Emil Ernst Stoltenhoff

Evangelischer Theologe und Generalsuperintendent (1879-1953)

Stefan Flesch (Düsseldorf)

Emil Ernst Stoltenhoff, Porträtfoto. (Archiv der Evangelischen Kirche im Rheinland)

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Emil Ernst Stol­ten­hoff war von 1928 bis 1949 der letz­te Ge­ne­ral­su­per­in­ten­dent der rhei­ni­schen Pro­vin­zi­al­kir­che und ge­riet in die­ser ex­po­nier­ten Stel­lung ab 1933 in die schar­fen in­ner­kirch­li­chen Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen Be­ken­nen­der Kir­che und Deut­schen Chris­ten. Von bei­den Sei­ten po­le­misch an­ge­grif­fen, ge­hör­te er in den Nach­kriegs­jah­ren noch der neu ge­bil­de­ten Lei­tung der rhei­ni­schen Kir­che an.

Stol­ten­hoff wur­de am 17.1.1879 in Oden­kir­chen (heu­te Stadt Mön­chen­glad­bach) als Sohn des Orts­pfar­rers Ot­to Stol­ten­hoff (1845-1908) und sei­ner Ehe­frau ­Mat­hil­de, ge­bo­re­ne Brö­cking (1849-1887) ge­bo­ren. Er wuchs in El­ber­feld (heu­te Stadt Wup­per­tal) auf, wo­hin der Va­ter 1884 be­ruf­lich ge­wech­selt war. 1897 be­gann er das Stu­di­um der evan­ge­li­schen Theo­lo­gie, das ihn nach Er­lan­gen, Hal­le und Greifs­wald führ­te. Ziel­stre­big leg­te er bis 1903 die bei­den vor­ge­schrie­be­nen Ex­ami­na ab und be­währ­te sich als Hilfs­pre­di­ger in Broich bei Mül­heim/Ruhr so sehr, dass er dort 1906 zum Pfar­rer ge­wählt wur­de. Im fol­gen­den Jahr hei­ra­te­te er Ger­trud Funcke (1876-1958), die Toch­ter ei­nes dort an­säs­si­gen Le­der­fa­bri­kan­ten. Aus der Ehe gin­gen vier Kin­der her­vor.

Im Früh­jahr 1918 wur­de Stol­ten­hoff auf ei­ne Pfarr­stel­le in Es­sen ge­wählt. Die Ge­mein­de Es­sen-Alt­stadt, die von 14 Pfar­rern ver­se­hen wur­de, zähl­te mit­ 55.000 See­len zu den grö­ß­ten im Rhein­land. Stol­ten­hoffs Pfarr­be­zirk bil­de­ten Ar­bei­ter­sied­lun­gen im Se­ge­roth im Nor­den der Stadt. Kir­chen­po­li­tisch stand Stol­ten­hoff auf Sei­ten der Po­si­ti­ven Uni­on, die sich ge­gen den theo­lo­gi­schen Li­be­ra­lis­mus wand­te. 1921 wur­de er zum Vor­sit­zen­den des West­deut­schen Jung­män­ner­bun­des ge­wählt. Mitt­ler­wei­le hat­te sich Stol­ten­hoff so weit pro­fi­liert, dass er in die ver­fas­sung­ge­ben­de Kir­chen­ver­samm­lung der Kir­che der Alt­preu­ßi­schen Uni­on (APU) in Ber­lin ge­wählt wur­de. Dies bahn­te ihm den Weg in ei­ne Stel­le als Ober­kon­sis­to­ri­al­rat beim Evan­ge­li­schen Ober­kir­chen­rat (EOK) in Ber­lin, die er im Herbst 1923 an­trat. Als Per­so­nal­de­zer­nent der Alt­preu­ßi­schen Uni­on er­warb er sich gu­te Kon­tak­te zu al­len Mit­glieds­kir­chen vom Rhein­land bis nach Ost­preu­ßen. Sei­ne Lei­den­schaft für die Kir­chen­mu­sik konn­te er in sei­ne Tä­tig­keit als Mu­sik­re­fe­rent ein­brin­gen. So war er auch am Ent­wurf der neu­en, letzt­lich nicht um­ge­setz­ten Got­tes­dienst­ord­nung für die Alt­preu­ßi­sche Uni­on be­tei­ligt. Sei­ne Fremd­spra­chen­kennt­nis­se wie­der­um er­leich­ter­ten ihm die Ar­beit in der Öku­me­ne, die ihn un­ter an­de­rem 1925 zur Welt­kon­fe­renz für prak­ti­sches Chris­ten­tum nach Stock­holm führ­te. Sei­ne Ehe­frau Ger­trud wur­de 1926 zur ers­ten weib­li­chen Vor­sit­zen­den des Ge­samt­ver­ban­des der Evan­ge­li­schen Frau­en­hil­fe in Deutsch­land ge­wählt.

