Otto Wehr

Evangelischer Pfarrer und Widerständler (1886-1960)

Stefan Flesch (Düsseldorf)

Otto Wehr, Porträtfoto. (Archiv der Evangelischen Kirche im Rheinland)

Schlagworte

Ot­to Wehr war der füh­ren­de Kopf der Be­ken­nen­den Kir­che (BK) im Saar­ge­biet und or­ga­ni­sier­te dort die kirch­li­che Op­po­si­ti­on ge­gen die Kir­chen­po­li­tik des NS-Re­gimes. In der Nach­kriegs­zeit setz­te er sich als Kir­chen­rat und Be­voll­mäch­tig­ter der Düs­sel­dor­fer Kir­chen­lei­tung tat­kräf­tig ein für die Be­lan­ge der evan­ge­li­schen Kir­che im halb­au­to­no­men Saar­staat un­ter der Re­gie­rung des Mi­nis­ter­prä­si­den­ten Jo­han­nes Hoff­mann (1890-1967).

Franz Ot­to Wehr wur­de am 1.10.1886 als Sohn des Hand­wer­ker­meis­ters Wil­helm Wehr und des­sen Frau Mar­ga­re­the Bronn in Vier­sen ge­bo­ren. Dort be­such­te er auch das Gym­na­si­um. Un­ter dem Ein­fluss des Orts­pfar­rers ent­schloss er sich 1906 zum Stu­di­um der evan­ge­li­schen Theo­lo­gie, das er in Bonn und Hal­le ab­sol­vier­te. Aus­lands­auf­ent­hal­te im eng­li­schen East­bourne und in Ut­recht, wo er Ar­chiv­stu­di­en zum Herrn­hu­ter Pie­tis­mus be­trieb, wei­te­ten sei­nen Ho­ri­zont. Von ei­ner kir­chen­ge­schicht­li­chen Pro­mo­ti­on bei dem Bon­ner Pro­fes­sor Wil­helm Goe­ters (1878-1953) nahm er aber Ab­stand und ab­sol­vier­te das Vi­ka­ri­at in Bad Neue­nahr.

Un­mit­tel­bar nach dem zwei­ten theo­lo­gi­schen (Not)ex­amen am 8.8.1914 er­folg­te die Ein­be­ru­fung zum Mi­li­tär­dienst. Für sei­nen Ein­satz an der Flan­dern-Front wur­de er be­reits En­de Ok­to­ber 1914 mit dem Ei­ser­nen Kreuz zwei­ter Klas­se aus­ge­zeich­net. Der nun­meh­ri­ge Leut­nant wirk­te seit März 1916 als Feld­pre­di­ger und wur­de im Mai 1917 in sei­ne ers­te zi­vi­le Pfarr­stel­le in Seel­scheid ein­ge­führt. Ei­ne ge­wis­se Tra­gik lag über sei­nem Fa­mi­li­en­le­ben. So ver­lor er 1918 nach nur ein­jäh­ri­ger Ehe sei­ne ers­te Frau Eli­sa­beth Dörr­be­cker im Kind­bett, drei wei­te­re Kin­der ver­star­ben früh.

Lan­ge hielt es Wehr nicht auf dem Land: 1925 be­warb er sich er­folg­reich auf ei­ne Pfarr­stel­le der Ge­mein­de Alt-Saar­brü­cken. Der Sohn des Nie­der­rheins war von der Her­kunft wie den Schwer­punk­ten sei­nes Stu­di­ums her re­for­miert ge­prägt. Er kam nun in ei­ne ka­tho­lisch do­mi­nier­te Re­gi­on, de­ren evan­ge­li­scher Be­völ­ke­rungs­an­teil über­wie­gend von der lu­the­ri­schen Tra­di­ti­on be­stimmt war und de­ren kirch­li­ches Le­ben und Struk­tu­ren er den­noch für die kom­men­de Ge­ne­ra­ti­on ma­ß­geb­lich be­ein­flus­sen soll­te. Sein frei­mü­ti­ger Satz, er sei an die Saar ge­kom­men, „um den lu­the­ri­schen Sau­er­teig aus­zu­fe­gen", soll­te ihm frei­lich in spä­te­ren Kon­tro­ver­sen wie­der­holt zum Nach­teil ge­rei­chen.

Früh en­ga­gier­te er sich in zahl­rei­chen Gre­mi­en vor al­lem im Be­reich der Volks­mis­si­on. Den Kir­chen­kampf ge­gen die Irr­leh­re der so ge­nann­ten Deut­schen Chris­ten (DC) mit ih­rer Vor­stel­lung ei­ner ein­heit­li­chen Reichs­kir­che der ari­schen Ras­se nahm Wehr be­reits 1932 en­er­gisch auf. In den fol­gen­den bei­den Jah­ren stan­den die­se Aus­ein­an­der­set­zun­gen un­ter et­was an­de­ren Vor­zei­chen als im Reich, da das Saar­ge­biet bis zur Ab­stim­mung vom 13.1.1935 un­ter der Ver­wal­tung des Völ­ker­bun­des stand.

