Christian Peter Wilhelm Beuth

Wirklicher Geheimer Rat, Industriepionier (1781-1853)

Peter Burg (Münster)

Christian Peter Wilhelm Beuth, Porträt, Lithographie von Friedrich Jentzen nach einer Studie von Franz Krüger, um 1835.

Der am 28.12.1781 in Kle­ve ge­bo­re­ne Sohn ei­nes Arz­tes war von 1801 bis 1845 im preu­ßi­schen Staats­dienst tä­tig, zu­letzt in der Stel­lung ei­nes Wirk­li­chen Ge­hei­men Ra­tes als Di­rek­tor der Ab­tei­lung für Han­del, Ge­wer­be und Bau­we­sen im In­nen­mi­nis­te­ri­um. Er üb­te sei­nen Be­ruf mus­ter­gül­tig im Geis­te der Stein-Har­den­berg­schen Re­for­men aus. Beuth blieb sei­ner Hei­mat­stadt ver­bun­den, auch wenn sei­ne Wir­kungs­stät­te haupt­säch­lich in der preu­ßi­schen Haupt­stadt lag. Tes­ta­men­ta­risch ver­mach­te der Jung­ge­sel­le der Ar­men­ver­wal­tung von Kle­ve 4.000 Ta­ler als Hilfs­fond für be­dürf­ti­ge Frau­en und stif­te­te für mit­tel­lo­se be­gab­te Stu­die­ren­de der Fä­cher Ar­chi­tek­tur und Bau­in­ge­nieur­we­sen sei­ner Hei­mat­stadt zwei fünf­jäh­ri­ge Sti­pen­di­en.

Beuth war wie vie­le sei­ner Kol­le­gen ein An­hän­ger der li­be­ra­len Wirt­schafts­theo­rie und be­für­wor­te­te Ge­wer­be­frei­heit statt Zunft­zwang, freie Markt­wirt­schaft statt Pri­vi­le­gi­en­sys­tem, Kon­kur­renz statt Pro­tek­tio­nis­mus so­wie die Ab­schaf­fung von Zoll­bar­rie­ren im In­ne­ren und mä­ßi­ge Zöl­le im Au­ßen­han­del. Um dem tech­ni­schen und wirt­schaft­li­chen Leis­tungs­stre­ben ein wei­tes Feld zu öff­nen, soll­te der preu­ßi­sche Staat die ge­setz­li­chen Grund­la­gen schaf­fen und bei­spiel­haft vor­an­ge­hen. Die Wirt­schaft kon­kur­renz­fä­hig zu ma­chen er­klär­te der Be­am­te zur Staats­pflicht. Er setz­te sei­ne gan­ze Tat­kraft ein, um zur Lö­sung die­ser Auf­ga­be bei­zu­tra­gen.

Im Jah­re 1798, mit 17 Jah­ren, be­gann Beuth an der Uni­ver­si­tät Hal­le, die ihm 1834 die Eh­ren­dok­tor­wür­de ver­lei­hen soll­te, das Stu­di­um der Rechts- und Ka­me­ral­wis­sen­schaf­ten. Mit 20 Jah­ren trat er in den preu­ßi­schen Staats­dienst ein, den er le­dig­lich durch die Teil­nah­me an den Frei­heits­krie­gen ge­gen Na­po­le­on un­ter­brach. Die Sol­da­ten­müt­ze, die er im Lüt­zow­schen Frei­korps trug, wur­de als all­täg­li­che Kopf­be­de­ckung sein Wahr­zei­chen. Für sei­ne mi­li­tä­ri­schen Ver­diens­te er­hielt er das Ei­ser­ne Kreuz der Lüt­zow­schen Ka­val­le­rie. Zu­rück im preu­ßi­schen Dienst wid­me­te er sich Steu­er- und Ge­wer­be­fra­gen. Als Di­rek­tor der Tech­ni­schen De­pu­ta­ti­on für das Ge­wer­be, ei­ner Ab­tei­lung des Han­dels­mi­nis­te­ri­ums, die 1825 dem In­nen­mi­nis­te­ri­um zu­ge­ord­net wur­de, star­te­te Beuth ab 1820 sei­ne viel­fäl­ti­gen Ak­ti­vi­tä­ten zur För­de­rung der In­dus­trie.

