ver­lang­te nichts für sich und galt des­halb als mo­der­ner Fran­zis­kus. Er war ei­ne stadt­be­kann­te Per­sön­lich­keit, die gläu­bi­ge und un­gläu­bi­ge Men­schen in ih­ren Bann zog. Son­nen­scheins Pre­dig­ten, mit de­nen er ein brei­tes Pu­bli­kum er­reich­te, wur­den ge­rühmt. Von 1925 bis 1929 er­schie­nen in zehn Hef­ten sei­ne heu­te noch le­sens­wer­ten „No­ti­zen" im Ver­lag der Ber­li­ner Ta­ges­zei­tung „Ger­ma­nia". Sie füh­ren den Un­ter­ti­tel „Welt­stadt­be­trach­tun­gen" und sind er­kenn­bar vom ex­pres­sio­nis­ti­schen Sprach­stil sei­ner Zeit be­ein­flusst. 

Son­nen­schein starb am 20.2.1929 in Ber­lin an ei­nem Nie­ren­lei­den, noch nicht ganz 53 Jah­re alt. An sei­nem Be­gräb­nis nah­men vie­le Tau­send Men­schen teil. Der Trau­er­zug zog sich stun­den­lang hin. Sein lang­jäh­ri­ger Se­kre­tär Wil­helm De­ling (1888-1962) fand die rich­ti­gen Wor­te, als er mein­te: "Son­nen­schein leb­te wie ein Bett­ler und starb wie ein Kö­nig". Sei­ne letz­te Ru­he­stät­te fand der Ver­stor­be­ne auf dem Al­ten Dom­fried­hof der St.-Hed­wigs­ge­mein­de an der Lie­sen­stra­ße.  

Quellen (Werke)

Aus dem letz­ten Jahr­zehnt des ita­lie­ni­schen Ka­tho­li­zis­mus, Wup­per­tal-El­ber­feld 1906.

Die so­zi­al­stu­den­ti­sche Be­we­gung, Pa­der­born 1909.

No­ti­zen. Welt­stadt­be­trach­tun­gen, 10 Hef­te, Ber­lin 1925-1929.

No­ti­zen aus den aus den Welt­stadt­be­trach­tun­gen, hg. von Ma­ria Gro­te, 2 Bän­de, 2. Auf­la­ge, Frank­furt a.M. 1951/1952.

Sonn­tagsevan­ge­li­en, 3. Auf­la­ge, Ber­lin 1935. 

Literatur

Gro­te, Ma­ria, Dr. Carl Son­nen­schein in Ber­lin, Ber­lin 1957.

Groth­mann, Det­lef, „Son­nen­schein, Carl", in: Bio­gra­phisch-Bi­blio­gra­phi­sches Kir­chen­le­xi­kon 10 (1995), Sp. 793-796.

Löhr, Wolf­gang, Carl Son­nen­schein, in: Zeit­ge­schich­te in Le­bens­bil­dern, Band 4, Mainz 1980, S. 92-102, 271.

Schwedt, Her­man H., Carl Son­nen­schein, in: Ge­schich­te im Bis­tum Aa­chen, Bei­heft 5 (2007), S. 65-93.

Thra­solt, Ernst, Carl Son­nen­schein, Mün­chen 1930. 

 
Zitationshinweis

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Löhr, Wolfgang, Carl Sonnenschein, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/carl-sonnenschein/DE-2086/lido/57c9534632f287.65827685 (21.07.2018)