Wehr zählt mit zu den Grün­dern der Be­ken­nen­den Kir­che (BK), sein „Klä­ren­des Wort zur Kir­chen­fra­ge" wur­de im Pro­to­koll der Kreis­syn­ode Saar­brü­cken von 1933 ab­ge­druckt. Als ein­zi­ger saar­län­di­scher Pfar­rer un­ter­zeich­ne­te er zu­sam­men mit Hein­rich Held (1897-1957), Joa­chim Beck­mann (1901-1987) un­d Gus­tav Hei­nemann den Auf­ruf zur Bil­dung ei­ner „kirch­li­chen Ein­heits­front". Im Ok­to­ber 1933 grün­de­te er den Pfar­rernot­bund an der Saar, den er in den Reichs­bru­der­rat der BK ein­band. Im Mai 1934 nahm Wehr an der Be­kennt­nis­syn­ode in Bar­men (heu­te Stadt Wup­per­tal) teil, in der die weg­wei­sen­de Bar­mer Theo­lo­gi­sche Er­klä­rung ver­ab­schie­det wur­de. Er war auch der spi­ri­tus rec­tor der Saar­brü­cker Be­kennt­nis­syn­ode, die am 1.7.1934 in der Schloss­kir­che sei­ner Ge­mein­de tag­te. Ge­mein­sam mit zwei wei­te­ren BK-Pfar­rern schrieb er im Sep­tem­ber 1934 ei­nen Brief an Adolf Hit­ler (1889-1945), in dem sie Be­schwer­de über die Ge­walt­po­li­tik des DC-Kir­chen­re­gi­ments im Reich führ­ten. „Gau­lei­ter" der DC an der Saar und da­mit un­mit­tel­ba­rer po­li­ti­scher Ge­gen­spie­ler Wehrs war der Saar­brü­cker Tex­til­händ­ler Gus­tav Adolf Mül­ler (ge­bo­ren 1896). Wehr scheu­te sich da­bei nicht, „über Ban­de" zu spie­len und Kon­takt mit dem NS­DAP-Gau­lei­ter Jo­sef Bürck­el auf­zu­neh­men, der wie­der­um in Ri­va­li­tät zu Mül­ler stand. Die dar­aus re­sul­tie­ren­de „Ver­ein­ba­rung zur Si­che­rung der gu­ten Zu­sam­men­ar­beit zwi­schen Par­tei, Staat und Kir­che" bot der BK noch für et­wa ein Jahr ei­nen ge­wis­sen Be­tä­ti­gungs­spiel­raum.

Der Kon­flikt mit dem NS-ori­en­tier­ten Düs­sel­dor­fer Kon­sis­to­ri­um es­ka­lier­te dann 1936 über die Pfarr­be­set­zung in der Ge­mein­de Fechin­gen bei Saar­brü­cken. Et­wa zeit­gleich spal­te­te sich die BK in meh­re­re Rich­tun­gen auf, von de­nen Wehr die ra­di­ka­len Geg­ner ei­nes DC-Kir­chen­re­gi­ments und ei­ner Staats­kir­che an­führ­te. Ein ge­gen Wehr ein­ge­lei­te­tes Straf­ver­fah­ren zog zahl­rei­che Ver­hö­re bei der Ge­sta­po nach sich. Vor ei­ner In­haf­tie­rung scheu­te das Re­gime zu­rück und im März 1940 er­folg­te die Ein­stel­lung des Ver­fah­rens. 1942 such­te der SS-Of­fi­zier Kurt Ger­stein (1905-1945) den Kon­takt zu Wehr und be­rich­te­te ihm von den Mas­sen­mor­den in den Ver­nich­tungs­la­gern und dass er hier­über ei­nen schwe­di­schen Ge­sandt­schafts­rat in­for­miert ha­be. Wehr hat­te Ger­stein ken­nen­ge­lernt, als die­ser 1936 in Saar­brü­cken we­gen Pro­pa­gan­da für die BK ver­haf­tet wor­den war, und be­zog auch nach dem Krieg im­mer klar Stel­lung für des­sen bis heu­te um­strit­te­ne Tä­tig­keit.

Nach der Rück­kehr aus der Eva­ku­ie­rung lief 1945 im evan­ge­li­schen Le­ben an der Saar al­les auf Wehr zu. Um auch zu­künf­tig die An­bin­dung der saar­län­di­schen Ge­mein­den an die Rhei­ni­sche Kir­che zu si­chern, wur­de er am 15.11.1945 zum Be­voll­mäch­tig­ten der Kir­chen­lei­tung bei der Mi­li­tär­re­gie­rung er­nannt. Ab­spra­che­ge­mäß schloss dies auch die im Saar­land lie­gen­den Ge­mein­den der pfäl­zi­schen Lan­des­kir­che ein. Im März 1946 wähl­te ihn die Kreis­syn­ode Saar­brü­cken zum Su­per­in­ten­den­ten. Die ers­te Rhei­ni­sche Lan­des­syn­ode 1948 in Vel­bert wähl­te ihn als ne­ben­amt­li­ches Mit­glied in die neue Kir­chen­lei­tung. In der Fol­ge brach­te ihn die schar­fe öf­fent­li­che Kri­tik an dem von ihm ge­führ­ten, aber nicht zu­ste­hen­den Ti­tel „Ober­kir­chen­rat" bis an den Rand des Rück­tritts.