 

Seit 1821 konn­te er als Mit­glied des Staats­rats auf höchs­ter Ebe­ne an der Be­ra­tung der Re­gie­rung mit­wir­ken. Die De­pu­ta­ti­on war ei­ne Ver­ei­ni­gung von Be­am­ten, Bür­gern, Wis­sen­schaft­lern und Un­ter­neh­mern, der die Um­set­zung der in den Preu­ßi­schen Re­for­men in­ten­dier­ten Frei­set­zung der wirt­schaft­li­chen Res­sour­cen auf dem Ge­biet der Ge­wer­be ob­lag. Sie war in höchs­ter In­stanz für die Er­tei­lung von Ge­wer­be­schei­nen zu­stän­dig.

Die von Beuth ge­such­te Pra­xis­nä­he führ­te zur Prä­sen­ta­ti­on von An­schau­ungs­ob­jek­ten und zur Or­ga­ni­sa­ti­on von Aus­stel­lun­gen und Lehr­samm­lun­gen. Die Ber­li­ner Ge­wer­be­aus­stel­lung von 1822 stell­te ei­ne In­iti­al­zün­dung dar. Die da­ma­li­ge Mo­dell­samm­lung bil­de­te den Kern des 1867 ge­grün­de­ten Kunst­ge­wer­be­mu­se­ums. Hö­he­punkt und Ab­schluss von Beuths Tä­tig­keit im preu­ßi­schen Staats­dienst stell­te die Ge­wer­be­aus­stel­lung von 1844 in Ber­lin dar, ei­ne Leis­tungs­schau des Deut­schen Zoll­ver­eins. 260.000 Be­su­cher fan­den sich ein und be­sich­tig­ten die Pro­duk­te von 3.040 Aus­stel­lern über­wie­gend pri­va­ter Be­trie­be. Ein Glanz­stück der Aus­stel­lung war die Lo­ko­mo­ti­ve „Beu­th“, die Au­gust Bor­sig (1804-1854) nach dem en­ga­gier­ten För­de­rer von In­dus­trie und Ge­wer­be be­nannt hat­te (Nach­bau heu­te im Deut­schen Tech­nik­mu­se­um Ber­lin).

Nachbau der Dampflokomotive Beuth im Deutschen Technikmuseum Berlin..

 

Dem Di­rek­tor der Tech­ni­schen De­pu­ta­ti­on wur­de 1820 die Zu­stän­dig­keit für das Ge­wer­be­schul­we­sen über­tra­gen. 1821 rich­te­te er ei­ne zwei­klas­si­ge Ge­wer­be­schu­le ein, ein „Tech­ni­sches In­sti­tu­t“ mit zu­nächst 13 Schü­lern und vier Leh­rern, 1826 er­gänzt um ei­ne drit­te Jahr­gangs­stu­fe. Die In­sti­tuts­ord­nung sah ei­ne stren­ge Aus­le­se vor und ver­lang­te ei­ne fast mi­li­tä­ri­sche Dis­zi­plin ab. Am En­de der Aus­bil­dung soll­te ei­ne Qua­li­fi­ka­ti­on für lei­ten­de Tä­tig­kei­ten ste­hen. Der Schwer­punkt der Aus­bil­dung lag auf Che­mie mit La­bor­übun­gen, Bau­kon­struk­tio­nen, Ma­schi­nen­leh­re. 1879 ent­stand aus der Schu­le nach Zu­sam­men­schluss mit der Ber­li­ner Bau­aka­de­mie die Tech­ni­sche Hoch­schu­le Char­lot­ten­burg, ei­ne Vor­gän­ge­rin der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät Ber­lin. Der Tra­di­ti­on des „Tech­ni­schen In­sti­tuts“ se­hen sich ins­be­son­de­re Fach­hoch­schu­len ver­pflich­tet. Die 1971 ge­grün­de­te Tech­ni­sche Fach­hoch­schu­le Ber­lin hei­ßt seit 2009 „Beuth Hoch­schu­le für Tech­nik Ber­lin“. Sie trägt dem Ruf des Na­men­ge­bers als „Va­ter der In­ge­nieur­wis­sen­schaf­ten“ Rech­nung.