1928 wur­de Stol­ten­hoff zum Ge­ne­ral­su­per­in­ten­den­ten der Evan­ge­li­schen Kir­che der Rhein­pro­vinz er­nannt. Die In­ha­ber die­ses erst­mals von Bi­schof Wil­helm Roß 1836 wahr­ge­nom­me­nen Am­tes ver­stan­den sich zum ei­nen als obers­te geist­li­che Re­prä­sen­tan­ten der Pro­vin­zi­al­kir­che, eben­so aber auch als „pas­tor pas­to­rum“, al­so als seel­sor­ger­li­chen Bei­stand der ein­zel­nen Ge­mein­de­pfar­rer. In die­sem Amt war man zwangs­läu­fig viel un­ter­wegs. Von sei­nem Amts­sitz in Ko­blenz aus be­reis­te Stol­ten­hoff zahl­rei­che rhei­ni­sche Ge­mein­den an­läss­lich von Kir­chen­ein­wei­hun­gen und Ju­bi­lä­ums­fei­ern; an den Gym­na­si­en vi­si­tier­te er den Ab­lauf des Re­li­gi­ons­un­ter­richts. Stol­ten­hoff war fer­ner Mit­glied des Kon­sis­to­ri­ums und Vor­sit­zen­der der theo­lo­gi­schen Prü­fungs­kom­mis­si­on. Be­reits in sei­ner Zeit beim Evan­ge­li­schen Ober­kir­chen­rat hat­te sich Stol­ten­hoff für die Grün­dung ei­nes re­for­mier­ten Pre­di­ger­se­mi­nars ein­ge­setzt, das er schlie­ß­lich 1929 in El­ber­feld ein­wei­hen konn­te.