Über Wehr - und da­mit in weit­ge­hen­der kirch­li­cher Au­to­no­mie - wur­de die Ent­na­zi­fi­zie­rung der Pfar­rerschaft durch­ge­führt. Im Zu­sam­men­spiel mit aus­län­di­schen Kir­chen und dem Hilfs­werk der EKD or­ga­ni­sier­te Wehr die ma­te­ri­el­le Hil­fe für die Be­völ­ke­rung an der Saar. Eben­so wur­den zahl­rei­che evan­ge­li­sche Kir­chen in Stand ge­setzt be­zie­hungs­wei­se für die Got­tes­dienst­nut­zung frei­ge­ge­ben. Mit Gil­bert Grand­val (1904-1981), dem fran­zö­si­schen Mi­li­tär­gou­ver­neur und spä­te­ren Ho­hen Kom­mis­sar an der Saar, er­gab sich ei­ne gu­te Ar­beits­be­zie­hung, die sich in zahl­rei­chen prak­ti­schen Fra­gen als hilf­reich für die evan­ge­li­schen Ge­mein­den er­wies. Das Ver­hält­nis Wehrs zur um­strit­te­nen Re­gie­rung Jo­han­nes Hoff­manns war so­gar aus­ge­spro­chen ver­trau­ens­voll. Bun­des­wei­te Auf­merk­sam­keit und vor al­lem Kri­tik et­wa von Sei­ten des Bun­des­tags­prä­si­den­ten Her­mann Eh­lers (1904-1954) er­reg­te da­her die Re­de Wehrs vor dem Deut­schen Bun­des­tag am 27.1.1953 zu dem The­ma „Die deut­sche evan­ge­li­sche Kir­che und das Saar­pro­blem". In die­ser trat Wehr de fac­to für die Bei­be­hal­tung des Saar­staa­tes ein. Man geht nicht zu weit, wenn man die Ab­leh­nung des Saar­sta­tuts in der Volks­ab­stim­mung von 1955 und den da­mit ver­bun­de­nen An­schluss an die Bun­des­re­pu­blik auch als po­li­ti­sche Nie­der­la­ge des Be­voll­mäch­tig­ten Wehr in­ter­pre­tiert.

Der Ab­schied vom Amt fiel Wehr schwer. Mit Er­rei­chen der Al­ters­gren­ze von 70 Jah­ren leg­te er zu­nächst 1956 das Amt des Saar­brü­cker Su­per­in­ten­den­ten nie­der. Das Be­voll­mäch­tig­ten­amt lös­te die Kir­chen­lei­tung zum 30.9.1957 auf, was - un­ab­hän­gig von der Per­son Wehrs - in der schwie­ri­gen zwei­jäh­ri­gen Über­gangs­pha­se zwi­schen po­li­ti­schem und wirt­schaft­li­chem An­schluss des Saar­lan­des an die Bun­des­re­pu­blik kei­ne glück­li­che Ent­schei­dung dar­stell­te und auf ent­spre­chen­de Kri­tik der drei saar­län­di­schen Kir­chen­krei­se stieß. Fünf Jah­re spä­ter wur­de die­se Dienst­stel­le denn auch wie­der ein­ge­rich­tet.

Ot­to Wehr ver­starb am 16.12.1960 in Hom­burg (Saar).

Literatur

Con­rad, Joa­chim, "Franz Ot­to Wehr", in: Bio­gra­phisch-Bi­blio­gra­phi­sches Kir­chen­le­xi­kon 23, Sp. 1558-1569.
Con­rad, Joa­chim, Ot­to Wehr und die evan­ge­li­sche Kir­che an der Saar zwi­schen Au­to­no­mie und An­schluss 1919 bis 1955, in: Mo­nats­hef­te für Evan­ge­li­sche Kir­chen­ge­schich­te des Rhein­lan­des 57 (2008), S. 59-72.
Herr­mann, Hans-Wal­ter, Die bei­den Saar-Syn­oden im Kir­chen­kampf, in: Gün­ther van Nor­den (Hg.), Zwi­schen Be­kennt­nis und An­pas­sung, Köln 1985, S. 462-478.
Herr­mann, Hans-Wal­ter, Ot­to Wehr, in: Neu­mann, Pe­ter (Hg.), Saar­län­di­sche Le­bens­bil­der IV (1989), S. 223-249.

Otto Wehr, Porträtfoto. (Archiv der Evangelischen Kirche im Rheinland)

 
Zitationshinweis

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Flesch, Stefan, Otto Wehr, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/otto-wehr/DE-2086/lido/57c92abe13b180.68022402 (22.05.2018)