Pu­bli­ka­tio­nen nutz­te Beuth gleich­falls als Me­di­um zur Ver­mitt­lung neu­es­ter Er­kennt­nis­se. 1821 gab er die ers­te Lie­fe­rung der „Vor­bil­der für Fa­bri­kan­ten und Hand­wer­ker“ her­aus, die von 1821 bis 1837 er­schie­nen. Die Rei­he ent­hielt groß­for­ma­ti­ge Kup­fer­sti­che. Sie soll­te die Ver­ein­bar­keit von Nütz­lich­keit und Schön­heit in­dus­tri­ell ge­fer­tig­ter Pro­duk­te do­ku­men­tie­ren. Das Werk, das sich an For­men der An­ti­ke ori­en­tier­te, wur­de als Mus­ter für die Her­stel­lung von Ge­brauchs­ge­gen­stän­den ge­nutzt und be­saß er­heb­li­chen Ein­fluss. Ne­ben die­ser Rei­he gab Beuth noch „Vor­bil­der für Bau­hand­wer­ker und Ma­schi­nen­bau­er“ so­wie Fa­brik­lehr­bü­cher her­aus.

Das. (Beuth Hochschule für Technik Berlin)

 

Zu den von Beuth be­treu­ten Pu­bli­ka­tio­nen ge­hör­ten fer­ner die „Ver­hand­lun­gen des Ver­eins zu Be­för­de­rung des Ge­wer­be­flei­ßes“, die ers­te tech­ni­sche Zeit­schrift in Deutsch­land, die von 1822 bis 1930 er­schien und viel Be­ach­tung fand. Beuth war der ers­te Vor­sit­zen­de des Ver­eins, für den es Vor­bil­der in Eng­land, Frank­reich und Bay­ern gab. Die ers­te Sit­zung des Ver­eins fand am 15.1.1821 im Saal der Stadt­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lung zu Ber­lin statt. Un­ter den Ber­li­ner und aus­wär­ti­gen Mit­glie­dern gab es ne­ben Re­prä­sen­tan­ten der Wirt­schaft vie­le Pro­mi­nen­te aus Po­li­tik, Mi­li­tär, Wis­sen­schaft und Kunst. Der Ver­ein wur­de erst im Zwei­ten Welt­krieg auf­ge­löst. Dar­über hin­aus lud Beuth pri­vat ei­nen klei­ne­ren Kreis nam­haf­ter Per­sön­lich­kei­ten zu ei­ner ‚Sonn­tags­ge­sell­schaft‘ ein. Der nach ihm be­nann­te „Beuth-Tisch“ fand nach sei­nem Tod Nach­ah­mer.

Im Er­werb und Aus­tausch von tech­ni­schem Wis­sen schöpf­te Beuth die zur Ver­fü­gung ste­hen­den Mög­lich­kei­ten voll aus. Er be­rief aus­län­di­sche Ex­per­ten ins Land und ent­sand­te In­ge­nieu­re und Tech­ni­ker zu In­for­ma­ti­ons­rei­sen ins Aus­land, die bis zur In­dus­trie­spio­na­ge reich­ten. Beuth selbst be­such­te in den 1820er Jah­ren mehr­fach Eng­land und Frank­reich, wo er täg­lich Fa­bri­ken und tech­ni­sche An­la­gen, so­weit sie zu­gäng­lich wa­ren, be­sich­tig­te. Er kauf­te Ma­schi­nen und Kon­struk­ti­ons­zeich­nun­gen, Saat­gut und Nutz­tier­züch­tun­gen, wenn nö­tig, un­ter Be­zah­lung von Be­ste­chungs­gel­dern.

Christian Peter Wilhelm Beuth, Büste im Deutschen Technikmuseum Berlin, Foto: Karl-Heinz Hochhaus.