Kir­chen­po­li­tisch über­schlu­gen sich 1933 die Er­eig­nis­se und Stol­ten­hoff er­leb­te sie an höchst ex­po­nier­ter Stel­le mit: Als der Prä­si­dent des Evan­ge­li­schen Ober­kir­chen­rats Her­mann Ka­p­ler (1867-1941) krank­heits­be­dingt von sei­nem Amt zu­rück­trat, wur­de Stol­ten­hoff am 21.6.1933 vom Se­nat der Alt­preu­ßi­schen Uni­on zum kom­mis­sa­ri­schen Nach­fol­ger be­ru­fen. Der preu­ßi­sche Kul­tus­mi­nis­ter Bern­hard Rust (1883-1945, Amts­zeit 1934-1945) kon­stru­ier­te hier­aus ei­ne ver­meint­li­che Ver­let­zung des gel­ten­den Staats­kir­chen­ver­tra­ges und setz­te Stol­ten­hoff um­ge­hend ab. Dies bot den An­lass zu wei­te­ren ra­di­ka­len Ein­grif­fen des Staa­tes in die kirch­li­che Au­to­no­mie. Den­noch woll­te Stol­ten­hoff, der wie vie­le evan­ge­li­sche Theo­lo­gen die „na­tio­na­le Er­he­bun­g“ em­pha­tisch be­grü­ßt hat­te, von sei­nem Amts­ver­ständ­nis her den Kon­takt zu den Deut­schen Chris­ten (DC) nicht ab­rei­ßen las­sen. Pro­ble­ma­tisch war sei­ne Teil­nah­me auf ei­ner Köl­ner Mas­sen­kund­ge­bung der Deut­schen Chris­ten am 5.7.1933, auf der er dem für die rhei­ni­sche Kir­che ein­ge­setz­ten Staats­kom­mis­sar Dr. Gott­fried Adolf Krum­ma­cher (1982-1954) sei­ne loya­le Mit­ar­beit zu­si­cher­te. Noch als - von Deut­sche-Chris­ten-Sei­te - Hein­rich Ober­heid am 7.10.1933 die Amts­ge­schäf­te ei­nes evan­ge­li­schen Bi­schofs von Köln-Aa­chen über­nahm, trat Stol­ten­hoff nicht zu­rück, son­dern such­te in­ner­halb der neu­en Macht­struk­tu­ren zu la­vie­ren. Ei­ne Po­li­ti­sie­rung der Kir­che und vor al­lem ei­ne Um­deu­tung der neu­tes­ta­ment­li­chen Aus­sa­gen hin auf ein „hel­di­sches Chris­ten­tum“ lehn­te er frei­lich in al­ler Schär­fe ab. In der Fol­ge po­si­tio­nier­te er sich seit En­de 1933 deut­li­cher ge­gen die Deut­schen Chris­ten und ge­gen den Reichs­bi­schof Lud­wig Mül­ler (1883-1945). Vor al­lem wand­te sich Stol­ten­hoff ent­schie­den ge­gen die frei­wil­li­ge Ein­glie­de­rung der evan­ge­li­schen Ju­gend­ver­bän­de in die Hit­ler­ju­gend. Als Re­ak­ti­on wur­de Stol­ten­hoff am 1.4.1934 zwangs­wei­se in den Ru­he­stand ver­setzt.

Sei­ne Ab­leh­nung des To­ta­li­täts­an­spruchs des NS-Re­gimes ver­schaff­te ihm al­ler­dings auch für die Fol­ge­zeit nicht die An­er­ken­nung der Krei­se der rhei­ni­schen Be­ken­nen­den, Kir­che, die ihm vor­war­fen, nicht ein­deu­tig ge­nug Front ge­gen die Deut­schen Chris­ten ge­macht zu ha­ben. Die Kar­ten wur­den bald wie­der neu ge­mischt. Im Lau­fe des Jah­res 1935 brach das durch den Reichs­bi­schof aus­ge­üb­te Kir­chen­re­gi­ment zu­sam­men, und der neu­be­ru­fe­ne Reichs­kir­chen­mi­nis­ter Hanns Kerrl (1887-1941) stimm­te, wenn auch un­ter Be­den­ken, ei­ner Rück­kehr Stol­ten­hoffs in sein Amt zu. Am 25.5.1936 er­folg­te Stol­ten­hoffs Wie­der­ein­set­zung als Ge­ne­ral­su­per­in­ten­dent; als neu­en Dienst­sitz be­zog er das Ge­bäu­de des Kon­sis­to­ri­ums, das 1934 nach Düs­sel­dorf ver­legt wor­den war. Am 8.3.1937 er­ließ Stol­ten­hoff ei­nen Auf­ruf zur kirch­li­chen Ei­nig­keit, der von mehr als der Hälf­te al­ler rhei­ni­schen Pfar­rer un­ter­zeich­net wur­de. Ab­leh­nend ge­gen­über die­ser Samm­lungs­ak­ti­on ver­hiel­ten sich so­wohl die ver­schie­de­nen Grup­pie­run­gen der Deut­schen Chris­ten als auch der ent­schie­de­ne Flü­gel der Be­ken­nen­den Kir­che. Die im Herbst 1937 von Ber­lin aus in­stal­lier­te neue Lei­tung des Kon­sis­to­ri­ums be­müh­te sich dar­um, den po­li­tisch miss­lie­bi­gen Stol­ten­hoff vom Amts­be­trieb zu iso­lie­ren. Mit dem neu­en Kon­sis­to­ri­al­prä­si­den­ten, dem Ju­ris­ten und NS­DAP-Par­tei­mit­glied Dr. Wal­ter Koch (1894-1965), ver­kehr­te Stol­ten­hoff nur schrift­lich, er er­hielt kei­ne Post, wur­de vom Ak­ten­um­lauf aus­ge­schlos­sen und nahm nicht an den Dienst­sit­zun­gen der Be­hör­de teil. An die­sem Zu­stand än­der­te sich bis zum Kriegs­en­de nichts.