 

Beuth schied im Herbst 1845 aus dem Staats­dienst aus, nach­dem die preu­ßi­sche Re­gie­rung zu sei­nem Leid­we­sen die Ge­wer­be­frei­heit wie­der ein­ge­schränkt hat­te. Im Jahr dar­auf leg­te er auch den Vor­sitz des Ge­wer­be­ver­eins nie­der. Er konn­te nun sei­nen viel­fäl­ti­gen pri­va­ten In­ter­es­sen frö­nen: dem Gar­ten­bau, der Mu­sik, der Pfer­de­zucht, der Hun­de­hal­tung. Als Te­nor war er Mit­glied ei­ner „Sing­aka­de­mie“. Er be­saß ei­ne wert­vol­le Bi­blio­thek und ei­ne kost­ba­re Samm­lung von Sti­chen Dü­rers. Nach sei­nem Tod am 27.9.1853 wur­den ihm für ei­nen Be­am­ten un­ge­wöhn­lich vie­le und ho­he Eh­run­gen (Denk­mä­ler, Me­dail­len, ei­ne Brief­mar­ke) zu­teil. Stra­ßen wur­den nach ihm in Ber­lin, Leip­zig und in sei­ner Hei­mat­stadt Kle­ve be­nannt. Seit 1899 ver­leiht die Deut­sche Ma­schi­nen­tech­ni­sche Ge­sell­schaft ei­ne Beuth-Me­dail­le für her­vor­ra­gen­de Ar­bei­ten auf dem Ge­biet des Ma­schi­nen- und Was­ser­ver­kehrs. Mit die­sen Ehr­be­zeu­gun­gen er­hält ein Mann der ‚zwei­ten Rei­he‘ für sei­ne krea­ti­ven In­itia­ti­ven im Vor­feld der In­dus­tri­el­len Re­vo­lu­ti­on, die trotz al­ler Schat­ten­sei­ten die Le­bens­be­din­gun­gen der wach­sen­den Zahl der Men­schen ent­schei­dend ver­bes­sert hat, ei­ne be­mer­kens­wer­te An­er­ken­nung.

Sei­ne Grab­s­te­le auf dem Do­ro­the­en­städ­ti­schen Fried­hof in Ber­lin ziert ein Por­trät­me­dail­lon von Rein­hold Be­gas (1831-1911).

Literatur

Mieck, Il­ja, Preu­ßi­sche Ge­wer­be­po­li­tik in Ber­lin 1806-1844, Ber­lin 1965.

Reih­len, Hel­mut, Chris­ti­an Pe­ter Wil­helm Beuth – ei­ne ge­schicht­li­che Be­trach­tung aus An­lass des 125. To­des­ta­ges, hg. DIN Deut­sches In­sti­tut für Nor­mung e.V., Ber­lin/Köln 1979. 

Reih­len, Hel­mut, Chris­ti­an Pe­ter Wil­helm Beuth: Ei­ne Be­trach­tung zur preus­si­schen Po­li­tik der Ge­wer­be­för­de­rung in der ers­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts und zu den dra­ke­schen Beuth-Re­li­efs, hg. DIN Deut­sches In­sti­tut für Nor­mung e.V., Ber­lin/Köln 1988.

Strau­be, H. J., Chr. P. Wil­helm Beuth. Deut­sches Mu­se­um, Ab­hand­lun­gen und Be­rich­te, 2. Jg., Heft 5, Ber­lin 1930.

We­feld, Hans J., Chris­ti­an Pe­ter Wil­helm Beuth, ein Le­bens­werk. Vor­trag aus An­laß des 200. Ge­burts­ta­ges ge­hal­ten im Spie­gel­turm der Schwa­nen­burg zu Kle­ve am 14. Mai 1982, hg. vom Kle­vi­schen Hei­mat- und Ver­kehrs­ver­ein e.V.

Online

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Grabmal Beuths auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof Berlin. (Beuth Hochschule für Technik Berlin)

 
Zitationshinweis

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Burg, Peter, Christian Peter Wilhelm Beuth, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/christian-peter-wilhelm-beuth/DE-2086/lido/57c57fe2b0d967.24201967 (20.09.2018)