Am 15.5.1945 kon­sti­tu­ier­te sich ein Kreis von Theo­lo­gen der Be­ken­nen­den Kir­che und un­be­las­te­ten Ver­tre­tern des bis­he­ri­gen Kir­chen­re­gi­ments als neue Lei­tung der Evan­ge­li­schen Kir­che der Rhein­pro­vinz. Zu ih­nen ge­hör­te Stol­ten­hoff, der ei­ni­ge Mo­na­te dar­auf an der für den deut­schen ­Nach­kriegs­pro­tes­tan­tis­mus weg­wei­sen­den Kir­chen­ver­samm­lung von Trey­sa teil­nahm. Sei­nen Ab­schied nahm er auf der Grün­dungs­syn­ode der nun­meh­ri­gen „Evan­ge­li­schen Kir­che im Rhein­lan­d“ in Vel­bert im No­vem­ber 1948. Sein Amts­kreuz über­sand­te er Hein­rich Held, dem neu­ge­wähl­ten Prä­ses der Lan­des­kir­che, der al­ler­dings - eben­so wie sei­ne Nach­fol­ger bis in die Ge­gen­wart - auf die­ses At­tri­but ver­zich­te­te. Im Ru­he­stand en­ga­gier­te sich Stol­ten­hoff wei­ter für die In­ne­re Mis­si­on, bis er am 27.4.1953 in Düs­sel­dorf-Kai­sers­werth ei­nem Herz­lei­den er­lag. Sei­ne Au­to­bio­gra­fie „Die gu­te Hand Got­tes“ wur­de erst 1990 pu­bli­ziert.

Werke

Die gu­te Hand Got­tes. Le­bens­er­in­ne­run­gen des letz­ten rhei­ni­schen Ge­ne­ral­su­per­in­ten­den­ten, Köln 1990.

Literatur

Aring, Paul Ger­hard, Stol­ten­hoff, Emil Ernst, in: Bio­gra­phisch-Bi­blio­gra­phi­sches Kir­chen­le­xi­kon X (1995), Sp. 1554-1555.
Kampmann, Jür­gen, Ein­ge­bun­den oder ei­gen­stän­dig? Der theo­lo­gi­sche Dis­sens über die Rol­le der evan­ge­li­schen Kir­che im Drit­ten Reich als Hin­ter­grund der Tren­nung Bi­schof Ober­heids von Ge­ne­ral­su­per­in­ten­dent Stol­ten­hoff an der Jah­res­wen­de 1933/34, in: Mo­na­thef­te für evan­ge­li­sche Kir­chen­ge­schich­te des Rhein­lands 43 (1994), S. 283-292.
Mül­ler, Hein­rich, D. Ernst Stol­ten­hoff. Der letz­te rhei­ni­sche Ge­ne­ral­su­per­in­ten­dent, Neu­kir­chen 1956.

 
Zitationshinweis

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Flesch, Stefan, Emil Ernst Stoltenhoff, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/emil-ernst-stoltenhoff/DE-2086/lido/57c9565bed87c5.36761613 (26.04.2018)